Foto: Consuelo Guijarro

„Es geht nicht nur um unser Schwarzsein, sondern um gemeinsame Visionen für die Zukunft der Gesellschaft“

Es gibt immer mehr Vernetzungsangebote für Schwarze Menschen in Deutschland. Mit der Online-Plattform MyUrbanology von Stephanie Cuff und Alina Hodzode kommt jetzt ein weiteres dazu. Wir haben die beiden zum Gespräch getroffen.

„Bring to life what feels good“

In den letzten Jahren hat sich bei Identifikations- und Vernetzungsangeboten für Schwarze Menschen in Deutschland einiges getan. Immer mehr Organisationen bieten Afrodeutschen Möglichkeiten, sich miteinander auszutauschen, schaffen ihren Stimmen Gehör, fungieren in  beratender Funktion und geben ihren Wünschen, Träumen und Problemen Sichtbarkeit. Trotzdem ist das Angebot für afrodeutsche Personen im deutschsprachigen Raum vor allem in ländlicheren Gegenden immer noch rar gesät. Vielerorts sehen sich Schwarze Menschen deshalb mit ihren Problemen auf sich alleine gestellt.

Mit ihrer Onlineplattform MyUrbanology wollen Stephanie Cuff und Alina Hodzode diese Lücke jetzt schließen. Drei Jahre lang arbeiteten die zwei Frauen an ihrem Projekt. Im Oktober 2018 ging die Seite dann endlich online. Ein Herzensprojekt, für das sie ihre freie Zeit und zurzeit auch noch die eigenen finanziellen Mittel opfern. Die Webseite stellt in verschiedenen Kategorien, wie Lifestyle, Kids, Health, Research und Role Models Angebote für Schwarze Menschen in Deutschland vor. Mit ihrer Initiative konnten sie schon viele Schwarze Persönlichkeiten für MyUrbanology begeistern. So hatten sie zum Beispiel schon die Journalistin Mo Asumang, die Politikerin Aminata Touré und die Schauspielerin Thelma Buabeng zum Interview geladen. Im Gespräch erzählen die beiden Gründerinnen, was sie auf ihrer Webseite anbieten, warum sie sich regelmäßig zum Austausch mit anderen Schwarzen Frauen treffen und wieso der Rapper Megaloh einer ihrer liebsten Interviewpartner*innen war.

Wie kamt ihr auf die Idee, die Online-Plattform MyUrbanology zu gründen? Warum hattet ihr das Gefühl, Deutschland braucht so eine Plattform?

Alina: „Wir haben die Plattform ins Leben gerufen, um aus ganz unterschiedlichen Bereichen Angebote, Vernetzungsmöglichkeiten und Supportadressen der Schwarzen Community und von People of Color in Deutschland sichtbar zu machen.“

Stephanie: „Das erste Konzept für MyUrbanology ist schon 2014 entstanden. Ich bin Diplom-Psychologin und mir ist klar geworden, dass die psychosozialen Angebote für unsere Generation nicht interessant kommuniziert werden, weder in Bild noch in Schrift. Es wirkt immer so, als würden Angebote, die einen weiterbringen können, nur dann wahrgenommen, wenn man schon kurz vor dem Zusammenbruch steht. Wir beide kommen aus Bereichen, wo es sehr viel um Persönlichkeitsentwicklung geht. Die eigene, aber auch die anderer Personen. Deshalb haben wir uns dann überlegt, wie es möglich ist, Menschen auf verschiedenen Ebenen ansprechen zu können, damit sie die Wahrnehmung solcher Angebote überhaupt attraktiv finden. Hierfür haben wir dann geschaut, was uns persönlich bewegt und antreibt und irgendwann gemerkt, dass wir Dinge empfehlen wollen, die uns selber weitergebracht haben: Orte, Personen oder auch Ressourcen. Gleichzeitig sind wir als Schwarze Frauen auch teilweise mit anderen Themen konfrontiert als der Rest der Mehrheitsgesellschaft und wir haben uns eigentlich immer gewünscht, dass es genau dafür mehr Angebote gibt, die uns stärken und die wir weiterempfehlen können.“

Ihr habt auf eurer Plattform ganz verschiedene Bereiche, von Lifestyle über Research bis hin zu Kids. Welche Aspekte werden noch angesprochen und warum habt ihr euch für diese Kategorien entschieden?

