Bild: Netzwerk Feuerwehrfrauen e.V.

Katharina Kresse: „Wir sind immer wieder mit Einsätzen konfrontiert, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen“

Deutschlandweit gibt es nur 1,5 Prozent Frauen in der Berufsfeuerwehr. Wir haben uns mit Katharina Kresse über ihre Arbeit bei der Feuerwehr Remscheid unterhalten und sie zu ihrem Alltag befragt. 

„Man müsste den Beruf Feuerwehrfrau mehr in die allgemeine Wahrnehmung bringen“

Elegant die Feuerwehrstange herunterrutschen, neben den Dalmatiner auf den Löschzug springen und losdüsen zum nächsten Großbrand – so ungefähr könnte ein Film über das Leben als Feuerwehrmann starten. Doch wie sieht der Alltag bei der Feuerwehr wirklich aus? Vor allem: aus der Perspektive der einzigen Feuerwehrfrau auf der Wache?

Auf der Feuerwehrwache in Remscheid arbeiten rund 130 Feuerwehrmänner und eine Feuerwehrfrau: Katharina Kresse, Chefin der Wachmannschaften und stellvertretende Leiterin der Feuerwehr. 2001 trat sie der Freiwilligen Feuerwehr in ihrer Heimatstadt Duisburg bei, war von Beginn an begeistert und sah hier auch ihre berufliche Zukunft. Außerdem gehört sie zum Vorstand des Netzwerks Feuerwehrfrauen, welches sich zum Ziel gemacht hat, den Beruf auch für Frauen in die Öffentlichkeit zu rücken und schon in dem Bereich arbeitende Feuerwehrfrauen zu vernetzen.

Wir haben sie gefragt, wie man eigentlich Feuerwehrfrau wird, warum es gute Gründe dafür gibt und wie sich der 24-Stunden-Dienst mit dem Privatleben vereinbaren lässt. Und außerdem mit ein paar Klischees aufgeräumt.

Stimmt es, dass Frauen bei der Feuerwehr ihr Haar kurz und Männerkleidung tragen müssen?

„(lacht) Zu den Haaren: Nein. Ich hatte schon immer recht lange Haare und werde sie auch behalten. Bei der Feuerwehr arbeiten Frauen mit allen Konfektionsgrößen, mit langen und kurzen Haaren, in allen Farben. Auch aus Unfallverhütungssicht ist das kein Problem, denn die Haare werden einfach zusammengebunden und verschwinden so sehr gut unter der Schutzkleidung. Das mit der Dienstkleidung ist in Teilen noch wahr: Es gibt einige Hersteller*innen, die Damenkleidung produzieren, aber das sind meistens Maßanfertigungen. Oft sind die Beschaffer*innen bei der Feuerwehr nicht gewillt, Damendienstbekleidung zu kaufen, weil es mit einem Mehraufwand verbunden ist. Sie sagen dann so was wie ,hier Mädchen, nimm mal das, ziehst ein paar dicke Socken an und dann geht das schon‘ – das ist natürlich nicht zielführend, hat nichts mit Wertschätzung der Einsatzkraft zu tun und kann auch im Einsatz gefährlich werden.“

Bevor ich noch zu ein paar anderen Klischees komme, erstmal von vorne: Hattest du schon immer den Traum, Feuerwehrfrau zu werden?

„Die Feuerwehr hat mich schon immer fasziniert, ja. Meine Eltern waren erstmal überrascht über die Nachricht, weil niemand aus unserer Familie bei der Feuerwehr ist. Dann haben sie mich zur Freiwilligen Feuerwehr geschickt, um mir zu zeigen wie es denn da so aussieht. Vom ersten Tag an war ich hellauf begeistert und fühlte mich bestärkt, dass hier auch meine berufliche Zukunft sein sollte.“

Wie sah deine Ausbildung zur Feuerwehrfrau aus?

„Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung zur Rettungsassistentin gemacht, denn um die Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr zu beginnen, braucht man einen bereits erlernten Beruf. Das kann ein handwerklicher, medizinischer, rettungsdienstlicher oder auch kaufmännischer Beruf sein – man nennt es ,einen für die Feuerwehr dienlichen Beruf‘. Ich habe mich dann mit meiner Ausbildung für den mittleren Dienst beworben, das sind im Grunde die Kolleg*innen, wie man es sich klassisch vorstellt: die auf dem Löschfahrzeug sitzen und rausfahren. Hier habe ich meine Ausbildung zur Brandmeisterin gemacht und währenddessen meinen Masterabschluss im Bereich Rettungsingenieurswesen gemacht. Daraufhin folgte mein Brandreferendariat, das ist die Ausbildung für den höheren Dienst. Seit 2016 bin ich nun bei der Feuerwehr in Remscheid.“

Ist das der reguläre Ablauf bei der Ausbildung?

„Was ich an Stationen durchlaufen habe, ist die Regel. Ungewöhnlich ist bei mir der Weg, dass ich mit dem mittleren Dienst eingestiegen bin, den Beruf so von der Basis auf gelernt habe und dann noch ein Studium für den höheren Dienst absolviert habe. Klassisch wäre es, wenn man im mittleren anfängt und dort in der Regel verbleibt oder von Beginn an den höheren Dienst anstrebt.“

Abgesehen von der Ausbildung, dem Studium und dem Referendariat: Welche Kompetenzen oder Qualifikationen braucht man noch?

„Jedes Auswahlverfahren ist an einen körperlichen Eignungstest gekoppelt. Das heißt, hier werden alle Bewerber*innen getestet, ob sie körperlich fit sind und den sehr anspruchsvollen Beruf ausführen können. Der Test macht keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Bewerber*innen, da die Anforderungen im Einsatz auch an alle gleich sind.“

Sind dadurch vielleicht viele Frauen abgeschreckt und deswegen nicht an dem Beruf interessiert?

„Der Test ist machbar, aber als Frau muss man sich sicherlich intensiver vorbereiten. Im Vorwort steht, dass der Test genderneutral sein soll und sowohl von Männern als auch Frauen gleichermaßen geschafft werden kann. Jedoch steht da auch, dass der Test sich an einen durchschnittlich trainierten Mann und an eine überdurchschnittlich trainierte Frau richtet. Das kann durchaus abschreckend wirken, denke ich. Hier muss man eine Balance finden zwischen der richtigen Darstellung der Ansprüche und dass man damit niemanden abschreckt.“

Einmal die Woche Sport machen reicht wahrscheinlich nicht. Wie viel Sport machst du?

„Nein, normalerweise nicht. Ich mache eigentlich immer Sport, wenn ich 24 Stunden Dienst habe und gehe darüber hinaus regelmäßig joggen.“

Wie gestalten sich die 24 Stunden-Dienste? Was sind dann deine Aufgaben?

„Im mittleren Dienst sah mein Alltag immer relativ ähnlich aus: Man hat 24 Stunden Dienst und danach 48 Stunden frei. Morgens übernimmt jede*r seine Funktion, die im Dienstplan steht, und checkt seine Einsatzgeräte und sein Fahrzeug auf Funktionalität und Vollständigkeit – so weiß jede*r, was er*sie zu tun hat und ist einsatzbereit, wenn der Alarm losgeht. Dann gibt es noch Pläne auf den Wachen, was an bestimmten Tagen zu tun ist. Hier in Remscheid sind wir mit 31 Leuten rund um die Uhr im Dienst: Wir reparieren unsere Fahrzeuge, warten unsere Geräte, pflegen unser Mobiliar selbst – hier kümmern sich beispielweise Kolleg*innen, die aus dem KFZ-Bereich kommen, um die Fahrzeuge. Ganz wichtig sind die festen Zeiten für Aus-, Fortbildung und Teamsport. So erledigen wir bis zum Abend alles, was auf der Wache anfällt. Danach haben wir Bereitschaftsdienst, das heißt wir sind zwar noch auf der Wache, aber müssen keine festen Arbeiten mehr durchführen, sondern können die Zeit gestalten, wie wir wollen, bis morgens die nächste Wachabteilung übernimmt.“

24 Stunden zusammen sein klingt sehr anstrengend. Kommt es mal zu einem Lagerkoller oder seid ihr dafür ein zu eingespieltes Team?

