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Karrieretipps aus der Hölle: So optimierst du deinen Freundeskreis

Business-Magazine empfehlen regelmäßig, den eigenen Freundeskreis nach Karrierekriterien zu gestalten. Was läuft schief, wenn wir jetzt schon unser privates Umfeld der Karriere zuliebe aussieben sollen?

 

Bloß keine negative Energie abkriegen!

Wahrscheinlich habe ich „Business-Tipps“ wie diese in letzter Zeit ein paar Mal zu oft gelesen: „Umgib dich mit inspirierenden und außergewöhnlichen Menschen, die dich beflügeln“; „Suche die Nähe von Menschen, die dich mitziehen“; oder: „Meide Leute, deren negative Energie auf dich abfärben könnte“. Bin ich, frage ich mich, altmodisch oder naiv, wenn ich glaube, dass ich mir meinen Freund*innenkreis nur sehr bedingt so zusammenstellen kann wie einen Teller am Brunchbuffet?

Ich bin schon froh, wenn ich es irgendwie schaffe, die Freundschaften aufrecht zu erhalten, die mir über die Jahre wichtig geworden sind. Das ist schwer genug, wenn man tagsüber entweder in einem Büro hockt oder sich um die zahlreichen Bedürfnisse einer Vielzahl im Haushalt vorhandener Kinder kümmert, und man abends zu fertig ist, um Sachen zu sagen, die andere Menschen interessieren könnten.

Die „richtigen“ Leute beflügeln?

Neue Freund*innen zu treffen wird mit dem Alter, und damit ist bereits schon Mitte, Ende Zwanzig gemeint, immer schwieriger, und wenn dann tatsächlich ein neuer Mensch dazukommt, mit dem wir diese besondere Ebene haben, dann ist das eine unheimlich bereichernde, beglückende Erfahrung. Diese Begegnungen kann man nicht planen, davon bin ich überzeugt. Sie sind einfach ein riesengroßes Glück.

Kürzlich jedenfalls las ich diesen Text: „The Extraordinary Reason Exceptional People Avoid Mediocre Friends“ – also grob: Der ungewöhnliche Grund, warum außergewöhnliche Leute mittelmäßige Freund*innen vermeiden.

Die Autorin Mithu Storoni, sie ist auch Medizinerin, will uns erklären, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter der Ansage stecken, dass uns die „richtigen“ Leute in unserem Umfeld beflügeln, während die „falschen“ uns zurückhalten und bremsen: „Die Leute um dich herum sorgen wortwörtlich dafür, dass du die Welt mit anderen Augen siehst“ – und das ist nicht so gemeint, wie ich das interpretieren würde: Nämlich dass Freund*innen idealerweise dafür da sind, die eigene Perspektive geradezurücken, wenn man sich in etwas verrannt hat; ehrliche Kritik zu üben, ohne allzu verletzend zu sein; zu signalisieren, dass sie für uns da sind, auch wenn wir richtig Scheiße gebaut haben; sich mit uns zu freuen, wenn etwas richtig gut für uns läuft.

Und wir wiederum wissen, dass wir uns nicht verstellen müssen vor echten Freund*innen, nicht so tun müssen, als seien wir lustiger, klüger, spannender, besser gelaunt oder besser informiert, als wir das gerade sind.

Mithu Storoni erwähnt ein berühmtes Experiment des amerikanischen Psychologen Solomon Asch, der Proband*innen die Länge einer schwarzen Linie auf weißem Papier schätzen ließ, das Ergebnis: Wenn die anderen Teilnehmer*innen die Länge der Linie vorher überschätzt hatten, überschätzen die Proband*innen die Länge ebenfalls; hatten vorher die anderen Teilnehmer*innen die Linie zu kurz eingeschätzt, schätzten sie auch zu kurz.

Das, sagt Storoni, sei im Grunde die Wiederholung eines 50 Jahre alten Theorieklassikers von Gustav Le Bon, der in seiner Abhandlung „Die Psychologie der Massen“ schon schrieb, dass in einer Masse die individuellen Ansichten der Menschen zu einer verschmelzen würden. In der Masse entstehe eine Art „Gemeinschaftsseele“. Wenn man sich in einer Masse befinde und die Ansichten der meisten teile, löse das im Gehirn Wohlgefühle aus; habe man gegensätzliche Ansichten, werde im Gehirn Alarm ausgelöst, und es gebe zwei Optionen: Entweder man tut so, als sei man der gleichen Meinung wie die Massenmehrheit – oder, Variante 2, das Gehirn sorgt tatsächlich dafür, dass wir unsere Meinung an die der Masse anpassen. Und das, schreibt Storoni, würde laut einer neuen Studie öfter passieren, als uns bewusst sei.

Ihr Fazit: Wenn dein Umfeld deine innersten Gedanken ändern kann, dann kann es auch verändern, wer du selbst bist. Wenn du dir Leute heraussuchst, die du um dich haben willst, dann wählst du damit auch die Person aus, die du werden möchtest – „Also suche klug aus“, schließt sie. Mich fröstelt da ein bisschen.

Ein inspiriertes Umfeld kann nicht schaden

Mir ist schon klar, was grundsätzlich gemeint ist: Es kann es nicht schaden, im Job eher von inspirierten, mutigen Menschen umgeben zu sein, die einen mitreißen können, und nicht von lauter missmutigen Verzagten, die eigentlich überhaupt keinen Bock auf ihren Job haben und dich mit ihrer miesen Stimmung anstecken.

