Foto: Katja Hentschel

Saralisa: „Wer kann schon Everybody’s Darling sein?“

Jede Mutter hat ihren eigenen Rhythmus. Saralisa Volm nennt ihn Mamabeat und hat unter diesem Titel ihr autobiographisches Debüt veröffentlicht.

 

Was ist schon perfekt?

Wann ist die richtige Zeit, um schwanger zu werden, wie werden wir perfekte Eltern und was kosten Kinder eigentlich? Alles Fragen, die sich auch Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Gründerin von Glowbus Saralisa Volm stellte und über ihre eigenen Erfahrungen zum Thema ihr literarisches Erstwerk verfasste. Das ist aber nicht als Ratgeber zu verstehen sondern handelt vielmehr von Sorgen, Mut, offen gehandelten Fehlern und wie es eben doch immer weitergeht, auch wenn man manchmal nicht weiß wie. Wir haben mit ihr über den Sound ihres ganz persönlichen Mamabeats gesprochen, warum sie im Beruf nicht immer kindgerechte Entscheidungen treffen kann und was es bewirkt, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Wie klingt ein „Mamabeat“ oder was macht ihn aus?

„Der Mamabeat, von dem ich glaube, dass ihn jede Mutter hat, klingt sehr nach ihr. Es ist ein Rhythmus der aus dem Zusammenleben in einer Familie entsteht. Manch einer ist sehr regelmäßig, ein anderer erinnert eher an Freejazz. Man kann ihn selbst gestalten, aber ich glaube, dass es sehr anstrengend ist, gegen seinen eigenen Beat anzuleben.“

In deinem autobiographischen Text erzählst du davon, wie du schwanger wurdest, während dir dein Berufs- und Privatleben gerade wenig Sicherheit bot. Kannst du die Zeit und dein Gefühl dabei kurz umreißen?

„Ich bin einige Monate zuvor aus einer sehr turbulenten Beziehung gekommen, das Filmprojekt, an dem ich gerade arbeitete, drohte erneut zu scheitern und ich wusste nicht einmal genau, ob ich in Hamburg oder Berlin wohnen sollte, obwohl ich mir gerade keine der beiden Städte leisten konnte. Als ich mich neu verliebte, war ich also keineswegs in der idealen Position um ein Kind zu planen. Andererseits wollte ich immer eine junge Mutter sein. Dieser Wunsch wurde mir erfüllt, als ich mit 23 plötzlich schwanger war und ich bin mehr als froh, dass ich nicht auf den perfekten Moment gewartet habe. Bei mir wäre der wohl bis heute noch nicht gekommen. Zum einen, weil perfekt bei mir mit sehr hohen Ansprüchen verbunden ist, zum anderen, weil mein Leben schon immer etwas chaotisch und turbulent war.“

Hochschwanger in einem Büdchen zu arbeiten, in dem du Pils und Schnaps an Pauli-Fans verkauft, klingt etwas nach Überlebenskampf. War das so?

„Es war bestimmt auch eine Art Überlebensding, allerdings eins, das ich sehr mochte. Und wahrscheinlich hätte ich auch anderweitig Geld bekommen können, aber es mir zu verdienen hat auch etwas mit Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu tun. Ich habe mich in meinem Pförtnerhäuschen sehr wohl und zu Hause gefühlt. Und es gab den ganzen Tag etwas zu Essen, was in der Schwangerschaft nahezu paradiesisch wirkte. Ich kannte die Leute und meine Freunde kamen vorbei um mir beim tragen diverser Dinge zu helfen. Ich glaube auch, ein Service-Gen zu haben. Ich fühlte mich in solchen Jobs immer sehr wohl. Abgesehen davon war ich ein ziemliches St.Pauli-Mädchen. Ich wohnte seit Jahren auf dem Kiez und in der Umgebung und stand hier auch schon hinter so manchem Tresen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich diesen Job aufgeben sollte, nur weil ich schwanger bin.“

Deinem Buch ist ein Zitat von David Foster Wallace vorangestellt, das besagt sich nicht so sehr darum zu sorgen, was andere über einen denken. Ein guter Ansatz. Aber ist das, gerade bei dir als Schauspielerin, überhaupt möglich?

