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Integration bedeutet Heimat

Immer die gleiche Debatte. Wir sollten uns auf das Gemeinsame besinnen und nicht das Trennende suchen.

 

Als kürzlich eine Kollegin bei mir im Büro stand und mich fragte, ob sie mich fragen dürfte, woher ich komme, antwortete ich ihr ohne zu zögern mit einem ja, natürlich. 

Ich habe sehr wohl die Debatte in den Medien verfolgt und nein, ich fühle mich nicht diskriminiert. Und ich liebe es gefragt zu werden. Mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, was in unserer heutigen Smartphone Zeit nicht mehr selbstverständlichlich ist. Denn mich kann ebenfalls nicht „einordnen“. 

Ich bin hier geboren und aufgewachsen, Deutschland ist meine Heimat und ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen wo anders zu leben. 

Als meine Eltern als Gastarbeiter in den 1970ern nach Deutschland kamen, wurden wir von einer Deutschen Familie aufgenommen, die uns wie ihre eigenen Kinder behandelt haben. Das spannende an der Sache war, dass sie bis zum Tod überzeugte Nationalsozialisten waren. Trotzdem wurden wir nie diskriminiert, oder schlecht behandelt. Im Gegenteil uns wurde die Liebe dieser Menschen zu teil, die sie nicht an ihre eigene Familie weitergeben konnten, da sie selbst keine Kinder hatten. 

Als ich mal gefragt wurde, woher ich kam, antworte mein Patenonkel: „Martina ist ein deutsches Mädchen“. Was ist denn nun dieses Deutsch sein? Identifiziert man sich mit der Sprache, der Kultur, oder dem Essen? Wenn ich Eisbein und Sauerkraut esse, bin ich dann Deutsch? Oder sind alle typisch Bio-Deutsche pünktlich und zuverlässig und trinken ununterbrochen Bier? 

Mein Vater liebte Heino, war im Schützenverein, unter all den blonden Männern stach er mit seinen pechschwarzen Haaren hervor.  Wir gehörten dazu. Selbstverständlich. Ohne überhaupt zu hinterfragen. Meine Mutter zog ein Dirndl an und wir Mädels auch. Als eine Mitschülerin mal zu mir sagte: „Du bist gar keine Deutsche“, antwortete ich ihr: „Doch, ich spreche Deutsch, also bin ich Deutsche.“ „Das stimmt nicht, du hast keine Deutschen Eltern, also bist du auch keine Deutsche“. sage sie. Ich konterte ihr: „Woher willst du denn wissen, dass du Deutsche bist, weißt du denn, woher deine Eltern kommen“? 

Wenn wir unsere Verwandten besuchten war ich stolz darauf, zig Bücher gelesen zu haben und ein bayerisches Dirndl anzuhaben. Ich war doch Deutsche, was interessierte mich die uralte Sprache, von der ich nicht mal die Hälfte verstand, denn zu Hause sprachen wir natürlich Deutsch. 

„Deine Eltern sprechen besser deutsch als andere Ausländer“, musste ich oft hören. „Wir sind doch keine Ausländer“, widersprach ich.  

In meiner Schulklassen, waren Türken, Spanier, Italiener, Griechen, Deutsch-Russen und Menschen kroatischer und serbischer Herkunft und natürlich schwäbisch-schwätzende Menschen. Ein Schmelztiegel der Kulturen. Nur zu Fußball Europa und Weltmeisterschaften war das Anderssein Thema, da wurden dann die Teams des jeweiligen Herkunftslandes angefeuert. Eine schöne Zeit. 

Als ich 20 war, fuhren wir in die Heimat meiner Eltern nach Südost-Anatolien. Ich sah zum ersten Mal meine Großeltern und somit auch die Heimat meiner Eltern. Da stand ein Kirchlein aus dem 4. Jahrhundert, das Vieh lebte im Hof des Wohnhauses. Alles war anders. Ich musste mithelfen, Wasser vom Brunnen holen, den Esel leiten, denn er wurde als Lasttier eingesetzt. Auf der Feuerstelle wurde Essen gekocht, Wäsche mit der Hand gewaschen werden, und trotzdem fühlte ich mich gleich wie zu Hause. Komischerweise war ich dort auf einmal die „Ausländerin“. 

 Wir machten eine Rundreise in die christlichen Dörfer, ich sah uralte Kirchen und bekam eine Gänsehaut. Wow, diese Kirchen sind ja soviel älter als das Ulmer Münster und der Kölner Dom. Und dann diese alte Sprache, die Jesus gesprochen hat. Das hier also ist meine Heimat, oder doch eher das Schwabenländle, in dem ich leben, oder das Lipperland, in dem ich aufgewachsen bin?

Zu Hause musste ich das erstmal alles verarbeiten. Es war, als ob in Anatolien die Zeit stehen geblieben war. Ich besorgte mir alles lesbare und vertiefte mich in die Geschichte meines Volkes und deren Geschichte. Ich verglich die Deutsche Geschichte mit der des Türkischen Volkes, welche doch leider in manchen Dingen sehr ähnlich ist. (Genozid und Vertreibung an Juden in Deutschland, in der Türkei an Armeniern, Aramäern und anderen Christen) 

Wie das so ist beim Erwachsenwerden, hinterfragt man sich, seine Herkunft, seine Religion, diskutiert und es sind immer noch Fragen offen. Aber für mich ist alles, wie es war. Deutschland ist meine Heimat, mein zu Hause. Meine Wurzeln liegen in Südost-Anatolien, ich bin stolz darauf die Sprache meiner Vorfahren zu sprechen und ebenso so glücklich dass ich diese vielseitige wunderbare Sprache Deutsch verinnerlicht habe.

Die dauernden Debatten um „das“ andere und „den“ anderen anders tut uns allen nicht gut. Wir sollten darüber diskutieren, was uns verbindet. Mit den Diskussionen um das anders sein, werden nach meiner Sicht Gräben aufgerissen, die es nicht geben sollte. Viele „Ausländer“ sehen sich längst als Deutsche, sind gut integriert, in Vereinen aktiv, selbständig, beschäftigen in Politik, in Ämter, Minister und haben untereinander geheiratet, Familien gegründet. Was ist denn typisch ausländisch? Der Döner, Gyros oder Cevapcici? Der Cappuccino? Was sind ausländische Tugenden? Hat nicht jeder seine eigene Tugend? Kann man nicht einfach machen und tun, anstatt immer nur zu diskutieren? Feste feiern, gemeinsam Essen kochen, miteinander lachen und trinken? Uns geht es verdammt nochmal so viel besser als dem Rest der Welt. Wir müssen das Verbindende suchen, nicht das Trennende. 

Das Damokleschwert der Rechten hängt längst über uns. Rassismus ist wieder modern, überall wird das „anders sein“ angefeindet. Suchen wir doch lieber den Zusammenhalt und die Verbindung. Europa war schon immer europäisch, ein Gemisch der vielen Völker und der Einwanderer. Und das nicht erst seit kurzem, sondern schon immer, seit es Geschichtsschreibung gibt. Das ist eine Stärke und darauf sollten wir uns alle besinnen. 

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