Foto: Mario Mancuso I Flickr I CC BY 2.0

Gehälter, Familien, Aufstieg: Alles ungerecht?

Auf der Gender-Studies-Tagung des DIW wurden altbekannte Fakten zum Gender-Pay-Gap wiederholt. Das Entgeltgleichheitsgesetz allein ist nicht die Lösung.

 

Mehr Zeit für Familien

Gender-Ungleichheiten und ihre Folgen – Wie wollen wir künftig arbeiten und wirtschaften? Am vergangenen Donnerstag lud das DIW Berlin in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zu seiner zweiten Gender-Studies-Tagung.

Die Eröffnungsrede sprach Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die mehr Zeit für Familie zum Schwerpunktthema ihrer ersten Legislatur gemacht hat. „Ungleichheiten, die Frauen benachteiligen, lähmen die ganze Gesellschaft“, so kommentierte sie die ökonomischen Fakten, die Wissenschaftler in den folgenden Vorträgen am Tag noch ausführlicher beleuchten sollten. Ihre Politik orientiere sie am Wandel des Zusammenlebens der Menschen, so Schwesig, denn: „Von den Familien geht eine leise Revolution für mehr Geschlechtergerechtigkeit aus.“ So wünsche sich jeder zweite Vater mehr Zeit für Familie.

Die Lieblingsidee der Ministerin, um Familien mehr Zeit füreinander einzuräumen, heißt „Familienarbeitszeit“. Das Konzept sieht eine reduzierte Vollzeitarbeit für die Eltern kleiner Kinder vor, die um die 30 Stunden liegen soll. Doch der Vorstoß, den die SPD-Politikerin gleich zu Beginn ihrer Amtszeit schon einmal machte, wurde sogar von ihrer eigenen Partei gleich wieder kassiert. In einer großen Koalition wird er in dieser Legislatur nicht umzusetzen sein, selbst wenn, wie Schwesig bei der Konferenz selbst anführte, nun mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag sogar Unterstützung aus der Wirtschaft hat.

Schwesig betonte unablässig, dass zwei Einkommen aus zwei 30-Stunden-Stellen einen finanziellen Vorteil zum Alleinernährermodell bieten würden. Sie präsentierte jedoch erneut keine Idee, wie die Situation von Alleinerziehenden vor allem unter finanziellen Gesichtspunkten verbessert werden soll. Die Familienarbeitszeit hilft ihnen ebenso wenig, wie das ElterngeldPlus. Dass die Sozialdemokraten die Gruppe der alleinerziehenden Eltern nach wie vor nur rhetorisch bedient, ist so bemerkenswert wie wenig sozial.

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Manuela Schwesig am 25. September in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. (Foto: EDITION F)

Gesetzesvorhaben 2014/2015

Umgesetzt werden soll das Entgeltgleichheitsgesetz in 2015, das ungleiche Bezahlung innerhalb von Unternehmen durch Transparenzregelungen beseitigen soll, um damit die Lohnlücke, die zwischen Männern und Frauen besteht, um einige Prozentpunkte reduzieren. Außerdem wollen Manuela Schwesig und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) noch in diesem Jahr das Gesetz zur Frauenquote ins Kabinett einbringen. Vorgesehen ist die Quote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte der derzeit 108 größten, voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Unternehmen von 2016 an. Für die Aufsichtsräte, Vorstände und die oberste Managementebene von weiteren 3500 mitbestimmungspflichtigen oder börsennotierten Unternehmen soll es von 2015 an verbindliche Zielvorgaben zur Frauenförderung geben. Hier können sich die Unternehmen selbst Quoten und Fristen vorgeben, müssen aber über Erfolg oder Nichterfolg berichten. Schwesig räumte ein, dass das nicht ausreiche, da es mehr weibliche Vorbilder geben müsste als in Vorständen und Aufsichtsräten und eine Basis im mittleren Management geschaffen werde müsse, damit Frauen von dort weiter aufsteigen könnten.

