Foto: Sebastian Geis

Warum ich mehr „Nein“ sagen will

Die Drehbuchautorin Shonda Rhimes sagte ein Jahr lang zu allem „Ja“. Unsere Autorin sagt dazu „Nein“ – und schreibt ihr einen Brief.

Liebe Shonda Rhimes,

Sie sind eine erfolgreiche, kluge Drehbuchautorin. Sie schreiben seit Jahren Drehbücher für die erfolgreichsten Serien: Grey’s Anatomy, Private Practice und How to Get Away with Murder.  Ihr kultureller Einfluss in Hollywood und der Welt ist unbestritten. Sie sind in vielerlei Hinsicht mein Vorbild und ich wollte schon immer so sein wie Sie.

Vor einigen Jahren habe ich Ihr Buch „The Year of Yes“ gelesen. Danach wollte ich – wie sie – ebenfalls ein Jahr lang zu allem Ja sagen. Ich fühlte mich inspiriert von Ihrem Jahr und dem, was Sie in der Zeit erreicht hatten.

Immer Ja statt Nein

Im Sommer 2016 hielt ich Ihr Buch in den Händen und fing an, Ja zu sagen. Und zwar zu (fast) allem:

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Ich hielt das erste Mal in meinem Leben eine Keynote auf einer Konferenz. Ich kündigte meinen Job, der die Definition einer positiven Comfort Zone war, und wagte den Sprung in ein anderes Feld. Shonda, ich hatte so Schiss, aber irgendwie war ich gleichzeitig bereit. „The Year of Yes“ hatte mich ausreichend vorbereitet. Je öfter ich Ja sagte, desto einfacher wurde es. Es folgten unterschiedliche Jobs, eine Verlobung, freie Projekte, Trennungen und Umzüge. Und immer dabei: Das Buch und meine neue Einstellung dem Leben mit Ja statt Nein zu begegnen.

Ich begann, neben meinem Hauptjob Podcasts zu machen. Ich schrieb Kolumnen, Artikel und baute Memes. Nichts Systemrelevantes, I know, aber „honest work“, um eines meiner Lieblingsmemes zu umschreiben. In den folgenden Monaten und Jahren sagte ich – bis auf Obst und Sport – zu allem Ja.

„Immer im Hinterkopf: Sei froh, dass irgendjemand irgendwas von dir konsumieren will. Wer weiß, wie lange das so bleibt. Impostor-Syndrom und ,The Year of Yes‘ sind eine brutale Kombination.“

Als ich Ende 2019 meinen Job wechselte, war es für mich inzwischen normal geworden, nach Feierabend noch eine Podcast-Folge aufzunehmen, eine Kolumne oder einen Artikel zu schreiben und mich auf Interviews vorzubereiten. Dann wurde ich gefragt, ob ich ein Buch schreiben will, und ich sagte Ja. Ich konnte es nicht glauben, dass ich so viele tolle unterschiedliche Dinge machen konnte. Dinge, die mir auch noch Spaß machen und für die ich Geld bekomme. Warum sollte ich jemals damit aufhören? Und immer im Hinterkopf: Sei froh, dass irgendjemand irgendwas von dir konsumieren will. Wer weiß, wie lange das so bleibt. Impostor-Syndrom und „The Year of Yes“ sind eine brutale Kombination. Ich sah meine Freund*innen immer weniger, verpasste Geburtstage und Hochzeiten, besuchte meine Eltern immer seltener und brauchte manchmal Wochen, um Nachrichten zu beantworten.

Das Dilemma der „People Pleaser“

Irgendwann sprach ich mit einem Kollegen und Freund, und er sagte mir: Du musst langsam lernen, Nein zu sagen. Das wusste ich natürlich auch, aber es war wichtig, es von einer anderen Person zu hören. Ich stellte fest, dass ich das Neinsagen völlig verlernt hatte. Ich tanzte auf vielen Hochzeiten, obwohl ich eigentlich nur schlafen wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin dankbar für all die tollen Sachen, die sich ergeben haben, und dankbar für die Menschen, die ich dabei kennengelernt habe. Es ist aber so, dass mir Nein sagen schon immer schwerfiel und ich ein sogenannter „People Pleaser“ bin. War Ihr Buch möglicherweise nicht das richtige für mich?

