Foto: Jeanette Bak Photography

Sandra: „Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen“

Sandra ist ausgebildete Tanzpädagogin. In ihren „Love your belly“-Workshops ermutig sie Frauen dazu, sich selbst und ihrem Körper näherzukommen. Wir haben im Interview mit ihr über Selbstliebe und Körpernormen gesprochen.

 

„Wir können mehr selbst bestimmen als wir glauben“ 

Sandra tanzt gerne zu Hip-Hop, liebt Pink und hat als Legasthenikerin ein Buch geschrieben – darüber, warum Schönheitsideale Bullshit sind. Die 28-Jährige ist eine Bauchfrau, das heißt, sie misst ihren Selbstwert nicht an dem Umfang ihres Bauches, sondern nimmt ihren Körper so an, wie er ist. Diese Selbstliebe gibt Sandra auch an andere weiter. Zusammen mit anderen Bauchfrauen gibt sie „Love your belly“-Workshops. Darin erklärt die gelernte Tanzpädagogin, warum das Leben zu kurz ist, um den Bauch einzuziehen. Zwischen partyfreudig wackelnden Popos und wohlverdientem Festtagsskuchen hat sich Sandra an ihrem Geburtstag für uns Zeit genommen, um über ihr Herzensthema zu sprechen. Warum sie sich nie wieder einen Burger verbieten würde und wie wir unsere Körper selbst zurückerobern können, erfahrt ihr im Interview. 

Liebe Sandra, du gibst „Love your belly“-Workshops. Was macht ihr da? 

„Im Prinzip erinnere ich Frauen in den Seminaren daran, wie toll sie sind. Wir machen Yoga, meditieren und tanzen. Ich erzähle den Frauen, warum jeder Körper schön ist. Es ist wichtig, sich mit seinem Aussehen wohlzufühlen, aber es ist noch wichtiger, sich mit seinen Gefühlen, Träumen und Visionen auseinanderzusetzen. Es geht darum, den Fokus nicht auf die eigenen vermeintlichen Mängel zu setzen, sondern auf das, was man alles hat und was man daraus machen kann. Ich gebe Frauen also einen Stupser, sich mehr Zeit zu nehmen, um auf sich selbst zu achten und auf das eigene Bauchgefühl zu hören.“ 

Wie bist du dazu gekommen, diese Workshops zu machen? 

„Eigentlich bin ich ausgebildete Tanzpädagogin und leite schon seit Jahren Gruppen dabei an, Choreografien einzuüben. Das Verrückte: Das Problem war nie die Technik oder die Choreografie. Die Schritte hatten alle immer ganz schnell drin. Das Schwierige war, dass sich die Tänzer*innen nicht selbst gefeiert haben auf der Bühne – und damit meine ich, dass sie ihren Körper lieben. Das sieht man den Tänzer*innen meiner Meinung nach ganz schnell an, ob sie einfach nur den Schritten folgen, oder ob sie wirklich mit voller Energie und Lebensfreude in die Bewegungen gehen, weil sie sich wohlfühlen.

Ich habe festgestellt, dass das daran liegt, dass meine Schüler*innen keine gute Beziehung zu ihrem Körper hatten. Sie haben sich Shows im Fernsehen angeschaut und wenn ihre Äußerlichkeiten nicht dem entsprochen haben, was sie auf den Bildschirmen präsentiert bekommen haben, dachten sie, dass sie irgendwie falsch wären. Die ganze Wahrnehmung zum eigenen Körper war verzerrt. Also bestand meine Arbeit hauptsächlich darin, die Tänzer*innen selbstbewusster zu machen und daran zu erinnern, wie toll sie eigentlich sind.“

Warum ist es so hart, seinen Körper anzunehmen und zu lieben? 

„Die Gesellschaft macht es Frauen unfairerweise sehr schwer, sich schön zu fühlen. Ansprüche aus den Medien prasseln auf uns ein – aber davon wollen wir uns frei machen. In den Workshops beanspruchen wir uns für uns selbst zurück, denn nur wir selbst sind die Entscheider*innen über unsere Körper. Das müssen wir verinnerlichen! Dann fühlen wir uns auch nicht mehr angegriffen, wenn wir irgendeinem – vermeintlichen – Schönheitsideal nicht entsprechen, das die Gesellschaft uns vorgibt.

