Foto: Clue

Löst Technologie bald die Pille ab?

Ida Tin ist eine unserer „25 Frauen für die digitale Zukunft“ – und eine Vorreiterin beim Thema technologiegestützte Verhütung und Familienplanung.

 

Eine digitale, hormonfreie Alternative für die Familienplanung

Ida Tin kommt aus Dänemark – dort hat sie vor einigen Jahren einen Bestseller veröffentlicht, sie schrieb über ihre Weltreise auf dem Motorrad. Mittlerweile lebt sie in Berlin, dort hat sie auch mit ihrem Unternehmen „Biowink“ 2013 die kostenlose Mobile-Health-App „Clue“ entwickelt. Clue ist ein moderner Menstruationskalender, der das Datum der nächsten Periode berechnet – aber nicht nur das.

Clue verwendet einen Algorithmus, um für jede Frau ihren eigenen, individuellen Zyklus zu berechnen und vorherzusagen. Je intensiver man Clue verwendet, umso genauer werden die Berechnungen. In einem Interview mit unserer Redaktionsleiterin Teresa im vergangenen Sommer sprach sie darüber, dass es seit der Pille viel zu wenig Innovation beim Thema Verhütung gegeben habe. Sie will ihre App als digitale, hormonfreie Alternative für die Familienplanung etablieren. Clue wird bereits in über 180 Ländern genutzt; ein Ziel ist auch, Frauen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung dort zu unterstützen, wo die Möglichkeiten von Verhütung und Aufklärung stark eingeschränkt sind. Wir haben mit Ida darüber gesprochen, was es Neues gibt bei „Clue“ und welche großen Schritte in nächster Zeit anstehen.

In Schwellenländern wie Südafrika und Malaysia wird Clue bereits stark genutzt – werden auch Frauen in Ländern der Dritten Welt bald in große Zahl von der App profitieren?

„In solchen Schwellenländern, wo viele Menschen über Smartphones verfügen, wird Clue sicher zunächst stärker genutzt werden als in ärmeren Ländern, wo die Menschen viel weniger Optionen haben. Meine Vision ist natürlich, dass Frauen auf der ganzen Welt von Clue profitieren, aber das ist ein langer Weg. Für ,feature phones´, also weniger moderne Geräte ohne die Funktionen eines Smartphones, bräuchte man womöglich ein ganz anderes Produkt. Auf lange Sicht arbeiten wir daran, für Frauen global eine Option zu sein.“

Clue gibt es mittlerweile auf Deutsch, Dänisch, Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch, und die App soll bald in einigen asiatischen Sprachen verfügbar sein soll. Wie sieht es mit Arabisch aus, das könnte doch ein wichtiger Markt sein? Und generell: Ist Clue eine Option für Frauen in Ländern, die streng katholisch oder islamisch geprägt sind? Weil Frauen, die nicht die Pille oder Kondome nutzen können, Kontrolle über ihre Fortpflanzung bekommen können?

„Arabisch ist im Moment noch nicht in Planung, aber wir würden Clue sehr gerne in arabischen Ländern verfügbar machen, wir wissen, dass es einen Bedarf gibt. Seit wir beispielsweise Clue auf Französisch herausgebracht haben, haben wir von vielen französischsprachigen arabischen Nutzern gehört, die viel durch die App lernen und sie für Aufklärung und Information in Fortpflanzungsfragen nutzen.“

An welchen Projekten arbeitet ihr aktuell?

„Gerade haben wir unsere App für die Apple Watch gelauncht – Clue gibt mit einem Blick aufs Handgelenk eine Übersicht, wie weit eine Frau gerade in ihrem Zyklus ist. Man kann also vorab sehen, was demnächst im Zyklus passiert, etwa wann die nächste Blutung ansteht, und außerdem Reminder durch die Apple Watch erhalten, etwa dass mit dem nächsten PMS in zwei Tagen zu rechnen ist – die App kann man sich ab dem 24. April, wenn die Apple Watch für Privatkunden erhältlich ist, im App-Store herunterladen. Und Clue steht nun auch für Android zur Verfügung. Ein großes Thema für uns ist die Vernetzung: Wir wollen, dass Leute ihre Daten mit Clue in Zukunft mit anderen teilen können – das kann zum Beispiel eine Tochter mit ihrer Mutter sein, oder man möchte sich über Clue mit dem Partner verbinden und seine Daten mit ihm teilen. Das wird bald möglich sein.“

Kannst du mittlerweile mehr über das neue Hardware-Produkt verraten, an dem ihr gerade arbeitet?

