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Mein Aufreger der letzten Woche!

Frauen werden bei Finanzierungen kritischer betrachtet als Männer, sie kommen in den Ratings schlechter weg, weil sie, Achtung Risiko!, schwanger werden und Kinder haben. Wie bescheiden ist das denn?

 

Erstmal kurzgefasst die Ausgangssituation

Für die Finanzierung eines Hauses durch mehrere Personen, zwei Frauen, zwei Männer, alle verdienen gut und sind in unbefristeten Jobs, auch die familiäre Situation ist vergleichbar, habe ich über eine Finanzberatung bei mehreren Banken die Konditionen anfragen lassen und um Prüfung der Möglichkeit der Finanzierung gebeten. Eigentlich ein Selbstläufer, Immobilienfinanzierung mit vierfacher Sicherheit für die Bank, minimiertes Risiko, da jeder alleine die Kaufsumme auch finanzieren könnte.

Die Rückmeldungen waren überwiegend positiv. Aber jetzt
kommt es, die Vertreter von zwei Banken fragten indirekt nach, ob die Frauen
tatsächlich in der Finanzierung drin bleiben würden, da eine bereits zwei
Kinder und die Andere aktuell schwanger ist, werden sie trotz Jobs als
Ausfallrisiko bewertet. Sie fänden es charmanter, wenn die Männer die
Finanzierung alleine übernehmen würden.

Risiko

Ehrlich gesagt, hat es mir im ersten Moment die Sprache
verschlagen und ich habe nur gedacht, wie schrecklich ist es, wenn Menschen nur noch auf Risiken ausgerichtet denken.

Nach dem ich das Telefonat mit der Finanzberatung beendet
hatte, schwappte allerdings eine ungeheure Wut in mir hoch.

Seit wann ist eine Frau per se ein Risiko? Wundern wir uns
eigentlich noch darüber, dass es Frauen in unserer Wirtschaft immer noch
schwerer haben an Finanzierungen für ihre Selbständigkeit zu kommen, wenn sie in den Köpfen der Finanzierer als Risiko bewertet werden? Wundern wir uns
wirklich darüber, dass Frauen von sich selbst oft den Eindruck haben, dass sie
wirtschaftlich nicht so erfolgreich sind, wenn sie als Risiko betrachtet
werden? Nicht genug, dass Frauen weniger verdienen als Männer, aufgrund des
‚biologischen Auftrages‘ mehr berufliche Ausfallzeiten in Kauf nehmen, in ihrer
Karriereentwicklung oftmals kleinere Brötchen backen, aber auch noch als Risiko bewertet zu werden, ist eine bescheuerte Erfahrung und noch dazu eine
unglaublich verkrüppelte Denkweise.

Schauen wir doch mal über unsere Grenzen: In Ländern, in
denen Mikrofinanzierungen üblich sind, werden Frauen mit Kindern als besonders sicher bewertet, da sie Verantwortung übernehmen und ihre Kinder langfristig wirtschaftlich absichern wollen.

Ist das bei uns in Deutschland anders?
Bekommen wir Frauen Kinder, weil wir uns damit der wirtschaftlichen
Verantwortung entziehen? Oder übernehmen nur Männer die wirtschaftliche
Verantwortung?

Es gibt noch viel zu tun

Was löste diese Information bei mir noch aus? Resignation
und Verzweiflung.

Resignation, weil wir Frauen schon so lange dafür arbeiten,
als gleichwertige Menschen anerkannt zu werden.

Verzweiflung, weil die aktuelle Generation der jungen
Familien immer noch mit diesen Themen in Ihrem Leben Energien vergeuden. Und Verzweiflung darüber, dass auch meine Töchter und Enkelinnen wieder mehr um wirtschaftliche Sicherheit kämpfen müssen, als meine Söhne und Enkel.

Was kann ich tun?

Nun, ich habe es immer für wichtig gehalten, dass unsere
Töchter und meine Mitarbeiterinnen und Kolleginnen sich des Themas bewusst
waren. Und ich habe versucht gemeinsam mit Ihnen individuelle Möglichkeiten zu entwickeln, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Aber es ist wichtig, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen während der Familienzeit auch strukturell gestärkt wird und auf mehrere Schultern verteilt wird. Es darf nicht sein, dass Kinderkriegen und die damit verbundene wirtschaftliche Unsicherheit weiterhin in der alleinigen Verantwortung der Mütter liegt und diese das volle Risiko tragen.

Ich weiss, dass wir ein gesellschaftliches Umdenken benötigen. Eine Gesellschaft, die Mutterschaft als Risiko sieht, sowohl wirtschaftlich, als auch medizinisch, verpasst die Energie des Wachstums und hindert Frauen, aber auch junge Männer und Väter, in ihrer Entwicklung.

Wir brauchen das echte Bewusstsein, dass junge Familien unsere Zukunft sichern und wir unsere betriebswirtschaftliche Strukturen auf diese Zukunft ausrichten. Und nicht nur politische Phrasen in den Zeiten vor der Wahl bzw. trendy Marketing-Slogans.

Neue Modelle

Hier sind neue Modelle gefordert.

Banken müssen ihre Ratings entsprechend überarbeiten und ihre Mitarbeiter*innen entsprechend schulen.

Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation von Frauen in der Mutterschaftszeit, z.B. durch ein „MuFöG“, angelehnt an ein BaFöG-Modell?!

Arbeitgeber sollten Arbeitsplätze schaffen, an denen
man/frau auch mal sein Kind mitbringen kann. Bei Hunden geht das, bei Kindern nicht?!?

Qualifizierte und flexible Kinderbetreuungsangebote müssen ausgebaut werden, z.B. mobile Kinderbetreuungen, Kinderbetreuung auch mit kranken Kindern, Kindergärten in Gewerbegebieten

Unsere Medien sind gefordert diese Themen offen zu diskutieren und die Entwicklung neuer Ideen zu zulassen

Ausweitung der Teilzeitmöglichkeiten, Frau Schwesig hat da gerade ein interessantes Modell vorgeschlagen

Einbindung der Mütter und Väter während der Elternzeit in
betriebliche Themen, wie z.B. Weiterbildungen auf die neue EDV

Meine Generation sollte weiter dafür kämpfen, dass Gleichberechtigung wirklich in allen Bereichen umgesetzt werden kann. In unseren Köpfen stecken noch viele tradierte Vorstellungen, die wir dringend überdenken müssen. Und unsere Generation sollte die jungen Frauen und jungen Familien unterstützen und nicht darüber meckern, dass sie versuchen diese Arbeitswelt zu ändern.

Und natürlich sind unsere Politiker und Politikerinnen gefordert, diese Missstände in den Köpfen zu beheben und das Phrasendreschen zu beenden.

Solange wir akzeptieren, dass wir in dieser Weise behandelt
werden, wird sich nichts ändern.

Energien bündeln

Lasst uns Ideen vorantreiben und ausprobieren, und nicht bereits in der
Entstehung kaputtreden. Lasst uns weitermachen und unsere Energien bündeln!

Es gibt so viele tolle und erfolgreiche Initiativen, die
sich mit diesen Themen beschäftigen, aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln.
Jetzt brauchen wir einen Plan, wie wir diese Energien bündeln und damit eine
laute Stimme entwickeln, die nicht überhört wird.

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