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Sonst macht’s ja keiner! Na und?

Tschüss, autotoxisches Rollenverständnis, Perfektionismus und schlechtes Gewissen! Über Rollenverteilung und Vereinbarkeit auch in kinderlosen Paarbeziehungen.

 

Frauen werden gern anerkennend als „Familienmanagerin“ gesehen. Sie vereinbaren Lohnarbeit, Hausarbeit, Organisationsarbeit und in Partnerschaften mit Kindern Care-Arbeit. Sie denken für alle mit, planen, erledigen, und springen auch dann noch ein, wenn der Partner mal wieder etwas vergessen oder nur halbherzig erledigt hat. Klingt ganz schön stressig, oder? 

Mental Load“ – mentale Belastung – beschreibt genau diesen Zustand vieler Frauen. Die Last, durch die ungleich verteilte körperliche und emotionale (unsichtbare) Arbeit. Statt nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach nur die Füße hochzulegen, müssen erstmal die schon wieder stehengelassenen Gläser weggeräumt, sich um ein Weihnachtsgeschenk für die Schwiegereltern gekümmert, und ach – es ist auch schon wieder kein Brot mehr im Haus – schnell nochmal was eingekauft werden. Warum bleibt, selbst – oder gerade in modernen, aufgeklärten Familien, diese Arbeit immer noch an den Frauen hängen? 

„Ich mach doch sowieso immer alles!“ – heißt ein Artikel in der aktuellen Brigitte, der genau das Thema beleuchtet. „Vereinbarkeit geht nur zusammen“ schreibt Hanna Drechsler hier auf Edition F. Sie schreibt dort, das Mamawerden an die Bedingung – und nicht nur den Wunsch – geknüpft zu haben, „das nicht alles allein zu machen“, und lebt mit ihrem Mann ein 50/50-Modell. 

Aber Vereinbarkeit fängt nicht erst mit dem Kinderwunsch an. Auch in kinderlosen Beziehungen ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass die anfallenden Aufgaben an der Frau hängen bleiben. 

Die Hauptursache liegt überwiegend in der Erziehung und der Sozialisierung der Geschlechter. In unserer Generation (ich meine mal den ca.’90 er Jahrgang) ist die Chance groß, dass wir mit den klassischen Geschlechterrollen groß geworden sind. Mama wirbelt durchs Haus, bügelt für Papa die Hemden, macht für alle Essen, erinnert Papa an alle Geburtstage, und man lacht, wie unbeholfen er wäre, mal selbst etwas zu kochen oder ein Geschenk auszusuchen.Wenn Papa einmal aufräumt, liegt hinterher alles gar nicht so wie sonst, man weiß eben selber am besten, wo was liegt. „Naja,..Männer halt.“ Dann macht man es doch lieber gleich selbst. 

Für Mädchen und Jungen mit Vorbildern dieser Art, ist dieses Rollenbild normal, bei vielen Freund/innen die man kennt, ist das ja schließlich auch so. Außerdem wird es genauso in Filmen, Werbung und Co. aufgegriffen und verbreitet. So ist es nicht ungewöhnlich, dass junge Menschen schon am Anfang einer Beziehung oft automatisch in die Rollenbilder verfallen.

Am Anfang sieht man es mit einem Augenzwinkern, wenn man „ihm“ schon wieder die Wäsche hinterherräumen oder in letzter Minute noch schnell ein Geschenk für seine Schwester kaufen muss. Wenn man dann mal in seiner Mädelsrunde erzählt, lacht man gemeinsam zustimmend und kopfschüttelnd, dass wohl alle Männer gleich sind. 
(Meine beste Freundin und ich, beide emanzipiert erzogen, wären wohl mit 15/16 schon die Freundinnen gewesen, die stattdessen verwundert gefragt hätten: Warum macht ihr es denn, wenn es euch stört?) 

