Foto: Metropolico.org – Flickr – CC BY-SA 2.0

Ein schwangerer Kanzlerkandidat – geht das? Sigmar Gabriel und die offensive Vaterschaft

Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) wird wieder Papa. Herzlichen Glückwunsch. Aber wieso loben ihn Medien für einen „offensiven Umgang“ mit seiner Rolle als Papa?

 

Ein Baby für den Vize-Kanzler

HURRA! Sigmar Gabriel ist schwanger!

Es war sicher sehr schwer für ihn, diese Neuigkeit so kurz vor einem wichtigen Bewerbungsgespräch offenzulegen.

Er bewirbt sich ja momentan als Kanzlerkandidat und sein Konkurrent ist nicht schwanger und steht auch nicht im Verdacht, derartiges zu tun oder tun zu wollen.

Imageschäden und berufliche Nachteile gehen bei so etwas schnell. Kennt man ja, nicht wahr? Er hat also bewusst Karrierenachteile in Kauf genommen, als er damit heuer an die Öffentlichkeit ging und das so kurz vor dem Wahljahr 2017.

Die Medien überschlagen sich mit Fragen:

– Wie belastbar wird so ein junger Vater sein? 

– Wie soll er sein Amt verantwortungsvoll ausfüllen, jetzt wo er schwanger ist und danach? 

– Hat der gute Mann sich überlegt, wie er das mit der Kinderbetreuung regelt? 

– Wo sind nur diese ganzen Kinder, wenn er arbeitet? 

– Gibt es noch genug Plätze in der Bundestags-KiTa, hat er das schon abgeklärt?Ohne Job: kein KiTaplatz. Ohne KiTaplatz: kein Job! Das wird ihn die SPD jetzt sehr genau fragen müssen.

-Wäre nicht ein befristeter Kanzlerkandidaten-Vertrag eine faire Alternative, um erstmal zu sehen, wie der junge Vater seinen Beruf und zwei Kinder vereinbaren kann, bevor die SPD ihn aufstellt? Außerdem sind zwei kleine Kinder doch quasi immer krank, der kommt doch gar nicht mehr ins Büro? Verwaiste Flure!
Und pünktlich weg muss der auch noch. 

Vielleicht sollte sich die SPD nach einer Mutter umsehen, die ist da einfach verlässlicher. Das ist auch keine Benachteiligung, sondern einfach die logische Folge der Entscheidung für eine Vaterschaft in so einer wichtige Phase.

ALL DAS HAT DER SIGMAR RISKIERT!

Ja, Leute. Sich dem auszusetzen nennt man „offensive Vaterschaft“. Die Medien waren beeindruckt, wie wenig das „seinem Image“ schadet, bei so viel Gegenwind. Oder war da etwa gar keiner?

Ich muss da mal genauer hinschauen, was an der neuen Nachricht von Sigmars Vaterschaft denn ein imageschädigendes Potential haben könnte. Schließlich sind alle so stolz auf den Sigmar.

Moderne Papas kümmern sich … ein bisschen

Hat er vielleicht angekündigt als Eltern-Teilzeitkanzler zu kandidieren oder stillfreundliche Plenardebatten einzuführen, damit er dem neuen Baby die Flasche geben kann? OH, ICH WEISS: Er fordert für die nächste Legislaturperiode bestimmt, dass die Debatten vor 15 Uhr beendet sein müssen, damit er endlich rechtzeitig zur KiTa kann. Und einen extrabreiten Kanzler-Kind-Parkplatz vor dem Kanzleramt. Seine Frau ist berufstätig, die braucht bei zwei Kindern seine väterliche Unterstützung, wenn sie ihre Zahnarztpraxis nicht schleifen lassen will. Uiiiii, vielleicht gibt es jetzt auch Kinderwagenparkplätze im Bundestag und ein Bällebad! YAY! Ich bin schon ganz aufgeregt.

Schauen wir doch mal, was es damit auf sich hat, dass Sigmar Gabriel nun schon das DRITTE MAL in zwei Jahren als Politiker gilt, der „offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht“ und dies seinem Image „zumindest nicht schadet“.

