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Paartherapie: „Es ist wichtig, nicht nur Sex zu haben, sondern auch darüber zu reden”

Was passiert eigentlich in einer systemischen Paartherapie? Ein Interview unserer Community-Autorin mit der Therapeutin Birgit Neumann-Bieneck.

Birgit Neumann-Bieneck ist Diplom-Sozialpädagogin, Paar-und Sexualtherapeutin mit eigener Praxis und Lehrende für Systemische Therapie und Beratung und Systemische Familientherapeutin: Im Interview hat unsere Community-Autorin mit ihr darüber gesprochen,  wie sie arbeitet, was in einer Paartherapie wichtig ist und warum wir dringend offen über unser Sexleben sprechen müssen.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen in die Praxis?

„Mit allen Themen, die Paare betreffen: Konflikte, Kommunikationsschwierigkeiten, Probleme mit Nähe und Distanz. In einer Partnerschaft entwickeln sich die Einzelnen oft in unterschiedlichem Tempo, unterschiedlichen Richtungen etc. Hinzu kommen krisenhafte Situationen: Die Geburt des ersten Kindes, der Auszug der Kinder, der Tod eines Elternteils,
nahen Angehörigen oder einer*s Freundin*es. Trauer kann sehr unterschiedlich empfunden und verarbeitet werden. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes kann sich auf das Paarsein auswirken. Das kann nicht nur am Selbstbewusstsein kratzen, sondern schlägt manchen Menschen auch auf die Libido. Überhaupt ist die Arbeit in unserer schnellen Gesellschaft ein häufiges Thema: Der Eine arbeitet ganz viel, da fehlt die Präsenz. Der Andere hat die Arbeit verloren. Der Dritte empfindet hohen Leistungsdruck.”

Kommen die Leute auch zu Ihnen, weil sie meinen, einfach mehr Sex haben zu müssen?

„Es gibt natürlich Paare, die sich explizit wegen ihrer Sexualität – oder dem Mangel daran – bei mir melden. Was tun, wenn das letzte Kind ausgezogen ist, die Partner nicht mehr nur Eltern sind, sondern wieder ein Paar: Wie geht man damit um? Oder Paare jenseits der 70, die sich fragen: Wie können wir noch eine erfüllende Sexualität erleben?

Nirgendwo wird so viel gelogen wie in den Sexualstatistiken. Die Leute schummeln selbst, weil sie glauben, das ist die Norm. Hinzu kommt, dass in unserer sexualisierten Gesellschaft Praktiken wie beispielsweise S/M offen besprochen werden. Manche denken deshalb, sie seien nicht ,richtig’, wenn sie selbst das nicht wollen. Überall findet man Pornos. Die haben aber oft mit einer gelebten Sexualität nichts zu tun. Deshalb finden auch ganz junge Menschen den Weg zur Paar- und Sexualtherapie. Sie werden medial überschüttet, und fühlen sich verunsichert. Einige von ihnen landen in der Asexualität, Andere leben ihre Sexualität exzessiv aus. Grundsätzlich gilt: Alle, die meine Praxis aufsuchen, haben Leidensdruck.

Und wer kommt noch zu Ihnen?

„Eine andere Gruppe sind Menschen in den 30ern, beide höchst erfolgreich im Beruf. Sie übertragen ihr Leistungsdenken auf den Sex und setzen sich selbst unter Druck. Das Ergebnis: Die Sexualität ist auf dem Nullpunkt. Was bedeutet das für das Paar? Wie gehen sie damit um? Wie können Sie Wege finden, um für sich einen erfüllenden erotischen Raum zu öffnen?”

Sie sind ja nicht nur Paar- und Sexualtherapeutin, sondern auch Familientherapeutin. Laut Statistik geraten bis zu 70 Prozent der Paare, die eine Beratung in Anspruch nehmen, nach der Geburt eines Babys in Beziehungsschwierigkeiten. Ist das auch Ihre Erfahrung?

„Das ist ein großes Thema, ja. Von der Zweisamkeit in die Triade zu gehen ist eine große Veränderung; einige Paare stolpern darüber. Deshalb ist es einfach gut, eine Begleitung in dieser Phase zu suchen.”

