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Warum die Elternzeit perfekt ist, um seine Karriere neu zu denken

Beim Wiedereinstieg in den Job nach der Elternzeit geht es meist um gesetzliche Regelungen, nüchterne Familienhaushaltskassen-Rechnungen und schlechter Energie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin. Das muss nicht sein, findet Tanja: Sie hat sich Gedanken darüber gemacht, wie Eltern ihre Elternzeit nutzen können, um sich in ihrer Karriere neu zu orientieren.

 

Sind wir doch mal ehrlich:

Manche Jobs eignen sich eben nicht so gut für einen Wiedereinstieg in Teilzeit. Schauen wir doch mal in die Unternehmensberatung. Da ist bedingungslose örtliche und zeitliche Flexibilität gefragt. Reisen und Hotelübernachtung sind Standard. Spontanes Arbeiten am Wochenende wird erwartet, wenn ein Pitch oder ein Projektabschluss vorbereitet wird. Das Business-Modell der Unternehmensberatung baut auf Projektakquise und -billing. Der Kunde entscheidet über die letztendlichen Arbeitszeiten der Beraterin, und wenn der keine halben Tage will, dann muss jemand anderes angeboten werden.

Der Kunde entscheidet über die Termine für den Projekt-Pitch, und wenn eine von fünf mitbietenden Beratungen nachmittags nicht kann, dann stehen die Chancen einfach schon mal schlechter. Die Leute in der Beratung können sich Mühe geben und um Verständnis beim Kunden buhlen, aber letztendlich entscheidet der Kunde und im schnelllebigen konkurrenzgetriebenen Alltag sind zusätzlichen Diskussionen, Kosten und Mühen zur Integration von Teilzeitkräften einfach umständlich und mühselig. So funktioniert das System. Da kann manche Mama, die nur vormittags dabei sein kann, einfach nicht mithalten. Und wenn die dann noch mit gesetzlichen Ansprüchen kommt, dann kann das den Arbeitgeber sogar richtig nerven. 

Also, wie gesagt: Sind wir doch mal ehrlich. Auch in anderen Berufsfeldern ist die Familienfreundlichkeit schwer zu organisieren. Und zwar nicht, weil der spezielle Chef plötzlich böse ist, sondern weil das ganze System auf Konkurrenz und Gewinnorientierung baut. Welche Möglichkeiten gibt es? 

Vielleicht öffnen sich ja auch neue Türen

Ich bin Unternehmensberaterin in Elternzeit. Ich habe für mich beschlossen, dass ich keine von diesen mühseligen Wiedereinstiegs-Diskussionen führen möchte. Diese klingen immer wieder eng. Verkrampft, von beiden Seiten. Getränkt in Forderungen und Ansprüchen. Alternativlos. Was ich vermisse: Ist hier irgendwo noch Herzblut, Sinn, das Brennen für seinen Job und tolle Projekte? Wo ist diese spezielle Atmosphäre, die man eben braucht, um Talente auszuleben? 

Ich glaube, dass Prozesse, die zu schwerfällig laufen und sich mies anfühlen, auch nicht die sind, durch die man sich durchquälen muss. Wenn sich etwas so eng anfühlt, dann sollte man eventuell nach Alternativen suchen. Wenn eine gewisse Leichtigkeit entsteht, dann ist man auf einem besseren Weg. Und wie könnten wir den finden? Ja, wir, mein Arbeitgeber und ich? 

Elternzeit: eine tolle Chance für Arbeitgeber und Eltern. 

Elternzeit ist eine ganz besondere Zeit, nicht nur aus der Sicht von Baby und Familie. Zeitlicher und räumlicher Abstand vom Job macht kreativ. Eltern können Zeit in ihre persönliche und berufliche Weiterentwicklung investieren, ohne dass zusätzliche Ausfallkosten für den Arbeitgeber entstehen. Die Eltern können in ihrer Elternzeit eine Basis legen für ein zufriedenes Leben mit Beruf und Familie. Durch diese Klarheit vermeiden die Eltern Konflikte, Stress und schlimmstenfalls auch ein Burnout. 

