Foto: Unsplash – Hernan Sanchez

Warum die Niederlage von Hillary Clinton so schmerzhaft ist

Es ist nur Politik. Die nächste Frau wird kommen. Vier Jahre gehen schnell vorbei. Warum aber tut es so weh, dass Hillary Clinton verloren hat?

 

It’s okay to cry

„She’s an actual superwoman“, schrieb Laura Olin, die lange Barack Obama in der Nutzung sozialer Medien beraten hat, gestern Abend auf Twitter. Und kurz zuvor: „If Tim and Hillary both get through this without crying they are actual superhumans.“ Aber ich saß im Büro vor dem Livestream von Hillarys Concession-Speech, in der sie ihre Niederlage erklärte, und mir liefen die Tränen. Am Morgen, wenige Stunden vorher, als der Wahlsieg von Donald Trump feststand, war ich dafür zu müde, zu geschockt, im falschen Film. 

Ich habe im Büro noch nie geweint. Ich tue das eh selten, nicht einmal in meiner Schwangerschaft, der Phase im Leben einer Frau, in der man angeblich ständig heult. Welchen Grund sollte ich auch haben, über Hillarys Niederlage zu weinen? Ich bin keine Amerikanerin, mein Leben wird hier ohne Veränderung weitergehen. Zumindest äußerlich. Der Schmerz ging tiefer, als dass Hillary nicht Präsidentin wird.

Denn das Gefühl, was die Niederlage von Hillary Clinton bei mir innerlich auslöst, ist völlig unabhängig von ihrer politischen Bedeutung als solche und die konkreten und fatalen Veränderungen, die durch Donald Trump als Präsident entstehen werden – insbesondere für Minoritäten. Was so bedeutsam war und ist, für mich und für viele andere Frauen und Mädchen und Menschen, für die die Möglichkeit all das zu erreichen, wovon sie träumen, niemals selbstverständlich war, ist eine Frau zu sehen, die für ihren Traum und für einen symbolischen Akt so unglaublich viel gegeben hat.

Hillary selbst hat genau diesen Punkt in ihrer gestrigen Rede gemacht und dabei viel über sich selbst gesagt: 

„And to all the little girls who are watching this, never doubt that you are valuable and powerful and deserving of every chance and opportunity in the world to pursue and achieve your own dreams.“

Damit Mädchen tatsächlich daran glauben können, dass die Welt ihnen offen steht, brauchen sie Vorbilder. Ich schrieb diesen Satz gestern Abend an anderer Stelle auf Englisch, denn er fasst es besser: „Seeing her run was important and it has meant a lot.“ Zu sehen, wie sie rannte. Zu sehen, wie sie ihren ganz eigenen Traum erreichen wollte – und wie sie immer wieder selbst in Reden gesagt hat: eine sehr dicke, gläserne Decke zu zersprengen.

Meine Gespräche in den letzten Wochen, Monaten und Jahren haben mir eines bestätigt: Die Vorstellungskraft der meisten weißen Männer, insbesondere in Politik und Journalismus, reicht nicht aus, um zu verstehen, was es bedeutet hat, dass Hillary Clinton rannte. Ihre Erfahrungswelt reicht nicht aus, ihre Neugier, andere Lebensrealitäten zu verstehen. 

Allgemeinbildung und Lebenserfahrung ermöglichen eben gerade nicht alles zu wissen. Und so müssen sich allwissende Männer eingestehen:

You don’t know what it’s like.

Ihr wisst nicht, wie sich das anfühlt. Wie es ist.

Ihr wisst nicht, wie es jetzt ist, sie zu sein.

Wie es ist, eine Frau zu sein.

Eine schwarze Frau zu sein.

Eine, die ein Kopftuch tragen möchte.

Wie es ist, schwanger zu sein, wenn du es nicht willst und keinen Zugang zu einem Abbruch hast. Oder Männer dir dieses Menschenrecht entziehen möchten.

Wie es ist, in ständiger Angst vor sexualisierter Gewalt zu leben.

Wie es ist, kein Opfer sein zu wollen, aber nichts dagegen tun zu können, eines zu werden.

Mädchen lernen früh, von klein auf, wenn auch oft subtil, dass ihre Möglichkeiten limitiert sind und das Träume, harte Arbeit und Qualifikation sie doch oft verlieren lassen werden, weil es Machstrukturen gibt, die diesen Weg für andere leichter machen – und sie ausschließen.

