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Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ungewollt schwanger geworden

„Kinder kriegen oder nicht?” Was im Kopf einer 30-Jährigen vorgeht, die sich einfach nicht entscheiden kann.

 

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Baby? 

Ich wünsche mir ein Kind – von ganzem Herzen sogar. Aber daran, dass sich dieser Wunsch irgendwann erfüllen wird, zweifle ich immer mehr. Warum? Angesichts der Tragweite dieser Entscheidung erstarre ich wie das Kaninchen vor der Schlange. 

Von außen betrachtet würden meine Lebensumstände passen: fester Partner, regelmäßiges Gehalt, ausreichend Platz. Auch wenn mir das alles bewusst ist, dreht sich das Gedankenkarussell in meinem Kopf unerbittlich weiter: Sollten wir noch warten? Können wir uns das leisten? Bin ich reif genug, um Mutter zu werden? Was ist mit meiner Karriere? Was ist mit meiner Freiheit? Oft liege ich nachts wach, stelle mir diese Fragen und finde keine Antworten. Ich kann das Karussell einfach nicht anhalten.

Gedanken, mit denen ich alleine bin 

Über meine Sorgen kann ich mit niemandem so richtig sprechen. Nicht mit meinem Partner, nicht mit meinen Freunden. Mein Freund ist ganz entspannt: „Warum stresst du dich denn so?” Kinder haben oder auch nicht, beide Optionen würden ihn gleichermaßen zufriedenstellen. Meine Freunde wiederum scheinen in der Kinderfrage von einer unerschütterlichen Sicherheit getragen zu werden. Diejenigen, die keine Kinder wollen, feiern ausgelassen Partys, reisen und arbeiten viel. Diejenigen, die Kinder wollten, haben nicht lang gefackelt und welche bekommen, auch mitten im Studium. Sie sind einfach ins kalte Wasser gesprungen. 

Ich aber kann das einfach nicht. Ich stehe im Bad und starre auf die Verpackung mit den 21 kleinen, weißen Tabletten und frage mich, woher die anderen Frauen den Mut nehmen, die Pille abzusetzen. Werde ich diesen Mut jemals aufbringen können? 

Den richtigen Zeitpunkt fürs Kinderkriegen gibt es nicht – diesen Rat habe ich schon häufig gehört. Geholfen hat er mir nicht. Im Gegenteil dieser Satz ist inhaltsleeres Gequatsche. Er suggeriert, dass sich die Kinderfrage irgendwann von alleine klären wird. Dass man eines morgens aufwacht und weiß, so jetzt bin ich soweit. 

Wut auf mich selbst, meinen Job und die Regierung

Meine Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, macht mich wütend. Wütend auf:  

1. Mich selbst, weil ich mich davor fürchte, die Freiheiten meines Erwachsenenlebens aufzugeben. Es gibt noch so viele Länder, die ich bereisen will. Ich brauche Zeit nur für mich. Zeit, in der ich das tun kann, was mir gut und mich entspannt. 

2. Meinen Arbeitgeber, weil er mir keinerlei Sicherheit gibt. In meiner Branche sind befristete Arbeitsverträge normal. Aber wie soll man sich dazu entscheiden, eine Familie zu gründen, wenn man nicht weiß, ob man in einem Jahr noch einen Job haben wird? Die Karriereaussichten für Mütter sind auch nicht gerade üppig. Meistens kommen sie nach der Elternzeit wieder, um in Teilzeit mitzulaufen. Die großen, spannenden Projekte übernimmt jemand anderes. 

3. Meine Stadt, weil die Zusage für einen Kita-Platz an einen Lotto-Gewinn grenzt. Bei Freunden konnten wir es hautnah miterleben. Bereits kurz nach der Geburt haben sie begonnen nach einer geeigneten Betreuungseinrichtung zu suchen. Seitdem haben wir miterlebt, wie sie ihre Ansprüche immer weiter zurückgeschraubt haben, um überhaupt eine Betreuung zu finden. So viel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

4. Die politischen Entscheidungsträger, weil Familienpolitik nicht gerade weit oben auf ihrer Agenda steht. Warum wurde der Vorschlag von Manuela Schwesig zur Familienarbeitszeit nur weggelacht? (Schwesig hat vorgeschlagen, dass Eltern die Möglichkeit haben sollen, ihre Arbeit auf 28 bis 36 Wochenstunden zu reduzieren und dafür je 150 Euro im Monat vom Staat bekommen.) Unrealistisch, eine Gefahr für die Vollzeitbeschäftigung, zu reglementierend – von überall hagelte es Kritik. Einen konstruktiven Gegenvorschlag hat aber keiner gemacht.

Was wäre, wenn … 

Manchmal – und ich weiß, es klingt schrecklich – wünsche ich mir, ungewollt schwanger geworden zu sein. Damit will ich die schwierige Situation der Frauen, die tatsächlich ungewollt schwanger geworden sind, nicht bagatellisieren. Für mich ist es der naive Ausdruck des Bedürfnisses, dass mir die Entscheidung abgenommen wird.  


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