Foto: Kamal Hamid I flickr I CC BY-ND 2.0

„Schlimme“ Nebenjobs: Warum sie nützlicher sein können, als ihr Ruf vermuten lässt

Im Laufe seines Berufslebens hat fast jeder schon mal einen Job angenommen, der so gar nicht zum eigenen Profil passte oder gar den Lebenslauf zum Schillern brachte. Warum scheinbar unglamouröse Nebenjobs im Callcenter, an der Supermarktkasse oder als Hostess besser sind als ihr Ruf.

 

Nebenjobs müssen nicht versteckt werden

Nebenjobs sind für viele Studierende schlichtweg nötig, um finanziell über die Runden zu kommen – da ist es erstmal zweitrangig, ob sich der Personaler des späteren Traum-Unternehmens vom
Kassierer-Job beeindrucken lässt. Mit ein bisschen Strategie und einem Perspektivwechsel
können solche Tätigkeiten aber trotz ihres nicht unbedingt besten Rufs als Einstieg
in die Arbeitswelt oft lehrreicher sein als vermutet.

Mit dem nötigen Selbstvertrauen müssen diese Nebenjob im Lebenslauf nicht mehr versteckt werden,
sondern zeugen von charakterlichen Vorzügen. Bevor ich zum Gründer und
Geschäftsführer einer Personalagentur wurde, jobbte ich im Studium selbst als
Kellner, begleitete als Host (ausländische) Geschäftsdelegationen und stand
regelmäßig hinter der Bar. Als Vermittler von Service-Personal, Hostessen und
Hosts zu Messen und Branchen-Events sehe ich täglich viele Chancen, wie
studentische Jobber auch beim vermeintlich schlimmsten Nebenjob „lebens(lauf)wichtige“
Erfahrungen sammeln, oder dass solche Erfahrungen zu Recht überzeugende
Argumente im Lebenslauf von Bewerbern sein können.  

Selbstreflexion an der
Supermarktkasse

Nehmen wir das Beispiel des Kassiererjobs: Neben harmlos
plauschenden Omis gibt es immer auch jene Kunden, die ihren exotischen
Lieblingsjoghurt nicht finden konnten – und sich ausufernd darüber beim
Kassierer aufregen. Bedeutet das eine Überschreitung des eigenen
Höflichkeitsempfindens oder die Chance zur kundenorientierten Selbstbehauptung?
Diese knallharte Realität bietet die wertvolle Gelegenheit, eigene Stärken und
Schwächen in der realen Auseinandersetzung mit Herausforderungen zu testen,
vermeintliche Barrieren zu überwinden oder sich überhaupt darüber bewusst zu
werden, was einem liegt und wo man sich selbst nicht sieht.

Es kann aber auch
geradezu beflügelnd wirken, wenn ein verständnisvolles „Da kann ich Sie aber
vollkommen verstehen!“ es schafft, den frustigen Wind aus den Kundensegeln zu
nehmen. Mit einem freundlichen Hinweis wie „Der Joghurt ist sicher nach der nächsten
Lieferung wieder im Angebot, schauen Sie doch am Montag wieder vorbei!“ lässt sich ein beschwichtigender Triumph erringen – überraschend häufiger, als
vielleicht gedacht.

Solch eine erfolgreich gelöste Situation zeugt von
Stressresistenz und Empathie. Was beinahe jede Stellenausschreibung verlangt –
Flexibilität, Verlässlichkeit und Service-Orientierung – vermitteln
theoretische Module zu Schlüsselqualifikationen nicht, sondern nur der
berufliche Alltag. Manchmal kann das heißen, je härter, desto einprägsamer.
Solche (manchmal mühsam) erlernten Kompetenzen bewähren sich im späteren
Kontakt zu Geschäftspartnern oder Auftraggebern des künftigen „richtigen“ Jobs
nach dem Studium.

Viel Anspruch, wenig Trinkgeld: Kellnern als Challenge und
Lektion in Demut  

Anspruchsvolles Publikum gibt
es nicht nur an Supermarktkassen. Viele Gäste bedeuten aber auch viele Chancen,
sich auszuprobieren und mit etwas Feingefühl zu triumphieren – mit jedem Kunden
fällt ein Startschuss für die Challenge mit sich selbst. Kellner und Barfrauen
entwickeln automatisch ein Gespür für Menschen: Welcher Gast möchte wie
behandelt werden? Wer möchte Smalltalk machen und wer lieber nicht mehr als nötig
angesprochen werden? Worauf springen Geschäftsleute beim Business-Lunch an und
wie erklärt man überzeugend, dass es in der Küche leider etwas länger dauert?

Selbst
wenn die größte Motivation mal ins Leere läuft, 
ist daraus viel mitzunehmen: Scheitern lernen und Niederlagen
akzeptieren gehört zum Leben dazu, aber schon der nächste Gast bietet eine neue
Gelegenheit, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Man lernt beim Kellnern – anders als im oft
theoretischen Studium – sozial um die Ecke zu denken, flexibel auf
unterschiedliche Situationen und Charaktere zu reagieren und in vielfältigen
Registern zu denken. Das vielleicht Beste dabei ist die unmittelbare
Erfolgskontrolle: die Zufriedenheit der Gäste lässt sich meistens an der Höhe
des Trinkgeldes ablesen. 

