Foto: Nick Nguyen I Flickr

Die große Baby-Angst

Kennt ihr sie? Die große Baby-Angst? Denn am Ende sind auch heute noch die wenigsten Beziehungen gleichberechtigt, wenn es um die Kinder geht, oder?

 

Kinder, Job und Glück pur

Alles geht gleichzeitig, daran glauben wir Frauen von heute. Und das ist auch die Erwartung an uns. Kinder, Karriere, Familien- und Freizeitglück. Auch die Männer nehmen wir in die Pflicht, sie fordern glücklicherweise sogar Zeit mit den Kindern ein. Doch am Ende sind auch heute noch die wenigsten Beziehungen gleichberechtigt, wenn es um die Kinder geht.

Kinder rücken immer weiter nach hinten. Das geht ja auch noch mit 30, denken wir Mitte 20, oder mit 35. Doch plötzlich geht es immer und überall um Kinder. Wie ein imaginärer An-Schalter scheint die biologische Uhr plötzlich los zu ticken, wenn wir um die 30 sind. Kolleginnen werden schwanger, Mitarbeiterinnen bekommen Babys, der Mann in den ich mich verliebt habe, hat schon eine elfjährige Tochter.

Beruflich läuft es gut. Ich habe gegründet, wir haben die ersten Kunden, wir wachsen. Und plötzlich ist da irgendwie im Hinterkopf der Gedanke an Kinder omnipräsent. Und das Thema macht Angst. Denn mit den Nachtschichten im Hinterkopf gehört schon einiges dazu Familie und Verwirklichung im Job gerecht zu werden, um ganz ehrlich zu sein.

Die große Baby-Angst um die 30

Um die 30 begleitet uns Frauen die große Baby-Angst. Wie wird sich das anfühlen, wenn es so weit ist, und gibt es ihn überhaupt, den richtigen Zeitpunkt? Schließlich kennen wir die Diskussionen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Denn so ganz richtig ist es eigentlich nie. Nicht, wenn man mit dem Kind nur sechs Monate Zuhause bleibt, nicht wenn man zu lange weg bleibt, nicht wenn man Vollzeit arbeitet, nicht wenn man Teilzeit arbeitet.

Immer wieder landen Gespräche mit Freundinnen, mit Bekannten und Interviews mit Müttern bei diesem einem Thema. Doch wieso ist das bei Männern ganz anders?

Männer fragt man kaum danach, wie sie das alles machen. Mein Freund, der seine Tochter überwiegend bei uns hat und sich stark verantwortlich fühlt für alle Belange um Schule und Co ist schon eine große Ausnahme und wird fast mit Bewunderung von anderen Mamas angesehen. Sheryl Sandberg hat oft gesagt, dass die Wahl des Partners die wichtigste Karriereentscheidung ist, die eine Frau fällen kann. Ihre Worte bekommen in meinen Gedanken sehr viel Gewicht. Auch wenn man Liebe natürlich nicht steuern kann, es ist unglaublich wichtig, dass der Mann Verantwortung mitträgt.

Zwei Monate Elternzeit für Papa, bitte

Doch, die wenigsten Männer planen ihr Leben um die Babyfrage und den richtigen Zeitpunkt herum. Und auch die Zahlen sprechen für sich. Die zwei Monate, um die 14 Monate Elternzeit voll auszuschöpfen, sind schon fast zum neuen Pflichttrend für moderne und coole Männer geworden. Aber da sie am Ende ja eh nicht stillen können, bleibt es oft dabei und auch die Arbeitgeber und Kollegen machen es den Männern nicht unbedingt leichter.

Mit Schock in den Augen erklären mir Männer in regelmäßigen Abständen, dass ihre Karriere vorbei wäre, wenn sie sieben, neun oder gar zwölf Monate Elternzeit nehmen würden. Außerdem können Männer ja auch nicht für die kindgerechte Nahrungsaufnahme sorgen. „Das ist doch gar nicht möglich.“

Klar, es gibt sie, die Ausnahmen. Aber die Zahlen sprechen Bände.

Ist die dann noch flexibel?

Und auch das Munkeln in Unternehmen, wenn es um die Sorge der Elternzeit geht, gibt es noch, gar nicht erst auszudenken, die fehlende Flexibilität, die Krankzeiten des Kindes und die Bazillengefahr im Büro.

Was uns fehlt, Frauen und Männern und Arbeitgebern, ist ein bisschen mehr Bewusstsein für die Vorzüge von Familie. Aber auch für das Recht, sich selbst zu entscheiden, wie diese Familie machbar wird. Jeder hat einen Tipp parat, und am Ende steckt man nur selbst in der Situation.

Es ist und bleibt eine wahnsinnige Herausforderung, dass alles zu 100 Prozent zu machen – und es ist eigentlich unmöglich, wenn man alleinerziehend ist.

Darf man sein Kind weggeben?

Solange in unserem Bewusstsein nicht ankommt, dass nicht alle Eltern gleich sein müssen; dass wir Betreuung auch abgeben dürfen, ohne Rabenmütter oder Väter zu werden. Solange im Bewusstsein von Männern nicht genauso ankommt wie im Bewusstsein von Frauen, dass Kinder auch Zeit kosten, die mindestens so wertvoll ist wie die Zeit im Job , werden Frauen, die Familie wollen, schlechtere Chancen haben. Und noch etwas ist entscheidend. Wir brauchen ein Umdenken von Arbeitgebern und ein Mitdenken der Politik. Ein Vorschlag wie die 32-Stunden-Woche für beide Elternteile, den Manuela Schwesig ins Spiel gebracht hatte, müssen diskutierbar sein. Warum soll bei uns nicht möglich sein, was in den Niederlanden und anderen europäischen Nachbarn funktioniert geht?

Für mich persönlich ist derzeit die Babyfrage nicht ganz akut, dass hat noch ein paar Jahre Zeit. Klar, der Partner passt, der Arbeitgeber bin ich selbst. Aber ich wünsche mir sehr, dass die große Baby-Angst für uns alle eher zu einer großen Baby-Freude wird. Dafür müssen wir alle: Umdenken.

 

Hinweis: Dieser Artikel erschien im Rahmen von Noras Kolumne „Die Frauenversteherin“ zuerst im Handelsblatt.

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