Die Bedeutung von Vorbildern

Wenn ich gefragt werde, warum ich Feministin bin, kann ich auf meine frühe Kindheit zurückgreifen. Ich war fünf oder sechs Jahre alt als mir das erste Mal auffiel, dass Frauen in der katholischen Kirche weder Messdiener noch Priester waren (Messdienerinnen gibt es mittlerweile). Ich sah diese Abwesenheit von Frauen jeden Sonntag. Ein Ritual, um das in meiner Familie viel Aufheben gemacht wurde, das mir Werte mitgeben sollte, und ich sah nur eines: Wo sind dort eigentlich die Frauen? Was soll ich hier? Warum soll dieser Ort und diese Gemeinschaft etwas sein, in der ich mich willkommen fühle, wenn hier kein Platz für mich ist? Oder anders: Es Plätze gibt, die mir zugewiesen werden. Und die sind hinten auf der Kirchenbank.

Meine Eltern hatten für meine Frage nach den Frauen in der Kirche keine befriedigende Antwort. Als ich in der Oberstufe des Gymnasiums – katholische Religionslehre war tatsächlich mein mündliches Abiturfach – in Klausuren die Haltung des Vatikans gegenüber Frauen kritisierte, wurde mir genau das rot angestrichen – ein Denkfehler.

Und dann war da Kohl. 16 Jahre lang. Und all die Mütter in den 80er Jahren in Westdeutschland, die nach der Geburt ihrer Kinder lange zu Hause blieben oder nie wieder arbeiten gingen. Die weiblichen Vorbilder für mich waren rar. Nein, es gab keine. Ich habe ältere Frauen, reale Frauen, die Vorbild für mich sind, mit denen ich heute persönlich sprechen kann, erst in den letzten Jahren, meinen späten Zwanzigern und lange nach meiner Berufswahl, kennenlernen dürfen. Ich habe erst zu diesem späten Zeitpunkt gemerkt, wie sehr sie mir immer gefehlt haben.

„Be who you needed when you were younger.“

Kinder haben lange ein gesundes Selbstbewusstsein, bevor es nach und nach an den Erwartungen ihrer Umgebung zerbröckelt und Jugendliche versuchen, sich möglichst genau an ihre Umwelt anzupassen oder so stark zu rebellieren, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen. Warum ich so bitter klinge? Meine Alterskohorte, meine Freundinnen und ich selbst, waren eine der ersten Generationen, die sich systematisch aus dieser Gesellschaft heraus hungern, kotzen und ritzen wollten. All das unter dem Deckmantel weiblicher Verschwiegenheit. Ich müsste lange nachdenken, um in meinem Freundeskreis eine Frau zu benennen, die nicht irgendwann magersüchtig, bulimisch, schwer depressiv war, sich selbst verletzt hat, vergewaltigt, gestalkt wurde oder häusliche Gewalt erfuhr. Die beeindruckensten Frauen, die ich kenne und die heute das tun, was man als „Karriere machen“ beschreibt, waren alle einmal genau an diesem Punkt. Keiner von ihnen sieht man diese Traumata an. Allein das schmerzt und deshalb schmerzt mich auch, dass Hillary gestern nicht weinte. Dass sie ihren Schmerz zwar aussprach, er aber nicht sichtbar wurde.

Deshalb, ja, man kann eben gleichzeitig verletzlich sein, verletzt worden sein und dabei immer noch große Träume haben und die Welt verändern wollen. Das selbstbewusste Kind in mir wollte die erste Bundeskanzlerin werden (die katholische Kirche halte ich für verloren). Das trug ich mit mir rum. Nicht als Lebensplan, aber als Mantra. Irgendjemand muss doch zeigen, dass es geht. Mein Aktivismus, noch weit bevor ich mich als Feministin bezeichnet habe, irgendwann im Studium, war also, das möglichst vielen Leuten zu erzählen und ihnen bewusst zu machen, dass das Fehlen von Frauen an so vielen verschiedenen Stellen der Gesellschaft ein Fehler ist: „We need to fix this.“ 

Die 11. Klasse habe ich als Austauschschülerin in den USA verbracht. In dem Jahr, in dem George W. Bush das erste Mal zum Präsidenten gewählt wurde und tagelang Wahlzettel in Florida nachgezählt werden mussten. Viel später, als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, rief meine damalige Gastmutter Stacy mich an und sagte: „Aber das wolltest du doch machen!“ 



Der entscheidende Unterschied zwischen der Kandidatur und Wahl von Angela Merkel und Hillary Clinton ist jedoch, dass ein weibliches Vorbild und Türen für Frauen und Mädchen zu öffnen niemals Angela Merkels Mission war. Vielleicht haben die Deutschen ihre Kanzlerin auch deshalb relativ schnell akzeptiert, weil sie öffentlich nie herausgestellt hat, dass ihr Frausein in der Politik sehr wohl bedeutungsträchtig ist. Weniger in der Bevölkerung als mehr in der Politik selbst gilt sie dennoch als Gefahr für das männliche Selbstverständnis, sie gilt als Männermörderin, die angeblich all die Politiker, die ihr hätten gefährlich werden können, kaltgestellt habe. Nun, wirklich viele Frauen um Merkel, die das gleiche Schicksal hätten erfahren können, gab es auch nicht.

