Foto: Manomama

Sina Trinkwalder: „Weltretten muss Spaß machen!”

Sina Trinkwalder ist eine unserer „25 Frauen, die unsere Welt besser machen”. Denn die spannende Unternehmerin beschäftigt in ihrem Unternehmen Manomama Menschen, die ansonsten wenig bis keine Karrierechancen haben. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Motivation, den täglichen Herausforderungen und ihren Vorsätzen für 2017.

 

Bei Manomama sind alle wertvolle Familienmitglieder

Erfolgreiches Unternehmertum und soziale Integration können Hand in Hand gehen. Einen wunderbaren Beweis dafür liefert Sina Trinkwalder, die sich seit über zwanzig Jahren für benachteiligte Menschen einsetzt. Menschen, die in den Jobcentern als „Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen“ geführt werden. Nach elf Jahren in leitender Position bei einem Marketingunternehmen hat sie 2010 ein Unternehmen gegründet, das all jenen eine Chance gibt. Ob alt oder jung, alleinerziehend, mit Migrationshintergrund, ohne Schulabschluss oder gehandicapt: bei „Manomama“ sind sie alle wertvolle und fleißige Familienmitglieder. 

Das Textilunternehmen produziert unter anderem Kleidung und Stofftaschen – zum Beispiel für den Dm-Drogerie-Markt, Real und Edeka. Das Besondere: Regionalität und Nachhaltigkeit stehen in jedem Schritt der Produktionskette an allererster Stelle. Das beginnt bei dem Verzicht auf unzählige Hilfsmittel wie Elasthan, Elasthomere sowie Chemikalien und erstreckt sich über den regionalen Bezug von Stoffen wie Hanf, Leder, bis hin zu Schurwolle und Viskose. So hat die Jeans nicht zwei Mal den Globus umkreist bevor sie im Laden landet, sondern höchstens einmal Deutschland durchquert.

Neben vielen anderen Preisen wurde Sina Trinkwalder daher im vergangenen Jahr als eine unserer „25 Frauen, die unsere Welt besser machen“ ausgezeichnet. Worin ihre täglichen Herausforderungen liegen, wie das Thema Nachhaltigkeit ihren Alltag bestimmt und welche Projekte sie sonst noch umtreiben, hat die Gründerin und Sozialunternehmerin uns im Interview erzählt.

Woher haben Sie den Mut genommen, ihrem alten Job den Rücken zu kehren und mit Manomama als Unternehmerin durchzustarten?

„Den hat man oder hat man nicht. Entweder ist man Unternehmer oder man ist es nicht. Dann stellt man sich nicht die Frage, ob man den Mut hat, der ist einfach da. Es gab keinen besonderen Moment in dem ich sagen musste: ,Ich muss all meinen Mut zusammen nehmen‘. Der ist einfach bei jedem neuen Projekt, das ich angehe, da. Man darf keine Angst haben, das ist das Wichtige.“

Was hat Sie bei der Arbeit an Manomama am meisten überrascht?

„Alles! Ich glaube aber, was mich am meisten überrascht hat ist, dass ich mit einer gewissen Naivität an die Fertigung von Textilien herangegangen bin. Das passiert auch heute vielen: ,Ich mach da ein bisschen Design, da packe ich ein bisschen Stoff hin und dann tackere ich da irgendwie so ein Ding zusammen.‘ Das hat halt überhaupt nichts mit industrieller, qualitativ hochwertiger Bekleidungsfertigung zu tun! Da musste ich durch die harte Schule gehen. Ich bin davon ausgegangen, dass ich mir eine Nähmaschine kaufe und loslege. Inzwischen weiß ich, dass man für die Herstellung einer industriell hochwertigen Jeans 28 verschiedene Nähmaschinen haben muss – ich kannte damals ja nur eine! Ich konnte noch nicht einmal nähen.“

Hätten Sie die gleiche Entscheidung getroffen, wenn Sie das vorher geahnt hätten?

„Natürlich!“

Sind Sie denn auch schon einmal gescheitert?

„Oft. Ich würde sagen täglich so zwischen drei und fünf Mal (lacht). Aber das ist nicht schlimm. Dann war der Weg einfach der falsche oder ein schlechter und man nimmt einen anderen Weg. Oder man überprüft noch einmal, was man eigentlich erreichen will und ob es wirklich Sinn macht, das Ziel, das man sich gesetzt hat, weiterzuverfolgen oder ob die Energie nicht anderweitig besser investiert ist.“

Sie stellen nur Mitarbeiter ein, die von der Gesellschaft quasi schon aussortiert wurden. Was hat Sie dazu bewegt?

„Das habe ich schon vor Manomama gemacht. Schon früher habe ich Jugendliche ausgebildet, die eben kein Einser-Abitur haben und aus gutem Hause kommen. Und so habe ich beispielsweise ehemalige Straffällige und Vollwaisen mit ADHS zu Einser-Auszubildenden gemacht. Das ist das Gleiche wie mit dem Mut: sie haben es oder sie haben es nicht. 

