Foto: Facebook I Jenna Behrends

Nein, Sexismus ist nicht normal. Warum die Reaktionen auf Jenna Behrends offenen Brief nicht ok sind

Jenna Behrends Brief, in dem sie Sexismus in der Berliner CDU anprangert, wird von der Berliner CDU kaum ernst genommen. Öffentlich wird sie als „zweifelhafte Persönlichkeit“ bezeichnet, „die ihre weiblichen Reize spielen ließ und den Männern halb auf dem Schoß saß“. Bis ins Absurde trieb vor allem die Frauen Union Mitte den Brief. Dass nun CDU-Generalsekretär Peter Tauber die Debatte um Sexismus in seiner Partei begrüßte, ist ein wichtiges Zeichen. Was jetzt passieren muss.

 

„Liebe Partei, wir müssen reden”

Am Freitag hatte die junge CDU-Politikern Jenna Behrends bei EDITION F einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie ihrer Partei Sexismus und Verleumdungen vorwarf. Ein mutiger Schritt, mit dem sie auch ihre Karriere gefährdet hat. Ganz besonders da sie wenig später gegenüber Spiegel Online Namen nannte: Der Berliner CDU-Chef Frank Henkel steht im Mittelpunkt der Vorwürfe. 

Warum so ein Brief, wenn die junge Politikerin doch eigentlich CDU-Anhängerin ist? Macht- und Öffentlichkeitssucht werfen manche Jenna Behrends vor. Doch lohnt sich das wirklich, mit so einem Thema in die Öffentlichkeit zu drängen, für ein bisschen zweifelhafte Prominenz, wenn es einem nicht um die Sache geht? Wohl eher nicht, schließlich wird ihr Name nun für immer mit diesem Brief verbunden sein. Ihre Zukunft in der CDU ist noch unsicher. 

Ein Ziel dürfte Jenna Behrends erreicht haben: der Brief hat den Anstoß für eine erneute Debatte um Sexismus in unserer Gesellschaft in Gang gebracht. Ihr Beitrag kann Frauen Mut machen, ihre Geschichten zu erzählen und nicht mehr zu schweigen. Denn struktureller Sexismus ist kein CDU-Phänomen, sondern auch Alltag in der Wirtschaft. Behrends will auf Sexismus insgesamt aufmerksam machen, nicht auf einzelne Personen – das machte sie auch uns vor der Veröffentlichung des Briefes deutlich. 

Wie mutig der Brief ist, zeigen die Reaktionen der vergangenen Tage eindrücklich. 

Berliner CDU nimmt Vorwürfe nicht ernst

In ihrem Brief zitierte die junge CDU-Politikerin Frank Henkel, der sie als „Große süße Maus“ bezeichnet habe und über sie gegenüber einem Kollegen gesagt haben soll: „Fickst du die?“. 

Von Henkel selbst kam bislang kein Dementi. 

Er habe sich vor allem über den Stil des Briefes gewundert und betonte seine Gesprächsoffenheit: „Wenn sich Frau Behrends mit mir austauschen will, steht ihr meine Tür wie jedem anderen Mitglied meines Kreisverbandes für ein Gespräch offen.“

Was dann noch folgte, wurde teilweise schwer absurd wie wir finden. 

Jürgen Presser, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, kommentierte den Brief bei Twitter mit dem Wort: „Mimimi“. Sandra Cegla, die Vorsitzende der Frauen Union Berlin-Mitte, bezeichnete Behrends laut Welt als eine „zweifelhafte Persönlichkeit“, gegenüber dem Berliner Kurier sagte sie: „Ausgerechnet Jenna, die ihre weiblichen Reize spielen ließ und den Männern halb auf dem Schoß saß – ein Hohn.“ Unterdessen versicherte Sandra Cegla, an Eides statt, Behrends habe ihr in einem persönlichen Gespräch offenbart, dass sie ein Verhältnis mit CDU-Bundesgeneralsekretär Peter Tauber gehabt habe, wie der Tagesspiegel schreibt. 