Gedanken sind kraftvoll. So wie man denkt und spricht, begreift man die Welt.

Aber ja, es ist manchmal ganz schön hart, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Denn es bedeutet, sich von Menschen zu distanzieren, die einem nicht guttun. Das ist dann am schwersten, wenn diese Personen einem nahestehen. Aber im Endeffekt ist das so wichtig, damit sie einem nicht alle Kräfte rauben. Das sind Erfahrungen, durch die man sich weiterentwickelt und das ist der Reichtum im Leben.“

Gedanken richtig ausrichten 

Warst du denn schon immer selbstbewusst? 

„Wie vermutlich die meisten anderen bin auch ich nicht von Anfang an voller Selbstliebe vor dem Spiegel gestanden. Ich habe schon mit zwölf Jahren drei Strumpfhosen übereinander gezogen, weil ich wusste dass es einen formgebenden Effekt hat. Ich habe sogar Durchfall davon bekommen, aber einfach nicht darüber gesprochen, weil es sich als Mädchen nicht geschickt hat, über die Verdauung zu sprechen. Frau zu werden hat für mich damals bedeutet, mir ständig Gedanken über mein Aussehen zu machen. Das ist schrecklich. 

Es ist wirklich absurd, wie krank manche Anforderungen der Gesellschaft sind. 

Bodyshaming fängt meistens leider in der Familie an. Manchmal kommen Mutter, Tochter und Großmutter zusammen in die Workshops. Das ist auf der einen Seite schön zu sehen, dass sie das Thema gemeinsam angehen, auf der anderen Seite ist es auch erschreckend, dass sich das Leiden über so viele Generationen zieht. Ich hatte nie Kleidergröße 36, aber ich war auch nie wirklich dick. Trotzdem habe ich teilweise gehungert – vor allem über die Feiertage. Da war der Onkel in der Familie, der gesagt hat: ‚Sandra was hast denn du an?‘. Und eine Zeit lang habe ich versucht, mich zu minimieren. 

Ich habe viele Jahre versucht, ein graues Leben zu leben und mich an den Strukturen zu orientieren, die mir meine Mutter, die Schule oder die Gesellschaft vorgegeben haben. Aber egal, wie sehr ich mich angestrengt habe, ich habe mich nie wirklich gut gefühlt – und ich weiß, dass es sehr viele Menschen gibt, die dieses Gefühl kennen. Als ich angefangen habe, so bunt und kraftvoll zu leben, wie ich mir das eigentlich vorgestellt habe, konnte ich das Leben richtig genießen. Selbstliebe ist ein Reise. Auch ich habe Tage, an denen ich mal mehr und mal weniger zufrieden mit mir selbst bin, aber das gehört dazu.“

Sexy – no matter what they say 

Wie können wir den absurden Erwartungen der Gesellschaft den Kampf ansagen? 

„Achtsamkeit, Selbstliebe und positive Vorbilder. Ich weiß noch, als ich ein junges Mädchen war: Da gab es keine Vorbilder im Fernsehen. Mädchen wurden als notorisch zickig und übermäßig kompliziert dargestellt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich genau das Gegenteil sein wollte. Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich immer versucht, so unkompliziert wie möglich zu sein. So habe ich die Kund*innen beispielsweise nicht wissen lassen, wenn ich für eine Aufgabe eigentlich mehr Zeit gebraucht hätte. Oder wenn ein Angebot unverschämt war, habe ich mir nichts anmerken lassen. Genauso im Privaten: Wenn eine Freundin angerufen hat und gefragt hat, ob wir auf einen Kaffee gehen wollten, habe ich meine Pläne selbstverständlich über den Haufen geworfen. Die Serie, die ich schon längst schauen wollte und den Berg an Wäsche habe ich zurückgestellt und bin zu der Freundin gehetzt.

Wir Frauen neigen dazu, uns ständig rechtzufertigen für alles, uns wegzudiskutieren und es bloß nicht zu kompliziert für Andere zu machen.