Offensive Vaterschaft, 1. Akt:

04.01.2014. Sigmar ließ medienwirksam verlautbaren, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch Vatersache sein müsse. Er kündigte daher an, seine Tochter einmal die Woche, nämlich Mittwochs, von der KiTa abzuholen. Applaus!

Obwohl abertausende Väter fassungslos auf diese Doppelbelastung starrten und unter diesem Erwartungsdruck zu Ersticken drohten, ist für den mutigen Gabriel kein Imageschaden entstanden. Aber das war wirklich sehr „offensiv“, fanden die Medien. Der Begriff „offensive Vaterschaft wegen drohendem Imageschaden“ ward geboren.

Offensive Vaterschaft, 2. Akt:

08.02.2016. Das Label „offensive Vaterschaft“ wird von Spiegel Online erneut hervorgekramt. Mit Spannung erwarten wir, mit welchem Beispiel der gleichberechtigten Elternschaft der Sigmar nun ein Zeichen setzte und offensiv Nachteile im Job riskierte:

Er passte drei Tage lang auf seine scharlachkranke Tochter auf.

Was soll DA noch kommen, fragen wir uns?

Offensive Vaterschaft, 3. Akt:

22.11.2016. Absolut wortgleich kopierte Spiegel Online den gesamten Absatz des alten Artikels von Februar 2016 in seinen neuen Artikel. Und als wäre das nicht schon genug Aufwand, verleihen sie den „Offensiven Vater“ nun sogar ein drittes Mal. 

Nach den vorangegangen Beispielen sind wir alle schon ganz hibbelig, was nun die bekannten Rollenbilder so erschüttert hat und stoßen auf ein absolutes Novum in der Geschichte der Elternrechte:

Die Bekanntgabe der Schwangerschaft der eigenen Frau beim Arbeitgeber und gleichzeitig die Ankündigung, auf keinen Fall in Elternzeit oder Teilzeit zu gehen. Keine „Babypause“, weil das „leider nicht geht“.

Wow. DAS ist halt schon echt offensiv. 

Ob das unsere Gesellschaft aushält? Sind wir etwa schon so weit, dass Väter es sich beruflich leisten können, nicht aus dem Beruf auszusteigen, wenn ein Kind kommt? Ich weiß es nicht, meine Lieben, aber Dank Sigmars mutigem Husarenritt werden wir es erfahren.

Hier ein Zitat aus dem SpOn-Text:

„Die Geburt seines dritten Kindes würde in die Frühphase des Bundestagswahlkampfes fallen. Auswirkungen auf eine mögliche Kanzlerkandidatur soll die familiäre Veränderung Gabriel zufolge aber nicht haben: ,Wir haben uns vor der Entscheidung, ein weiteres Kind zu bekommen, alles gut überlegt‘. Gabriel plant dem Bericht zufolge keine Babypause ein: ,Das geht im Wahlkampf leider nicht‘, sagte er. (…) Es ist nicht das erste Mal, dass Gabriel offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht – was seinem Image zumindest nicht schaden dürfte.“

Ich kotze.

Gleichberechtigte Elternschaft ist das nicht

Ich freue mich darüber, dass Sigmar Gabriel ein drittes Kind bekommt, wobei man wissen muss, dass das erste Kind bereits erwachsen ist. Ich finde es auch vollkommen nachvollziehbar, keine „Babypause“ zu machen wenn man Bundeskanzler werden will. Es ist zudem vollkommen nachvollziehbar, trotzdem ein drittes Kind zu kriegen.

Wenn das allerdings „offensiver Umgang mit der Vaterschaft“ ist, dann möchte ich es dringend auch so verstanden wissen, wie es nämlich ist:

Imageschäden befürchtet nur der Typ Vater nicht, der offensiv berufstätig ist. Denn nur das „schadet ihm nicht“. Und das ist für Väter und Mütter auch 2016 noch an den Tagesordnung.

Das scheint der Sigmar auch begriffen zu haben. Und das tut mir sehr Leid. Für beide Gabriels.


Den Kommentar von Juramama durften wir von ihrer Facebook-Seite übernehmen – ein Lesetipp von uns.


Titelbild: Metropolico.org – Flickr – CC BY-SA 2.0


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