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Welche Rolle werden psychedelische Substanzen zukünftig in unserem Leben spielen?

Brauchen wir einen neuen Namen für Psychedelics? Und werden LSD und Magic Mushrooms irgendwann zur Heilung von Depressionen und Angstzuständen eingesetzt werden? Das fragt sich Anne Philippi diesen Monat in ihrer Kolumne „My Superficial Self“.

Tool statt Droge?

Bald, in naher Zukunft, könnten wir alle aus unserem „Psychedelic Closet“ kommen. Wir werden uns über die letzte Magic-Mushroom-Therapie beim Psychiater unterhalten und abends beim Dinner berichten wir von den stärksten Eindrücken unserer LSD– oder Ayahuasca-Reise. Der Einsatz psychedelischer Substanzen gegen Depressionen, Sucht, Angstzustände oder zur Klärung großer Lebensfragen ist auf dem Vormarsch. Und das ist gut so. Denn Psychedelics sind auf dem Weg dahin, nicht mehr als Droge zu gelten, sondern als Tool. Und Medizin. Dekriminalisierungsanträge zu Forschungszwecken – also nicht Legalisierungen – laufen derzeit weltweit an. Für die neue Rolle, die diese Substanzen in unserem zukünftigen Leben spielen werden, wäre ein neuer Name nicht schlecht. Einer, der dem Wort „Tool“ nahekommt. Einer, der die ganzen Bilder der Vergangenheit von verwirrten Hippies und Psychosen verschwinden lässt.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in den letzten zwölf Monaten sind mir gefühlt jeden zweiten Tag Menschen begegnet, die entweder schon eine oder bis zu fünf Ayahusasca -Zeremonien mitgemacht haben. Und das waren alles Menschen, die nicht aus Hippiekommunen stammten oder sich als Besitzer*innen spiritueller Einzelhandelsläden ausgaben. Meistens waren es elegant-unauffällig gekleidet Menschen in Business-Athleasure, zukunftsliebend, Gründer*innen, CEO-Levels, oftmals Menschen mit interessanten Jobs und Leben. Und oft schien es mir so, als ob sich genau diese Gruppe von Menschen am meisten nach neuen Tools sehnte. Genau wie ich selbst.

Eine neue Handhabung der Substanzen

Weitere solche an den neuen psychedelischen Tools Interessierte begegneten mir Mitte Oktober auf der „Horizons –  Perspectives on Psychedelics“-Konferenz in New York. Zwei Tage lang ging es dort um Psilocybin, LSD und Ayahuasca. Also neue Tools, die womöglich als Hilfsmittel gegen Depressionen, Ängste, Abhängigkeit und als Lebenshilfen eingesetzt werden können. In den Debatten um diese Substanzen ging es nicht mehr um die Handhabung dieser als Drogen, es ging nicht mehr um die Idee, sie zu „ab-usen“. Es ging darum, sie letztendlich wieder als Heilmittel, als Medizin zu begreifen: was sie letztendlich, in einigen Fällen, oft vor mehr als ein paar tausend Jahren, einmal waren.

Das New Yorker Publikum: kaum Man-Buns, kaum Therapeut*innen-Looks mit ungebügelten Hemden, Crocs und gemütlichen Hosen. Statt dessen caramelfarbene Mäntel, ein paar Gucci-Taschen, gut geföhnte Haare, ein paar coole, ältere Hippie-Therapeut*innen aus Kalifornien und New Mexico, die schon in den 70er-Jahren mit Psychedelics zu tun hatten und jetzt aufgrund der neuen, immer hoffnungsvolleren Forschungsergebnisse, dass LSD und Psilocybin zur Therapie gegen Depressionen eingesetzt werden könnten, aus dem ganzen Land hierherkommen.

Auf der Bühne: junge, sicher bald bekannte Wissenschaftlerinnen, meistens um Mitte/Ende dreißig, cool, aufgeräumt. Sie präsentieren Studien, die Magic Mushrooms, also Psilocybin, auf ihre antidepressive Wirkung testen, sie gründen neue, schicke Magazine zum Thema, sie leiten Retreats in der Nähe von Amsterdam, wo man momentan durchaus legal eine begleitete Reise auf „Truffles“, also Magic Mushrooms, buchen kann. Und die Art, wie ein Professor der Columbia-Universität über seine Forschungen zu Ketamin gegen Kokainabhängkeit spricht, passiert auf dem Level eines sehr gut gemachten Ted-Talks, beinhaltet dennoch kritische Fragestellungen zu Dosierung und Anwendung, doch die Studie der Universität zeigt erste Erfolge.

