Foto: Léa Dubedout

Die German Angst: Wieso wir Angst vor allem haben

Die German Angst sitzt tief: Die Deutschen sind zu ängstlich, zu zögerlich, zu risikoscheu. Ein Plädoyer für mutiges Handeln – ohne Selbstverleugnung.

 

Wovor hast du Angst?

Lass dich von der direkten Frage nicht erschrecken und frag dich mal ganz kurz: Wovor habe ich eigentlich Angst?

– Angst, im falschen Beruf festzustecken

– Angst, falsche Entscheidungen zu treffen

– Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren

– Angst vor dem Scheitern

– Angst vor etwas Neuem

– Angst, nicht ich selbst sein zu können

– Angst vor dem Alleinsein

Es gibt auch etwas „exotischere“ Ängste – hier nur eine kleine Auswahl:

– Gephyrophobie – Angst, Brücken zu überqueren

– Achluophobie  – Angst vor Dunkelheit

– Atychiphobie – Angst, Fehler zu begehen

– Cacophobie – Angst vor Hässlichkeit

– Friggaphobie –  Angst vor Freitagen

– Ideophobie –  Angst vor Ideen 

– Mageirocophobie –  Angst, zu kochen 

– Nephophobie –  Angst vor Wolken

– Syngenesophobie –  Angst vor Verwandten (Vielleicht um die Weihnachtszeit besonders verbreitet?)

Ja, es gibt sogar die Angst vor der Angst. Was, wenn du mit deiner ganz persönlichen Angst nicht alleine bist? Was, wenn wir alle betroffen sind? Wenn wir uns kollektiv auf die Couch legen könnten?

Überlebenswichtiges Gefühl: Angst

Grundsätzlich handelt es sich bei Angst um ein urmenschliches Gefühl: Der Angstreflex ist in unserem genetischen Bauplan tief verankert, um uns zu warnen, wenn Gefahr droht. Er kann ungeahnte Kräfte mobilisieren: Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, der Körper wird besser durchblutet und ist bereit, um zu fliehen oder sich zu verteidigen. Ohne diese Angst hätten unsere Vorfahren nicht überlebt.

Was aber, wenn keine akute Gefahr droht und die Angst zum Dauerzustand oder sogar zur Eigenschaft wird? Dann wird aus dem lebensrettenden Alarmsignal eine Blockade, die Körper, Gefühle, Gedanken und Verhalten boykottiert. Die Angst, die vorher angetrieben hat, bremst nun – das ist vor allem der Fall, wenn es sich um unbewusste Ängste handelt.

Objektiv gesehen ging es Deutschland nie besser: Die Wirtschaft brummt, wir leben in relativem Frieden und Wohlstand. Mit einer Arbeitslosenquote um die vier bis fünf Prozent herrscht beinahe Vollbeschäftigung. Obendrein sind wir Fußballweltmeister. Eigentlich könnten wir zufrieden sein. Eigentlich.

Und trotzdem sind wir getrieben von Ängsten: Zukunftsängste, Verlustängste, Bildungsängste, Verarmungsängste, Abstiegsängste, die Angst davor, in der falschen Stadt zu wohnen oder nur den zweitbesten Partner zu wählen. Ständig fürchten wir, nicht die richtige Entscheidung zu treffen. Schockstarre und ausharren – so reagieren wir als erprobte Entscheidungsphobiker. Denn für die echten Herausforderungen im Leben gibt es selbst im überversicherten Deutschland keine Schutzpolice.  

„Gesellschaft der Angst“

Und die Angst ist überall zu sehen: Zum Beispiel in den nervösen Eltern, die wie Helikopter um ihre Kinder kreisen. In der Startup-Szene, die im internationalen Vergleich noch immer zu wenig Gründungen hervorbringt – denn wer mit einer unternehmerischen Idee in die Welt geht, riskiert etwas. Auch bei den Tausenden, die seit einiger Zeit bedauerlicherweise jeden Montagabend in Dresden mit Ressentiments auf die Straße ziehen – letztlich protestieren sie gegen ihre diffuse Angst. 

Wir leben in einer „Gesellschaft der Angst“ diagnostiziert einer der führenden deutschen Soziologen Heinz Bude. Angst als Prinzip, sei eine Erfahrung, die wir alle miteinander teilen: „In modernen Gesellschaften ist Angst ein Thema, das alle angeht. Angst kennt keine sozialen Grenzen.“

Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Und der Soziologe ist nicht der einzige, der auf das Phänomen hinweist. Im Ausland staunt man seit den 80-er Jahren über die „German Angst“ oder die „German Disease“. Damit ist nicht nur das Klischee des muffeligen Deutschen gemeint, der mit hängenden Mundwinkeln Pessimismus verbreitet und immer das Schlimmste erwartet. Sondern vor allem die Unfähigkeit der Deutschen, schnelle Entscheidungen zu treffen. Wir gründen lieber eine Arbeitsgruppe und grübeln ein Jahr lang über mögliche Faktoren und Folgen.   

