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Antifeminismus von rechts – wie die Frauen der Neuen Rechten um weibliche Verstärkung werben

In ihrem neu erschienenen Buch „Das Netzwerk der neuen Rechten“ analysieren Christian Fuchs und Paul Middelhof ein immer stärker werdendes Milieu und seine Verbindungen zur AfD. In dem Buchauszug „Deutsche Patriotinnen“ beleuchten sie die Rolle der Frauen in der Bewegung.

 

Ein mächtiges Netzwerk am rechten Rand

Seit 2017 sitzt die „Alternative für Deutschland” (AfD) im deutschen Bundestag. Sie hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, sich für die Bundestagswahl eine Wähler*innenschaft von 12,6 Prozent aufzubauen. Doch wie kam es dazu? Und wie kann es sein, dass eine rechte Partei im Bundestag sitzt und so viel Zuspruch erfährt?

Das versuchen Christian Fuchs und Paul Middelhoff mit ihrem Buch „Das Netzwerk der neuen Rechten – Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern“ herauszufinden. Sie untersuchen das einflussreiche, rechte Netzwerk in Deutschland und Europa. Bei ihren Recherchen stoßen sie immer wieder zu Verbindungen mit der AfD. Mit ihrem Buch dokumentieren sie, wie sich die rechte Bewegung vernetzt und versucht, ihre Positionen bis in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und an Einfluss zu gewinnen.

Alte Denkmuster, neue Medien

Die neue rechte Bewegung verändert sich nicht nur in ihren Strukturen und ihrer Erscheinung (Jutebeutel statt Springerstiefel), sondern hat inzwischen auch die sozialen Netzwerke für sich entdeckt. Auf Instagram beispielsweise posten Protagonist*innen der Identitären Bewegung neben der perfekten Quinoa-Bowl politische Beiträge – und erreichen damit vor allem junge Frauen, die im Zweifel nicht einmal ein großes politisches Interesse haben. Die AfD und die neue Rechte sind ebenfalls professionell in digitalen Medien unterwegs und zeigen, dass Instagram und Co. nicht nur Unterhaltung und harmloser Zeitvertreib sind.

Doch wie bewusst ist uns diese Präsenz in den sozialen Netzwerken und wie wird sie gesteuert? Das sind nur zwei der Fragen, die Christian Fuchs und Paul Middelhoff versuchen  zu beantworten. Meist seien es Männer, die die Fäden ziehen und der Bewegung ein Gesicht geben, eine Erkenntnis ihrer langen Recherche jedoch sei, dass Frauen ebenfalls präsenter werden und versuchen, neue Anhängerinnen zu gewinnen. Zwar sind Frauen, die der neuen Rechten ein Gesicht geben, noch immer in der Unterzahl, doch sie wissen genau, wie sie sich inszenieren müssen, um anschlussfähig zu werden.

Auch Abseits von Instagram, Facebook und Co. engagieren sich Frauen ganz unterschiedlich. Einige Beispiele: Tatjana Festerling ist Frontfrau von Pegida, Hedwig von Beverfoerde hat die Initiative „Familienschutz“ gegründet und warnt vor dem „Genderwahn“ und Paula Winterfeldt ist Mitglied der Identitären Bewegung – sie spricht von „importierter Gewalt“ der „Multikultis“ in Deutschland. Welche Rollen die Frauen spielen und welche Strategien sie anwenden, könnt ihr in dem nachfolgenden Auszug „Deutsche Patriotinnen“ lesen.

Deutsche Patriotinnen

Nicht nur die Partei nähert sich Pegida und seinen Machern an, auch die neurechte Intelligenzija gibt den Straßenprotesten Rückhalt. Mit der Online-Petition „Gemeinsame Erklärung 2018“ solidarisierten sich im März des Jahres dreißig Verleger, AfD-Mitarbeiter, Schriftsteller, Wissenschaftler und ein Model mit den Demonstranten: „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ Nach einigen Monaten hatten die Forderung nach Angaben der Initiatoren bereits über 160.000 Menschen im Netz unterzeichnet. Viele von ihnen und auch die meisten Erstunterzeichner sind Männer. Zu dieser Erklärung aufgerufen hat jedoch eine Frau: Vera Lengsfeld.

Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen außergewöhnlichen Lauf durch die Parteienlandschaft der Bundesrepublik absolviert. Nach Bespitzelungen durch das Ministerium für Staatssicherheit, Stasi-Gefängnis und Ausweisung nach Großbritannien kehrt Lengsfeld am Tag des Mauerfalls zurück nach Ost-Berlin. Noch in der DDR tritt sie den Grünen im Osten bei und zieht nach der Wiedervereinigung für die Partei in den Bundestag ein. Danach driftet sie immer weiter nach rechts. Nach internen Kämpfen kandidiert sie später für die CDU. Seitdem sie 2005 nicht wieder in den Bundestag gewählt wurde, arbeitet sie als Publizistin, unter anderem für die neurechten Publikationen FreieWelt.net aus dem Imperium von Beatrix von Storch und ihrem Mann, für Journalistenwatch und eigentümlich frei. Als Agitatorin warnt sie vor der drohenden „Umvolkung“ durch Migration und nennt Demokraten „Systemlämmer“. Lengsfeld gehört heute zu einem kleinen Zirkel der Frauen innerhalb der Neuen Rechten.

„Sie kontern ihn mit einem traditionellen Familien- und Rollenmodell, in dem auch die emanzipierte Frau ,mit Wurzeln und in Sicherheit‘ wieder ,Mutter und Hausfrau‘ sein darf.“

Unter ihnen sind christliche Fundamentalistinnen, die gegen Abtreibung und die unterstellte „Frühsexualisierung“ der Kinder im Schulunterricht demonstrieren. Junge Identitären-Aktivistinnen veröffentlichen auf Instagram, YouTube und in ihren eigenen Blogs Videos, in denen sie über sexualisierte Gewalt von Einwanderern gegen deutsche Frauen sprechen. AfD-Politikerinnen rufen zum „Marsch für die Frauen“ vor dem Kanzleramt auf. 

Ehemalige DDR-Umweltaktivistinnen, erzkonservative Christinnen, rechtsextreme Hipstermädchen – auf den ersten Blick verbindet diese Frauen wenig. Sie eint jedoch die Strategie, vermeintliche Frauenthemen mit neurechter Ideologie aufzuladen. Damit soll die Neue Rechte auch für Frauen attraktiv werden. Die meisten der Aktivistinnen lehnen den modernen Feminismus ab. Sie kontern ihn mit einem traditionellen Familien- und Rollenmodell, in dem auch die emanzipierte Frau „mit Wurzeln und in Sicherheit“ wieder „Mutter und Hausfrau“ sein darf, sagt „Franziska“, die ihren Namen geheim halten möchte, in einem Interview mit einer Szene-Zeitschrift. Die Betreiberin des neurechten Blogs radikal feminin feiert das Patriarchat, die MeToo-Debatte – über den Machtmissbrauch durch sexuelle Gewalt – laufe hingegen „in eine komplett falsche Richtung“, sagt sie.

Die meisten neurechten Frauenrechtlerinnen können sich jedoch auf den islamkritischen Feminismus von Alice Schwarzer einigen. Die Publizistin Ellen Kositza wird in dem Buch „Die Angstmacher“ von Thomas Wagner über über Schwarzer zitiert: „Ich finde es sehr gut, dass sie (…) die Gefahr des Islamismus für ein selbstbewusstes, emanzipiertes Frauentum nie ausgeblendet hat.“ Damit die Deutschen nicht aussterben, solle jedes Paar mindestens drei Kinder bekommen, forderte der AfD-Mann Björn Höcke einmal. Die deutsche Frau als Bollwerk gegen die „Islamisierung des Abendlandes“. So wird jede Geschlechter-Debatte von den Frauen der Neuen Rechten am Islam oder an der in ihren Augen zu liberalen Gesellschaft ausgerichtet und für das eigene Milieu kompatibel gemacht. Geht es um Fälle von Vergewaltigung, sind immer Muslime die Täter. Liberale, Ärzte, Lehrer und Politiker hingegen wollen nur die traditionelle Familie zerstören. Die Aktivistinnen sind rechte Antifeministinnen. Sie sehen sich selbst als deutsche Patriotinnen.

Frauen sind schon lange in der rechtsextremen Szene aktiv

Auch vor dem Bucherfolg von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ und dem Erstarken der AfD waren Frauen in der rechtsextremen Szene aktiv. Beate Zschäpe half Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als gleichberechtigtes Mitglied der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ bei der Vorbereitung von zehn Morden. Gitta Schüßler baute die bundesweite NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ auf. Und auch der bekannteste Holocaust-Leugner des Landes ist eine Frau: die Rechtsextremistin Ursula Haverbeck. Zschäpe, Schüßler und Haverbeck sind jedoch Einzelfälle. Die alte Rechte ist so stark vom soldatischen und männerbündischen Charakter geprägt, dass Frauen selten wichtige Positionen innehaben. Ihre Rolle in dieser Szene sehen viele Frauen eher in der Erziehung der Kinder und dem Kuchenbacken für den NPD-Stand. Politik ist etwas für die Männer. Bis heute hält etwa die Deutsche Burschenschaft an dieser Tradition fest: Frauen können in den Studentevebrindungen des Verbandes gar nicht erst Mitglied werden.

