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„In der Pandemie geht es beim Online-Dating viel schneller um sehr ernste Themen“

Wie wirken sich Ängste in einer globalen Krise auf das Verhalten beim Online-Dating aus? Welche Chancen birgt Online-Dating, die Dating „in echt“ nicht automatisch mit sich bringt? Die Psychologin Johanna Degen weiß es.

Haben Dating-Apps und andere Plattformen seit der Pandemie einen Boom erlebt? Die Vermutung liegt nahe – weil sie eine Möglichkeiten boten, trotz Isolation neue Leute zu treffen, sich auszutauschen, sich die Zeit zu vertreiben und sich nicht ganz so einsam zu fühlen. Denn einfach spontan in einer Bar oder einem Café eine andere Person kennenlernen, die man auf Anhieb sympathisch findet, war in Monaten mit strenger Kontaktbeschränkung und geltender Corona-Notbremse unmöglich.

Ergebnisse einer Studie der Hochschule Fresenius stützen diese Vermutung: 70 Prozent der befragten User*innen von Online-Dating-Plattformen bezeichneten Online-Dating als eine psychische Unterstützung während der Pandemie.

„Einsamkeit lässt sich leichter bewältigen, wenn man regelmäßig Nachrichten von Menschen bekommt, die sich in einer ähnlichen Situation wie die eigene befinden“, sagt auch die Psychologin Johanna Degen, die bereits seit mehreren Jahren zu den Themen Dating-Verhalten, Online-Dating und Technik-Mensch-Beziehungen forscht.

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Johanna Degen arbeitet in Flensburg, Oslo und Sydney in der Forschung und Lehre. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem auf Mensch-Technik-Beziehungen und Datingverhalten. Neben der Forschung ist sie als Paartherapeutin tätig.


Neue Schritte im Kennlernprozess

Johanna Degen erklärt den Hauptunterschied zwischen analogem und Online-Dating so: „Im Online-Dating kommen neue Schritte und Aushandlungstechniken beim Kennlernprozess und beim Aufbau von Intimität hinzu, die es so beim analogen Dating nicht gibt.“ Ganz deutlich wird das beim sogenannten „Impression Management“: User*innen überlegen sich vor dem Anlegen eines Profils auf einer Dating-Plattform, was sie in ihre Bio schreiben und welche Fotos sie hochladen, um eine bestimmtes Bild der eigenen Person an andere User*innen zu vermitteln.

„Online-Dating bietet so verstärkt Freiräume, um das eigene Verhalten zu reflektieren. Das macht Online-Dating zum Teil auch strategischer, was aber nicht automatisch mit einem Verlust an Authentizität einhergehen muss,“ sagt Johanna Degen. Menschen hätten beim Online-Dating vielmehr die Möglichkeit, verschiedene Versionen des eigenen Ichs auszuprobieren und kennenzulernen. Mit der Frage, wie die eigene Person von anderen Menschen wahrgenommen werden soll, sei automatisch die Frage verbunden, wie man sich selbst eigentlich wahrnimmt. „Sich mit dieser Frage ganz deutlich auseinanderzusetzen, kann Menschen generell dabei helfen, sich selbstbewusster und eigenverantwortlicher in Datingsituationen zu fühlen und auch aufzutreten“, sagt Degen.

Online-Dating kann den eigenen sozialen Radius vergrößern

Die eigene Handynummer gibst du erst nach zwei Wochen Hin- und Herschreiben raus? Oder: Lieber ganz schnell treffen, bevor man wochenlang nur hin- und herschreibt? „Beim Online-Dating entwirft jede*r ihr*sein eigenes Regelwerk, wann was aus der eigenen Perspektive in Ordnung ist. Das kann auch schon mal sehr willkürlich oder oberflächlich erscheinen. Der Schritt, dem Kontakt aus dem Internet Zugriff auf das analoge Ich zu geben, hebt die bis dahin ausschließlich online stattfindende Beziehung auf eine neue Ebene“, sagt Johanna Degen.