Es wäre gelogen zu sagen, dass ich eine Erleuchtung oder etwas in der Art gehabt hätte. Ich glaube, es ist eine Charaktereigenschaft, wenn man Freude daran hat, sich für andere einzusetzen. Vielleicht ist das ähnlich wie bei jemandem, der in einem Kloster irgendwo in Afrika Aufbauhilfe leistet. Ich habe eben auf diese Weise das Unternehmerische entdeckt.“

Waren da auch schon Menschen dabei, mit denen es überhaupt nicht geklappt hat?

„Ja klar, das kommt immer wieder mal vor. Ich sage immer, wer es bei Manomama nicht schafft, der schafft es auch sonst nirgendwo! Wenn es nicht klappt, dann kann das ganz verschiedene Gründe haben. Ein Grund, das muss ich so ganz unverblümt sagen, ist absolute soziale Inkompatibilität, weil es sich einfach um einen völlig egoistischen Mensch handelt. Jemanden, der nicht kompatibel mit einem Team ist. Und dann funktioniert das weder bei uns, noch wo anders. Das ist aber etwas, das an ihm selbst liegt. Wenn sich jemand kein bisschen zurücknehmen möchte, dann ist es halt so. Und wenn die Freiheit des Einzelnen das Wohl der Gemeinschaft wirklich nachweislich beeinträchtigt, dann ist da Schicht im Schacht. 

Es gibt aber auch ganz klassische Geschichten wie Alkoholismus und dergleichen. Hier versuchen wir zu helfen. Bei den einen klappt das, das man da über den therapeutischen Weg geht, und bei den anderen klappt es eben nicht. Und irgendwann musst du halt für dich, als, wie ich das immer nenne, ,Streetworker in der Wirtschaft‘ entscheiden: Wie viel Zeit und Energie und Kraft kannst du in diesen einzelnen Menschen noch investieren? Und zwar so, dass du den anderen auch noch in einer gewissen Weise annähernd gerecht wirst? Macht es auch wirklich Sinn?“

Ich finde das beeindruckend.

„Das müssen sie gar nicht. Es ist nicht so, wie es manchmal scheint. Es lief nicht nach dem Motto: ,Da schmeißt sie alles hin und baut ein riesen Ding auf!‘ Natürlich ist es, um es salopp zu sagen, ein Arsch voll Arbeit. Ich muss 24 Stunden am Tag da sein. Wenn du so ein Lebenswerk hast, kannst du dein Privatleben vergessen. Meine Ehe ist dabei draufgegangen! Aber es verschafft mir kein Leid, im Gegenteil! Ich bekomme innere Zufriedenheit daraus, wenn ich meine überschüssige Energie, die ich für mich nicht brauche, eben für andere Menschen einsetze. Klar, kann ich mir die auch im Fitnessstudio abtrainieren, aber das wäre ja Blödsinn.“

Weitet sich die Nachhaltigkeit, die Manomama verfolgt, auch auf Ihr persönliches Leben aus?

„Ja, natürlich. Erstmal ist es so, dass ich mich immer wieder frage: Brauchst du das überhaupt? Willst du das? Doch ich bin kein Asket, ich esse auch gerne und regelmäßig mal ein Steak. 

Weltretten muss Spaß machen! Ich kaufe die Dinge, soweit es möglich ist, regional und ökologisch. Das sind meine beiden Hauptsäulen. Klar, so ein iPhone bekommst du nicht regional und öko. Dinge, die ich mit meiner Wertvorstellung nicht vereinen kann, konsumiere ich trotzdem, aber dann sehr maßvoll. Das heißt zum Beispiel, dass ich nicht jedes Mal das neuste iPhone habe, sondern erst, wenn es tatsächlich kaputt geht.“

Was sind Ihre Vorsätze fürs neue Jahr?

„Ach schön, Vorsätze! Ich hab mir noch nie in meinem Leben Vorsätze gemacht! Doch, dieses Jahr hatte ich einen einzigen Vorsatz und zwar weniger als fünf Tassen Kaffee am Tag zu trinken, weil ich außer Kaffee nichts trinke. Das habe ich genau einen Tag geschafft (lacht).“

Und für Manomama?

„Mit Manomama selbst gestalte ich das so weiter wie bisher. Aber ich habe einfach für mich Projekte, die ich dieses Jahr forciere. So ist es für mich persönlich ganz klar, dass ich weiter Laufen gehen werde. Das ist mein kleines Privatvergnügen. Das muss sogar für mich zwischendrin mal sein!

Neben ein paar kleineren Geschichten mache ich ein riesengroßes Obdachlosen-Projekt, das deutschlandweit läuft und im März oder April fertig wird. Das ist eigentlich mein Herzensprojekt für 2017.“

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