Foto: ben I flickr I CC BY 2.0

„Ich habe Kinder statt Tinder“

Die Sexlosen? Die heutigen Väter zwischen 20 und 50 Jahren mussten weitgehend ohne Tinder und freie Liebe auskommen – aber ist das schlimm?

 

Vaterwerden bedeutet nicht gerade mehr Sex

Dieser Artikel stammt ursprünglich vom Berliner Papa-Blog „Superpapas“. In ihrem Blog wollen die Autoren ein Abbild der heutigen Zeit und des Wandels des Papaseins im 21. Jahrhundert aufzeigen. Auf Twitter sind sie unter @superpapasein zu finden. 

„Es gibt jetzt übrigens auch Tinder nur für Dreier”, meinte gestern einer meiner Kollegen (kinderlos, unter 30) beiläufig beim Mittagessen. Der gleiche Kollege hatte neulich auf die Frage nach seinem Privatleben mit einem breiten Grinsen Folgendes geantwortet: „Also ich benutze Kondome – und zwar regelmäßig”. Dabei stand so manchem jungen Familienvater der Neid buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Die „jungen“ Väter unserer Zeit kennen Tinder nur vom Hörensagen und die Epoche der freien Liebe haben sie auch verpasst.

Ich denke, keiner wird bestreiten, dass das Vaterwerden nicht gerade mit einer gesteigerten Sexualität in der Beziehung einhergeht. Was bei Müttern durch Hormone kompensiert wird, muss der Vater anders verarbeiten. Das ist natürlich nicht neu und war auch schon bei früheren Generationen der Fall. In diesem Artikel geht es um etwas anderes…

Sex zum reinen Vergnügen

Fangen wir mal von vorne bei der Flower-Power-Generation an, der auch viele unserer Eltern angehören dürften. Als Hippies praktizierten sie unter dem Slogan „Make Love Not War“ die freie Liebe. Unterstützt vom Aufkommen der Anti-Babypille und einem neuen freien Denken, konnten junge Menschen ihren sexuellen Bedürfnissen freien Lauf lassen. Sex wurde zum reinen Vergnügen praktiziert, ohne sich dabei über Familienplanung Gedanken machen zu müssen.

Zur Jahrtausendwende war ich selbst Anfang 20 und habe oft mit dem Gefühl, etwas verpasst zu haben, auf diese Epoche zurückgeschaut. Das Herz der modernen Frau der 2000er wollte erobert werden, bevor sie ihren sexuellen Gelüsten freien Lauf lassen konnte. Der moderne Mann musste mit der richtigen Dosis an Charme, Emanzipation und Erfolg aufwarten, um beim anderen Geschlecht erfolgreich zu sein – alles möglich, aber auf den ersten Blick doch um einiges komplizierter als freie Liebe.

Die Hippiebewegung reichte bis Ende der 70er Jahre und spätestens Anfang der 80er war im Kontext von HIV Schluss mit freier Liebe. Kondome boten zwar Schutz vor Krankheiten, machen aber den Akt der freien Liebe als solchen zunichte. Mir fällt hier ein Zitat aus einem Song der Toten Hosen, „Drunter, Drauf und Drüber“ ein: „Wenn ich dir entgegen fieber‘, sagst du resolut zu mir, bitte zieh ein Gummi über, dabei war es grad so schön.”

Personen durch Wegwischen mögen oder ablehnen

Und dann kamen irgendwann Internet und Online-Dating auf. Klar, anfangs war Online-Dating was für Freaks. „Sich im Internet kennenlernen” wurde belächelt und als letzter Ausweg für sozial inkompatible Psychopathen abgetan. Und dann, etwa zehn Jahre nach der ersten Online-Dating-Plattform, kommt Tinder. Boom! Wir haben heute alle einen Supercomputer in der Hostentasche und den nutzen wir längst nicht mehr nur fürs Telefonieren und Nachrichtenschreiben. Die Tinder-Beschreibung im App Store sagt eigentlich alles:

„Tinder ist die unterhaltsame Art, mit neuen und interessanten Leuten in deiner Nähe Kontakte zu knüpfen. Einfach durch Wischgesten nach rechts oder links Personen ,mögen‘ oder ,ablehnen‘. Wenn du jemand anderem auch gefällst, hast du einen Match! Chatte mit deinem Match oder nimm ein Foto auf und teile es als Moment mit allen deinen Matches gleichzeitig. Es ist eine neue Art und Weise, dich selbst auszudrücken und Freunden mitzuteilen.”

Ist das nur für Psychopathen? Wohl kaum. Über zehn Millionen Mal wurde die App bereits in Deutschland installiert.

Die Jugend von heute tindert und pimpert fleißig durch die Welt. Selbst ein Hippie der alten Schule wäre erstaunt, wie schnell sich hier neue Sexualpartner finden. Egal ob mit oder ohne Kondom, die Masse macht’s.

Ums wilde Sexualleben betrogen?

Zwischen freier Liebe und Tinder liegen etwa 30 Jahre. Was haben die Männer, die in dieser Zeitspanne Väter wurden, wirklich verpasst? Hängt bei ihnen der Haussegen schief, weil sie sich um ein wildes Sexualleben betrogen fühlen?

Ich denke ehrlich gesagt nicht. Der Inhalt dieses Artikels eignet sich sicher gut für lustige Gespräche in der Männerrunde – so ist das Thema übrigens auch entstanden. Aber sind wir mal ehrlich, unter Sexentzug mussten auch wir nicht leiden. Tinder und freie Liebe sind nicht die einzigen Wege, einen Sexualpartner zu finden. Und darin waren wir alle erfolgreich, sonst wären wir ja keine Väter.

Und ihr, habt ihr schon von Tinder gehört? Wart ihr bei der freien Liebe dabei? Haben eure Kinder Tinder installiert?

 

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