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Mieze Katz: „Albumarbeit ist die Suche nach Verbündeten“

„Biste Mode“ heißt das neue Album von Mia. Was jetzt leicht klingt, stand erst einmal kurz vor dem Scheitern. Warum, hat uns Frontfrau Mieze erzählt.

 

Was ist Mode?

Über einen Hinterhof im beschaulichen Berliner Stadtteil Weißensee gelange ich ins Studio von Mia. Kaum in den heiligen Hallen angekommen, empfängt mich auch schon eine strahlende Mieze und während es sich die Frontfrau der Band im Schneidersitz auf dem Sofa bequem macht, fangen wir auch schon an zu reden.

„Biste“ Mode heißt das neue Album der Band, das am 22. Mai erscheint. Und was jetzt leicht, mal leise und mal laut klingt, das stand Ende des Jahres auch schon mal kurz vor dem Scheitern. Ein Gespräch über die Liebe zu Musik und Worten, wie es ist, wenn Zweifel aufkommen und was die Band Mia ausmacht.

Die Veröffentlichung eures letzten Albums ist drei Jahre her. Wie lange habt ihr konkret an der Platte gearbeitet?

„Wir waren mit unserem letzten Album ‚Tacheles‘ auf Tour und haben da bereits angefangen zu schreiben. Jetzt touren wir schon seit Anfang des Jahres mit den neuen Liedern. ‚Lauffeuer‘ und ‚Biste Mode‘ haben wir aber erst im Januar aufgenommen und eigentlich sind die neuesten Lieder die wichtigsten für das Album. Sie sind in einer zweiten Schreibrunde entstanden, nachdem wir gemerkt haben, dass das Album einfach noch nicht fertig ist. So wie es war, wollten wir es einfach noch nicht abgeben.“

Was war denn das Problem?

„Es hat sich einfach nicht fertig angefühlt. Dann dachten wir: Was machen wir jetzt? Zum Glück hatten wir mit ,Nein! Nein! Nein‘ noch etwas in petto, das wir dem Label vorlegen konnten. Letztlich hat uns die Musik durch diese Zeit getragen.“

Ist es vor einem neuen Album auch mal wichtig, sich als Band nicht zu sehen und erst wieder bei sich zu sein, bevor man wieder loslegt?

„Zum Glück ist es bei uns einfach so, dass wir uns gerne sehen. Wenn es heißt, wir gehen auf Tour oder jetzt ist eine intensive Studiophase, dann ist das total in Ordnung so. Es gibt bei uns überhaupt nicht das Gefühl, von einander satt zu sein oder keinen Bock aufeinander zu haben. Da bin ich wahnsinnig froh drüber.“

Wirklich nie?

„Vielleicht in dem Moment der Erkenntnis, dass wir sind noch nicht fertig mit diesem Album sind, obwohl es längst fertig sein sollte. Das war hart. Und da hat auch jeder von uns an sich selbst gezweifelt – und auch an der Band. Denn wenn du weißt, es ist nicht gut genug, fragst du dich: Wird es nochmal gut genug? Aber ich spüre, und es ist so befreiend, das liegt hinter uns. Wir haben da so dran geackert! Jetzt liegen leichte Zeiten vor uns.“

Ich habe gelesen, dass du dich zu Beginn der Arbeit am Album gleich von der Energie und den Skizzen von Andy, Gunnar und Bob hast mitreißen lassen. Was hat dich im ersten Moment daran angesprungen?

„Gerade am Anfang sind so Lieder entstanden wie ‚United States of Ich&Du’ und ,Nein! Nein! Nein!‘. Das Besondere an diesen beiden Stücken ist, dass die Jungs den Text geschrieben haben. Klar hätte ich da denken können: Ja schön, jetzt habe ich hier ja nix mehr zu tun! Denn eigentlich ist das ja eigentlich mein Territorium. Aber das hat sich dann bei mir in Stolz umgekehrt. Ich dachte boah, was hab ich für ein Glück, wie gut kennen mich die Jungs mittlerweile, dass sie mir ein Lied auf den Laib texten können! Denn ich bin ja eigentlich so, dass ich mein eigenes Zeug machen will. Genau deshalb bin ich ja bei Mia. Bei anderen Liedern ist es genau andersherum gewesen, da kam ich in den Proberaum mit den Skizzen. Etwa bei ,Biste Mode‘ habe ich vorgesungen, wir haben einfach nur auf einen Beat recorded, und da habe ich eben dafür gesorgt, dass der Funke überspringt.“

Foto: H.Flug

Wie würdest du den Moment des Aufnehmens beschreiben?