Dabei liegt bei den Frauen ein noch nicht aktiviertes Potenzial brach, auf das die Neue Rechte zielt. Seit einigen Jahren versuchen einige Aktivistinnen deshalb, vermeintliche Frauenthemen auf die Straße zu bringen. Eine von ihnen ist Hedwig von Beverfoerde. Unter dem Dach der Zivilen Koalition, eines Vereins von Beatrix von Storch, gründete die fundamentalistische Katholikin die „Initiative Familienschutz.“ Auf Flyern und Plakaten warnt Beverfoerde vor dem „Genderwahn“ und fordert, den Sexualkundeunterricht an Schulen zu stoppen, weil er „die Wertebasis der Familie systematisch zerstört“. Ihre Initiative macht Front gegen angebliche „homosexuelle Lobbygruppen“ und verteufelt die Abtreibung. Seit 2014 führt Beverfoerde regelmäßig Demonstrationen durch Stuttgart, Wiesbaden und Hannover. Stets läuft sie an der Spitze des Zuges hinter einem rosafarbenen Banner. Die Bürgerproteste wirken professionell vorbereitet. Die meisten Demonstranten halten einheitlich gestaltete offizielle Schilder in Rosa und Blau über ihre Köpfe in den Himmel, „Gender verschwendet Steuergelder!“ ist darauf zu lesen oder „Ehe bleibt Ehe!“. Es sind vor allem erzkonservative Eltern und fundamentalistische Christen, die sich Beverfoerdes Protest anschließen. Mehrfach schon wurden ihre Demos aber auch von Aktivisten der Identitären Bewegung unterstützt.

Proteste der Frauen

Aus dem Umfeld der Alternative für Deutschland stammt noch eine zweite Bewegung, die den Protest der Frauen auf die Straße bringen will: der „Marsch der Frauen“ in Berlin. Dieser Protest ist jünger, krawalliger und offen rassistisch. Die Veranstalter von Beverfoerdes „Demo für Alle“ kritisieren alternative Lebensmodelle und sexuelle Orientierungen. Die Veranstalter des Frauenmarsches hingegen verdächtigen pauschal alle Muslime, Sexualstraftäter zu sein. Bereits mehrfach liefen gut 500 Menschen unter dem Motto „Wir sind kein Freiwild! Nirgendwo!“ durch Berlin. Organisiert wird die Demonstration von Leyla Bilge, einer kurdischstämmigen Menschenrechtsaktivistin. Sie ist vom Islam zum Christentum konvertiert und arbeitet heute als Mitarbeiterin für den AfD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Oehme, der dem völkisch-nationalen „Flügel“ der Partei angehört. Auf AfD-Veranstaltungen und der Compact-Konferenz spricht Bilge vor allem über ein Thema: die „Islamisierung“.

Bei ihren Auftritten erweckt sie den Eindruck, dass sich bald alle Frauen in Deutschland vollverschleiern müssen. Die „unkontrollierbaren muslimischen jungen Männer“, sagt sie, kämen nach Deutschland, um zu „rauben, vergewaltigen und zu morden“. Darum müssten alle Muslime rausgeschmissen werden, empfahl sie einmal. Sicher nicht ganz zufällig meldete Bilge ihren ersten Marsch in den Wochen an, als das Land im Rahmen der MeToo-Debatte über sexualisierte Gewalt gegen Frauen diskutierte. Das vermeintlich emanzipatorische Anliegen ihrer Demo war jedoch nur ein Vorwand. Denn Bilge und die AfD interessieren sich allein für die «gefährdete deutsche Frau». Eine Kundgebung für Frauenrechte, aufgeladen mit Islamhass und Rassismus. Als Leyla Bilge die letzten Male durch Berlin marschiert, folgen ihrem Frauenmarsch interessanterweise mehr Männer als Frauen. Einer von ihnen ist Lutz Bachmann. Vom Demowagen ruft der rechte Blogger David Berger: „Wir sind die wahren Feministen!“ Auch in Delmenhorst und im Städtchen Kandel in der Südpfalz finden „Frauenmärsche gegen sexuelle Gewalt“ statt. Wie in Berlin melden AfD-Politikerinnen die Proteste an, und es marschieren vor allem Männer durch die Straßen und skandieren Sätze wie: „Jetzt ist Schluss mit der Messerstecherei!“

