Foto: patrizia isabella widritzki

immer gehen. immer bleiben.

ist es das streben nach mehr. nach weiterem. oder ist es das fehlende vermögen das hier und jetzt zu geniessen. will ich weg, weil ich so neugierig auf das neue und andere bin. oder will ich woanders sein, weil ich in der gegenwart all die verpflichtungen als last empfinde. will ich, wenn ich die anhöhe erreicht habe am liebsten auf dem höhsten berg oben stehen, der vor mir liegt, weil ich mir einen besseren ausblick verspreche. oder erliege ich einfach dem unvermögen mich auf das einzulassen, das mich umgibt.

 

„ich bin derjenige, der immer gehen will, und immer bleibt, immer bleibt, immer bleibt.“ (fernando pessoa)

womöglich, ist es weder das eine noch das andere. vielleicht, ist es genau der scheinbare widerspruch, der im beieinander von beidem liegt. höchstwahrscheinlich, braucht es beides, um eine gewisse dynamik zu erzeugen, einen antrieb, der nur aus zwei sich scheinbar abstossenden polen entstehen kann. zwei magnete, die energien erzeugen, welche wie ein schutzschild wirken, und das jeweils andere ausgrenzen. beide werden, durch das abstossen des anderen, besonders stark wahrgenommen. im grunde wird erst dann ihre kraft wirklich spürbar und ist ansonsten unsichtbar.

alles in allem

also ist es nicht unbedingt so, dass man davon ausgehen muss, dass man mit dem ständigen blick auf das dort, das hier nicht geniessen kann. sobald ich meine perspektive oder meinen standort verändere, wird jedes hier zum dort. und wenn es mir gelingt, zu erreichen wonach ich mich so gesehnt habe, wird das dort zum hier. und es wird immer so weiter gehen. auch eine art von beständigkeit.

da mögen jetzt welche unken: du bist wohl nie zufrieden. komm doch mal an. so kannst du doch keine wirkliche beständigkeit erreichen in deinem leben! und ich frage mich unweigerlich, ob denn beständigkeit zum regelwerk eines sozusagen – guten und zufriedenen – lebens gehört. und wer das denn bitte wieso so festgelegt hat. und warum denn nun irgendwer auf die idee kommen sollte, dass ich mich an ein von irgendwem, irgendwann erfundenes regelwerk halten würde.

ich weiß. ungeschriebene regeln. unsichtbare strukturen, in die wir hineingeboren wurden. ordnungsprinzipien der gesellschaft, die wir als natürlich gegeben erlernen. zustände, die wir als normalität erleben.

alles ist alles

wenn ich aber, wie andere vor und mit mir, an einen universellen zusammenhang der dinge glaube, also auch an einen wechselseitigen zusammenhang, hinken die zuschreibungen des unzufrieden-seins. wenn das hier erst durch das dort entsteht, wirft das ein anderes licht auf dieses scheinbare gegensatzpaar.

ich will natürlich immer noch auf den höhsten gipfel, weil ich wissen will wie es sich da oben anfühlt. aber danach will ich auch einfach wieder runter. und wahrscheinlich unten bleiben. vielleicht schau ich mir aber vorher den sonnenuntergang doch von dort oben an. stell ich mir grade spektakulär vor. ob ich davon ein foto mache? für facebook? sicher nicht. schliesslich will ich das geniessen. hier und jetzt (gipfel). und nicht darüber nachdenken und inszenieren um es dort (facebook) zu präsentieren.

alles und alle

dieses virtuelle dort, stellt für mich schon eher einen zwiespalt dar, den ich nur schwer mit sinn füllen kann. auch wenn ich mich darum bemühe zu verstehen. dennoch muss ich auch hier erkennen, dass die dinge einander bedingen. dass ein wechselseitiger zusammenhang ensteht. verfolgt man beispielsweise die verhaltensweisen seiner mitmenschen in den sozialen medien. bilder und posts, vermerke und hinweis, alles wünsche gesehen und bewertet zu werden. ein feedback zu bekommen. ein like oder gar einen kommentar. und wieder sind wir alle miteinander verbunden, über egal welch seichten output generieren wir input und so geht das immer weiter. man schaut sich den sonnenuntergang nicht nur für sich an, nicht nur jetzt. das hochladen des bildes ermöglicht eine teilhabe aller, die ich wünschenswerter weise teilhaben lassen möchte. alle die nicht hier und jetzt sind. alle im dort und dann. zeitlos. unsterblich. und raumlos.

alles für alle

was pessoa damit meint, wenn er schreibt er wolle immer gehen, kann nur er wissen und wir deuten. und diese deutung wird je nach eigener denke und erfahrung, sehr unterschiedlich ausfallen. und es ist kein zufall, dass dieses zitat zu anfang des textes steht.

so steht es für eine niemals endende sehnsucht, nach dem dort, und gleichzeitig für die verwurzelung im hier. vielleicht aber auch für den wunsch zu vergessen, loszulassen und von vorne zu beginnen. dann aber zu erkennen, dass da ein niemals vergessendes gedächtnis all meine sonnenuntergänge für immer abgespeichert hat…und ich für immer bleiben muss.

ich für meinen teil, übe das hier. beobachte den drang zum dort. frage mich warum er aufkommt und was ich mit ihm machen will. und was wohl passiert, wenn ich es einfach mal anders mache. nur um zu sehen, ob die dinge dann anders ablaufen und ob ich womöglich die ganze zeit versäume, was dann geschieht. ich bleibe also auf der anhöhe und schaue mir von dort den sonnenuntergang an. höre auf über diesen höhsten gipfel nachzudenken. und geniesse den ausblick, der jetzt schon spektakulär ist. morgen ist auch noch ein tag und dann nehm ich mir den gipfel vor.

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