Gerichtstermin

Scheidung

 

Ich erinnere mich noch genau an dem Tag, an dem ich im Alter von
sechs Jahren im Warteflur des Gerichts stand. Meine drei Brüder waren
neben mir und meine Mutter auch. “Wo ist mein Jensemann?”, fragte ich.
So nannte ich immer meinen Papa, obwohl ihm das überhaupt nicht gefiel.
“Wo bleibt er nur?” Keiner meiner Brüder antwortete. Meine Mutter saß
regungslos da und schaute auf den Boden. Mit dem rechten Fuß tippte sie
hin und her. Meinen Papa hatte ich schon mindestens drei Wochen nicht
mehr gesehen. Wo war er nur? Keine Ahnung. Meine Mutter hatte mich im
Auto gefragt: “Hanna, du willst doch bei deinen Brüdern leben oder?” Ich
hatte nicht geantwortet und aus dem Fenster geschaut.

Dann wurde ich in den Gerichtssaal gerufen. Ich weiß nicht mehr, ob
ich allein da stand oder mit meinen Brüdern. Auf jeden Fall waren weder
meine Mutter noch mein Papa im Saal. Ich schlucke, als ich den großen
Mann in schwarzer Kleidung dort sitzen sah. Alle im Raum waren so fein
angezogen. Ich hatte mich an diesem Tag auch fein anziehen müssen. Meine
Mutter hatte mir eine Hose ohne Löcher und einen sauberen Pullover
herausgelegt, sogar zwei gleiche Socken und meine guten Schuhe. Sie
hatte mir meine zottigen Haare gekämmt, was sie ansonsten nie tat. Warum
das alles nur? Weshalb waren wir hier? Den Grund dafür verstand ich
erst viel später und bis heute frage ich mich, ob ich damals die
richtige Entscheidung getroffen habe: “Bei wem bist du lieber, Hanna?
Bei deiner Mutter oder deinem Vater?”

Meine drei Brüder hatte der Richter zuerst gefragt und alle hatten
sich für meine Mutter entschieden. “Kann ich ohne meine Brüder leben?
Oder ohne meinen Papa?” Ohne meine Mutter ginge es vielleicht noch, die
mochte mich sowieso nicht so sehr, aber ohne meine Brüder? Mit Nick
spielte ich immer Puppen und mit Florian rannte ich oft durch den
Garten. Bei Jonas schlief ich immer, wenn ich Angst im Dunkeln hatte und
die Schattenmänner wieder in meinem Zimmer waren. Mit Papa konnte man
am besten spielen. Jeden Abend las er mir das Schlossgespenst vor und
streichelte mich. Oft ging er mit mir schwimmen oder nahm mich zum
Einkaufen mit.

Wo war mein Papa? Den hatte ich schon länger nicht mehr gesehen. War
er noch im Krankenhaus? Früher wurde mir gesagt, er müsse die
Krampfadern gezogen bekommen; jetzt weiß ich, dass er in der Psychiatrie
war. Meine Eltern stritten sich oft, als mein Papa noch da war. Sie
schrien sich an, schubsten sich, hörten sich nie zu. Nach spätestens 15
Minuten stürmte meine Mutter aus dem Haus und fuhr mit dem Auto davon.
Mein Papa schrie, riss sich an den Haaren, stampfte mit dem Fuß auf,
ohrfeigte sich selbst und meistens musste er etwas kaputt machen um sich
zu beruhigen. Danach war Ruhe. Bis zum Abendessen oder Frühstück am
nächsten Tag kam meine Mutter zurück.

Im Gericht war ich Gedanklich nicht bei der Sache und der Richter
fragte noch einmal. Ohne meine Brüder? Oder ohne Papa? Ich entschied
mich für meine Brüder, mein Zuhause an der Kirche und meine Mutter.
Warum? Weil ich mein Zuhause nicht verlassen wollte. Und vielleicht käme
Papa schon bald wieder und wir wären alle wieder als Familie zusammen.
Auf dem Nachhauseweg vom Gericht stand meiner Mutter die Erleichterung
ins Gesicht geschrieben. Hatte sie gezweifelt, ob ich mich für mein
Zuhause entscheide? Meine Brüder saßen neben mir im Auto und noch immer
sprach niemand. Zu Hause gab es Frikadellen mit Kartoffeln, das
Lieblingsessen meiner Mutter.

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