Früher habe ich mich nicht getraut, zu mir selbst, meinen Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Aber inzwischen habe ich kapiert, dass diese Selbstwahrnehmungs-Themen nahezu jede Frau betreffen. Egal ob Mutter, Nachbarin, Sportlehrerin oder Künstlerin – ich bin immer wieder überrascht, wie viele Frauen gar nicht so selbstbewusst sind, wie ich es eigentlich vermutet habe.“ 

Was ist das Ziel, wie sollen die Menschen nach dem Workshop wieder rausgehen? 

„In den Seminaren geht es darum, sich selbst zu begegnen und herauszufinden, was wir eigentlich wollen. Ich möchte die Teilnehmer*innen daran erinnern, mehr Zeit mit sich selbst zu verbringen und unabhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen herauszufinden, wie sie sein möchten.  Die meisten Menschen leben nicht ihre Verletzbarkeit. Angeblich sollen Frauen taff sein, sexy, intelligent, gute Mutter und Haushaltswunder. Frauen sollen tausend Dinge gleichzeitig erfüllen. Da passiert es schnell, dass man sich selbst vergisst. 

Egal welche Kleidergröße du hast, du kannst dich immer sexy fühlen und sexy aussehen.

Es ist wirklich absurd. Wir leben so viel Vielfalt: Kulinarische Vorlieben, jeder Musikgeschmack ist anders. Aber wenn es um Körper geht, denken auf einmal alle, sie müssten einer Norm entsprechen. Das ist so schade, denn die Natur lebt uns ständig etwas anders vor – wenn wir in den Wald gehen, dann wundert sich doch auch niemand, warum der eine Baum groß und dick ist oder der andere lang und dünn. Es ist erst die Vielfalt, die die wunderschöne Pracht ausmacht. Und genau das macht uns einzigartig und wertvoll.“ 

Warum glaubst du, dass es wichtig ist, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen? 

„Frauen müssen sich nicht diese Anspannung geben, ständig ihren Bauch einzuziehen oder ans Abnehmen zu denken. Selbst obwohl ich mich jetzt schon so viele Jahre mit Selbstliebe beschäftige, geht es auch mir manchmal noch so. Es gibt Situationen, da ziehe ich automatisch den Bauch ein, weil ich es eben so gewohnt bin. 

Hört auf, Klamotten im Kleiderschrank zu haben, die euch einengen.

Ich finde es wichtig, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, aber nicht im Sinne von Vergleichen mit Anderen. Frauen unterschätzen sich viel zu oft, weil sie denken, sie wären nicht genug. Dabei ist das komplett sinnlos. Wenn wir uns vergleichen, anstatt zu kooperieren, dann können wir uns gar nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Wenn ich eine Präsentation vor dem*der Chef*in halten muss, meine Gedanken aber dabei sind, ob die Frisur der Kollegin besser aussieht als meine, dann habe ich nicht die Energie, um mich ganz auf den Vortrag zu fokussieren.

Hört auf Sport zu machen, wenn ihr daran keinen Spaß habt!

Und außerdem sind Tanzen und Sport viel zu negativ besetzt. Viele machen es nur, um abzunehmen und irgendwelche äußeren Veränderungen an sich zu sehen. Dabei geht es doch darum, sich selbst zu spüren. Wenn wir in den Workshops tanzen, dann entsteht Energie, die Frauen haben Spaß und das spürt man im ganzen Raum – und diese Glücksgefühle sind doch das, auf was es bei Sport und Bewegung ankommt.“

Wen bewunderst du? 

„Ich finde, das größte Idol sollte man sich selbst sein. Immer wenn man sich mit anderen vergleicht, stellt man das Unikat zurück, das man eigentlich ist. Aber ich lasse mich natürlich gerne inspirieren, von tollen Speaker*innen aus Online-Videos beispielsweise. Theoretisch würde es mich beispielsweise interessieren, mehr über Rhetorik zu erfahren. Manche finden vielleicht, dass ich in meinen Workshops super schnell spreche. Da finde ich aber auch wieder, dass das Geschmacksache ist. Denn was den einen zu schnell ist, ist den anderen zu langsam. Recht kann man es sowieso nie allen machen und deswegen bleibe ich lieber ich selbst.“ 

Vielen Dank, dass du dir an deinem Geburtstag Zeit für uns genommen hast. Hab eine schöne Feier ohne beengende Klamotten, eingezogenen Bauch und ohne Verzicht auf Geburtstagstorte.

 

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