Und man selbst fragt sich: Was hat das alles miteinander zu tun? Eine ernste Auseinandersetzung: Fehlanzeige. Wer sich selbst ein Bild von der fragwürdigen Stellungnahme machen will, kann dies hier tun. 

Es ist das typische Spiel des Victim Blaming. Wenn selbst Frauen sich im Jahr 2016 immer noch so über andere Frauen äußern, beantwortet das die Frage nach der Notwendigkeit der öffentlichen Debatte auf traurige Weise. Gerade in der besonderen Rolle der Vorsitzenden der Frauen Union Berlin-Mitte müsste Cegla sich gesprächsoffen zeigen und eine Debatte begrüßen.

Die Berliner CDU-Reaktionen, die bis hin zur Diffamierung der jungen Abgeordneten gehen, zeigen ein altes Muster: Sexismus als Hirngespinst der allzu sensiblen Frau.

Die CDU ist nicht generell sexistisch

Immer lauter werden aber auch Stimmen, die die Debatte begrüßen. Neben Danksagungen aus vielen Parteien, gab es auch wichtigen Rückenwind aus den eigenen Reihen. So teilte der CDU-Politiker Florian Nöll den offenen Brief auf seiner Facebook-Seite mit dem Kommentar: „Und wisst ihr was? Es ist in Wahrheit noch schlimmer. Für die Partei ist es die Chance, sich einem ernsthaften Problem zu stellen. Sonst wird das nichts mehr mit dem ,jünger und weiblicher´“. Darüber hinaus nahm er auch Stellung zu der Aussage von Sandra Cegla, doch sein kritischer Kommentar wurde von der Seite der Frauen Union immer wieder gelöscht, wie er bei Facebook schrieb.

Als Konsequenz aus dem Verhalten der Frauen Union Mitte erklärte am Sonntag morgen die Schriftführerin der Frauen Union CDU Mitte, Anja Pfeffermann, ihre Amtsniederlegung. In ihrer Erklärung heißt es: Ich habe heute schweren Herzens mein Amt als Schriftführerin in der Frauen Union der CDU Mitte niedergelegt. Aus meiner Begründung: Eine Frau, die Vorwürfe von Sexismus erhebt, als „zweifelhafte Persönlichkeit“ zu bezeichnen und dabei weitere harsche Äußerungen dieser Art zu tätigen, ist einer Frauen-Union-Vorsitzenden unwürdig. Es schadet uns allen als engagierte Frauen in der Partei und darüber hinaus in der Gesellschaft. In einer solchen Angelegenheit MÜSSEN wir zunächst den Blick auf die erhobenen Vorwürfe richten und nicht in erster Linie die Glaubwürdigkeit unserer FU-Kollegin anzweifeln und mutwillig untergraben. Schon gar nicht ohne ein vorhergehendes gemeinsames Gespräch im Vorstand. Von einer FU-Vorsitzenden wünsche ich mir, dass sie auch bei persönlicher Betroffenheit stressresistent bleibt, Kommunikationskanäle offen hält, Gesprächsangebote macht und vermittelt. […] Meine Loyalität zum Vorstand hat darunter immensen Schaden genommen: Ich möchte dieses Vorgehen nicht weiter mittragen.“ Uns gegenüber wollte sie den Sachverhalt nicht weiter kommentieren. 

Bereits am Freitag teilte sie den offenen Brief Behrends bei Facebook und bestätigte deren beschriebene Erfahrungen: „Auch ich habe einer Freundin fast von der Mitgliedschaft abgeraten. Und dann doch zugeraten. Aus den gleichen Gründen.“

Und auch von Bundesebene gab es aus der CDU Offenheit für die überfällige Debatte um Sexismus in Parteien. Der CDU-Generalsekretär Peter Tauber äußerte sich gegenüber der Bild am Sonntag: „Geschichten wie diese bekomme ich immer wieder geschildert. Aber ohne Nennung von Namen. Und dann ist es schwierig, etwas dagegen zu tun.“

Umso wichtiger sei es, dass nun offen über das Thema gesprochen werde.

