Warum ich früher nicht auf die Bühne wollte und sie heute liebe

Schon immer hatte unsere Autorin viele Ideen, wie Dinge anders oder besser funktionieren. Aber auf die große Bühne traute sie sich nicht – bis sie nach einer Begegnung radikal umdachte. Die Introkolumne von Nora-Vanessa Wohlert

Heute erreichen uns bei EDITION F fast täglich Anfragen: für Interviews, Einladungen auf Bühnen zu sprechen, Teil von Initiativen zu werden. Und wir entscheiden uns oft auch proaktiv, Themen mit anzustoßen, positionieren Themen über unsere Eventformate und eigene Texte, oder einfach nur über einen Post bei Linkedin oder Instagram.

Mittlerweile kann ich meist aus dem Bauch heraus sagen, ob ich zu einem Thema gerne Position beziehen will. Doch das war nicht immer so. Früher habe ich oft schon, wenn ich bei einer Diskussionsrunde eine Frage stellen wollte, feuchte Hände bekommen. Vielleicht kennt ihr das auch: Alleine sich zu melden fühlte sich für mich schon nach Kraftanstrengung an. Die Zeit des Wartens, die Zeit, bis ich drankommen sollte, konnte ich mich kaum noch auf das Gespräch konzentrieren.

Vor 2012 war ich, was Bühnen und Moderationen angeht, ziemlich zurückhaltend, und habe das für mich auch gar nicht hinterfragt. Klar, in der Uni mal einen Vortrag oder im Job vor kleiner Runde, aber nichts Großes. Etwas hielt mich unsichtbar zurück.

Auf der DLD Women 2012 hatte ich mein Schlüsselerlebnis. Von einem Tag auf den anderen ging ich ziemlich radikal an, was ich mich vorher nicht getraut hatte.

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Die Introkolumne zum Anhören, vorgelesen von Nora

Auf der Bühne: Frauen wollen 100 Prozent überzeugen

Ich war zum ersten Mal auf einer Frauenkonferenz und die Inhalte und die Stimmung waren wirklich gut. Auf einmal hatte sich mein gewohntes Bild umgedreht. Auf der Bühne saßen 90 Prozent Frauen und im Publikum auch. Wo sind all diese Frauen sonst?, fragte ich mich.

Nebenbei begann ich auf der Konferenz in München ein Gespräch mit der Werbe-Ikone Cindy Gallop über die Hintergründe des Frauenmangels auf den üblichen Konferenzen. Cindy bat mich, an mich selbst zu denken: „Auf wie vielen Konferenzen hast du selbst bereits gesprochen?”, fragte sich mich. „Auf keiner“, musste ich antworten. „Siehst du“, entgegnete sie. „Und wie oft wurdest du schon gefragt, ob du sprechen kannst?“ Ich musste schlucken. Ich war seit etwa einem Jahr neu in meiner Rolle als Redaktionsleiterin bei Gründerszene und ich war mindestens 20-mal gefragt worden, ob ich sprechen könnte zu Themen wie Venture Capital, der Berliner Startup-Szene oder Startups & Politik. Doch immer hatte ich nein gesagt. Wieso bloß?

„Frauen gehen nur auf die Bühne, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher fühlen“, sagte mir Cindy Gallop, und es steckt viel Wahres in diesem Satz. Gerade, wenn man noch nicht ganz so viel Bühnenerfahrung hat und andere erst überzeugen möchte. Während Männer sich oft über die Bühne und den großen Auftritt freuen, machen sich Frauen nach meiner Erfahrung mehr Gedanken über ihre Expertise. Den Vortritt bei allen 20 Anfragen hatte ich immer jemand anderem gegeben. Doch warum?

Die Challenge: Bühnen nutzen!

Etwas hatte mich für mich unsichtbar zurückgehalten. Es war eine Mischung aus Angst, nicht genug zu wissen, Angst, schlecht bewertet zu werden und dem mir vermittelten Gefühl, dass ich vielleicht noch nicht bereit bin. Vermittelt von Menschen aus meinem beruflichen Umfeld und von mir selbst bestätigt. Selten war ich zuvor darin bestärkt worden, mir so etwas wie ein Interview oder einen Bühnenauftritt zuzutrauen, und aus eigener Kraft heraus hatte ich mich nicht getraut. Als mir das auffiel, nahm ich mir als Chefin vor: Künftige Kolleg*innen und mein Umfeld besonders zu stärken, sie zu ermutigen, sich zu trauen, auf die Bühnen, auch wenn es vermeintlich Lücken gibt. Doch erst einmal musste ich mit mir selbst beginnen.

