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Pinke Blousons und das Ende der Kindheit

Wir werden älter und unsere Eltern auch. Endet jetzt die Kindheit, wie ändert sich die Beziehung zu unseren Eltern? Katharina Höftmann schreibt darüber.

 

Anekdoten mit den lieben Eltern

Weihnachten haben wir eine Zeitreise gemacht. In eine Welt, in der mein Vater ein Russe war und meine Mutter wie ein südamerikanischer Brillenbär mit Haarkrause aussah. Aber vor allem waren sie furchtlos. Meine ehemals eingesperrten Eltern. Ob in Griechenland (1989), Ägypten (1990), Israel (1993), New York (1995), Marokko (1996) oder Norwegen (1994, 1995, 1996) – kein Turban war ihnen zu extravagant, kein Cowboy-Hut zu groß. Heiligabend saßen wir drei also im Esszimmer (ER war um acht auf dem Wohnzimmerteppich zusammengebrochen und sofort in einen komatösen Tiefschlaf gefallen. Irgendwie erschöpfen wir drei ihn aus unerfindlichen Gründen mehr als seine 100-köpfige südländische Großfamilie. Oder vielleicht ist es auch der deutsche Schnaps, der ihn in die Knie zwingt) und blätterten durch die vielen Erinnerungen, die uns wie Sicherheitsseile beim Klettern verbinden.

Ab und zu tauchte auf einem der Bilder auch mein Halbbruder in einem geblümten Hemd auf. Wobei mir die Bezeichnung „Halbbruder“ zuwider ist, denn das klingt nach einem Menschen, dem bei einem Unfall eine Gehirnhälfte abhandengekommen ist, aber mein Bruder ist sehr schlau, daher kann das ja gar nicht sein. Mein Vater sieht also auf jedem Bild wie ein Russe aus, wie ein Trendsetter-Russe allerdings, da er schon damals dieselben Sachen trug wie reisende Russen heute. Während er sich mittlerweile nur noch in gedeckte Farben kleidet, spazierte er früher wie ein bunter Hund durch die Lande.

Wir werden alle älter, auch unsere Eltern

Lilafarbene Seidenhemden, schwarz-weiß-gestreifte Hosen, pinke Blousons – was kostet die Welt? Immer mit dabei, verlustsicher unter der Nase angebracht, seine haarige Besenbürste. Ein Schnauzer, der so ernst gemeint war, dass es mich rührt, wenn ich mir die Bilder ansehe. In seiner Hand klemmt auf den meisten Bildern eine große Videokamera, der er mit sonorer Stimme einflüsterte, wo wir uns gerade befanden (ich hatte das Gefühl, seine Grabesstimme schon zu hören, wenn ich das Foto nur ansah). „Marrakesch. Markt. Ein Schlangenbeschwörer.“  „Teneriffa. Teide-Berg.“ – „New York, Freiheitsstatue.“ – „Norwegen. Fjord.“ Manchmal geriet auch meine Mutter ins Visier seiner traurigen Aufnahmen. Ich selbst hüpfte meist wie ein Gummiball neben ihr her und plapperte ohne Punkt und Komma. Meine Mutter ertrug mein Non-stop Unterhaltungsprogramm mit stoischer Ruhe. Auf den Bild-Ton-Aufnahmen, die neben unseren Fotos natürlich auch existieren, ist nur ein gelegentliches „Hm“ von ihr zu hören. Auf den meisten Bildern standen die Mama und ich dicht beieinander. Mein Vater sagte, ich sei ein Mamakind gewesen, und das Beweismaterial pflichtet ihm bei. Auch meine Mutter sah auf den Bildern anders aus als heute. Sie trug zum Beispiel immer riesige Brillengestelle, auf die der Begriff „Nasenfahrrad“ gepasst hätte, als wäre er für sie erfunden worden, und Dauerwellen, die einem aus heutiger Sicht schlicht die Sprache verschlagen.

Die Haarkrause gehörte zugegebenermaßen schnell der Vergangenheit an. Vor ungefähr zehn Jahren ging schließlich auch die Ära der übergroßen Nasenfahrräder zu Ende. Es folgten bunte Brillengestelle und später randlose Beckenbauer-Modelle. Als meine Mutter sicher war, dass es garantiert kein Comeback geben würde, beschloss sie, alle Brillenbär-Nasenfahrräder einer Hilfsorganisation zu spenden, die diese nach Afrika transportierte. Ich stelle mir oft vor, wie ich irgendwann im Steppenland der afrikanischen Wüste auf einen hochdekorierten Massai-Krieger treffen werde, der das rosafarbene Nasenfahrrad meiner Mutter trägt.