Und erleben Sie es in Ihrer Praxis, dass Paaren die Sexualität und die Lust abhandenkommen, sobald Kinder da sind?

„Es verändert sich etwas. Manche Frauen haben wegen der 24-Stunden-Präsenz keine große Lust mehr auf Sex. Es stellt sich das Gefühl ein: Jetzt soll ich noch was leisten, noch mehr geben. Die Männer dagegen haben schon noch Lust, nur findet ihre Lust eben keinen Raum. Es ist eine Phase, in der eher Männer fremdgehen. Weil sie das Gefühl haben, nur noch als Ernährer/Vater gesehen zu werden. Frauen fühlen sich nicht mehr so attraktiv wie vor der Geburt. Als Therapeutin helfe ich dem Paar, Räume für gegenseitiges Verständnis zu schaffen und sich in den neuen Rollen zurechtzufinden. Was Ihre Sexualität angeht, findet auch eine Veränderung statt. Ich unterstütze das Paar, neue Wege zu gehen und kreative Ideen des Miteinanders zu finden.”

„Ganz wichtig ist es, nicht nur Sex zu haben, sondern darüber zu reden.”

Gibt es weitere Lebensphasen, die als schwierig in Bezug auf Lust und Sexualität gelten?

„Auch in der sogenannten Mitte des Lebens, so zwischen 45-55 Jahren, findet eine große Veränderung statt. Frauen wie Männer durchleben den hormonellen Wechsel und das hat eine Auswirkung auf die Sexualität. Manche Frauen haben überhaupt keine Lust mehr und wollen auch keine Sexualität mehr leben, anderen Frauen erleben eine ganz lustvolle Phase. Bei Männern kann es zu einem Abnehmen oder Verlust der Potenz kommen. Auch das kann sich auf die Lust auswirken. Hier stellt sich die Frage: Wie möchte ich in dieser Lebensphase meine Sexualität leben? Hier unterstütze ich die Paare, ihre Sinnlichkeit neu zu entdecken. Und ganz wichtig ist es, nicht nur Sex zu haben, sondern darüber zu reden. Viele meiner Klienten haben bereits eine Paartherapie gemacht, über Sexualität wurde dort aber nicht gesprochen. Dieses Tabugefühl sollte aufgelöst werden! Sexualität ist etwas ganz Normales und für fast alle von uns eine wichtige Lebensenergie.”

Welche Rolle nehmen Sie als Paar- und Sexualtherapeutin ein? Und wie schaffen Sie es, neutral zu bleiben und Distanz zu wahren?

„Als Person kann ich nicht neutral sein, aber der Kontext ist für mich neutral und ich bin allparteilich den Personen gegenüber. Als Systemikerin werte ich nicht. In der Triade einer Paarberatung bedeutet es viel Arbeit, draußen zu bleiben und sich nicht in die Paardynamik reinziehen zu lassen – das ist wichtig. Viel Berufserfahrung hilft, die Neutralität zu wahren.”

Glauben Sie, dass eine Paar- und Sexualtherapie immer durch ein Therapeutenpaar betreut werden muss?

„Ganz klar: Nein. Auch wenn in der Regel immer ein Geschlecht überrepräsentiert ist. Man muss einfach sehr wach und sehr transparent sein. Von meinen männlichen Klienten habe ich oft die Rückmeldung erhalten, dass sie sich einer Frau besser öffnen können, speziell, wenn es um sexuelle Themen geht. Aber letzten Endes geht es um die Person, nicht das Geschlecht des Therapierenden.”

Es gibt ja eine ganze Reihe von Modellen in der Paar- und Sexualtherapie. Was ist das Besondere an der Systemtheorie?

„Der Systemische Ansatz zeichnet sich durch Wertneutralität aus. Und alles, was von außen kommt, beziehen wir mit ein. Es geht nicht um richtig oder falsch. Außerdem arbeiten wir nicht störungsfokussiert. Wir orientieren uns an dem, was da ist: den Ressourcen und den Kompetenzen eines Paares. Die Lösung hält das Paar selbst in den Händen. Als systemische Therapeutin gebe ich Impulse und stelle Fragen, um so das Paar in die Handlungswirksamkeit zu bringen. Verhaltenstherapeuten arbeiten unter anderem mit einem Konzept, Systemiker hingegen ganz individuell.”