Alina: „Wir wollen mit der Plattform Geschichten und Angebote zeigen, die sonst in Deutschland nicht so sichtbar sind, auch für die kommenden Generationen. Deswegen finde ich persönlich unsere Kategorie Role Models sehr gut und wichtig. Für die haben wir mit verschiedenen Schwarzen Personen aus der Öffentlichkeit gesprochen. Die Idee dahinter ist, dass man als junger Schwarzer Mensch auf unsere Plattform kommen kann und sieht, welche Möglichkeiten man hat. Auch wenn man vielleicht in einer ländlichen Gegend wohnt, in der man gar keine anderen Menschen kennt, die als Vorbilder für die Schwarze Community dienen könnten, kann man auf der Plattform sehen, welche berufliche Vielfalt es für Schwarze Menschen in Deutschland gibt und sich inspirieren lassen. Das ist die Motivation hinter der Kategorie Role Models. Wir wollen aber unsere Kategorien noch weiter ausbauen. Es soll auch bei den Role Models noch mehr Diversität bezüglich der Berufsfelder geben.“

Stephanie: „Wir haben auch eine Kategorie, wo es um Support und Vernetzungsmöglichkeiten geht. Damit wollen wir die psychosoziale Landschaft abdecken. Wir stellen Beratungsstellen vor, die sich speziell mit dem Thema rassistische Diskriminierung auseinandersetzen, unter anderem auch Afrodeutsche Organisationen, wie zum Beispiel EOTO und Afropolitan. Dann haben wir auch noch die Business-Kategorie. Wir veranstalten regelmäßig das Black Business Women Connect Event und haben mittlerweile eine sehr schnell wachsende Facebook-Gruppe, Schwarze Business Frauen Deutschland. Wir haben festgestellt, dass es so viele interessante, kompetente Schwarze Frauen aus allen Berufsfeldern gibt, die aber keine wirkliche Möglichkeit zum Austausch haben. Dieses Netzwerk fehlt. Beim Austausch geht es von belastenden Themen, die mit dem Schwarzsein in Deutschland zu tun haben bis hin zu vermeintlich oberflächlichen Sachen, wie die Frage, wie man seine Haare im Businesskontext trägt.“

Welches Ziel verfolgt ihr mit MyUrbanology?

Alina: „Die Idee dahinter ist, dass jede*r sich durch den Zugang zu den verschiedensten Angeboten auf der Plattform einen eigenen Raum für Selbstverwirklichung kreieren kann. Dafür kann man sich auf der Plattform überall all das rauspicken, was man braucht.“

Wie würdet ihr das Identifikationsangebot für Schwarze Frauen und Männer heutzutage einschätzen? Habt ihr das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren in der Richtung etwas getan hat?

Alina: „Dadurch, dass auch zunehmend mehrheitsgesellschaftlich repräsentative Plattformen sich damit beschäftigen, ist das Thema Schwarzsein in Deutschland ein bisschen aus dem Nischendasein herausgerutscht. Wenn du früher als Schwarze Person nicht gerade selbst in einer politischen Organisation oder Gruppe mit dem Fokus auf das Thema Schwarzsein involviert warst, dann hast du eigentlich keine Angebote gefunden. Viel war lokal organisiert. Es war alles ein bisschen versteckt, ein wenig verstaubt. Das hatte aber auch mit dem Aspekt der Sicherheit zu tun. Manche Gruppen wollten lange gar nicht in der breiten Öffentlichkeit sichtbar sein, auch weil sie sich schützen wollten. In meiner Wahrnehmung kommt das Ganze jetzt auf eine globale Ebene. Die Themen werden auch von Plattformen aufgegriffen, die die gesamte Gesellschaft bedienen. Das ist seit einigen Monaten echt ein Hype und wir freuen uns sehr darüber. Es war für Deutschland auch wirklich an der Zeit. Damit es überhaupt dazu kommen konnte, mussten aber andere gesellschaftliche Entwicklungen und Diskussionen vorgelagert werden.“