Ein ewiges Kind sein: Zuhause bei Mama und Papa

Auf einem der Bilder war meine Mutter gerade mal 33 Jahre alt. Das bin ich in vier Jahren auch. Sie sah jünger aus als ich heute, finde ich. Vielleicht waren aber auch früher die Kameras nicht so scharf wie meine Augen, wenn ich in den Spiegel gucke. Heute ist sie 56. Mein Vater 65. Sie sehen immer noch jünger aus, als sie sind. Aber beim Blick auf die Fotos scheint es trotzdem, als wären sie aus einem anderen Leben. Eltern scheinen einem eigentlich immer unglaublich alt, vor allem, wenn man selbst noch sehr jung ist. Mit ihrer Überlegenheit an Lebensjahren und Erfahrung geben sie einem das Gefühl, Musterbeispiele an Vernunft und Verantwortung zu sein. Vor allem, weil sie einem kontinuierlich einbläuen, wie Sachen gemacht werden sollen. So vermitteln sie einem, jung, unerfahren und irgendwie nicht bereit für das richtige Leben zu sein. Und das ist auch gut so, denn im besten Fall liefern sie uns den einzigen Ort auf der Welt, an dem wir – zumindest hin und wieder – Kind sein dürfen. An dem wir nicht erwachsen spielen müssen. Unser Zuhause.

Jedes Jahr am Kindertag schenken meine Eltern mir etwas. Ich sage meiner Mutter, die hinter allen Geschenken unserer Familie steckt, dann immer, dass das nicht mehr nötig ist, schließlich bin ich inzwischen erwachsen. „Für mich wirst du immer mein Kind bleiben“, lautet die schlichte Antwort. Bei unseren Eltern sind wir selten die überlegenen, reflektierten Persönlichkeiten, zu denen wir irgendwann im Alltag werden (die Hoffnung stirbt zuletzt). Bei ihnen fallen unsere erwachsenen Masken. Vor jedem anderen kann ich es einigermaßen geheim halten, wenn es mir schlecht geht, aber nicht vor meiner Mutter. Meine Eltern, es heißt ja nicht umsonst Elternhaus, sind mein Rückzugsort. Sie sind mein Schutzschild, hinter dem ich mich verkriechen kann, wenn die ganze Welt zusammenfällt. Selbst wenn ich vier Flugstunden entfernt von ihnen lebe, trage ich sie wie eine mobile Sicherheitseinheit in mir. Sie sind die Gruppe, zu der ich hundertprozentig dazugehöre. Ihr Haus ist der Ort, an dem ich immer willkommen bin. Das „Mucki“ meines Vaters und das „Puschel“ meiner Mutter geben mir das Gefühl von Liebe, einer Liebe die gerade deswegen so stark ist, weil sie so kontinuierlich ist, weil man nicht fürchten muss, dass sie ihnen plötzlich abhandenkommen könnte.

Was, wenn Eltern Hilfe brauchen?

Wenn wir meine Omi besuchen, überlege ich immer, wie das sein muss für meine Mutter, dass ihre Mutterjetzt schon weit über 80 ist. Wie fühlt sich das an, wenn der Mensch, mit dem man am besten reden konnte, plötzlich nicht mehr richtig hört? Nicht mehr richtig versteht? Der Mensch, an dessen Küchentisch man gesessen und von Schulfreunden geplappert hat, später von Uniprofessoren, irgendwann von zukünftigen Ehemännern? Der Mensch, in dessen Schulter man gerotzt hat, wenn man hingefallen ist, wenn einen die zickigen Weiber aus der Parallelklasse oder die miesen Chefredakteure des Redaktionspraktikums fertiggemacht haben? Wenn dieser Mensch plötzlich auf dem Mond zu sitzen scheint? Ich stelle mir vor, wie ich meine Mutter die Treppe runterhieve. Wie ich ihren Rollator zurechtschiebe. Wie wir spazieren gehen und ich mir vorkomme, als würde ich mit einer Schnecke Gassi gehen. Absolut unvorstellbar. Und doch vorstellbar, denn meine Eltern werden älter. Die Bilder aus der DomRep beweisen es. Wenn Eltern älter werden, müssen auch wir Kinder akzeptieren, dass die Dinge sich ändern. Ihr Älterwerden macht einen erwachsener.