Klar, es ist ein Stempel, der uns da von außen aufgedrückt wird – und der deckt niemals die ganze Realität ab. Das schließt aber nicht aus, dass an der Theorie gar nichts dran ist. Die Publizistin Sabine Bode vertritt in ihrem Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“ die These, dass die Kriegskinder der Jahrgänge 1928 bis 1945 als Folge von NS-Zeit, Krieg, Bomben, Vertreibung, Schuld und Scham ihre unbewussten Ängste an die Nachgeborenen wie einen Virus weitergegeben haben. Die „German Angst“ gehört demnach zur Grundausstattung der deutschen Mentalität. Sie ist das Erbe, das seit Generationen durch Erziehung und Sozialisation weitergereicht wird.

Zeit für den German Optimismus

Vielleicht wird der Virus mit der Zeit aber schwächer. Es gibt Grund zur Hoffnung: Die Deutschen sind im Jahr 2014 so entspannt gewesen wie lange nicht mehr. Ihre Unsicherheiten sind einer aktuellen Umfrage zufolge in vielen Bereichen zurückgegangen: Nie zuvor befürchteten so wenige Bundesbürger eine Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit oder Krieg. Der Angstindex, also der Durchschnitt aller langjährig abgefragten Ängste, sank um zwei Prozent – und damit auf den niedrigsten Wert seit 20 Jahren. Aber trotz des Stimmungshochs sorgen sich die Deutschen weiterhin vor allem ums Geld, die Umwelt und die Gesundheit.

„The only thing we have to fear is fear itself“ Franklin D. Roosevelt

Das Problem mit der Angst: Während im Thriller, der sich Leben nennt, die Gegenwart von der Vergangenheit in die Zukunft gejagt wird – stecken wir irgendwo fest. Die Angst ist ein Gefängnis, das uns den freien Willen, die Mündigkeit und die Handlungsfähigkeit nimmt. Angst lähmt.

Das Thema ist komplex, es erfordert womöglich Abhandlungen und den ein oder anderen Arbeitskreis – denn kollektive Ängste sind natürlich schwer zu vertreiben. Doch du kannst mit dir selbst anfangen. Lass dich nicht von Ängsten bestimmen.

Neuanfang mit dir

Das Gehirn tendiert dazu, wie ein Aasgeier um negative Gedanken zu kreisen. Hier ruhen sie auf dem Friedhof der Falschannahmen. So halten wir uns selbst von neuen Erfahrungen ab oder tragen Ballast mit uns herum, der uns Kraft für die Gegenwart nimmt. Es ist Zeit, alles umzugraben, zu entrümpeln, entstauben und loszulassen. Mach einen mentalen Neujahrsputz – fang an, alte Denkmuster zu hinterfragen.

Die Wurzel jeder Angst liegt in der Sorge, dass man mit etwas nicht fertig wird – also in mangelndem Selbstvertrauen.

Fünf Mutmacher – die Angst verstehen und überwinden

1. Wahrnehmen: Angst bewusst wahrnehmen und spüren.

2. Akzeptieren: Es ist in Ordnung, Angst zu haben. Angst gehört zum Leben und ist ein Ausdruck menschlicher Entwicklung.

3. Verstehen: Jede Angst hat einen Ursprung, wenn du diesen ergründest, kann dir die Angst etwas sagen.

4. Bewusste Entscheidung treffen: Es gibt keine perfekte Entscheidung – verabschiede dich von diesem Gedanken. Aber wenn du weißt, was dich zurückhält, gibt dir das die Freiheit, dich trotzdem bewusst gegen die Angst und für dein Anliegen zu entscheiden.   

5. Handeln: Lass die Angst zu, sie darf sich austoben wie ein trotziges Kind – doch es ist wichtig, trotzdem zu handeln! Dadurch lernst du, dass die Angst irgendwann  einschläft und die phantasierten Katastrophen nicht eintreten.  

Mutig ist, wer Angst hat, es aber trotzdem macht

Auch Veränderungen lösen Ängste aus. Es braucht viel Geduld, um antrainierte Konzepte in deinem Verhalten zu ändern. Hol dir eventuell Hilfe dazu. Wenn du ein selbstbestimmtes Leben führen willst, solltest du Gefühle nicht verdrängen, abwehren oder bekämpfen, sondern hinschauen und hinhören. Das braucht viel Übung und Geduld mit dir selbst, jedes Mal aufs Neue. Bewusstsein ist immer der erste Schritt zu mutigem Handeln – in diesem Sinne: Habe Angst, aber mach’ es trotzdem.

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