„Albumarbeit hat was damit zu tun, auf die Suche nach Verbündeten zu gehen. Einmal innerhalb der Band, man kommt an, findet was gut und dann braucht man natürlich Verbündete, die dir helfen, auch im Studio dem Produzenten zu erklären, warum das jetzt total fantastisch ist. Und auch längerfristig ist man auf der Suche nach Verbündeten, wenn man Richtung Konzerte und Fans denkt.“

Wie gehst du eigentlich an die Texte ran? Wusstest du schon vor dem Album, worüber du erzählen willst oder kommt das durch spontane Impulse?

„Ich schreibe andauernd und habe immer ein Heftchen dabei. Ich bin ganz verliebt in Worte. Manchmal trage ich etwas länger in meinem Herzen und bei manchen Worten geht es ganz schnell. Zum Beispiel bei ‚Lauffeuer’, da hatte ich das Wort und das Gefühl schon im Kopf und manche anderen Lieder brauchen länger, wie etwa das Lied ,Nachtgestalten‘. Da gab es zu Beginn einen komplett anderen Text und eine komplett andere Geschichte. Da arbeite ich dann wie ein Bildhauer und lege Schicht für Schicht frei, bis ich beim Kern bin. Am Ende spürt man körperlich: Das ist jetzt der Song.“

„Biste Mode“ ist der neue Titel. Um was geht’s auf dem neuen Album?

„Für mich ist ‚Biste Mode’ ein Spiegel der Menschen, die auf unsere Konzerte kommen. Da ist nämlich jeder willkommen. Der Leise und der Laute, der Coole und der Uncoole. Wir haben einfach keinen Bock mehr auf diese sich immer mehr zuspitzende Ausgrenzung und die Frage: Wer gehört dazu, wer nicht? Im Zeitalter der Globalisierung wird uns oft vorgemacht, dass es keine Grenzen mehr geben würde. Aber ich würde sagen, dass wir alle jetzt auch an der Flüchtlingspolitik sehen, wie deutlich die Grenzen noch vorhanden sind. Da wollen wir einfach in unseren Möglichkeiten gegensteuern. Je mehr Angst unter den Menschen geschürt wird, umso weiter will ich meine Arme aufmachen.“

Wo wird schon bei Grenzen sind: Du hast in den letzten Jahren auch ein paar TV-Formate gemacht. Das kam nicht überall gut an. Kannst du dich davon frei machen, wie dich andere bewerten, wenn du auch selbst den Anspruch an dich hast, das bei anderen zu lassen?

„Vor allem darf mal jeder die Erfahrung machen, die er möchte. Du kannst ja deine Erfahrungen nicht danach richten, was ich für dich als gut empfinde. Dafür steht Mia und das was wir tun, ist Ausdruck dafür. Das Leben ist jetzt, also frage ich mich: Was kann ich alles tun? Ich würde zum Beispiel gerne noch viel mehr mit Worten machen, etwa im Bereich Hörbuch oder im Bereich Literatur. Da kann noch ganz viel kommen. Was den TV-Bereich angeht: Ich glaube, ich habe das TV-Praktikum schlechthin gemacht: Ich war bei DSDS in der Mutter aller Jurys und habe da super viel gelernt.“

Habt ihr über das Angebot vorher in der Band diskutiert?

„Die einen fanden es gut, die anderen weniger. Aber wir sind bei Mia alles einzelne Menschen, die ihren eigenen Weg gehen.“

Seid ihr euch oft einig, was die Richtung einer neuen Platte angeht? Oder kann es da schon mal komplizierter werden?