„Ich glaube, dass jede Feuerwehrfrau oder -mann sagen würde, dass die Feuerwehr so etwas wie die zweite Familie ist. Das hört sich sehr pathetisch an, aber wir teilen eben Freud und Leid miteinander oder verbringen Feiertage zusammen auf der Wache. Natürlich ist man nicht mit jedem befreundet, das kann bei so vielen Leute natürlich auch nicht sein, aber es ist ein ganz besonderes Verhältnis, das wir untereinander haben. Natürlich bleiben Reibereien und Streit nicht aus, das ist klar.“

Und wie sieht es mit der „echten“ Familie und dem Privatleben aus? Ist es schwierig sich zu organisieren, wenn man 24 Stunden nicht daheim ist?

„Jetzt im höheren Dienst als Abteilungsleiterin habe ich ganz normale ,Büro-Job-Zeiten‘. Diese normalen Zeiten werden regelmäßig unterbrochen von den 24 Stunden-Einsatzdiensten – Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für mich daher sehr gut möglich. Es gibt nur ganz wenige Kolleg*innen, die den 24 Stunden-Dienst nicht mögen. Denn im Grunde ist es nicht so viel anders: Ich gehe nachmittags zwar nicht nachhause, aber habe dafür zwei Tage frei, die ich voll und ganz für Familie oder andere Sachen nutzen kann.“

Gibt es andere Gründe, die dich mal an deinem Beruf haben zweifeln lassen? Zum Beispiel sehr risikoreiche oder gefährliche Einsätze.

„Es gab Einsätze, die mir sehr lange nachgehangen haben und für die ich einige Wochen gebraucht habe, um sie zu verdauen. Wir sind alle immer wieder mit Einsätzen konfrontiert, die uns sehr nahegehen und die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der Einsatz, der mir am meisten zu schaffen gemacht hat, war der Mord eines Mannes an seiner Frau. Das hatte mich sehr beschäftigt, weil es das erste Mal war, dass es kein Unfall, Zufall oder Pech war, sondern jemandem bewusst etwas angetan wurde. Doch an meinem Beruf habe ich deswegen nie ernsthaft gezweifelt und für mich kommt auch gar kein anderer in Frage.“

Was bestärkt dich so in deinem Beruf?

„Es ist so schön, wenn man merkt, dass man Menschen direkt helfen konnte. Bei vielen Einsätzen ist es tatsächlich so, dass wir irgendwo hinkommen und etwas direkt besser machen konnten. Das ist jeden Tag so eine kleine Bestätigung. Noch schöner ist es, wenn wir irgendwann mal erfahren, wie es den Betroffenen nach unserem Einsatz noch ergangen ist: Manchmal kommen Briefe oder Menschen mit einem Kuchen vorbei und man sieht, wie sie sich wieder erholt haben und gesund geworden sind.“

Dein zuvor kurz beschriebener Einsatz hatte nichts direkt mit einem Feuer zu tun und das bringt mich zu meinem nächsten Klischee: Alle Einsätze der Feuerwehr haben auch wirklich etwas mit Feuer zu tun – dabei machen diese Einsätze nur drei Prozent aus. Welche Einsatzorte habt ihr überwiegend?