Ich bedauere sehr, dass Merkel nicht mehr für Mädchen und Frauen tut und die erste Kanzlerschaft einer Frau hinsichtlich einer wirklich feministischen Politik eine Enttäuschung ist – auch wenn auf der anderen Seite steht, dass eben dieses Engagement jeder Politikerin abträglich ist, wenn es um breitere Aspekte der Macht geht. Genau dieses Phänomen kann man auch immer wieder bei den wenigen Frauen beobachten, die in der Wirtschaft in Spitzenpositionen gerückt sind und in der Regel keine Freundinnen der Geschlechterquote sind: Sie hätten es auch allein geschafft, ist einer der Standardsätze in Interviews. Doch das ist falsch.

Niemand schafft es allein. Kein Mann schafft es allein, die Präsidentschaft zu gewinnen oder CEO zu werden. Und das gleiche gilt auch für Frauen. Hillary Clinton hat genau diesen Punkt in ihrer Kampagne „Stronger together“ herausgestellt und insbesondere Frauen immer wieder dazu aufgefordert, zusammenzuhalten. Und erst wenn Frauen zusammenhalten und sich organisieren – und nicht jede einzeln für sich und den eigenen Vorteil kämpft – stellen sie die Machtfrage und werden für alte Strukturen gefährlich.

„We’ve spent a year and a half bringing together millions of people from every corner of our country to say with one voice that we believe that the American dream is big enough for everyone — for people of all races and religions, for men and women, for immigrants, for LGBT people, and people with disabilities. For everyone.“

Hillary Clinton steht also für viel mehr, als dass endlich eine Frau Präsidentin werden würde. Sie steht für „Opportunity“, als Symbol für die Möglichkeiten, Dinge gänzlich anders zu machen als sie bisher waren. Daher stand auf der anderen Seite die Angst: Dass nicht nur eine Frau Präsidentin werden könnte, sondern dieser Durchbruch der Beginn davon werden würde, dass viele weitere Dinge sich ändern.

Die Kampagne von Hillary Clinton hat also eine ganz typische Reaktion auf feministische Bewegungen gezeigt: Fortschritt und allein das Wagnis, den Status Quo laut und deutlich in Frage zu stellen, provoziert immer einen Backlash. Der Backlash gegenüber acht Jahre Barack und Michelle Obama und dann auch noch Hillary Clinton ist enorm – und aus feministischer Perspektive kaum eine Überraschung. Selbst wenn Clinton für das politische Establishment steht und die Obamas selbst Teil des Systems sind – wirkmächtiger als diese politische Abfolge hätte man die Ordnung der Dinge kaum in Frage stellen können.

In der Rolle der Frau wird man heute also beinahe schizophren: Die Welt hat Angst vor deiner Macht und gleichzeitig bleibst du verletzlich.

Die US-Wahl ist daher eine schmerzhafte Zurückweisung von Frauen als Gleichberechtigte in vielfacher Hinsicht und hat zudem den Graben der Geschlechterdifferenz, die auf fehlender Solidarität und Mitgefühl beruht, noch einmal sehr deutlich gemacht. Denn mit Donald Trump einen Mann zu unterstützen, der Frauen verachtet und mutmaßlich missbraucht hat, ist eine erschreckende Selbstaussage über das Selbstverständnis seiner Unterstützer und Unterstützerinnen. Ich hoffe, dass Angela Merkel wenigstens abends zu Joachim Sauer sagt: „Für dieses Würstchen habe ich keinen Respekt.“




Jeder also, der Strukturen mitträgt und aufbaut, in denen Menschen geschützt werden, die misogyn, rassistisch und gewalttätig sind, trägt aktiv dazu bei, dass echte Gleichberechtigung und Freiheit ein Traum bleiben. Hillarys Niederlage war vor allem eine Erinnerung daran, wie schmerzhaft es ist, jeden Tag aufzustehen und nicht gleichberechtigt und frei zu sein – und wie stark wir es jeden Tag verdrängen.

Hillary rennen zu sehen, war das Symbol dafür, dass es eines Tages anders sein wird. Dass es möglich ist. Dass Träume wahr werden, wenn wir uns nur genug gegenseitig unterstützen. Dafür müssen nur irgendwann diejenigen auch bereit sein, die gerade glauben, dass ihre eigenen Wünsche nur in Erfüllung gehen, wenn sie die Träume der anderen ersticken. 

„This is painful, and it will be for a long time.“

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