Möglicherweise finden die Eltern in Elternzeit in dieser „Auszeit“ neue Wege. Das kann im extremsten Fall bedeuten, dass die Eltern während ihrer Weiterentwicklungs- und (Neu-)orientierungsprozesse Erkenntnisse gewinnen, die sie von der Rückkehr zum „alten“ Arbeitgeber abhalten. Aber wieder: Sind wir doch mal ehrlich! Ist das denn immer so schlimm? Vielleicht ist das so besser als ein jahrelanges Unwohlsein auf beiden Seiten. Und jetzt wird es spannend: Vielleicht eröffnen sich neue und bisher ungeahnte Möglichkeiten für Arbeitgeber und die sich neu orientierenden Eltern? 

Ich möchte dazu ermutigen, den Fortgang der Karriereleiter nach der Elternzeit nicht zu linear zu denken. Natürlich sieht das Ergebnis in jedem Einzelfall anders aus. Aber der Prozess dahin könnte für alle hilfreich sein: Die Eltern in Elternzeit gehen durch einen professionell begleiteten und unabhängigen (Neu-)Orientierungsprozess. Am Ende des Prozesses sollten neue Ideen stehen, wie ein Beitrag zur Arbeitswelt und die Gestaltung des Familienlebens nach den eigenen Ansprüchen aussehen könnten. Und jetzt wird es auch für den Arbeitgeber spannend: Was kann daraus entstehen jenseits von Enge und verkrampften Wiedereinstiegsverhandlungen? Lohnt es sich für den Arbeitgeber vielleicht sogar, den Arbeitnehmer in Elternzeit „loszulassen“ und in seinem (Neu-)Orientierungsprozess zu fördern? 

Mein ungeplanter (Neu-)Orientierungsprozess während der Elternzeit

Vor genau einem Jahr während meiner Elternzeit bekam ich eine Mail eines Schweizer Bekannten, den ich vor einigen Jahren auf zwei gemeinsamen Seminaren kennengelernt habe. Er sei „bei mir in München“ auf einem Seminar und fragte mich, ob wir uns treffen. 

Eigentlich war ich müde aufgrund der immer noch etwas unterbrochenen Nächte, aber ich gab mir einen Ruck und sagte zu. Dies sollte das erste von mehreren noch folgenden Treffen in den dann anschließenden Wochen sein. Es stellte sich nämlich heraus, dass Elias mittlerweile Coach war und Menschen in (Neu-)Orientierungsprozessen begleitete. Als ich ihm von meinen Ideen erzählte, wie es nach meiner Elternzeit weitergehen sollte, spürte ich diese bereits angesprochene Enge in mir. Wie soll das denn gehen? 

Ich hatte bisher immer Glück mit meinen beruflichen Projekten gehabt und war es gewohnt „zu brennen“, mit Engagement und Leidenschaft zu arbeiten, ohne auf die Uhr zu schauen. Aber war es nicht abstrus, zu denken, dass ich Flow-Erlebnisse beim Arbeiten erreichen kann, wenn ich die Hälfte vom Tag „rausgerissen“ bin? Und das fällt mir auch auf bei vielen Artikeln über den Wiedereinstieg. Da ist keine Rede mehr davon zu fragen, wofür denn diese Frauen brennen. Es geht um gesetzliche Regelungen, nüchterne Familienhaushaltskassen-Rechnungen und schlechter Energie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin. Das muss doch nicht sein, oder? 

Elias erzählte mir von seiner Arbeit als „Berufungscoach“ und ich merkte, wie langsam ein klitzekleines Strahlen aus meinen Augen blitzt. Was erzählst du da? Klar habe ich doch auch ein Recht darauf, einen Traumjob zu haben, auch wenn der zeitlich nur 20 Stunden die Woche einnimmt! Ich hatte keine Ahnung, ob Elias mir wirklich neue Impulse und Erkenntnisse geben konnte, aber ich ließ mich auf einen Coaching-Prozess ein. Mindestens war es eine nette Abwechslung zum Mutter-Baby-Haushalts-Leben, in dem ich gerade mittendrin steckte. 

Ich organisierte mir stundenweise einen Babysitter für meinen kleinen Sohn, der zu dem Zeitpunkt noch mit mir zu Hause war und arbeitete mit Elias über mehrere Sessions – teils über Skype, teils in persona. Wir schauten uns meine Stärken und Ressourcen an, meine Werte. Der Prozess beflügelte mich. Das hatte ich nicht erwartet. Plötzlich erinnerte ich mich wieder: Stimmt, was hatte ich schon für tolle Projekte, wofür engagierten mich die Leute am liebsten, was hatte ich denn schon „gerissen“, wo war ich besonders im Flow, was waren meine Erfolgserlebnisse? Geschichten, die seit Jahren in Vergessenheit versunken waren, weil sie im Baby-Alltag völlig unwichtig waren, poppten wieder auf. Projekte in einem DAX-Konzern auf Vorstandsebene, Reisen rund um die Welt für ein Forschungsprojekt, tolle Events, die ich ins Leben gerufen hatte! Ich? Das habe ich mal gemacht? 

