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Sexismus kennt keine Herkunft

Die schrecklichen Taten in Köln haben die Debatte um Zuwanderung angestachelt. Doch diese Debatte verfehlt den Kern, denn Sexismus kennt keine Herkunft. Auch deutsche Männer und Frauen werden zu Tätern. Nur wenn wir als Gesellschaft aus Silvester lernen, können wir künftige Taten verhindern – ungeachtet der Herkunft der Täter.

 

Ein Gefühl von Ohnmacht

„Na, das war doch zu erwarten, bei all den Flüchtlingen.“
Es sind Sätze wie dieser, die mich wütend machen. Noch wütender, denn wütend
bin ich eh schon. Die Ereignisse in Köln schockieren mich. Die in Hamburg und
Stuttgart ebenfalls. Die Berichterstattung treibt den Puls auf 180.
Gleichzeitig fühle ich mich ohnmächtig wie eh und je. 

Rechtsnationale und
‚besorgte Bürger‘ entdecken den Feminismus für sich – als Instrument für ihren
blinden Rassismus. Wer dagegen hält, dass die Herkunft der Täter a) nicht homogen
und b) nicht wichtig ist, wird als Gutmensch abgetan. Aber: Die Ereignisse in Köln, Hamburg und Stuttgart haben uns
schmerzlich gelehrt, dass wir über die Rolle der Frau in der Gesellschaft
sprechen müssen. Wir, das heißt: ausnahmslos alle, ungeachtet der
Hautfarbe, Herkunft und des gesellschaftlichen Standes und Geschlechts.

Die Heuchelei in der Anteilnahme

Viele Kommentare, die aktuell zu den Vorfällen in Büros,
Cafés und nicht zuletzt den Medien geäußert werden, offenbaren die
Doppeldeutigkeit unserer Gesellschaft:

„Wir sind ja selbst schuld, schließlich haben wir
denen ja Tür und Tor geöffnet. Das wird man ja nochmal sagen dürfen.“

Nein, darf man nicht. Denn sexuelle
Gewalt hat nichts mit der ethnischen Herkunft zu tun. Sexuelle Gewalt ist immer
ein Ausdruck von Macht, Dominanz und des Minderwertigkeitsgefühls des Täters.
Dabei ist es völlig egal, ob der Täter aus Europa, Afrika oder vom Südpol
stammt. In diesem speziellen Fall der Übergriffe von Silvester muss klar
festgehalten werden: Die Polizei weist die Behauptung, dass es sich
(ausschließlich) um Flüchtlinge gehandelt habe, zurück. Die Ermittlungen gingen
in Richtung polizeibekannter
Intensivtäter
.

„Mindestens #eineArmlänge Abstand zu halten, ist
doch ein guter Ratschlag.“

Nein, ist es nicht. Das ist Rape Culture. Wieder einmal wird uns Frauen gesagt, was wir tun sollen, um zu
verhindern, dass uns etwas passiert. Wer sagt aber den Männern, dass man Frauen
nicht vergewaltigt? Wer solche Ratschläge erteilt, ist nicht nur naiv, sondern
spricht potenzielle Täter auch von jeglicher Verantwortung frei. Oh,
entschuldigen Sie, Herr Richter, dass ich meine Hände nicht bei mir behalten
konnte, aber die Frau kam mir wirklich nahe und war zudem freizügig gekleidet. Es ist Zeit, endlich einzusehen, dass jeder Mensch seine Entscheidungen frei treffen kann und es völlig egal ist, ob ich hochgeschlossen
oder barbusig über den Domplatz laufe – niemand, niemand hat mich anzufassen,
wenn ich es ihm nicht gestatte. 

Respekt gilt für beide

Leuten, die davon sprechen, #eineArmlänge
Abstand zu nehmen oder mir raten, keine ausgeschnittenen Tops zu tragen, wenn
ich mit den Blicken nicht umgehen kann, möchte ich sagen: ICH. BIN. KEINE.
EINLADUNG. Als Frau bin ich genauso würdig, Inhaberin von Rechten und zu
respektieren wie meine männlichen Artgenossen. Wenn jemand seine Hand nicht bei
sich behalten, von meinem Ausschnitt nicht wegschauen oder seine anzügliche
Bemerkung nicht zügeln kann, ist das sein Fehler, nicht meiner.