Für die traditionell erzogenen Männer ist es gleichermaßen normal, dass Haus- und Kümmerarbeiten eben nicht ihr Zuständigkeitsbereich sind und ruhen sich auf der Annahme aus, die ihnen beigebracht wurde: „Dass Frauen das ja sowieso besser können“ und erzählen sich unter Kumpels wahrscheinlich gegenseitig, dass sie schon wieder den Geburtstag der Mama vergessen hätten, wenn sich ihre Freundin nicht zum Glück alles viel besser merken könnte. 

Warum muss ich eigentlich immer alles machen?!

Je mehr Aufgaben über die Monate, Jahre hinzukommen, umso mehr wird aus dem Augenzwinkern ein Augenrollen. Dennoch wird das Ungleichgewicht an dieser Stelle oft immer noch geleugnet oder euphemisiert. Selbstverständlich leben wir in einer modernen, gleichberechtigten Beziehung, außer Frage! Dass es dann doch nicht so gleichberechtigt ist, wie man es gern hätte, möchte man nicht immer wahrhaben. Viele Frauen neigen also erstmal noch dazu, die Situation runterzuspielen, sich einzureden, dass man es ja irgendwie auch gerne macht. Das Wäscheaufhängen ist zum Beispiel gar nicht so schlimm, weil man ja dabei Fernsehen guckt. 
(Das sind im Übrigen oft auch die Argumente, die man vorschiebt, wenn man auf der Arbeit ständig Überstunden schieben muss und sich nicht traut, Aufgaben schlichtweg abzulehnen. „Die Arbeit macht mir ja irgendwie auch Spaß“.)
Wenn das belastende Gefühl bestehen bleibt, stellt man sich früher oder später doch irgendwann in der Frage: „Warum muss ich das eigentlich immer alles machen?!“ endet. Lässt man nochmal Revue passieren, seit wann dieser Zustand eigentlich schon so ist, und wie es dazu gekommen ist, wird eigentlich schnell – in der Theorie – klar: Eigentlich muss man das nicht tun. Es hat sich das so eingebürgert, weil beide es nicht anders kannten. Aber wie kann ich das, jetzt, wo es nun mal so ist, auf einmal ändern? 

Reden!

Zuerst einmal: Das Gespräch suchen. Für beide Partner war die jetzige Situation von Anfang an normal. Daran ist nicht zwingend jemand „schuld“ oder dafür verantwortlich, wenn man die Aufgaben bisher noch nie besprochen oder verteilt hat. Also, auch wenn man nach so langer Zeit Mehrbelastung zu Recht frustriert und wütend darüber ist – Vorwürfe helfen kaum weiter. Sprecht an, was euch zu viel ist! Auch wenn man meint, der andere müsse es doch von allein bemerken. Falsch, so funktioniert Kommunikation nicht, und wenn es so wäre, wäre es mit Sicherheit schon passiert. Auch wenn man beim besten Willen nicht versteht, wie die männliche Wahrnehmung so anders sein kann. Sie kann, und umso wichtiger ist es, ihm die Belastung deutlich klar zu machen!

Überblick verschaffen – Aufgaben verteilen!