Ich fühlte mich plötzlich ganz anders. Es war so bereichernd, mal eine Stunde in der Woche aus meiner Mutterrolle auszutreten und mir über meine beruflichen Möglichkeiten Gedanken zu machen. Elias brachte mich mit seinen wirkungsvollen Coaching-Tools in kreative Höhenflüge. Wie linear ich doch vorher gedacht hatte! Dabei gab es so viel mehr Möglichkeiten. Vor allem bin ich nicht von einem einzigen Arbeitgeber abhängig, auch nicht mit Teilzeitambitionen! 

Aus meinen aufgearbeiteten Erfolgs- und Flowerlebnissen baute ich mir meine Vision auf. Mir wurde klar, worin ich gut bin und was ich gerne weiter in meinem Beruf anwenden möchte. In dieser neu erworbenen Klarheit konnte ich meine Ziele formulieren. Plötzlich sprudelten die Ideen wieder, mein Strahlen in den Augen kam zurück. Diese Gefühl „zu brennen“. Was soll dieses geizige und engstirnige Teilzeit-Geplänkel? Warum sollte ich meine Karriere linear fortdenken? Kreativität ist gefragt, vor allem während der Elternzeit. Hier baue ich mir die Basis auf für meine nächsten beruflichen Schritte. Hier habe ich Zeit, mir wirklich mal alle Möglichkeiten auszudenken. Und wenn die unrealistisch klingen mögen, dann hat man weiter Zeit, sie so anzupassen, dass sie auf einmal doch realisierbar sind. 

Mein Fazit und ein Aufruf

Ich persönlich nutze nun den Rest meiner Elternzeit für die Gründung eines neuen Unternehmens, das ohne meine „Auszeit“ und den Coachingprozess vielleicht nie entstanden wäre. Ich arbeite in Teilzeit, vormittags, abends, ohne auf die Uhr zu schauen. Mit Leidenschaft und Engagement. 

Mit meinem Arbeitgeber bin ich laufend in Kontakt. Die profitieren sogar vom neuen Dienstleistungsangebot meines Unternehmens. Sie verlieren vielleicht eine gute Arbeitnehmerin, gewinnen aber tolle neue Ideen, einen Mehrwert für ihr Unternehmen, ein neues Netzwerk – und wer weiß, was daraus alles entstehen wird, was sonst nie entstanden wäre! 

Liebe Eltern in Elternzeit, investiert ein bisschen Zeit in ein gutes Coaching und lasst euch dafür auch vom Arbeitgeber unterstützen. Nutzt eure Elternzeit als Auszeit vom Job. Nicht um auf der Stelle zu treten, sondern um euch persönlich und beruflich weiterzuentwickeln und (neu) zu orientieren. Erspart euch viele Grübelstunden, Umwege, Stresssituationen und Konflikte mit den Arbeitgebern. Nein, die Welt wird sich nicht „zurückkrempeln“ nach der Geburt des Kindes. Auch die Karriere wird nicht mehr so aussehen wie ohne Kind. Dafür öffnen sich aber plötzlich ganz neue Türen – man muss eben nur mal genau hinschauen. 

Die Neu-Orientierung muss nicht immer in einer Kündigung enden. Die Eltern können sich in einem Coaching-Prozess darüber klar werden, was sie ihren Arbeitgebern anbieten können, welchen Mehrwert könnt ihr bieten? Denkt quer, nicht linear. Wenn der Arbeitgeber einen Mehrwert sieht, dann hört er sicher zu. Vielleicht entsteht dadurch eine neue Stelle? Oder ein neues Team? Ein neues Thema? 

Wandelt die Enge und die verkrampften Verhandlungen gemeinsam in neue Business-Modelle, neue Themen, neue Chancen, neue Möglichkeiten. Ich wünsche viel Freude beim gemeinsamen Kreativ-sein.


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