Ein Vorteil des digitalen Datings: Menschen kommen leichter mit Leuten in Kontakt, auf die sie in ihrem Offline-Alltag gar nicht erst getroffen wäre oder die sie im analogen Leben womöglich vorschnell aussortiert hätten. Das bestätigt die Forschung von Johanna Degen: „Online daten Menschen verstärkt außerhalb ihres sozialen Milieus. Es ist außerdem auffällig, dass mir Proband*innen erzählen, dass sie online eine*n Partner*in kennengelernt haben, die sie offline aufgrund von gewohnten Auswahlgewohnheiten nicht als Partner*in in Erwägung gezogen hätten. So banal sich das anhören mag, so entstehen zum Beispiel öfter Paarbeziehungen, in denen die Frau größer als der Mann ist.“ Online-Dating kann also einen Raum bieten, sich von sozialen Konventionen zu lösen und durch Dates jenseits sozialer und gesellschaftlicher Klischees den eigenen Radius zu erweitern.

„Beim intellektuellen oder beruflichen Austausch funktionieren Videokonferenzen wunderbar. Meinem Körper kann ich aber nicht verständlich machen, dass er nicht mehr einsam ist, weil ich gerade per Videocallmit anderen Menschen spreche. Der Körper bleibt dabei, dass er einsam ist.“

Johanna Degen

Ernste Gedanken, Sorgen über die Zukunft und Überforderung in der Corona-Krise werden auch beim Online-Dating sichtbar. „Während der Pandemie geht es viel weniger um einen lustigen, coolen oder lockeren Eindruck beim Kennenlernen. Viel schneller werden ernste Themen wie Einsamkeit oder Angstbewältigung während der Pandemie besprochen“, sagt Johanna Degen.

Eine andere Erkenntnis aus Degens Studie: In der Pandemie hat die Sorge der User*innen nachgelassen, beim Gegenüber nur ein Date unter vielen zu sein. Das führt laut Degen dazu, dass die Leute eher in der Lage sind, die Dinge langsamer und entspannter anzugehen. Da es aktuell ohnehin nicht so einfach ist, Menschen kennenzulernen und zu treffen, werden die tatsächlich stattfindenden Treffen umso besonderer und bedeutungsvoller.

Andererseits können zwischenmenschliche Beziehungen und Vereinbarungen auch schneller ernster werden – weil beispielsweise kurz vor einer Ausgangssperre konkret besprochen werden muss, ob jetzt beide einfach nach Hause gehen oder noch den Abend miteinander verbringen. So können gewisse Themen eben nicht einfach dem Zufall überlassen werden.

Sind virtuelle Dates also eine Erweiterung der eigenen Optionen? Immerhin ermöglichen sie Menschen, die nicht in unmittelbarer Nähe leben, ein kurzfristiges Kennenlernen. Bei einer Umfrage der Dating-Plattform Once gaben 60 Prozent der Befragten an, auch nach Corona teilweise an virtuellen Dates festhalten zu wollen.

Johanna Degens Forschungsergebnisse allerdings zeigen, dass virtuelle Dates kein voller Ersatz für körperliche Nähe sein können: „Beim intellektuellen oder beruflichen Austausch funktionieren Videokonferenzen wunderbar. Meinem Körper kann ich aber nicht verständlich machen, dass er nicht mehr einsam ist, weil ich gerade per Videocallmit anderen Menschen spreche. Der Körper bleibt dabei, dass er einsam ist.“

Tinder prophezeit einen Dating-Sommer 2021

Zwar können sich Dates per Videoanruf viel intimer als ein Treffen im Café anfühlen, da sie direkt einen Blick in die private Wohnung der anderen Person gewähren und es dort außer den Gesprächspartner*innen keinen anderen Fokus oder Ablenkungen gibt. Dennoch können sie laut Johanna Degen keinen Ersatz zu Dates in persona darstellen. „Mensch-Technik-Beziehungen sind rein auf kognitiven Output fokussiert. Es geht nur darum, was die Person sagt. Es ist nicht möglich wahrzunehmen, wie Körper wirken, wie sich Körper zusammen anfühlen. Da geht eine ganze Menge Zwischenmenschliches verloren.“

Wärmere Temperaturen und gelockerte Kontaktbeschränkungen machen im Sommer, der vor uns liegt, Offline-Dating wieder möglich. Auch Match Group, der Mutterkonzern der Dating-Plattformen Tinder, Hinge und Ok Cupid, prophezeit mit Blick auf gestiegene Anmeldezahlen und vermehrten Hinweisen auf die eigene Impfung gegen Covid-19 in den Bios der User*innen einen wahren „Sommer der Liebe“. Hoffen wir mal, dass dies wirklich so kommen wird und jede*r die Flirts, Dates und Erlebnisse erfährt, die er*sie sich wünscht.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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