„Was
treibt man sich als Frau auch an Silvester allein auf dem Kiez oder am Bahnhof
herum? Ist doch wahr!“

Nein, ist es nicht. Das ist Victim Blaming und als solches echt
widerlich.
 Als Victim Blaming bezeichnet man die Täter-Opfer-Umkehr, in
der das Opfer für das verantwortlich gemacht wird, was ihm oder ihr
widerfahren ist. Zuerst einmal erklärt die Tatsache, dass eine Frau allein
unterwegs ist, diese nicht zu Freiwild. Zum zweiten sind nicht alle Frauen
Opfer – nur, weil ich keine Begleitung habe, bin ich nicht vollkommen wehrlos.
Die meisten Frauen können schon sehr gut auf sich allein aufpassen. Zum Dritten
ist eine Frau, die allein unterwegs ist, keine Einladung. Auch wenn sie hübsch
ist, gut gekleidet ist, sympathisch wirkt und auch nicht, wenn sie sogar nackt
wäre. Wer behauptet, Frauen, die allein unterwegs sind, müssten damit rechnen,
überfallen zu werden, impliziert, dass das eine Einladung wäre und der
Überfall legitim. Darüber hinaus: Warum fragst du nicht stattdessen, warum die
Männer sich das Recht herausgenommen haben, diese abscheulichen Dinge zu tun?
Wieso müssen wir erst einmal danach fragen, warum sich die Frauen so
vermeintlich „unvernünftig“ verhalten haben? Deutschland ist immer noch ein
freies Land. Wenn ich in einem freien Land als Frau nicht allein auf die Straße
gehen kann, dann ist nicht mit mir, sondern mit diesem Land etwas falsch. Die
Täter sind es, die sich rechtfertigen müssen – nicht die Opfer.

Wir
brauchen keinen #Aufschrei.

Oh doch, den brauchen wir. Einen lauten, wütenden,
emanzipatorischen Aufschrei, der endlich dafür sorgt, dass Frauen nicht mehr
wie Objekte behandelt werden. 
Die Überfälle in Köln, Hamburg,
Stuttgart und auch Frankfurt haben primär nichts mit Flüchtlingen zu tun. Wer
abseits der breiten Medienberichterstattung liest und mit Menschen spricht, die
vor Ort waren, erhält ein Bild, das zeigt: Das waren keine Flüchtlinge. Es
waren vielleicht Menschen mit Migrationshintergrund dabei. Aber es waren nicht
„die Flüchtlinge“.

Eine viel deutlichere Sprache sprechen allerdings die Reaktionen auf die
Übergriffe. Rassismus versucht, Opfer zu instrumentalisieren. Sexualisierte
Gewalt wird dabei selbst nicht diskutiert – sie ist vielmehr Triebfeder für
noch mehr Diskussionen
über Einwanderung, den Schengenraum und die Zukunft der EU.
Menschen,
Fraktionen, Gruppierungen, die sonst kein Interesse an dem Schutz vor
sexualisierter Gewalt haben, die sogar Feminismus für schwachsinnig halten,
sind plötzlich Verfechter von Frauenrechten. Doch das Problem steckt in uns. In
der über die vergangenen Monate häufig diskutierten und betonten „deutschen
Kultur“ steckt diese sexualisierte Gewalt. In unserer Gesellschaft hat die
Objektifizierung der Frau und damit die Verharmlosung sexueller Gewalt Tradition.