Drei Gender-Gaps, wenig Neues

Die auf Schwesig folgenden Redner präsentierten altbekannte Fakten: Dr. Markus Grabka vom DIW präsentierte zum Gender-Wealth-Gap, Dr. Christina Boll, Forschungsdirektorin am HWWI, zum Gender-Pay-Gap und Ramona Pisal vom Juristinnenbund entlarvte Mythen rund um den Gender-Management-Gap. Die Zahlen, die Grabka und Boll zu Vermögens- und Einkommensunterschieden diskutierten, ließen sich polemisch unter der Überschrift „Ökonomen warnen Frauen vor der Ehe“ zusammenfassen, denn der Familienstand hat laut Wissenschaft erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Lage der Frau. Das kommt zum einen durch das Ehegattensplitting, zum anderen stellen vor allem Frauen im Vertrauen auf stabile Ehen den eigenen Beruf zurück und sorgen wenig vor. In Anbetracht steigender Scheidungsraten werde sich so insbesondere der Gender-Wealth-Gap noch verschärfen, so die Prognose von Grabka. Mit 28 Prozent liegt die Lücke zwischen den Vermögen von Frauen und Männern in Deutschland deutlich höher als die Einkommensunterschiede und ist seit zehn Jahren unverändert. Für Frauen sei die finanzielle Vorsorge jedoch besonders wichtig, da aufgrund ihrer Lebenserwartung auch die Ruhestandsphasen länger seien, als die von Männern.

Doch was kann man tun? Grabka sieht Nachholbedarf bei der „Financial Literacy“, also Finanzwissen allgemein und regte an, dies schon in Schulen zu stärken. Zudem kritisierte er die Rentenpolitik und insbesondere die Riesterrente, die aus seiner Sicht für niedrige Einkommen nicht in Frage komme. Der Staat müsse daher ein neues Konzept für die private Vorsorge vorlegen.

Dr. Christina Boll sieht das Wissen über die eigenen Finanzen in einem größeren Kontext. „Frauen müssen ihre Erwerbskarriere zu Ende denken“, so Bollmann. Zu wenige machten sich bewusst, was eine Erwerbsunterbrechung für ihre Gehaltsentwicklung und somit auch für die Rente bedeute. Der finanzielle Grundstein für das gesamte Leben werde jedoch bereits mit der Berufswahl gelegt. Aus diesem Grund sieht die Wissenschaftlerin die Berufsorientierung in Schulen bereits als wichtige Weichenstellung. Um sie aufzulösen, müsste jedoch erst verstanden werden, wie Genderstereotype so früh schon entstünden.

Wer legt Bildungskonzepte vor?

An der schwachen Vernetzung von Wirtschaftswissenschaft, Politik und Unternehmen selbst zeigte sich dann auch der Schwachpunkt der Konferenz. Denn „jemand müsste mal das und das tun“, nimmt niemanden in die Verantwortlichkeit und führt nicht zu Konzepten, die realisiert werden. Gerade jedoch bei Ideen, die in der Bildung ansetzen – Vermittlung von Finanzwissen und geschlechtergerechte Berufsorientierung – ist Manuela Schwesig als Repräsentantin der Bundesregierung nicht die richtige Ansprechpartnerin. Bildungspolitik ist in Deutschland Ländersache.

Vielleicht ist jedoch genau auch der Fehler der jüngeren Frauenpolitik: Sie will oben ansetzen, bei Vorständen, bei Menschen, die bereits Familie haben, bei der Mütterrente. Was sie momentan jedoch nicht beinhaltet, ist eine Wissensvermittlung schon in der Schule. Wer Kinder dazu ermutigt, ihren Träumen zu folgen, muss sie gleichzeitig darüber aufklären, dass selbst ein Traumberuf oder die Traumhochzeit zu einem weniger schönen Erwachen führen können, so lange Finanzwissen als etwas betrachtet wird, das man sich nebenbei aneignen solle, oder für das der Partner zuständig ist.

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