Ich fing an, über Vereinbarkeit nachzudenken aka „wie soll ich das alles eigentlich schaffen?“ Gerade als Schwarze Frau hatte ich häufig das Gefühl, doppelt so viel leisten zu müssen, um auch nur halb so angesehen zu werden wie andere. Meine Mutter hat mir das in der Schule schon eingebläut, und das Leben hat es mir häufig bestätigt. Ich bin und war nie bitter, sondern beschloss einfach, immer mehr zu machen und hoffentlich immer besser zu werden. Außerdem freute ich mich ja auch, dass Menschen meine Formate schauten, meine Podcasts hörten, meine Kolumnen lasen und meine Arbeit sahen und wertschätzten. Ich mochte das Gefühl, also machte ich immer weiter und immer mehr.

Am Anfang dieses Jahres habe ich festgestellt, dass ich es nicht mehr schaffe. Also nicht, wenn ich dabei auch noch eine Beziehung führen soll, acht Stunden schlafen, Sport machen, Äpfel (bah) essen, Wäsche waschen, putzen, einkaufen, mich bei lieben Menschen melden, an Geburtstage denken, unerwartete Reparaturen im Haus organisieren, Pakete abholen und zur Post bringen, Serien schauen, Bücher lesen, Podcasts hören und regelmäßig Pfand wegbringen. Die Liste ist endlos.

„Wie soll ich das alles schaffen? Wie schaffen es andere? An einem Tag?“

Wie schaffen das andere?

Ich weiß, dass das hier sehr nach „First World Problems“ klingt und dass wir alle Schwierigkeiten haben, unseren Alltag zu managen. Mir ist auch bewusst, dass ich als erwachsene Frau ohne Kinder auch noch ziemlich privilegiert bin, aber manchmal, wenn ich so zwischen Schachteln vom Lieferservice und Wäschebergen auf mein Handy schaue und sich Arbeit und unbeantwortete Mails stapeln, kommt leichte Panik hoch: Wie soll ich das alles schaffen? Wie schaffen es andere? An einem Tag?

Als ich mal gefragt wurde, wie ich meinen Tag organisiere, habe ich lange nachgedacht und mir fiel nichts ein. Mein Tag hat mich fest im Griff, nicht umgekehrt. Ich bin in einer Spirale aus endlosen To-do-Listen und „Sorry, dass ich mich jetzt erst melde“-Nachrichten gefangen. Manchmal wache ich – ernsthaft nachts oder frühmorgens – auf, weil mir eine Nachricht eingefallen ist, die ich nicht beantwortet habe. Oder weil mir einfällt, dass ich seit drei Tagen Wäsche in der Waschmaschine habe, oder weil ich vergesse, mein Patenkind anzurufen.

Das Leben nach dem Abhaken der To-do-Liste

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Shonda, aber wenn ich mich gestresst fühle, isoliere ich mich. Meine Lieblingslüge, die ich mir seit Monaten erzähle, ist: Ich ziehe das jetzt durch, dann mach ich lange Urlaub. Es ist unmöglich, alles abzuarbeiten. Es ist unmöglich, alles unter einen Hut zu bringen. Weil immer neue Dinge dazukommen. Ich liebe meinen Job, meine Projekte und die Verantwortung, die ich trage, aber wenn ich mein Leben liebe, muss ich andere Prioritäten setzen.

Mein Irrglaube war zu denken, dass das Leben nach dem Abhaken der To-do-Liste beginnt. Nach Feierabend sozusagen. Das Leben findet aber währenddessen statt. Ich versuche also, nicht mehr krampfhaft alles unter einen Hut zu bringen, sondern sage konsequent alles ab, was ich gerade nicht leisten kann. Mit dem Wissen, dass es auf mich wartet, wenn ich fertig bin. Oder halt nicht. Aber dann war‘s wohl nicht für mich gedacht.

Liebe Shonda, ich danke Ihnen für Ihr Buch. Ich habe viel daraus mitgenommen, aber in nächster Zeit konzentriere ich mich eher aufs Neinsagen.

Vereinbarkeit – Wie viel Arbeit steckt im Leben?

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Anna Dushime ist in Ruanda geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Redaktionsleiterin für die Funk-Formate „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ bei der Berliner Produktionsfirma Steinberger Silberstein. Als leidenschaftliche Podcasterin (u.a. „hart unfair“, „1000 erste Dates“, „Notaufnahme“) beschäftigt sie sich mit den Themen Politik, Popkultur, Dating und Diversität. Ihre Kolumne „Bei aller Liebe” erscheint alle zwei Wochen in der taz – und seit Juli 2021 ist Anna auch Kolumnistin für EDITION F PLUS und schreibt dort monatlich einen Brief.

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