„Es wird gerne kompliziert und auch diskutiert im Studio. Pärchen haben ja auch eine Ebene, auf der sie Konflikte austragen. Bei uns läuft das alles über die Musik. Der eine findet das gut, der andere das und dann wird darum gekämpft. Und das ist auch gut so. Denn am Ende wollen wir alle einen guten Song. Wir haben uns bestimmt auch mal zehn Jahre gar nicht gestritten. Und dann kam es nach und nach, dass wir uns überhaupt erst getraut haben, diese Beziehung zu belasten. Und das empfinde ich als Qualität, die für uns spricht.“

In so einem Bandgefüge nimmt ja jeder naturgemäß eine bestimmte Position ein. Wie ist das bei euch – musikalisch aber auch für euch als Band?

„Wir haben alle unterschiedliche Talente. So ist Bob unser Organisationstalent, während Andy unser Traumtalent ist. Bob schaut dann, ob man diese Träume realisieren kann. Andy ist auch unser Technikfreak, der Gunnar ist unser Zweifler und unser Gewissen, und ich bin das Ja, die vorne und die Fröhliche. Ich will Liebe und Leben und jeder bringt was anderes mit. Und das braucht es auch.“

Im Jahr 2006 wurde „Tanz der Moleküle“ so etwas wie eine Sommerhymne. Denkst du, das Lied würde heute noch genauso ankommen und funktionieren?

„Es funktioniert genauso. Wir lieben das Lied. Viele fragen uns ja, ob wir das überhaupt noch hören können. Aber hey, das Lied hat doch nur Gutes für uns gemacht! Wir lieben es! Es ist total schön, es zu spielen. Auch in mir kommen dann immer wieder Bilder von diesem Sommer hoch.“

Hat sich euer Publikum eigentlich verändert? Wächst es mit euch mit?

„Aus den Pärchen, die sich zu ,Tanz der Moleküle‘ kennengelernt haben, sind Ehepaare oder Familien geworden. Es kommen aber auch ganz junge Menschen, vor allem Mädchen dazu. Aber es gibt bei uns wirklich alle. Wir haben sogar die coolen Hip Hopper, die von ihren Mädels zum Konzert geschleppt werden, die dann aber auch glücklich aus dem Konzert rausgehen. Und für die habe ich ganz besonders ein Herz. Denn auch ich wurde schon mal auf ein Konzert mitgeschleppt und dachte: Oh man, was soll das heute werden? Und dann kann etwas ganz Tolles mit einem passieren und man geht verändert aus dem Konzert. Ich mag die Herausforderung, gerade die zu catchen. Das hat man aber auch bei jedem Festival. Wenn dann alle die Ärzte sehen wollen und dann kommt Mia auf die Bühne.

Euch gibt es nun schon seit 18 Jahren. Was ist die deutlichste Veränderung, die ihr seitdem durchgemacht habt?

„Es lässt sich wahrscheinlich von außen besser beschreiben, was so Wendepunkte bei uns waren. Denn oft merkt man es ja erst hinterher. Zum Beispiel ‚Hungriges Herz’ und die Entscheidung, beim Grand-Prix-Vorentscheid mitzumachen, war schon ein Wendepunkt. ‚Tanz der Moleküle’ war auch ein Wendepunkt, obwohl das gleich hinterherkam. ,Was es ist‘ war auch ein ganz wichtiger Wendepunkt. Da haben wir ganz viel gelernt, etwa über Identität, über uns als Band und wie wir mit so einem Shitstorm umgehen. Da gab es das Wort ja noch gar nicht. Wir standen einfach im Kreuzfeuer und wurden vor allem von Leuten kritisiert, mit denen wir selber sympathisierten. Das war eine ungewöhnliche Situation. ,Fallschirm‘ war nach dem musikfreien Jahr auch ein Wendepunkt, weil das die Entscheidung war, als Band wieder zusammenzusein. Und zusammenzubleiben. Und das wir nun das erste Mal sagen mussten, das Album ist nicht fertig, war auch ein Wendepunkt. Das gab es vorher noch nie und war zu Beginn fürchterlich und jetzt weiß ich, dass das absolut nötig war.  Entwicklungen sind manchmal schleichend. Und manchmal braucht man eben auch etwas Galgenhumor.“

„Biste Mode“erscheint am 22.Mai 2015.

 

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