Ich stellte mir eine persönliche Challenge für die nächsten zwölf Monate, alle Angebote auf Bühnen zu sprechen anzunehmen, wenn mich nur meine Angst zurückhält. Auch wenn es wahnsinnig abgedroschen klingt: Mit der Übung kam die Sicherheit.

Die Übung führte dazu, dass ich mittlerweile die Momente auf der Bühne, in Podcasts oder Interviews, zu den wertvollsten Momenten für mich in meinem Leben zähle. In den vergangenen acht Jahren habe ich für mich meine Themen, Kanäle und Formate gefunden, mit denen ich mich wohlfühle und bei denen ich das Gefühl habe, ich kann inhaltlichen Wert stiften. Auf dem Höhepunkt meiner Challenge saß ich auch mal zu Themen auf der Bühne, zu denen ich eigentlich kaum etwas hätte sagen können, eine Mischung aus Vorbereitung und Überlegungen, was ich unbedingt zum Thema beitragen will, machten auch diese Diskussionsrunden für mich möglich. Spaß und Erfüllung sind für mich bei dem ganzen Thema am zentralsten.

Nicht immer geht es gleich um die große Bühne auf einer Konferenz. Die Positionierung des eigenen Könnens und der Themen, die dir wichtig sind, können im Kleinen anfangen, in deinem Freund*innenkreis, indem du bei einem Meeting präsentierst, deine Social-Media-Kanäle nutzt. Jeder Schritt kann für dich im Unternehmen oder als Selbstständige*r wichtig sein, oder noch größer gedacht, Teil deines Berufs werden.

Müssen wir jetzt alle zur Marke werden?

Hunderte unterschiedlicher Begriffe gibt es für das, was wir euch diesen Monat näherbringen wollen: Personal Branding, das „Ich als Marke“, Positionierung, Agenda Setting. In den vergangenen vier Wochen habe ich gespürt, dass viele der Gedanke abschreckt, sich selbst zu positionieren, vor allem oft diejenigen, die eigentlich schon eine eigene Marke aufgebaut haben und diese für ihre Themen nutzen. Will ich eine Marke sein, um mich zu positionieren? Kann ich das, muss ich das? Und was bedeutet das eigentlich?

  • Unsere Chefredakteurin Mareice, die ganz bewusst öffentlich für Themen steht, hat sich im ersten Moment nicht so wohl mit dem Thema gefühlt.
  • Waldemar Zeiler, der Gründer von Einhorn, sagte mir, dass ihn die Idee des „Ich als Marke“ abstößt, dabei nutzt das Einhorn-Team die persönlichen Kanäle sehr intensiv, um wichtige Themen zu positionieren.
  • Eine gute Bekannte, die für Facebook arbeitet, schrieb mir, dass sie Sorge habe, dass bei dem Thema plötzlich alle unter Druck geraten: Muss ich jetzt ständig posten? Zählt meine Meinung nur, wenn ich sie Edelfeder-like in Kolumnenform verpacke? Scheiße, wofür stehe ich eigentlich?

Der Gedanke, sich selbst in den Vordergrund zu stellen, schreckt viele erst einmal ab. Dabei soll es gar nicht darum gehen, dass wir jetzt alle ständig und überall Position beziehen, selbst im Fokus stehen müssen, darum, dass der Weg nach oben nur noch möglich ist für die, die möglichst laut sind. Es geht uns darum, dass ihr für euch die richtigen Tools an die Hand bekommt um darüber nachzudenken, wie viel Öffentlichkeit sich für euch richtig und gut anfühlt, die Instrumente, Intensität und Wege für sich selbst auszuloten, denn wenn ihr wollt, könnt ihr Instrumente und Kanäle nutzen, um für die Themen, die euch wichtig sind, Öffentlichkeit zu bekommen.

In diesem Intro schreibe ich euch dazu ein paar erste Gedanken auf, schau unbedingt auch bei unserem monatliche To-do mit Christina Richter vorbei. Das Worksheet von Christina wird dir helfen, dir einen Plan zu machen.

Wie findest du die Themen, für die du stehen willst?

Am Anfang steht die Frage, bei welchen Themen du Lust hast, dich öffentlich zu positionieren und bei welchen Themen es für dich beruflich und strategisch Sinn machen könnte, mehr Öffentlichkeit zu bekommen. Oft werden das Themen sein, die mit deinem Jobprofil zusammenhängen und bei denen du dir eine Expertise aufbauen willst oder bereits eine hast. Nicht immer werden das für alle Zeiten die gleichen Themen sein, genau wie du entwickeln sich Themen im Laufe der Zeit weiter, verändern sich.

Stell dir die Frage: Was macht dich aus? Bei welchen Themen entwickelst du eigene Gedanken und willst einen Beitrag leisten?

Wie findest du heraus, wen du erreichen willst?