„Ich glaube, gerade dann, wenn jeder deiner Sätze, dein Aussehen und jede deiner Entscheidungen auch von Menschen hinterfragt wird, die Dich noch nie trafen und keinerlei persönlichen Bezug zu Dir haben, macht es Sinn sich von deren Meinung zu befreien, sonst wird man wahnsinnig. Wer kann schon ‚Everybody’s Darling’ sein? Allerdings weiß ich auch, dass ich eher zu der Sorte Mensch gehöre, denen das schwerfällt. Ich bin immer noch dabei sehr mühsam zu lernen, dass die negative Meinung anderer mich nicht betrüben sollte. Das Zitat spielt zudem auf die wissenschaftliche Erkenntnis an, dass andere Leute unsere kleinen Fehltritte gar nicht in dem Maße bemerken, wie wir glauben, da sie mehr auf sich selbst achten, als auf uns. Die Wenigsten registrieren unsere Stolperer, falschen Behauptungen oder Versehen und auch nicht unser rotes Gesicht, nachdem sie passierten. Häufig nehmen wir uns einfach nur selbst zu wichtig und fühlen uns deshalb beobachtet.“

Viele werdende Mütter haben Angst, nicht die perfekte Mutter zu werden, die sie gerne sein möchten. Ein Gefühl, das du kennst?

„Ich bin allgemein jemand, der sehr viel Angst davor hat nicht gut genug zu sein, das gilt auch oder gerade für meine Mutterschaft. Die meisten Eltern, die versuchen Kind und Beruf zu kombinieren, werden das Gefühl kennen, wie es ist, ständig den Eindruck zu haben an einer Front nicht ausreichend präsent zu sein. Und dann wird es doch nichts mit dem versprochenen Kuchen für den Laternenlauf, weil das andere Kind krank geworden und pflege braucht. Oder wir vergessen Apfelmus zu kaufen, weil ich in meiner Hektik nicht daran gedacht habe. Ich glaube es gibt für mich kaum etwas schlimmeres, als in enttäuschte Kinderaugen zu gucken und trotzdem passiert das immer wieder.  Oder wir haben den Schneeanzug nicht gewaschen und er muss dreckig angezogen werden, oder, oder, oder. Andererseits stellt sich auch die Frage, was denn eine perfekte Mutter ist? Ist es nicht auch gut, wenn Kinder sehen, dass Eltern auch ihre Macken haben, auch mal kleckern, das Hemd falsch knöpfen oder etwas vergessen. Unser ältestes Kind freut sich dann sogar manchmal. Vielleicht machen ja erst unsere Fehler und die Fähigkeit dazu zu stehen die perfekten Eltern aus.“

Die Ratgeber-Vielfalt in Sachen Schwangerschaft ist riesengroß. Du hast auf Fremdeinwirkung keine Lust. Schafft du es tatsächlich dich von diesen Einflüssen zu emanzipieren?

„Nein. Natürlich wirken auch auf mich sehr viele Dinge ein. Aber ich versuche nicht auf die zu hören, die am lautesten schreien und rigorose Anleitungen geben wollen, sondern auf die, die mir helfen meinen eigenen Weg zu finden. Ich mag die Einflüsse von Menschen, die fragen: Wie geht es dir dabei? Was sind deine Vorstellungen? Ich hatte in beiden Schwangerschaften großartige Hebammen, die mir sehr viel Raum ließen eigene Entscheidungen zu treffen und auf meine Intuition zu hören. Dazu kam meine Mutter, die auch schon einen eher ungewöhnlichen Weg eingeschlagen hatte. Das war sehr inspirierend und befreiend für mich. Im Endeffekt versuche ich einfach einen offenen Blick für alle Möglichkeiten zu behalten und mir daraus eine individuelle Lösung zu basteln. Es gibt so viele interessante Familien mit eigenen Konzepten. Man muss nur die Augen offen halten.“

Du hast dich bei deinen Kindern für Hausgeburten entschieden. Warum war dir das angenehmer, als in eine Klinik zu gehen?