„In Remscheid fahren wir ungefähr 25.000 Einsätze jedes Jahr und 90 bis 95 Prozent sind Rettungsdiensteinsätze. Die tatsächlichen Feuer sind keine tausend Einsätze im Jahr. Wir machen so vieles, eben die Rettungsdienste oder wir helfen bei Überschwemmungen und ähnlichen Ereignissen Brände löschen ist eigentlich fast eine Nebenerscheinung geworden.“

Wirst du als Feuerwehrfrau oft mit Klischees über Frauen konfrontiert? Dass du zu schwach seist für den Beruf, zu emotional oder was Frauen in deinem Beruf vielleicht noch alles nachhängt?

„In meiner jetzigen Position sagt das keiner mehr, weil ich die stellvertretende Chefin bin (lacht). Nein, im Ernst: Jetzt gerade höre ich so etwas nicht. Während meiner Zeit im mittleren Dienst war ich einfach eine aus der Mannschaft und da gab es auch mal doofe Sprüche. Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen und muss einfach mal den passenden Spruch zurückgeben. Zudem: Nicht jede*r kann alles und jede*r hat Punkte, in denen er*sie besser oder weniger gut ist. Meine Erfahrung war, wenn Kollegen sehen, dass ich alles gebe, was ich kann und dann doch mal was nicht klappt, dann war das kein Problem. Mir ist sofort Hilfe angeboten worden und genauso habe ich meine angeboten, wenn woanders Hilfe gebraucht wurde. Aber ja, solche Sprüche gibt es und bestimmt auch gemeine, ernstgemeinte Sprüche.“

Wahrscheinlich könnte man den Klischees super entgegenwirken, wenn ein paar mehr Frauen auf den Wachen wären. Was würdest du sagen, wie man mehr Frauen in den Nachwuchs holen könnte?

„Man müsste den Beruf Feuerwehrfrau mehr in die allgemeine Wahrnehmung bringen. In Filmen, Büchern oder Spielen tauchen mittlerweile zwar immer mehr Feuerwehrfrauen auf, aber es ist eben noch nicht die allgemeine Denkweise, dass die Feuerwehr auch ein Beruf für sie ist. Wenn Kinder mit diesem Wissensdefizit groß werden, dann kann es für Mädchen oder junge Frauen natürlich kein Berufsziel sein. Je mehr wir es in die Allgemeinheit tragen, desto besser kann es werden.“

Noch ein Klischee: Ihr werdet von allen als Held*innen gefeiert. Wie sind wirklich die Reaktionen, wenn du von deinem Beruf erzählst?

„Ich werde immer erstmal mit großen Augen angeschaut und gefragt, ob ich in der Verwaltung arbeite oder wirklich zu Einsätzen mit rausfahre. Diese Fragen passen dazu, dass vielen nicht bewusst ist, dass auch Frauen diesen Beruf ausüben können. Wenn sie dann verstehen, dass ich eine richtige Feuerwehrfrau mit Helm und allem bin, dann ist schon meistens Respekt und auch ein kleiner Teil Bewunderung und Anerkennung da. Es kommt aber auch vor, dass uns Leute im Einsatz negativ gegenübertreten – es passiert, dass wir angepöbelt, beleidigt oder an unseren Einsatzmaßnahmen behindert werden. In solchen Situationen spielen wir dann nicht die Held*innen, sondern sind darauf geschult, vor allem die eigene Gesundheit und Unversehrtheit sicherzustellen.“

Die letzten Film-Klischees, die ich habe: Ihr habt immer einen Dalmatiner dabei, rutscht gekonnt die Feuerwehrstangen herunter und wo Feuer ist, sind auch viele Explosionen.

„In Filmen passiert jeden Tag ein Großbrand mit Explosionen, das ist bei uns nicht so – die Realität wäre wahrscheinlich zu langweilig. Der Alltag bei uns sind die vielen kleinen Einsätze, die sich immer wiederholen. Die Feuerwehrstangen gibt es noch, die werden wir auch weiterhin behalten. Nur einen Dalmatiner habe ich noch nicht auf der Wache gesehen (lacht).“

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