In kindlicher Naivität habe ich meine Eltern oft als „Superman“ und „Wonderwoman“ wahrgenommen. Als Übermenschen, denen alles scheinbar mühelos gelang – wobei, Moment. Hier verkläre ich die Wahrheit. Es gab einige Jahre immer wieder diese Momente, in denen ich das Gefühl hatte: Die verstehen mich einfach nicht. Weil sie verboten, befahlen und bestraften. Mit acht, zwölf oder 15 Jahren kann man nicht glauben, wie unfrei man ist. Auch deswegen ist dieses Erwachsenwerden, das Ausschwärmen mit 21, so eine erhebliche Veränderung. Plötzlich ist man frei. Noch nicht so frei wie mit Ende 20, wenn man bestenfalls finanziell auf eigenen Füßen steht, aber immerhin so frei wie nie zuvor. Und dann beginnt man, dieses Gefühl des Kindseins, der Bevormundung, zu vermissen. Natürlich nicht wirklich, denn die Freiheit fühlt sich gut an, aber man beginnt, die Dinge, die Eltern für einen getan haben, schätzen zu lernen. Zumindest ging es mir so, aber ich habe auch besonders großes Glück gehabt. Meine Eltern haben immer alles für mich getan. Sie haben mir eine gesunde Bindungsfähigkeit mitgegeben, einen einigermaßen gesunden Ehrgeiz und vor allem das Gefühl, auch Fehler machen zu dürfen. Sie haben mir mit ihrer Zuwendung emotionale Sicherheit und das Urvertrauen geschenkt, das es mir heutzutage ermöglicht, glücklich zu sein. Die Tatsache, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin (wie so viele in meinem Alter, interessanterweise aber die wenigsten meiner Freunde), hat mich gleichzeitig auch äußerst sensibel für die Befindlichkeiten meiner Eltern gemacht. Gerade deswegen merke ich die Veränderungen, die sie durchleben, so deutlich.

Kinder werden zu Eltern

Wir sind eine so starke Einheit, dass ihr Älterwerden auch mich beeinflusst. Manchmal macht es mir Angst, und dann überlege ich fieberhaft, wie ich mich um sie kümmern kann, wenn sie richtig alt werden. Wenn sie dann irgendwann nicht mehr recht laufen können. Oder im Hochsommer mit der Daunenjacke spazieren gehen wollen. Was mache ich dann? Gebe ich dann mein Leben auf und ziehe zu ihnen, um mich rund um die Uhr um sie zu kümmern, so wie sie es in meinen ersten Lebensjahren gemacht haben? Oder finde ich einen guten Platz für sie, obwohl doch niemand ins Heimmöchte? Wenn ich erwachsen gewordene Kinder sehe, die mit 50 oder 60 Jahren plötzlich ihre alten gebrechlichen Eltern an die Hand nehmen, wenn ich sehe, wie sich das dreht und die Kinder zu Eltern werden und die Eltern zu Kindern, dann möchte ich alles, bloß nicht erwachsen werden. Und was passiert erst, wenn die Eltern irgendwann nicht mehr da sind?

Ich kenne noch nicht viele Leute in meinem Freundeskreis, die den Verlust eines Elternteils bewältigen mussten, aber doch genug, um mir darüber Gedanken zu machen. Allein die Vorstellung scheint mir unbegreiflich. Der Tod macht mir generell Angst, und der Gedanke, dass meine Eltern irgendwann einfach nicht mehr da sein könnten, raubt mir die Luft zum Atmen. Wer soll man denn dann sein, wenn einem die Arme abfallen? Wenn Eltern ihre Kinder verlassen (aus welchen Gründen auch immer und in welchem Alter auch immer), ist die Kindheit vorbei. Das Kindsein zu Ende. Eltern statten uns so gut wie möglich mit all den Dingen aus, die wir im Leben benötigen, aber auf ihren Tod können sie uns nicht vorbereiten. Und genau das ist der Punkt. Deswegen fällt es uns so schwer, uns überhaupt mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen. Und jetzt, in diesem Moment bin ich wahnsinnig dankbar, dass es meinen Eltern noch gut geht. Sie sind nicht mehr fit wie Turnschuhe, aber immerhin noch wie Wandersandalen. Und ihr Weg ist noch lang.

 

„Einfach weitertanzen“ – das Buch

Auszug aus dem Buch: Einfach weitertanzen. Von der Kunst, erwachsen zu werden von Katharina Höftmann. Das E-Book gibt es hier.

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