„Ich denke bei einer Geburt geht es vor allem darum sich sicher zu fühlen und geborgen. Stress und Druck machen eine solche Extremsituation ja nicht leichter. Mir war es daher wichtig eine vertraute Umgebung und vertraute Menschen um mich zu haben. Aber ich glaube, da tickt jeder anders. Manch eine fühlt sich mit technischem Gerät und einem Arzt bestimmt besser aufgehoben. Ich kann das verstehen, auch wenn ich anders empfinde. In meinem Fall hatte die Entscheidung bestimmt auch etwas mit Kontrolle und dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung zu tun: ich wollte wissen, wer mich betreut, was es zu Essen gibt und wie alles ausgestattet ist. Außerdem habe ich mir Ruhe und Beständigkeit gewünscht und wollte nicht schon kurz nach der Geburt unterwegs sein. Auch die erste Untersuchung durch den Kinderarzt fand immer bei uns zu Hause statt.“

Deine Agentur hatte Bedenken, dass dich ein Kind weitere Engagements kosten wird. Im Buch schreibst du: „Das Kind macht mich nicht arm, nicht hässlich und nicht arbeitsunfähig.“ Ging also doch alles weiter wie gehabt?“

Ich glaube es ging nicht weiter wie gehabt und trotzdem veränderte sich nicht so viel, wie häufig erwartet wird. Ich bin genauso viel unterwegs wie früher. Manchmal kommen die Kinder mit, manchmal bleiben sie zu Hause. Ich treffe mich noch immer mit kinderlosen Freunden, ich arbeite, ich studiere und versuche mein vorheriges Leben mit meinem Mutterleben zu kombinieren. Allerdings habe auch ich nur 24 h am Tag zur Verfügung, was bedeutet, dass ich effizienter werden musste, um all meine Aufgaben zu bewältigen. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass mir heute viel weniger Zeit zum Nichtstun bleibt. Ich hänge nicht einfach stundenlang im Museum rum oder bleibe das ganze Wochenende im Bett um einen Roman zu lesen, auch nicht, wenn ich freitags aus war. Dazu fällt mir ein, dass ich mir schon oft einen Express-Lieferservice für Windeln wünschte! Und ich bleibe nicht einfach drei Tage länger in einer anderen Stadt, nur weil ich gerade Lust dazu habe. Das Leben ist auch weniger spontan geworden. Als Paar gehen wir nicht einfach so abends Essen oder ins Kino. Dafür brauchen wir einen Babysitter, den man rechtzeitig organisieren muss. Aber wenn es gut läuft, plant das einer von beiden und der andere hat dann doch einen überraschend spontanen Ausflug.“

Ein Kind zu erwarten kann Sorgen machen, du schreibst von einer Stärke, die es dir gegeben hat, bevor du es überhaupt das erste Mal im Arm gehalten hast. Wie hat sich das gezeigt?

„Die Schwangerschaft hat mich in vielerlei Hinsicht genötigt mich mit meinen Ängsten zu konfrontieren und sie zu überwinden, statt den Kopf in den Sand zu stecken. Immerhin bringt ein Kind auch eine große Verantwortung mit sich und die wollte ich gerne übernehmen. Natürlich habe ich mir viele Sorgen gemacht: Was brauchen wir alles? Wovon bezahlen wir das? Müssen wir umziehen? Wie geht es beruflich weiter? Allerdings war immer klar, dass diese Fragen beantwortet und gelöst werden müssen. Immerhin gab es einen Geburtstermin.

Im Jahr 2011 hast du in dem crowdfunding finanzierten Neo-Porno „Hotel Desire“ mitgespielt. Hast du dir je darüber Gedanken gemacht, ob das damit zu vereinbaren ist, das du Mutter bist?