Eine Übung in Demut ist es dann,
wenn auch der zufriedenste Kunde nicht mit Trinkgeld, sondern mit einem
zufriedenen Lächeln dankt. Da Kundenkontakt grundlegender Bestandteil vieler
Jobs für Uni-Absolventen ist, wird ein darin erfahrener Bewerber für
Unternehmen immer attraktiver sein.
                            

Die gute Schule der Promotion- und Messejobs

Mit wachen Augen, offenen
Ohren und einer Portion Mut können Studierende Events, für die sie als Host
oder Hostess gebucht sind, wunderbar zu ihrem eigenen Karriere-Vorteil nutzen.
Schon lange buchen Unternehmen nicht mehr rein „dekorative“ Damen und Herren,
um ihre Produkte und Services zu schmücken. Redegewandte Dienstleister mit
schneller Auffassungsgabe, Souveränität und Sympathie sind immer öfter gefragt.
Diese unauffällige Perspektive bietet beispielsweise Studierenden, die mit dem
Gedanken einer Unternehmensgründung spielen, die wunderbare Möglichkeit, die
Profis beim Netzwerken zu beobachten, Kniffe abzuschauen oder sich womöglich
selbst ins Gespräch zu bringen und die eigenen Visitenkarten zu verteilen. Dieser
schmale Grat zwischen Dienstleistung, Diskretion und Eigenpromotion sollte
jedoch bestens vorbereitet sein. Wer ist besonders interessant
und wie interessiert man dieser Personen für sich? An der Bar, wo Gäste länger stehen, ist zum
Beispiel mehr Zeit, ins Gespräch zu kommen. Aber auch ohne eigene Gründungsidee
kann der Eventeinsatz lohnen: Eine gute Personal-Agentur legt Wert auf ein
gründliches Briefing ihrer Dienstleister, damit sie mit dem wertvollen
Branchenwissen als „Explainer“ das Unternehmen repräsentieren können. Nicht
selten machen auf der Veranstaltung spannende Insider-Infos die Runde, mitunter
ist die Crème de la Crème der Branche anwesend, bringt sich auf den neuesten Stand, netzwerkt und bereitet
möglicherweise kommende Geschäfte vor.

Als Service-Personal erhält man bei solchen teilweise exklusiven Veranstaltungen nicht nur Zugang zu wertvollem Wissen,
sondern auch zu den Entscheidern selbst – mit dem Blick für das richtige Event,
guter Vorbereitung und Fingerspitzengefühl.  

Der Nebenjob als Trainingslager für Soft Skills 

Es muss nicht
ausschließlich das Vorzeige-Praktikum bei der angesagten Agentur sein, das Uni-Absolventen
eines Tages den Weg ins Unternehmen ihrer Träume ebnet. Das, was man getan hat,
bevor man sich schließlich den langersehnten Job erarbeiten konnte, steht der
Aussagekraft der fachlichen Kompetenz in nichts nach. Die Zeit an der Kasse, am
Zapfhahn oder Messestand vermittelt Fähigkeiten ganz anderer und mindestens gleichermaßen
relevanter Qualität – soziale Kompetenzen, die heute als sogenannte Soft Skills
in keinem Leistungs-Portfolio eines Bewerbers fehlen dürfen.

Das heißt für
Studierende, aber auch für Bewerber, die ihren Lebenslauf aufsetzen: Mini-Jobs sollten
als Trainings-Parcours für soziale Kompetenzen gesehen werden – notfalls auch
als Boot-Camp. Mittendrin lohnt sich eine strategische Planung mit klar
abgesteckten persönlichen Zielen, Herausforderungen sollten als Chancen
verstanden werden, begleitet von fortlaufendem Reflektieren. Brauche ich für
gute Service-Arbeit klare Anweisungen oder bringe ich mich lieber selbst ein?
Bin ich eher der Typ Kommunikator oder doch Verkäufer? Lehrsätze zur
Makro-Ökonomie stehen im Fachbuch, Selbstreflexion und –Optimierung kann man
jedoch nicht auswendig lernen.

Wie man auch mit unterschiedlichen Kollegen gut
im Team zusammenarbeitet, lehrt ebenfalls nur die Praxis. Selbst in einem noch so
unglamourösen Job gibt es meistens nette Kollegen, die den Arbeitsalltag
auflockern. Wer nach der Ausbildung mit der Jobsuche beginnt, der darf die in den Nebenjobs gesammelten Erfahrungen selbstbewusst im Lebenslauf kommunizieren. Die Tatsache, dass man zum
Verdienen seines Lebensunterhalts im Studium Prioritäten gesetzt hat, zeugt von
Engagement, Eigenständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und nicht zuletzt von
Lebenserfahrung. Dafür verleiht keine Universität der Welt Credit Points oder
Zertifikate. Mit einem selbstbewussten Umgang mit vermeintlich wenig attraktiven Jobs
und einem persönlichen und klaren Fazit, was man dabei gelernt hat, kann man bei Personalverantwortlichen im Bewerbungsgespräch punkten. Es gilt: Umwege
erhöhen auch im Berufsleben die Ortskenntnis.

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