„Die verbreitete häusliche Gewalt von Deutschen an Deutschen oder Sexualdelikte deutscher Männer an Frauen finden in ihren Kampagnen keinen Platz.“

Auch die Aktivisten der Identitären Bewegung versuchen einen Antifeminismus von rechts zu etablieren. Bei genauerer Betrachtung geht es neben der Sensibilisierung für Gewalt gegen Frauen immer auch um eine Aufwertung der weißen Frau und eine Abwertung des fremden Mannes. Das legitime Anliegen, über Vergewaltigungen durch junge Männer aus dem Nahen Osten aufzuklären, nutzen sie, um pauschal gegen die Gesamtheit der Muslime zu wettern und ganz bewusst die Zustände in der Gesellschaft zu verzerren. Die verbreitete häusliche Gewalt von Deutschen an Deutschen oder Sexualdelikte deutscher Männer an Frauen finden in ihren Kampagnen keinen Platz. In ihren Videos und Blogposts wird sexuelle Gewalt instrumentalisiert, um gegen Migranten und Flüchtlinge zu hetzen.

Der Frauenanteil ist niedrig

Obwohl die rechte Polit-Apo von Männern dominiert wird, schaffen es die Führer der Guerilla-Truppe, ihre wenigen Kameradinnen geschickt ins Rampenlicht zu stellen. Frauen wirken – so ihr Kalkül – harmloser und ansprechender als Bilder von aggressiven, betrunkenen Neonazis auf einem Rechtsrockkonzert. Martialische Kerle mit Stiernacken haben in der Vergangenheit nicht nur Frauen von der rechten Szene abgeschreckt. Heute ist das anders. Auffällig oft gehen jetzt junge Frauen bei den Demonstrationen der Identitären in der ersten Reihe des Protestzugs. Die als selbstbewusst inszenierten Poster-Girls der Identitären sind oft die Freundinnen der Chef-Aktivisten. Fast alle bekannten rechten YouTuberinnen und Instagram-Influencerinnen sind mit Führungsfiguren der Bewegung liiert. Die amerikanische Alt-Right-Aktivistin Brittany Pettibone etwa postete Ende August 2018 ein Foto mit dem Identitären-Chef Sellner im Arm und Ring an der Hand: „Happiest day of my life“ stand darüber  – offenbar haben sich die beiden Szene-Stars verlobt. Pettibone ziert auch das Cover der Erstausgabe des identitären Jugendmagazins Arcadi. Die Titel der nächsten Ausgaben schmückte ebenfalls stets eine Frau aus dem neurechten Milieu. Nach unseren Recherchen liegt der Frauenanteil bei den Identitären in Deutschland bei gerade einmal 20 Prozent, es gibt also höchstens hundert weibliche Aktivistinnen bundesweit.

„Das Vorurteil, dass sich die deutsche Frau vor Fremden schützen müsse, durchzieht alle Aktionen der Identitären: Mal verteilen IB-Männer in Innenstädten Pfefferspray, um auf die Gefahren hinzuweisen, denen Frauen durch „importierte Gewalt“ der „Multikultis“ heute in Deutschland angeblich ausgesetzt seien.“ 

Eine von ihnen ist die Berlinerin Paula Winterfeldt. Das erste Mal sehen wir sie auf der Demonstration der Identitären in Berlin 2017. Sie trägt einen schwarzen Pony und ein T-Shirt des rechten Labels Phalanx Europa. Auf der Ladeklappe eines Lkw stehend, ruft sie ins Mikrophon: „Ich erinnere mich sehr, sehr gut an eine Zeit, in der Europa noch nicht von Terror und Massenvergewaltigungen heimgesucht wurde, (…) an eine Zeit, in der wir Deo statt Pfefferspray in unseren Taschen hatten.“ Das Vorurteil, dass sich die deutsche Frau vor Fremden schützen müsse, durchzieht alle Aktionen der Identitären: Mal verteilen IB-Männer in Innenstädten Pfefferspray, um auf die Gefahren hinzuweisen, denen Frauen durch „importierte Gewalt“ der „Multikultis“ heute in Deutschland angeblich ausgesetzt seien. Ein anderes Mal tauchen Aktivistinnen als Flashmob an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen auf. Eine von ihnen trägt eine schwarze Burka. Mit diesem drastischen Bild wollen sie ihre Dystopie von der angeblichen „Islamisierung“ verbreiten. Solche Aktionen verfangen. In der Facebook-Gruppe „Identitäre Mädels und Frauen“ sollen sich Hunderte Mitglieder ausgetauscht haben. Die erfolgreichste Frauenrechts-Aktion der Identitären findet über Twitter und YouTube statt. Im März 2018 veröffentlichen sie ein Video, in dem junge Frauen ernst in die Kamera schauen. „Ich wurde in Kandel erstochen, ich wurde in Malmö vergewaltigt, ich wurde in Rotherham missbraucht“, sagen sie zu melodramatischer Klaviermusik. Sie wollen auf die Gewalt durch Migranten hinweisen und behaupten, sie seien „der wahre Aufschrei gegen die wahre Bedrohung für Frauen in Europa“. Mit dieser Initiative versuchten die Identitären, die feministischen Debatten #aufschrei und #MeToo zu kapern.