Menschen folgen verstärkt Menschen, nicht mehr nur Themen, Marken oder Medien. Wenn du einen relevanten gesellschaftlichen Beitrag leisten möchtest oder berufliche Schritte vorbereiten willst, kann dir eine öffentliche Positionierung dabei helfen, wahrgenommen zu werden, und die Themen auf die Agenda zu setzen, die dir im Diskurs wichtig sind. Persönlich hilft dir die öffentliche Kommunikation dabei, als Expert*in wahrgenommen zu werden, was wiederum dazu beitragen wird, für deinen Arbeitgeber*in, künftige Jobs, potenzielle Kund*innen oder Medien sichtbarer zu werden. In vielen Bereichen nutzen Persönlichkeiten Social Media, Medien oder Bühnen, um sich eine Marke aufzubauen. Autor*innen wollen ihre Bücher verkaufen, Chef*innen neue Mitarbeiter*innen oder Kund*innen gewinnen, Politiker*innen Wähler*innen oder Medien erreichen, Expert*innen und Aktivist*innen ihre Themen auf die Agenda setzen und so mehr Aufmerksamkeit bekommen und so weiter.

Stelle dir die Frage: Wer ist deine Zielgruppe, und wo kannst du sie besonders gut erreichen? Welche Social-Media-Kanäle sind sinnvoll? Welche Konferenzen? Welche Medienkanäle (Blog, Linkedin, Artikel in klassischen Medien, Buchpublikation)?

Wie entscheidest du, wo du sichtbar werden willst?

Wenn du dich fragst, ob und wie du anfangen kannst, dich sichtbarer zu machen, dann hast du unendlich viele Möglichkeiten. Am Anfang steht sicher die Frage, wo du dich besonders wohlfühlst. Kannst du gut Texte schreiben? Bist du gerne auf Bühnen? Fühlst du dich in Videoformaten besonders wohl? Hast du ein starkes Netzwerk? Was macht dich aus?

Ganz klar ist, du wirst vermutlich nicht schaffen, Linkedin, Instagram, Twitter, Facebook, ein eigenes Blog, Medium und Co alle gleichermaßen zu bespielen, nebenbei noch eine Kolumne zu schreiben, Wortführer*in in wichtigen Netzwerken zu sein, im Unternehmen relevante Themen anzustoßen und auf den zehn wichtigsten Konferenzen zu sprechen. Nimm dir diesen Druck ganz klar raus. Es ist besser, sich auf wenige Kanäle zu konzentrieren und diese regelmäßig zu bespielen, mit eigenen Ideen, Texten und Kommentaren und mit Inhalten, die du selbst teilst, weil du sie als wertvoll betrachtest.

Stelle dir die Frage: Wo erreiche ich die Personen, die ich erreichen will und mit welchen Formaten fühle ich selbst mich am wohlsten?

Wie baust du dir das Netzwerk auf, das dir hilft?

Ohne mein Netzwerk ginge nicht besonders viel. Klingt radikal, aber es ist viel dran. Ich habe unendlich viele Tipps bekommen auf dem Gründerinnenweg, aber auch Tipps weitergegeben. Habe Kontakte genutzt, um besondere Menschen auf die Bühnen bei unseren Konferenzen zu bekommen, und um die Themen öffentlich zu positionieren, die uns wichtig sind, sei es bei Konferenzen oder in Medien. Oft schon haben auch über Social Media die Themen, die wir anstoßen wollten, nur dann viel Reichweite bekommen, wenn wir wichtige Multiplikator*innen früh eingebunden haben. Netzwerken ist dabei natürlich ganz klar: Geben und Nehmen. Es lohnt sich deshalb immer, auch mal jemandem einen Gefallen zu tun, der*die vielleicht noch nichts für dich getan hat, wichtig ist aber auch, Nein zu sagen, wenn es zu viel wird oder etwas nicht zu dir passt.

Nimm auch gerne proaktiv Kontakt auf mit Publikationen, Speaker*innenagenturen, oder Konferenzveranstalter*innen, nicht immer werden Leute proaktiv auf dich zukommen.

Stelle dir die Frage: Wie kann ich mir ein sinnvolles Netzwerk aufbauen? Über welche Wege halte ich regelmäßig Kontakt? Wen in meinem Netzwerk kenne ich, der*die mir bei meinen Themen helfen könnte?

Ganz egal, welchen Weg du einschlägst, du musst keine Marke sein, du kannst einfach du selbst sein.

Auf Sendung! Wie du dich und deine Themen positionierst – alle Inhalte

Du willst noch mehr Input zum Thema – Podcasts, Texte und Gedanken? Alle Inhalte aus dem Themenschwerpunkt findest du jederzeit auf unserer Überblicksseite. Hier geht’s lang

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