Stephanie: „Auch müssen noch ganz viele weiterführende Diskussionen daran anschließen. Mehr Repräsentation ist sehr wichtig, weil damit ganz klar wird, welche verschiedenen Menschen es in Deutschland gibt. Ich merke das, wenn ich mit Kindern zu tun habe. Für die ist die Sichtbarkeit Schwarzer Menschen heutzutage eine andere Normalität, als es jemals für mich war. Es kommt jetzt aber auch darauf an zu schauen, wie diese Schwarzen Menschen präsentiert und dargestellt werden. Das meine ich mit weiterführenden Diskussionen. Es muss eine Sensibilität entwickelt werden, damit keine alten Strukturen und Klischees reproduziert werden.“

Ihr hostet regelmäßig das Black Business Women Connect Event. Bei Events, die sich exklusiv an die Schwarze oder andere Communitys richten, wird oft der Vorwurf erhoben, sie seien ausgrenzend. Wie steht ihr dazu?

Stephanie: „Natürlich gibt es immer wieder die Frage, ob das jetzt etwas Ausgrenzendes ist. Ich gehe aber immer von meinem Motiv aus und mein Motiv ist es nie, jemanden auszugrenzen, sondern einfach einen Raum zu schaffen, der mir guttut. Jetzt ist das eben dieser Raum mit Schwarzen Frauen aus dem Businesskontext für bestimmte Themen. Ich schaffe mir aber auch andere Räume, in denen andere Dinge wichtig sind. Letztendlich haben wir eine Vision und die ist das Gegenteil von Ausgrenzung. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass wir uns irgendwann alle auf der gleichen Ebene begegnen können in unserer Gesellschaft, sensibilisiert für die Themen, die den*die Einzelne*n und uns betreffen. Diese Vision umzusetzen kann im ersten Schritt auch bedeuten, dass erst einmal dort eine Stärkung stattfinden darf, wo die Gleichwertigkeit besonders in Frage gestellt wird. Dies betrachten wir jedoch als ersten Schritt. Es geht bei dem Projekt nicht um Spaltung, sondern um Verbundenheit, sowohl im Kleinen, als auch, und das ist unser Ziel, im Großen.“

Im Februar war ja auch Black History Month, der seit Anfang der 90er auch von Schwarzen Menschen in Deutschland gefeiert wird. Warum, glaubt ihr, ist so ein Monat für die Schwarze Community so wichtig?

Stephanie: „Der Monat erfüllt einen enormen Bildungsauftrag. Er ist sehr relevant, weil durch diese geballte Power und die Tatsache, dass ihn viele als so wichtigen Monat anerkennen, noch mal klar sichtbar wird, wie viele Angebote eigentlich existieren und dass ein ganz großer Bedarf da ist. Außerdem wird während des Monats auch ganz viel historisch eröffnet. Aus den verschiedensten Ländern unserer Erde werden Menschen aus der Bildung und Wissenschaft präsentiert, die sehr viel für die Black Community getan haben. Das ist ja nicht nur für uns interessant, sondern auch für ganz viele Menschen aus der weißen Mehrheitsgesellschaft.“

Alina: „Der Blick ist zudem nicht nur intern auf die Black Community gerichtet. Tatsächlich werden da Menschen ins Licht gerückt, die auch generell Wichtiges für die Gesellschaft getan haben, weil sie zum Beispiel als Erfinder*innen technische Innovationen entwickelt haben, die uns allen helfen. Beispiele sind Charles Drew, Erfinder der Blutbank, Garret Morgan, Erfinder der Gasmaske oder Mary und Mildred Davidson, Erfinderinnen unter anderem von sanitären Sicherheitsgurten.“

Habt ihr schon ganz konkrete Pläne, wie es in der Zukunft mit MyUrbanology weitergehen soll?

