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Ist das jetzt Mut?!

Vor einem Monat war er auf einmal da – mein letzter Arbeitstag in meinem festen Job. Ich hatte im November meine unbefristete Stelle gekündigt; weil ich einfach nicht mehr so weitermachen konnte wie bisher. Damals fühlte es sich noch so an, als wäre dieser Tag milchstraßenweit entfernt; und dann klopfte er plötzlich an die Tür. Und irgendwie fühlte er sich dann ganz anders an – da war keine Angst, keine Melancholie, einfach nur eine innere Zufriedenheit.

 

 Wow, du bist aber mutig 

Als ich aufwachte, strahlte die Sonne, der Himmel war blau – ich gönnte mir noch ganz in Ruhe einen Kaffee im Bett. Heute würde nicht mehr viel passieren, noch ein paar Gespräche, die letzten Dinge vom Schreibtisch räumen und ein nettes Beisammensein mit meinen Kollegen – eine kleine
Abschiedsfeier. Ich merkte, wie die innere Zufriedenheit in mir aufstieg. Ich genoss Schluck für Schluck meinen Kaffee und fühlte mich komplett bei mir angekommen. Ich horchte noch einmal tief in mich hinein, auf der Suche nach einem Gefühl: irgendwo muss es doch sein, diese Angst; die Angst, dass ich scheitern könnte; die Angst, um meine Existenz; die Angst, dass ich irgendwas nicht beachtet habe. – Ich konnte sie aber einfach nicht finden. 

So stand ich dann auch ein paar Stunden später vor meinen Kollegen und sorgte mit dem Satz „Ich werde bald 30, daher musste ich mich jetzt entscheiden. Manche gründen dann eine Familie, ich habe mich fürs Business entschieden.“ Für ein amüsantes Lachen.  

Ja, es fiel mir nicht schwer, loszulassen – der Struktur, der Sicherheit und dem Status adé zu sagen. Dennoch kamen die Kollegen dann auf mich zu und wünschten mir für meine Zukunft, für meine Pläne und meine Ideen alles Gute und bewunderten mich für meinen Mut; den Mut, diesen großen Schritt jetzt zu wagen.  

Tatsächlich wusste ich gar nicht richtig, wie ich darauf reagieren sollte – ich fühlte mich keineswegs mutig. Für mich war es einfach nur eine logische Konsequenz aus dem letzten Jahr. Ich musste auf mein Herz hören. Meine Leidenschaft fürs Coaching konnte ich einfach nicht mehr unterdrücken. Jedes Mal, wenn ich andere Menschen inspirieren, berühren oder zum Neudenken anregen konnte, explodierte eine Wundertüte an Glücksgefühlen in meinem Körper. – Und das kann süchtig machen.  

Auf der anderen Seite merkte ich, dass ich meinen Job zwar mochte und ich auch gern an den Projekten arbeitete; aber irgendwie hatte es seinen Reiz verloren. Ich habe viel gelernt, ich konnte viel ausprobieren, aber ich brauchte was Neues. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich würde in einem
Glashaus sitzen und zusehen, wie draußen die Welt blühte. Ich wollte raus, ich wollte diese bunte Welt entdecken und gestalten.  

Somit zog mich das eine also magisch an und das andere ließ mich in Ruhe gehen. Gefühlt war da für mich nichts mit Mut, ich bin einfach den Weg weitergegangen.  

 

Was ist also Mut? 

Wie heißt es immer „Mut ist, wenn man Angst hat, und es trotzdem macht“. – Mut ist also was ganz individuelles, für den einen ist ein Schritt mutig; für den anderen nicht, weil einfach die Angst nicht da ist. 