Auch wenn es Frauen waren, die sich hier öffentlich als Opfer inszenierten, so stehen hinter der Aktion doch wieder: Männer. Ein Mitglied des IB-Vorstands verantwortet die Webseite zur Kampagne, Martin Sellner hat die Aktion angemeldet. Ihre Gegen-Kampa haben sie #120db getauft. 120 Dezibel ist die Lautstärke eines Taschenalarms, der angeblich mittlerweile „zur Grundausstattung der Handtaschen europäischer Frauen“ gehört, wie Aktivistin Paula Winterfeldt im Video sagt. Neben dem Clip sollte der Hashtag #120db bei Twitter und Facebook etabliert werden. Die Aktion wurde parallel in mehreren Ländern gestartet. Das deutsche Video fand schnell über 100.000 Zuschauer. Auch diese Kampagne stellt Ausländer unter Generalverdacht und instrumentalisiert feministische Positionen für die Ablehnung von Fremden. Und es schwingt die identitäre Erzählung vom „großen Austausch“ mit, der angeblich gesteuerten Überfremdung durch „Masseneinwanderung“ von Muslimen.

Wie sich die Frauen der Szene inszenieren 

Eine der prominentesten Polit-Aktivistinnen der Identitären ist Melanie Schmitz. Die Studentin der Kommunikationswissenschaft aus Essen beherrscht die große Inszenierung. Schmitz singt auf YouTube Lieder über „Remigration“, posiert für eine Foto-Kampagne der IB, betreibt einen erfolgreichen Instagram-Account. Hier zeigt sie Bilder von sich im schwarzen Spitzen-Negligé, streckt der Kamera den Mittelfinger entgegen oder spaziert versonnen durch den Herbstwald. Mal zeigt sie sich im Hipster-Look mit Adidas-Trainingsjacke, mal ihren New-Balance-Sneaker mit einem Schokoladen-Nikolaus darin. Zwischen unverfänglichen Fotos von Avocados oder posend in der Badewanne tauchen auf ihrem Kanal aber immer wieder auch politische Botschaften auf. Mal trägt sie ein schwarzes T-Shirt, auf dem „Good night left side“ („Gute Nacht, linke Seite“) steht, ein abgewandelter Spruch von Linksradikalen, die „Good Night, White Pride“ („Gute Nacht, weißer Stolz“) skandieren. Auf einem anderen Bild sitzt sie in ihrem Zimmer, und über dem Bett hängt die Flagge der italienischen Faschisten von Casa Pound. Manchmal schreibt sie auch politische Botschaften, dann tippt sie: „Holen wir unser Land zurück.“ Es ist eine wohlüberlegte, urbane Ästhetik, mit der Schmitz auch jene Followerinnen auf ihre Seite locken will, die sich sonst wohl nicht für die Identitären interessieren würden.

Andere Aktivistinnen versuchen, auf Instagram mit Fotos von Waldspaziergängen ihre Heimatliebe auszudrücken, oder sprechen familienbewusste Frauen mit dem „antifeministischen“ Blog radikal feminin an. Dort finden Leserinnen Beiträge über die „Rolle als traditionelle Frau“ und Bastelanleitungen für Adventskalender. Cupcakes, Naturbilder, Widerstand: Mit dieser Melange aus Heimeligkeit, cooler Social-Media-Selbstinszenierung und Fremdenhass werben die Frauen der Neuen Rechten um weibliche Verstärkung.

Christian Fuchs, Paul Middelhof: Das Netzwerk der Neuen Rechten: Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Polaris Verlag, 2019, 16,99€.

Mehr über die Recherche und das Buch erfahrt ihr unter www.neuerechte.org.

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