„Ich habe mich als Mutter, die sich auch traut sich nackt zu zeigen immer in bester Gesellschaft gefühlt: Kate Winslet, Charlotte Gainsbourg, Kate Moss…. Im Ernst: Tatsächlich habe ich schon in einigen Filmen mitgespielt, die erst ab 16 Jahren freigegeben sind. Von der Drogenabhängigen, die aus dem Gefängnis entlassen wird, über das Call-Girl, bis hin zur Mörderin. All das ist nicht kindgerecht, aber das ist auch nicht mein Anspruch. Ich versuche Filme zu machen, an die ich glaube, Geschichten zu erzählen, die mich interessieren und Rollen zu spielen, die mich persönlich bewegen oder weiterbringen. Das ist die Priorität in meinen beruflichen Entscheidungen.“

Gehört auch dieses enge Rollenverständnis zu den Zwängen und Erwartungen, die man besser ablegen sollte, wenn man seinen eigenen Beat finden will?

„Am Ende des Tages trägt man sich selbst gegenüber eine große Verantwortung. Mir geht es darum, meine Entscheidungen so bewusst zu treffen, dass ich sie vor mir selbst rechtfertigen kann. Das ist ein elementarer Bestandteil in meinem eigenen Beat. Natürlich gibt es Menschen, mit denen ich mich bespreche, aber ich handle gerne nach meinen Überzeugungen. Ich hoffe auch, dass diese Form von Haltung etwas ist, was meine Kinder später nachvollziehen können. Ich glaube, dass das wichtiger ist, als sich an Rollenverständnisse zu halten, nur um nicht anzuecken. Eher im Gegenteil: Warum nicht hinterfragen, was uns als gegeben präsentiert wird? Warum nicht ausprobieren, wie es anders sein könnte? Es ist doch langweilig und fürchterlich einschränkend sich aus Prinzip nur in einem vorgegebenem Rahmen zu bewegen. Mit Rollenvorstellungen darf meiner Meinung nach gewaltig gespielt und experimentiert werden, ob bei Müttern, Vätern, Kindern oder allen anderen Leuten.“

Gerade als Schauspielerin lebt man keinen geregelten Alltag, Engagements können sich über Wochen ziehen und weit weg von Zuhause sein. Wie meisterst du das mit mittlerweile zwei Kindern?

„Ohne meinen Mann, meine Familie, Freunde und Babysitter wäre das überhaupt nicht möglich. Wir brauchen ein großes Netz an Helfern, dass im Notfall einspringen kann, denn ich habe oft spontan anstehende Termine. Und auch mit Kindern ist vieles unvorhersehbar: Eine kleine Verletzung, weswegen man sie früher aus der Kita abholen muss, ein unerwarteter Infekt oder einer der Tage, an denen sie einfach mal zu Hause bleiben wollen. Das erfordert natürlich viel Organisation. Ich verbringe viel Zeit damit am Telefon zu hängen und Termine zu koordinieren. Und manchmal geht es einem auch sehr zu Herzen, wenn man nicht zu Hause sein kann in Momenten, wo die Kinder sich das wünschen würden.“

Dein Leben scheint ein aufregendes Auf- und Ab. Wo findest du Ruhe und was macht dich so richtig zufrieden?

„Tatsächlich finde ich Ruhe meist eher zufällig. Wenn das eine Kind im Tanzunterricht ist und ich mit dem anderen warte, dann ist das eine erzwungene Pause, die eine ganz wunderbare Wirkung hat. Oder wenn wir abends im Bett zusammen ein Buch lesen und kuscheln und ich danach ausnahmsweise keine Arbeit mehr habe. Diese Entschleunigungsmomente sind wichtig und leider viel zu selten. Genauso ist es, wenn ich Verwandte oder Freunde besuche, und man dann einfach nur sitzt und redet ohne an den nächsten Termin zu denken. Zufrieden bin ich in solchen Momenten vielleicht auch, aber eigentlich nie so richtig. Daran muss ich noch arbeiten.“

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Saralisa Volms Debütroman Mamabeat ist im August bei Beltz erschienen.

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