„Das ist immer noch geheim, aber wir sind gerade in einer frühen Testphase und suchen Frauen, die Lust haben, bei den Tests mitzumachen – wer will, kann sich gerne melden.“

Du sagst, eines eurer Kernanliegen ist es auch, die Wissenschaft voranzubringen – gibt es da neue Kooperationen?

Ja, wir arbeiten zum Beispiel gerade mit einer amerikanischen Universität zusammen, die eine Studie zu den Nebenwirkungen der Spirale durchführt. Ausgewählte Clue-Nutzerinnen, die sich für die Studie gemeldet haben, stellen dafür ihre Daten zur Verfügung, etwa wann sie Stimmungsschwankungen hatten während ihres Zyklus´, wie stark und wann Blutungen und Schmerzen waren. Solche Kooperationen sind etwas, das wir unbedingt noch stärker voranbringen wollen.“

Du sagst, seit der Pille habe es kaum Innovationen gegeben – was sind das für Innovationen, die deiner Meinung nach fehlen?

Es wird zu allem möglichen geforscht, selbstfahrende Autos und so weiter. Der Zyklus der Frau ist ein derart elementares Thema im Leben – dafür ist einfach nicht viel passiert im Bereich der Forschung in den letzten Jahrzehnten, da ist noch viel Raum für Produkte und Dienstleistungen. Da sind jede Menge Themen, die mit dem weiblichen Zyklus zu tun haben, etwas das Alter, in dem die erste Monatsblutung auftritt, die Menopause, Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln, natürlich wurde dazu schon viel geforscht, aber nicht in großem Maßstab – und genau dazu haben wir die Möglichkeit mit unseren sehr umfangreichen Datenmengen. Mittlerweile passiert etwas mehr auf dem Gebiet, es gibt spannende Entwicklungen – es ist zum Beispiel möglich, einen Fieberthermometer-Aufsatz ans Smartphone anzuschließen um die Temperatur zu messen, nur als kleines Beispiel. Ein Beispiel aus einem anderen Feld: Mittlerweile kann es drei genetische Eltern für ein Kind geben: Den Mann, von dem das Sperma stammt, eine Frau, die eine Eizelle spendet, und eine dritte Frau, deren DNA in die entkernte Eizelle eingesetzt wird – damit kann die Vererbung von Gendefekten von Müttern auf ihre Kinder verhindert werden. Noch ein kleines Beispiel: Wir forschen gerade zu Bakterienkulturen. Bakterien sind ja in unendlicher Zahl überall im Körper vorhanden. Die Bakterienzusammensetzung in der Vagina ändert sich im Laufe des Zyklus´. Ein Monitoring des Bakterienhaushalts in der Vagina könnte also Rückschlüsse auf den Zyklus der Frau zulassen. Vorstellbar wären zum Beispiel DIY-Kits, mit denen man zu Hause selber Proben entnehmen und diese ans Labor schicken kann. Wie gesagt, das ist ein kleines Beispiel von vielen, ich bin selbst gespannt, was in Zukunft noch kommen wird an Innovationen rund um das Thema der weiblichen Fruchtbarkeit. Es gibt jedenfalls jede Menge zu tun in den nächsten Jahren, auch für uns.“

Du hast außerdem gesagt, du glaubst, dass Technologie kombiniert mit einem Smartphone die Zukunft der Vehütung sein wird – was meinst du damit genau? Dass chemische Verhütungsmittel wie die Pille irgendwann nicht mehr gebraucht werden?

„Wir sehen ja schon heute, dass Technologien fürs Smartphone Medikamente und Behandlungen für Leute ohne medizinische Ausbildung zugänglicher machen – etwa Fieberthermometer, die in das Smartphone integriert sind, und alle möglichen Sensoren. Ich glaube, es wird eine logische Entwicklung sein, dass neue Technologien, mit denen sich verschiedene Körperdaten messen lassen, eine Alternative zu bestehenden Behandlungsmethoden und Medikamenten sein werden, wie etwa der Pille.“

 

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Biowink

 

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