Was sind die größten Fehler, die ein Paar- und Sexualtherapeut machen kann?

„Ein großer Fehler ist es sicher, sich in die Paardynamik mit reinziehen zu lassen. Oder  leidenschaftlich zu werden, nach dem Motto: ‚Ich möchte unbedingt, dass Ihr zusammenbleibt‘. Sich instrumentalisieren zu lassen. Schwierigkeiten entstehen auch, wenn der Auftrag nicht geklärt ist. Was mache ich hier eigentlich? Wichtig ist es, einen Auftrag zu finden, der für beide Partner eine Gewinnerfahrung ist und sie dann aus der Beratung mit einem Win-Win-Gefühl herausgehen können. Fünfter und letzter Fehler, den wir vermeiden müssen: Herumdoktern!”

Gibt es die systemische Paar- und Sexualtherapie auf Rezept?

„Nein, leider nicht. Das gilt nicht nur für die systemische Paar- und Sexualtherapie, sondern auch für alle anderen Formen. Für die Paare, die zu mir kommen, spielt das Geld keine so große Rolle. Sie kommen vielmehr, weil sie beide etwas ändern wollen und sich die Zeit für sich nehmen möchten. Grundsätzlich arbeiten wir nicht langzeitorientiert. Bei manchen Fragestellungen reichen drei bis fünf Sitzungen, manchmal genügt sogar eine einzige. Mitunter handelt es sich aber auch mal um einen längeren Prozess, der sich über zweieinhalb Jahre hinstreckt kann.”

Kommen manche Menschen in Ihre Praxis mit der Erwartung, dass Sie den*die Partner*in ändern können? Kommen manche auch alleine, ohne Partner*in zu Ihnen?

„Ja, klar! Viele kommen mit der Vorstellung ‚wenn mein Partner nur das und das nicht so machen würde, dann wäre alles besser.‘ Das funktioniert aber nicht! Der erste Schritt als systemische*r Therapeut*in ist es, klarzumachen: Wir können den andern nicht ändern. Wir können nur die eigene Haltung ändern. Und das löst dann eine positive Veränderung aus. Oder eine, die wir so eigentlich nicht gewollt haben…”

Kommt es vor, dass Sie Klienten einzeln betreuen? Und nicht als Paar?

„Einzelne Personen berate ich auch. Sie kommen zu mir, wenn sie sich überhaupt nicht mehr wohlfühlen, aber einen Weg finden wollen ─ der Partner aber keine Lust hat, sich auf eine Paartherapie einzulassen. Was ich nicht mache: Wenn ich mit einem Paar arbeite, arbeite ich durchgängig mit dem Paar. Und nicht zusätzlich mit noch einem von ihnen. So wird man zum Geheimnisträger, das ist nicht hilfreich. Wenn eine Einzeltherapie während des Prozesses gewünscht wird: Das geht, aber bei einer anderen*r Therapeuten*in

Was müssen die Klienten denn dazu beitragen, dass die Therapie erfolgreich wird?

„Sie müssen sich wirklich auf den Prozess einlassen und zu Veränderungen bereit sein. Ich arbeite viel mit Hausaufgaben. Inhalte, die wir in der Sitzung gemeinsam erarbeitet haben, sollte das Paar dann im Alltag ausprobieren. Sonst entsteht ein Vakuum und alles bewegt sich nur mühsam oder gar nicht.”

Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit als Paartherapeutin am meisten Spaß?

„Alles. Für mich ist mein Job eine Berufung. Ich begleite Menschen sehr gerne. Teilhaberin zu sein an einem Prozess, in dem Klient*innen aus einer Krise, Konflikt, Stillstand etc. in Bewegung, wieder in eine positive Energie im Miteinander kommen und mutig nach vorne schreiten: Das macht einfach Spaß.”

Birgit Neumann-Bieneck.  Quelle: Privat

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