Das ist natürlich eine wahnsinnig Privilegierten-zentrierte Sicht auf die Dinge; die meisten Menschen würden heiser auflachen beim Gedanken, eine Wahl zu haben, mit welchen Leuten sie sich im Job umgeben – weil sie froh sind, dass sie überhaupt einen Job haben, der sie und gegebenenfalls ihre Familie ernährt. Davon abgesehen: Gibt es wirklich Leute, die solche Texte lesen und anschließend in sich gehen und überlegen, wie sie ihr privates Umfeld modellieren könnten, um mehr Inspiration zu bekommen?

Nennt mich naiv, aber ich dachte immer, es würde umgekehrt funktionieren: Wir nutzen als Grundmenge die Freund*innen, Kolleg*innen und Kontakte, die wir so angesammelt haben in unserem Leben, und überlegen je nach Gelegenheit, ob uns jemand einfällt, der*die in einer Angelegenheit weiterhelfen, einen Kontakt vermitteln, eine Empfehlung geben könnte. Das nennt man, glaube ich, netzwerken. Das ist für die eine mehr, für den anderen weniger wichtig, je nach Job. Wer ein Unternehmen gegründet hat, ist wahrscheinlich besser vernetzt als jemand, der*die in der Verwaltung arbeitet.

Ein bisschen Berechnung gehört dazu

Und wahrscheinlich ist es auch so, dass es je nach Betätigungsfeld mehr und weniger berechnende Leute gibt, wenn die Frage ansteht, um welche Menschen man sich besonders bemühen will. Ich könnte wetten, dass jede*r diesen Impuls schon mal gespürt hat: eine Person näher kennenlernen zu wollen, sich eine Person in den eigenen Freundeskreis zu wünschen, und das nicht nur, weil sie so fürchterlich lustig, nett und herzlich daherkam, sondern auch, weil man von ihrem Job begeistert war und sich womöglich der Gedanke eingeschlichen hat, dass diese Person vielleicht ein toller Kontakt sein könnte, der später vielleicht mal angezapft werden könnte.

Und wenn wir ehrlich sind, dann fällt wahrscheinlich jeder*m von uns jemand ein, den*die wir vor allem deswegen gern in unserem Freundesportfolio haben wollten, weil er*sie womöglich Tatortkommissar*in, Fernsehmoderator*in oder Sterneköch*in ist, oder irgendeinen anderen Job machte, der irgendwie mit Prominenz und/oder Glamour zu tun hat und wir hofften, davon könnte auch ein bisschen was auf unsere eigene unspektakuläre Existenz abstrahlen. Ist irgendwie peinlich, aber auch menschlich. Da spielen Sehnsüchte eine Rolle, die in jeder*m schlummern.

Echte Freundschaften entstehen in der Regel nicht, weil eine Seite das eigene Freund*innenportfolio gezielt ausgestalten will. Was sicher viel öfter der Fall ist: Beide Seiten sind einer Kontaktpflege nicht abgeneigt, weil beide sich einen Nutzen erhoffen. Das nennt man dann aber auch, glaube ich, netzwerken. Natürlich kann man Freund*innen im eigenen N­­­etzwerk haben. Aber der Freund*innenkreis sollte doch im Umkehrschluss nicht anhand von Netzwerkkriterien ausgestaltet werden!

Die beängstigende Karriere der Selbstoptimierung

In Zeiten, in denen die beiden Begriffe Selbstoptimierung und Achtsamkeit eine geradezu furchterregenden Karriere gemacht haben, mag es schon sein, dass Grenzen verschwimmen, Unsicherheiten entstehen: Bin ich eine schlechte Freundin, wenn ich einer Freundin, die mich seit Wochen mit ihrem Liebeskummer volllabert und kein einziges Mal nach meinem Befinden gefragt hat, zunehmend als parasitär empfinde?

Wann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem eine Freundschaft „toxisch“ ist? Bis man so was erkennt, können einige Jahre ins Land ziehen. Wir kriegen ständig zu hören und zu lesen: Befreie dich von Leuten, die dir nicht guttun; umgebe dich nur mit Leuten, die dir guttun; sorge für dich selbst, spür in dich hinein, was du gerade brauchst; das hört sich oberflächlich teilweise ganz gut an, von wegen: „Wir wollen doch alle gut für uns sorgen“, aber in Wahrheit ist das: eine kleine Nische für sehr privilegierte Leute. Die wenigsten Menschen auf diesem Planeten können sich wirklich aussuchen, mit welchen Menschen sie sich umgeben.

Was soll ich mit solchen Ratschlägen also anfangen? Soll ich ich Freund*innen, die gerade eine depressive Episode durchmachen, generell ein bisschen misanthropisch drauf sind oder sie zurzeit einfach keine geilen Ideen haben, aus meinem Freundeskreis streichen, weil mir das nicht guttut? Weil mich das runterziehen könnte?

Klar, jede*r macht mal Scherze, wenn sich im Freundeskreis die Gelegenheiten häufen, bei denen man aus der Seelentröster*innenrolle nicht mehr rauskommt, weil beim Gegenüber Liebeskummer, Beziehungsdramen, Stress mit den Kindern, gehässige Vorgesetzte, Krankheiten, was auch immer, dominieren, und in der Kommunikation Einbahnstraße herrscht. Aber hundertprozentig ernst sind solche Kummerkasten-Scherze nicht gemeint. Niemand, der*die es mit dem Begriff „Freundschaft“ ernst meint, würde darauf kommen, im Bereich Freundschaften auszusieben, um problembehafteten Content zu reduzieren.

Ich würde ganz einfach sagen: Leute, die es vermeiden, „mittelmäßige“ Freund*innen zu haben, sind nicht außergewöhnlich, sondern berechnende Opportunist*innen. Und kaltherzig noch dazu.

Quelle: Depositphotos

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