Ich habe schon früher immer wieder gemerkt, dass mir Sicherheit nicht so wichtig ist; dass ich mich stattdessen nach Freiraum und Selbstverwirklichung sehne. Vielleicht liegt es daran, dass bisher immer irgendwie alles geklappt hat und ich jetzt aus Naivität vertraue, dass wieder alles klappt- rein nach dem Motto „was soll schon passieren, ich werde schon nicht unter der Brücke landen“. Demnach ist da keine Angst, ich würde es eher als Respekt bezeichnen. Also ist die Selbstständigkeit für mich auch nicht mit Mut verbunden, sondern mit ganz viel Freiraum. 

 

Wo war ich aber mutig?  

Aufgrund dieser Erfahrung an meinem letzten Arbeitstag habe ich dann mal überlegt, wo ich mich mutig gefühlt habe. Welche Situationen habe ich gemeistert, obwohl ich Angst hatte. Und vermutlich werden jetzt gleich ein paar von euch lachen.  

Ich fand mich viel mutiger, als ich einen Freund nach der Telefonnummer seines Kollegen gefragt habe, weil ich ihn ganz attraktiv fand. Und das war für mich schon ein mutiger Schritt; ich hätte mich nie im Leben getraut ihn persönlich bei der Party anzusprechen.  

Und ich kann mich auch noch daran erinnern, als ich vor drei Jahren ganz spontan eine Skireise gebucht habe, mit 50 fremden Personen. Kurz vor der Abreise hatte ich so eine Angst, ich habe mich den ganzen Tag verrückt gemacht und hätte am liebsten alles noch in letzter Sekunde gecancelt. Ich musste mir wirklich die ganze Zeit gut zureden: „Was soll dir schon passieren?
Wenn es wirklich schlimm sein sollte, kannst du ja jederzeit mit dem Zug wieder zurück fahren. Das wird bestimmt toll, komm trau dich.“ – Ja dieses Selbstgespräch habe ich den ganzen Tag mit mir geführt.  

Zum Glück bin ich in den Bus gestiegen. Der Urlaub war toll und ich bin wieder ein bisschen gewachsen. Auf dem Weg zurück war in meinem Koffer nicht nur die Schmutzwäsche, sondern auch ganz viel neues Selbstvertrauen und unvergessliche Momente.  

Aber ein paar Jahre zuvor, ging eine ähnliche Situation nicht so aus. Ein Bekannter hatte mich gefragt, ob ich mit Freunden von ihm mit in den Winterurlaub fahren wollte. Ich habe gleich begeistert ja gesagt und dann kroch Tag für Tag die Angst in mir hoch. Und tatsächlich habe ich eine Stunde vor Abfahrt meinen Reiseplatz verfallen lassen, der Bus fuhr ohne mich los; ich saß stattdessen mit meinen gepackten Sachen erleichtert auf meiner Couch – ich hatte mich einfach nicht getraut. Die Angst war zu groß.  

 

Was bedeutet für dich Mut? 

Du siehst also, für jeden von uns ist Mut etwas anderes und vielleicht werden wir auch mutiger. Die Angst wird nicht immer kleiner, im Gegenteil, beim zweiten Urlaub war noch viel mehr Ungewissheit im Spiel, aber ich hatte in den Jahren dazwischen schon viel mehr Selbstvertrauen getankt, so dass ich mutig genug war.  

Wo warst du also schon in deinem Leben mutig? Was hast du für dich aus den Situationen mitgenommen und wo wärst du gern ein bisschen mutiger? 

Und noch ein Tipp zum Schluss: Wenn die Angst doch manchmal zu groß erscheint, frage ich mich immer „Was ist das Schlimmste, was dir passieren kann? Und kannst du damit leben?“ 

Und meist merken wir dann, dass dann alles viel kleiner erscheint als vorher; dass wir eigentlich in Sicherheit baden. 

Daher: Trau dich und genieße das Leben – das Schöne ist, du wirst immer was dabei lernen und wachsen.  

Dieser Artikel ist auch auf meinem Blog veröffentlicht. Hier teile ich immer wieder mal meine Gedanken, Erfahrungen und Inspirationen mit dir. 

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