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Wer faire Löhne will, braucht den Mut, über Geld zu sprechen

Seit kurzem haben Beschäftigte einen gesetzlichen Auskunftsanspruch und können nach der Gehaltshöhe der Kolleginnen und Kollegen fragen. Die Expertin Henrike von Platen ordnet das Gesetz für uns ein.

Ein guter Ansatz

Entgelttransparenzgesetz, kurz EntgTranspG – das klingt erstmal sperrig. Dabei verbirgt sich dahinter eine ziemlich gute Sache: Mit dem Gesetz will die Politik Unternehmen dabei unterstützen, gerechtere Löhne zu zahlen und Diskriminierungen auf dem Gehaltszettel zu vermeiden. Denn
bis heute verdienen Frauen weniger als Männer. Die meisten Unternehmen
behaupten von sich, dass es bei ihnen sehr gerecht zugehe, aber die wenigsten
überprüfen, ob das auch tatsächlich zutrifft. Die Folge: Statistisch ist die
Lohnlücke belegbar, im Einzelfall wird sie aber selten sichtbar.

Logisch: Wer nicht weiß, was die anderen verdienen, kann auch nicht herausfinden, wie er oder sie selbst im Vergleich dasteht. Bislang stochern Arbeitnehmende bei dem Unterfangen, Zahlen in Erfahrung zu
bringen, weitgehend im Dunkeln oder sind auf die Offenheit und Ehrlichkeit der
Kollegschaft angewiesen. Doch in vielen Unternehmen ist es verpönt, über das eigene Gehalt zu sprechen – oft verpönter als die sexuelle Orientierung der
Kolleginnen und Kollegen. Manchen ist sogar per Vertrag verboten, über ihr
Gehalt zu sprechen. Dass diese Klausel in den allermeisten Fällen unwirksam ist,
wissen die wenigsten.

Die deutsche Angst vor Transparenz

Doch nicht überall auf der Welt wird so viel über die Gehälter geschwiegen wie in Deutschland. Wer schon mal in den USA gelebt hat, weiß, dass dort sehr viel offener über Geld gesprochen wird. Das hat zur Folge, dass junge Menschen beim Berufseinstieg nicht mit viel zu hohen oder viel zu niedrigen Gehaltsvorstellungen in die ersten Bewerbungsgespräche stolpern.

Schweden setzt sogar noch einen drauf und hat schon vor Längerem die maximale Transparenz eingeführt: Dort können die Einkommensteuererklärungen aller anderen eingesehen werden.

In Deutschland hingegen setzt sich die Verschwiegenheit bis ins Private fort: Eine Forsa-Umfrage hat kürzlich ergeben, dass 41 Prozent der Deutschen noch nicht einmal wissen, was der oder die Partnerin verdient. Inwiefern eine Partnerschaft auf Augenhöhe unter solchen Voraussetzungen funktionieren
kann, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Aber was Entgelttransparenz im Berufsleben angeht, sind sich alle einig: Transparenz hilft, auf Augenhöhe zu verhandeln und Diskriminierungen aus der Welt zu schaffen.

Für wen gilt der neue Auskunftsanspruch?

Ab Januar gibt es daher einen gesetzlich festgelegten Auskunftsanspruch, damit Beschäftigte die Höhe der Gehälter in ihrem Unternehmen in Erfahrung bringen können. Allerdings gilt der Anspruch nicht für jedes Unternehmen:  Erst wenn in deinem Unternehmen mehr als 200 Beschäftigte an einem Standort arbeiten und es eine ausreichend große Gruppe von Beschäftigten gibt, die eine vergleichbare Tätigkeit wie du ausüben, kannst du Auskunft verlangen – nicht über die Gehälter der Einzelnen, aber über das Medianeinkommen in der Vergleichsgruppe.

Ein Gesetz ist immer nur so gut wie seine Umsetzung: Erst wenn möglichst viele Beschäftigte fragen, wird das neue Gesetz mit Leben gefüllt und wirksam. Allerdings musst du selbst aktiv werden und nachfragen. Niemand übernimmt das für dich! Erst wenn du weißt, woran du bist, kannst du gut
vorbereitet eine Gehaltserhöhung durchsetzen – oder mit deinem Einkommen zufrieden sein.

Natürlich solltest du erst einmal das Gespräch mit deinen Vorgesetzten oder der Personalabteilung suchen: Gerade wer in Unternehmen arbeitet, in denen Frauen in Führung arbeiten, auch Väter länger in Elternzeit gehen oder Führungspositionen auch in Teilzeit besetzt werden, hat gute Chancen, in Sachen Entgelttransparenz und Lohngerechtigkeit auf offene Ohren zu
stoßen. Aber wer im Unternehmen nicht auf freiwillige Unterstützung hoffen
kann, kann sich dazu entschließen, den Auskunftsanspruch auf rechtlichem Weg
durchzusetzen.

Bei sich selbst anfangen

Transparenz ist ein guter Weg zu Lohngerechtigkeit. Die Lohnlücke aus der Welt zu schaffen, fängt aber nicht erst auf dem Gehaltszettel, sondern schon bei den Klischees und Stereotypen in unseren Köpfen an. Ob du vielleicht erst einmal zuhause für klare Verhältnisse sorgen solltest, musst du selbst entscheiden. Auf jeden Falls lohnt es, einmal genauer hinzuschauen: Wer macht zuhause mehr im Haushalt? Wer geht länger in Elternzeit, wenn ein Kind kommt? Welche Lösungen finde ich in meinem Alltag, um die traditionelle Rollenverteilung aufzubrechen? Kann ich mit meinen Arbeitgebenden Home-Office-Tage, eine 32-Stunden-Vollzeit oder andere Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit aushandeln? Das kann jeder und jede – ganz egal, ob der Auskunftsanspruch für sein oder ihr Unternehmen gilt. Wenn alle es
wollen, ist Lohngerechtigkeit schon morgen möglich – ob mit oder ohne Gesetz.

Wie sieht es mit der Transparenz in deinem Unternehmen aus? Weißt du, was die anderen verdienen? Und würdest du den Auskunftsanspruch nutzen? Teile deine Erfahrungen und nimm an unserer Mini-Umfrage teil – das geht ganz schnell und ist anonym!

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