Foto: Jessica Polar

Mein Leben in der Startup-Welt braucht nicht viel Besitz

Auf Reisen lernt man schnell mit wenig Habseligkeiten auszukommen. Dass sie das sogar zufriedener macht, hat Paula für sich festgestellt.

 

Ein Leben aus dem Koffer

Vor acht Monaten entschloss ich mich meine Wohnung in Berlin aufzugeben, um Arbeiten und Reisen endlich ganzheitlich miteinander zu verbinden. Möglich macht mir das meine Firma Good Cop Bad Cop, mit der ich aufstrebende Startups ausfindig mache, die das Ziel haben Verbesserungen für eine große Anzahl von Menschen zu bewirken. Gemeinsam mit Co-Investoren helfen wir den Teams in ihren Regionen zu wachsen und machen die strategisch wichtigen Partner für den Roll-out eines Ventures ausfindig.

An den einzelnen Stationen meiner Reisen bleibt mir leider nie viel Zeit für Sightseeing, und trotzdem lernt man mit jeder Reise in kurzer Zeit unglaublich viel über ein Land, wenn man in ihm Geschäfte macht. Von den Chinesen habe ich beispielsweise für mich mitgenommen, wie wichtig es ist, während Verhandlungen besonders auf Höflichkeit zu achten und nicht zu direkt zu sein. In Ostafrika laufen die Dinge deutlich langsamer, und doch sind die Menschen hier meist besonders lebensfroh und begeisterungsfähig.

Ich selbst stamme aus Griechenland, einem Staat, in dem es gerade nicht ganz einfach ist unternehmerisch tätig zu sein, weil das Land sich in einer so schwierigen Lage befindet und so viel im Umbruch ist. Aufgewachsen bin ich zwischen Deutschland, Griechenland und England. Anfangs fiel es mir schon nicht leicht mit den Unterschieden zwischen diesen Ländern umzugehen – mittlerweile aber sitzen die Teams um Good Cop Bad Cop auch in Afrika und Asien.

Flexibilität als Kernmerkmal

Die Welt wächst immer mehr zusammen und ich bin heute sehr froh darüber früh gelernt zu haben, sowohl kulturelle als auch geographische Distanzen schnell zu überbrücken. Diese Fähigkeit muss meiner Meinung nach jeder in sich tragen, der sich in der skalierbaren Startup-Welt richtig zuhause fühlen will. In meiner Firma ist diese Flexibilität das Kernmerkmal für jedes neue Teammitglied und jeden unserer Partner.

Lässt man sich einmal auf den Wechsel der Zeitzonen ein, so lernt man sich auch zwischen den Megacities sehr schnell zu bewegen. Es kann allerdings schon mal vorkommen, dass man in Berlin auf der Straße läuft und mit den Gedanken so in Nairobi ist, dass man die Tatsache vergisst auf einem anderen Kontinent zu sein. Man lebt eben die meiste Zeit im Kopf.

Gleichzeitig wird man in verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert. Für unser Modell Jambocar beispielsweise, die Mitfahrzentrale in Ostafrika, ist der Faktor Sicherheit ein riesen Thema – zu einem Maß, das hier in Europa nicht denkbar wäre. In Griechenland lässt sich zum Beispiel gerade nur sehr schwer eine Firma gründen, weil man nicht genau absehen kann wie sich die Rechtslage in naher Zukunft ändert und welche neuen Gesetze erlassen werden, die man noch gar nicht absehen kann. Das macht es schwer zu planen.

„Mobility Recycling“ – Geschenke an die Welt

Immer mehr Menschen, die sich in der Startup-Welt bewegen, haben sich auf ein Leben aus dem Handkoffer eingelassen, zu ihnen zähle auch ich. Von Besitz halte ich relativ wenig und somit beherbergt mein Koffer nur noch genau das, was ich auch brauche – und was ich nicht mehr benötige, fliegt ganz einfach raus. Schwierig wird es nur dann, wenn man in verschiedenen Klimazonen unterwegs ist oder besonders auf religiöse Gegebenheiten achten muss.

Wenn ich meinen Koffer aussortiere, gebe ich das Kleidungsstück oder den Gegenstand jemandem, der auch wirklich etwas damit anfangen kann. Irgendwie ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass auf der ganzen Welt Menschen meine Gegenstände besitzen und mehr Freude an ihnen haben als ich es könnte.

Der Gedanke bringt schnell mehr Zufriedenheit als das Wissen große Besitztümer zu haben. Außerdem ist es günstiger und wesentlich praktischer, schließlich kennt jeder die Situation durch den vielen Kram partout nicht das zu finden, was man eigentlich wirklich sucht. Je mehr ich reiste desto mehr lernte ich effizient zu packen und gut zu planen. Minimalismus erfordert auch große Vorsicht, weil man mit möglichst wenig für möglichst viel gewappnet sein muss.

Abwägen und dann abgeben

Angst etwas zu missen, habe ich nicht. Und doch wäge ich natürlich noch immer ab. Zum Beispiel vor ein paar Wochen, als ich mich das erste Mal seit Monaten wieder vor meine sechs Kisten der Habseligkeiten stellte, die ich noch besitze und überlegte, was ich mit ihnen anfangen will. Nach kurzer Zeit des ratlosen Hin- und Herschiebens war einfach klar, dass ich wirklich keine Verwendung mehr für sie habe. Mein Besitz liegt im Reichtum meiner Erfahrung, am Ende ist alles eine Einstellungssache.

Ich finde, dass den meisten Menschen so eine Lebensweise gut tun würde, zumindest auf Zeit. Definiert man sich zu sehr über seinen Besitz, hält er einen zurück. Wenn man allerdings an den Punkt kommt, seine Habseligkeiten nicht mehr als eine Art Schutz gebrauchen zu müssen, kann man viel freier und kreativer mit ihm umgehen und lernt zu verstehen, wie wenig man braucht und wie viel man aus sich heraus aufbauen und bewirken kann.

Es gilt beständig zu sein, dranzubleiben und ein klares Ziel vor Augen zu haben. Es geht darum, einmal die Grenzen seines eigenen Denkens zu durchbrechen, mutig zu sein und seinen Zweifeln nicht zu viel Raum zu geben – obwohl es sich immer auszahlt vorsichtig zu sein. Egal was auch geschieht, irgendwie geht es immer weiter geht. Und am Ende ist es besser mit dem eigenen Traum gescheitert zu sein als nie damit begonnen zu haben, ihn zu leben.

 

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