Stephanie: „Unser Hauptziel ist es so viele Menschen wie möglich mit unserem Projekt zu erreichen, damit die Plattform aktiv genutzt wird und einen wirklichen Mehrwert darstellt. Es gibt aber auch kleinere Ziele, die wir uns gesetzt haben: Erstmal Menschen finden, die wir für unser Projekt begeistern können, die auch mithelfen, damit wir die Kapazität haben, uns zu vergrößern.

Im Bereich Business ist ganz viel denkbar. Außerdem führe ich auch Elternseminare und Trainings. Da gibt es sehr viel Bedarf für Eltern Schwarzer Kinder oder Kinder of Colour und sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wir wollen auch unseren Gesundheits- und Research- Bereich ausbauen und träumen davon, eine Art Foundation zu gründen, mit der wir auch Projekte und Forschungen vorantreiben wollen. Es gibt zum Thema Schwarzes Leben in Deutschland einfach nicht viel. Manche Themen sind bisher noch nicht sichtbar und deshalb ist auch nicht ganz klar, wie manche Erlebnisse unsere Leben beeinflussen. Insgesamt würden viele Menschen of Colour in Deutschland von mehr Forschung profitieren und Angebote könnten bedarfsgerechter angepasst werden. Noch sind wir aber nur zu zweit, deshalb müssen wir unsere Ideen nach und nach abarbeiten.“

Ihr habt inzwischen schon viele berühmte Schwarze Persönlichkeiten interviewt, vom Rapper Megaloh, über die Journalistin Mo Asumang bis hin zur Politikerin Aminata Touré. Wie habt ihr die Leute von eurem Projekt überzeugen können?

Stephanie: „Ganz unterschiedlich. Manchmal waren wir durch irgendwen vorher schon connected. Letztendlich haben wir aber auch einfach Personen angeschrieben und gesagt, für uns bist du definitiv ein Role Model, weil du eine wichtige Rolle für die Black Community spielst. Zum Teil auch, weil wir dich in unserer Jugend schon bewundert haben. So war das zum Beispiel bei der Sängerin Joy Denalane. Das Interview veröffentlichen wir demnächst. Ich glaube, es war für die Leute, die wir angesprochen haben, einfach schön zu hören, dass sie Role Models sind, weil sie aus ähnlichen Situationen kommen wie wir auch. Die hätten auch gerne mehr Schwarze Vorbilder gehabt, nach denen nicht aktiv gesucht werden muss, sondern die ganz selbstverständlich gezeigt werden. Außerdem erhalten wir regelmäßig das Feedback von vielen unserer Weißen Freund*innen und Bekannten, dass auch sie sich freuen, durch dieses Format die Möglichkeit zu haben, mehr über Schwarzes Leben in Deutschland zu erfahren.“

Was ist euch bei den Interviews am meisten in Erinnerung geblieben?

Alina: „Wir versuchen bei den Interviews nicht nur bei der Perspektive zu bleiben, was es bedeutet, in Deutschland Schwarz zu sein, oder was Schwarzes Leben in Deutschland bedeutet, sondern die Betrachtung auf eine gesellschaftliche Perspektive zu erweitern. Letztlich soll es nicht nur um unser Schwarzsein gehen, sondern auch um gemeinsame Visionen für die Zukunft der Gesellschaft. In dem Kontext war zum Beispiel das Gespräch mit Megaloh sehr cool. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie man es als junger Mensch schafft, sich gesellschaftlich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Er ist dann direkt in das Thema Macht eingestiegen und hat erklärt, dass es dabei viel darum geht, sein eigenes Ego zu überwinden, um sich wirklich gesellschaftlich engagieren und einbringen zu können. Das fand ich sehr inspirierend.“

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