Foto: Shai Levy

Wie geht man am besten mit Selbstzweifeln um?

Kein ekliger Amazon-Kommentar, keine bittere Buchkritik kann gemeiner sein als ihre eigenen Selbstzweifel, sagt Mirna Funk. Unsere Kolumnistin erklärt, wie sie mit Selbstzweifeln umgeht und wofür sie sie braucht.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie im Juli 2015 mein erster Roman Winternähe erschien. Ohne es zu ahnen, stand der Name symbolisch für das, was ich fühlte, als er erschien. Ich fühlte mich beschissen. Nicht freudig, nicht gelöst, nicht stolz. Sondern richtig unfassbar krass beschissen. Ich lag in den Tagen rund um den Erscheinungstermin weinend unter meiner Bettdecke.

Warum? Weil ich meinen Roman peinlich fand. Und darüber hinaus auch noch grottenschlecht.

Dass ich nur wenige Wochen zuvor den Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Debüt bekommen hatte, änderte nichts an der Sichtweise auf mein Geleistetes. Der Roman war scheiße, ich war scheiße, und alle würden ihn scheiße finden. Bis auf, naja, die Uwe-Johnson-Gesellschaft, aber die hatte sich eben geirrt.

Sie hatten sich geirrt, genauso wie meine Literaturagentin, die mich vertrat, und wie mein Verlag, der die Rechte zum Buch gekauft hatte. Als dann die erste Rezension im Spiegel erschien, klappte ich nicht mal mehr meinen Rechner auf, aus Angst, irgendwo würde ein Kommentar aufblinken, indem jemand erklärte, wie schlecht dieser Drecksroman sei. Denn das waren jetzt echte keine News für mich, das wusste ich längst selbst.

Umarmen statt bekämpfen

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Und obwohl ich so täglich über meine geschriebene Arbeit denke, produziere ich fröhlich weiter. Die Lust am Schmerz, würden einige sagen, völliger Mist, andere. Ich sage: Ich kann nicht anders, ich muss. Ich muss schreiben, sonst würde ich sterben. Da ändern auch meine Selbstzweifel nichts dran. Von 350 geschriebenen Buchseiten finde ich maximal fünf Sätze richtig gut und von 100 Kolumnen eine publikationsfertig. Alles andere: Schrott!

Kein ekliger Amazon-Kommentar unter meinen Büchern, keine Literaturkritikerin, die mich verreißt und keine Instagram-Story, in der Müll über mich steht, kann gemeiner sein als ich zu mir selbst. Was ihr denkt, habe ich schon lange vor euch gedacht. Ihr hasst mich? Ich hasse mich mehr.

Aber Selbstzweifel – schneidende, böse, unerbittliche Selbstzweifel – sind nicht das Ende der Welt. Sie sind vielleicht der einzig richtige Anfang. Und die Offenheit und der ehrliche Umgang mit ihnen können vielleicht überhaupt erst gute Kunst schaffen. 

Deswegen müssen wir aufhören, diese Selbstzweifel als unsere Feinde zu sehen, auch wenn sie nerven. Wir müssen sie integrieren, ganz gesund ins Leben nämlich. Sie sind so natürlich wie der Schlaf, der Hunger, die Lust. Wir müssen verstehen, dass es sie gibt, dass sie dazugehören, dass sie uns helfen wollen, dass sie uns anspornen können und dass sie ein Zeichen von Selbstreflexion sind. Wer keine Selbstzweifel kennt, der unterdrückt sie einfach nur aus Angst, sich mit ihnen zu konfrontieren. Aus Angst vor den vielen unangenehmen Gefühlen, die sie auslösen. 

Was wir nicht tun sollten ist, ihnen die Schuld an unserer Handlungsapathie zu geben. Dafür können sie nichts. Ja okay, sie machen es einer und einem nicht gerade leicht. Aber wer zur Hölle denkt denn, dass das Leben irgendwie fluffig sein sollte und müsste. Ich jedenfalls nicht. Diese Erwartungshaltung habe ich nie gehabt. 

Wir müssen unseren Weg gehen: trotz Selbstzweifeln. Wir müssen dem nachgehen, was uns antreibt: trotz Selbstzweifeln. Und wir müssen wirksam werden auf die für unser Leben richtige Weise: trotz Selbstzweifeln. Das wird uns nicht nur resilienter machen, sondern uns auch gegen negative Stimmen von außen schützen. Getreu dem Motto: Was ihr könnt, kann ich noch besser und trotzdem geht es fucking weiter.

Die Leichtigkeit entdecken

In drei Wochen wird nun mein neuer Roman erscheinen. Ich habe ihn geschrieben, wissend darum, dass der Erscheinungstermin für mich alles andere als eine Freude wird. Wissend darum, dass ich mich insgesamt vier Jahre lang für Winternähe schämen musste. Solange nämlich, bis genug Menschen gesagt hatten, dass dieser Roman toll und besonders und wichtig sei. 

Auch diesmal werde ich weinend unter meiner Bettdecke dahinvegetieren und kein Anruf meiner Freund*innen, keine positive Besprechung in einer wichtigen deutschen Zeitung und vor allem kein Literaturpreis werden etwas an meinen nagenden Selbstzweifeln und meiner Selbstkritik ändern. Und trotzdem würde ich es immer wieder tun, denn Aufgeben ist und war nie eine Option. Und die sollte es für euch auch nicht sein.

Du schaffst das! Mentale Stärke in Krisenzeiten.

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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