Sexismus kennt keine Herkunft

Wir brauchen diesen #Aufschrei jetzt so dringend, weil unsere Gesellschaft sich immer um die Täter dreht. Täter bekommen staatlich
auferlegte, teilweise sogar finanzierte Therapieangebote. Opfer hingegen warten
im Schnitt mindestens zwölf Monate auf einen Therapieplatz, wer vorher dringend in
Behandlung will, muss unter Umständen sogar selbst zahlen. Die Strafverfolgungsprozesse zentrieren sich auf die Täter, während Opfer an
Hilfsorganisationen verwiesen werden und damit allein dastehen. Täter erhalten
Bewährungsstrafen, kommen auf freien Fuß, müssen resozialisiert werden. Die
Schädigung der Opferseele wird bei all dem nicht berücksichtigt. Missbrauch und
Vergewaltigung haben Verjährungsfristen, die geradezu lächerlich sind. Auch die
Medien nehmen keine Rücksicht – es wird von
zerrissener
Unterwäsche berichtet
und von Szenen,
die rechtlich als Vergewaltigung eingestuft werden könnten
. Was den Opfern
geschehen ist, wird öffentlichkeitswirksam hinausposaunt, ohne Rücksicht
darauf, dass die Frauen diesen Horror so immer und immer wieder durchleben. Warum
denn die Opfer schonen, wenn man stattdessen die Auflage hochtreiben kann? 

Sexuelle Belästigung, Nötigung, Missbrauch und Vergewaltigung passieren in
Deutschland Tag für Tag. In Familien, Schulen, Vereinen, Kirchen, auf
Großveranstaltungen oder kleinen Feiern. Die Täter: Väter, Söhne, Onkel,
Freunde, Fremde, Aufsichtspersonen, auch Mütter, Töchter, Tanten – aber meist
deutsche Staatsbürger. Wir brauchen keine Flüchtlinge, damit sexualisierte
Gewalt in Deutschland zum Problem wird – es ist bereits eines. Nur will das
niemand hören. Wir brauchen keine Einwanderungsobergrenzen. Wir brauchen
vielleicht auch eine bessere Integrationspolitik. Aber was wir am allermeisten
brauchen, ist ein besserer Opferschutz. Schärfere Gesetze gegen sexualisierte
Gewalt, mehr Präventionsmaßnahmen und vor allem: ein Umdenken in der
Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass jedes Oktoberfest wieder zahlreiche
Vergewaltigungen, Nötigungen und Belästigungen stattfinden, Frauen sogar mehrmals
vergewaltigt werden
, ohne, dass die gleiche Debatte in der Gesellschaft
losbricht wie nun nach Silvester. Es scheint, als ob wir es dulden, es
verschweigen können, solange die Täter einen deutschen Pass haben. Das ist
widerlich. Wir brauchen einen Aufschrei, wir brauchen eine breite, konstruktive
Diskussion, wie wir mit Sexismus in unserer Gesellschaft generell umgehen. So,
nur so, können wir verhindern, dass sich derart furchtbare Übergriffe
wiederholen.

Sicherheit braucht gesellschaftliches Umdenken

Falls jetzt die Frage kommt: Willst du das, was in Köln passiert ist, etwa
relativieren?

Nein, nichts, wirklich nichts läge mir ferner. Es
ist und bleibt furchtbar und ich hoffe, dass die Täter ihre Strafe erhalten.
 Ich möchte nur vor Augen führen, dass jede Form der (sexualisierten)
Gewalt furchtbar und grausam ist – egal ob der Täter einen deutschen Pass hat,
Migrationshintergrund besitzt oder gerade in dieses Land gekommen ist. Die
aktuelle Debatte deutet nur einen fatalen Trend an, der vermittelt, dass die
Vorfälle in Köln nur schlimm oder sogar schlimmer als andere Vorfälle seien,
weil sie von Tätern mit nicht-deutscher Abstammung begangen wurden. Diese Art
der Interpretation ist gefährlich und entwürdigt alle Opfer solcher Gewalt nur
noch weiter. Solche Taten sind zu verurteilen – Punkt. Unerheblich dabei ist, woher
die Täter kommen. Wir müssen uns stark machen, damit unsere Gesellschaft jedes
Mal in einen solchen Aufruhr gerät, wenn eine solche Tat verübt wird – und nicht nur, wenn
sie von Tätern mit Migrationshintergrund verübt wurde. Wir müssen uns dafür
stark machen, dass unsere Gesellschaft solche Taten verurteilt und verhindert –
ungeachtet dessen, wer sie verübt.

Ich wünsche mir, dass ich, dass unsere Töchter, meine beste Freundin
und jede andere Frau in diesem Land sicher ist – sowohl vor deutschen als auch
vor ausländischen Tätern. Lasst uns genau daran arbeiten, indem wir daran arbeiten, Sexismus in unserer Gesellschaft ein für alle Mal abzuschaffen.

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