Um es kurz zu machen: Hier entsteht eine neue Welt, eine, von der ich gerne ein Teil bin. Hier geht es um eine neue Normalität der entsprechenden Substanzen. Und wie darüber auf eine normale, dennoch innovative Art kommuniziert werden kann. Und das wäre verdammt nötig. Die WHO (World Health Organisation) spricht derzeit von 300 Millionen Menschen mit Depression weltweit. Darin enthalten zu Beispiel das neue Krankheitsbild der Klima-Depression. Damit haben immer mehr Menschen zu kämpfen: Die Idee eines drohenden Weltuntergangs aufgrund der klimatischen Bedingungen unserer Zeit kann in einigen Menschen große Angstzuständen bewirken. Und das ist kein Witz.

Forschung zum neuen Einsatz von Psychedelics

Ich bin im letzten Jahr über ein paar absurde und vollkommen Sinn machende Wege zum Thema Psychedelics gekommen und ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so sehr für ein Thema interessiert habe wie dieses. Auch weil es für mich in gerade dieser Zeit so großen Sinn macht. Es ging los mit den Büchern „Stealing Fire: Spitzenleistungen aus dem Labor: Das Geheimnis von Silicon Valley, Navy Seals und vielen mehr” von Steven Kotler und Jamie Weahl, vor allem aber mit Michael Pollans Buch „How to change your mind“, welches mein Mind schon nach der Hälfte des Buches gechanged hatte: diese neue Betrachtung, die von Pollan durchaus leicht distanzierte, aber am Selbstversuch mit Psychedelics interessierte Haltung, konnte ich sehr gut übernehmen. Es ging weiter mit einem Mann, den ich auf einer Dating-App in London traf. Wir sprachen aus irgendwelchen Gründen über Microdosing und er lud mich zum Lunch mit Amanda Fielding ein, eine sehr coole Gräfin aus Oxford, die die Beckley Foundation betreibt, die seit über 50 Jahren LSD, Psilocybin und Micro-Dosing erforscht. Die Foundation wurde gerade an die große Medical Cannabis Company „Canope Growth“ verkauft.

Ich saß bisher zweimal in Amandas Laurel-Canyon-artigem Wohnzimmer und hörte mit offenem Mund ihren Ausführungen zu. Und auch hier war ich an einem Ort zumindest britischer Normalität. Wir zogen am Nachmittag alle Gummistiefel an und gingen mit den Corgis spazieren. Abends lag ich in der Hotelbadewanne und schaute alle verfügbaren Netflix-Filme über LSD, traf am Tag danach Rosalind Watts, eine der warmherzigsten, charmantesten Forscherinnen, die am Imperial College in London Psilocybin-Studien leitet und erforscht, wie der Stoff als Anti-Depressivum wirken kann. Und Amanda Eilian, eine kluge, interessante Venture-Capitalist-Unternehmerin, die  in „Goop“ und „The Wing“ investiert hat und neuerdings in Einrichtungen und Startups, die sich mit dem neuen Einsatz von Psychedelics beschäftigen. In meinem Podcast habe ich ausführlich mit Amanda Eilian gesprochen.

All diese Frauen stehen eben nicht nur für die Beschäftigung mit LSD und Mushrooms. Sie betrachten die Welt mit den Augen, die diese Welt momentan braucht: Sie sind innovativ, mitfühlend und setzen sich über eine alte, öffentliche Meinung hinweg, die “Psychedelics” nur im Rahmen von Drogenmissbrauch betrachtet.

Im Zeitalter des Grünkohls

Die großartige New Yorker Autorin Ariel Levy schrieb vor knapp zwei Jahren einen Text im „New Yorker” über Ayahuasca und erklärte, warum es gut in unsere Zeit passe. Es passe sehr gut in unsere effektiv-affine Welt, es wirke schneller als lange Psychotherapien. Und es passe gut zu unserem „Age of Kale“, dem grünen Gemüse, der Star in der Green-Juice-Welt.  „If cocaine expressed and amplified the speedy, greedy ethos of the nineteen-eighties, Ayahuasca reflects our present moment—what we might call the Age of Kale. It is a time characterised by wellness cravings, when many Americans are eager for things like mindfulness, detoxification, and organic produce, and we are willing to suffer for our soulfulness.” sagt Levy. Auch „Life Hacking“-Freund, Podcaster und Unternehmer Tim Ferris kommt in ihrem Text zu Wort und beschreibt seinen ersten Ayahuasca-Trip.„Ninety per cent of the anger I had held on to for decades, since I was a kid, was just gone. Absent.”

Darin stecken für mich zwei große Bedürfnisse unserer Zeit: Wir brauchen neue „Tools“, weil wir vor Herausforderungen stehen, die wir in Zukunft anders bestehen müssen. Dazu gehört unter anderem die Bekämpfung und Heilung von Depressionen und Angst – gerade bei Fällen, die mit den klassischen Mitteln nicht mehr zu bekämpfen sind. Momentan sieht es so aus, als ob die diese „Psychedelic Tools“ in den nächsten Jahren sehr relevant dafür werden. Und es ist unsere Aufgabe, diese Tools neu zu definieren und zu entkriminalisieren. Jetzt brauchen wir nur noch einen neuen Namen für die Tools. Vorschläge gern an mich!

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