„Wir brauchen eine größere Sensibilität in allen Bereichen der Gesellschaft, denn Sexismus ist nicht nur ein Problem in der Politik.“ Die fehlende Gesprächsbereitschaft der Berliner CDU wird also zumindest auf Bundesebene aufgefangen – das aber kann nur ein Anfang sein.

Sexismus gibt es in jeder Partei

Natürlich ist Sexismus kein CDU-Berlin-internes Problem, sondern vielmehr eines, das sich in allen Parteien und auch der Wirtschaft wiederfindet. Dies bestätigen auch die Reaktionen von Frauen aus der eigenen Partei sowie der SPD, den Grünen und der FDP, die Jenna Behrends nach Veröffentlichung des Briefes geschrieben haben.

Christiane Schinkel, Politikerin der Piratenpartei, äußerte sich öffentlich auf Twitter und schrieb, dass sie in ihrer Partei ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Sie begrüßte den Vorstoß Behrends gegenüber EDITION F. Sie selbst hat Sexismus in ihrer Partei erlebt und sieht die Notwendigkeit des Schrittes, an die Öffentlichkeit zu gehen, für den Jenna Behrends kritisiert wurde: „Das Hauptproblem ist ja, dass die betroffenen Frauen meist allein sind mit dieser Thematik. Wie anders, als über die Öffentlichkeit zu gehen, könnten wir uns denn sonst wehren?“ Deshalb fordert sie: „Nur wenn wir anfangen, und damit schließe ich alle Geschlechter ein, die unlautere Praxis der Intrige und den dafür benutzten Sexismus in der Politik öffentlich zu machen, besteht meiner Ansicht nach die Möglichkeit, etwas zu ändern. Sexismus ist durch Schweigen noch nie verschwunden. Und wer zu solchen Dingen schweigt, nutzt und fördert die alten Macht-Mechanismen.“

Wie weit ist die Debatte wirklich?

Wie selbstverständlich sexistische Strukturen immer noch hingenommen werden, kreidet auch die Aktivistin Anne Wizorek an. Im Gespräch mit EDITION F sagte sie: „Die Tatsache, dass sexistische Bemerkungen immer noch als falsch verstandende Witze abgetan werden sollen, ist extrem ermüdend. Daher ist es sehr wichtig, dass Jenna Behrends die Sexismusdebatte mit ihrem offenen Brief fortsetzt und ganz klar in Frage stellt, warum es sogar ,Teil des politischen Auswahlprozesses` sein soll, so behandelt zu werden.“

Und damit hat sie recht. Einmal mehr wurde deutlich, wie nötig die Debatte ist, wie eingebrannt sexistische Strukturen im Politikbetrieb viel zu oft noch sind – was sich auch auf den Rest der Arbeitswelt übertragen lässt – und, dass es offensichtlich immer noch Zustimmung erfährt, dem Thema ignorant aus dem Weg zu gehen oder es gar in Lächerliche zu ziehen.

Ein langer Weg

2013 machte Laura Himmelreichs, heute Chefredakteurin bei Vice.com, sexistische Äußerungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle öffentlich und trat damit eine Debatte los. Es war 2013 dringend notwendig, dass wir über Sexismus reden. Und unverändert ist es heute wichtig. Damals verlief die Diskussion extrem konfrontativ. Es wurde zu viel gestritten und zu wenig zugehört. Die Reaktionen nun aus der CDU-Spitze zeigen, dass heute die Bereitschaft größer scheint, sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen“, sagte Himmelreich gegenüber EDITION F. 

Es scheint zumindest die Hoffnung auf Bewegung zu geben, die Hoffnung, dass sich mit dem Brief einmal mehr ein Fenster geöffnet hat, das sobald nicht mehr zugemacht werden kann. Nein, Sexismus ist nicht normal. Sexismus darf sich in keiner Grauzone mehr verstecken und Herrenhumor ist keine Ausrede. 

Wer etwas zu erzählen hat, kann uns gerne eine E-Mail zum Thema schreiben, wie behandeln Quellen sensibel und notfalls auch anonym

Mitarbeit: Nora-Vanessa Wohlert, Silvia Follmann

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