Als nächstes verschafft euch einen Überblick, welche Aufgaben es im Alltag gibt, was eure Ansprüche sind, und welche ihr bereit seid zu machen. „Oh je, das klingt ja wie ein WG-Putzplan! Sowas will ich nicht, wir sind doch erwachsene Menschen! Das muss doch auch anders gehen“ mag gleich die/der eine oder andere denken. Aber letztendlich ist es genau das. Auch in einer WG wohnen meist erwachsene Menschen. Erwachsene Menschen haben aber nicht grundsätzlich die gleichen Vorstellungen vom Zusammenleben. Auch in einer Liebesbeziehung ändert sich das nicht von allein. „In einer Beziehung aber Regeln festlegen, das wäre doch unromantisch?“ Okay, aber ist es romantischer, sich ausgenutzt zu fühlen und die Belastung mit sich herumzuschleppen? Es muss ja auch nicht jede Aufgabe strikt genauen Zeitvorgaben geregelt sein. In einer WG in der ich wohnte gab es stattdessen z. B. eine Liste mit sämtlichen Aufgaben, und jeder der eine erledigt hatte, machte einen Strich. So haben alle gesehen, wer bisher viel oder wenig in welchem Bereich gemacht hat und man hat dann von allein „aufgeholt“ wenn man gesehen hat, dass man ja mal wieder dran ist. Beim Blick auf alle Aufgaben sollten allerdings auch die miteinbezogen werden, die möglicherweise immer der Mann macht. Während durch die Rollenverteilung die Care- und Organisationsarbeit oft an den Frauen hängen bleibt, gibt es durchaus viele Frauen, die voraussetzen, dass der Mann bestimmte Arbeiten zu erledigen hat, wie Verwaltungsarbeiten , Reparaturen, Autofahrten. Es gilt nicht, dies an der Stelle nicht anzuerkennen. Wenn es um eine faire und ehrliche „Aufgabeninventur“ gehen soll, muss es mit gezählt werden.  

Für seine Bedürfnisse einstehen!

Dieser Grundstein der Aufgabenverteilung ist erstmal aufwändig und beinhaltet mit Sicherheit wiederkehrende Diskussionen, ist aber enorm hilfreich, um das bestehende Ungleichgewicht zu beseitigen. Viele haben Bedenken, sich wie „die nörgelnde Hausmutti mit dem Nudelholz“ vorzukommen, wenn sie die Dinge ansprechen. –  Im Ernst? Die Gesellschaft hat Frauen Jahrhunderte lang so sehr erzogen, es anderen Recht zu machen, dass man sich darüber Gedanken macht, wie man rüber kommt, wenn man sich für seine Bedürfnisse einsetzt? Stop it! Macht sich der Mann, der einen die ganze Arbeit machen lässt, etwa Gedanken, wie er dabei rüber kommt?! Als Frau ist man nicht für die Harmonie der Beziehung verantwortlich. Kritik ist für derjenigen, der sie abkriegt natürlich immer uncool – lässt sich aber im Zusammenleben kaum vermeiden, oder?Man sollte das klärende Gespräch allerdings auch nicht unbedingt emotional aufgeladen eröffnen, wenn die Chance hoch ist, unsachlich/beleidigend/anschuldigend zu werden.

Ansprüche abstecken – und akzeptieren!

Da wären wir wieder beim Thema Wohngemeinschaft. In meiner WG-Zeit habe ich entweder mit Leuten die gleich, oder eher unordentlicher waren als ich zusammengewohnt. Damit konnte ich ganz gut leben, solange man ab und an auch mal sagen konnte, wenn was stört. Womit ich weniger klargekommen wäre, wären extrem ordnungsliebende Personen, die von mir erwartet oder mir gar vorgeschrieben hätten, nach ihren Sauberkeitsstandards zu leben. Auch in der Partnerschaft kann man in den seltensten Fällen davon ausgehen, dass entsprechende Vorstellungen zufällig gleich sind. Deshalb gilt es also auch hier, sich erstmal klar zu machen, was man sich vorstellt – und vor allem auch akzeptieren, dass die Vorstellungen unterschiedlich ausfallen können. Wer sagt, dass die eigenen – reinlicheren, durchorganisierteren, aufgeräumteren – Vorstellungen die besseren sind? Will ich bspw. am liebsten 5x die Woche staubsaugen, und dem Partner reicht es einmal die Woche vollkommen aus, kann ich meiner Meinung nach nicht sauer auf ihn sein, weil er weniger staubsaugt als ich. Zusammenleben besteht aus einer Reihe von Kompromissen. Die Person mit höheren Erwartungen, muss der anderen auch zugestehen niedrigere Erwartungen haben zu dürfen. Es kann durchaus positiv und befreiend sein, sich auch auf „niedrigere“ Ansprüche einzulassen, zu lernen, dass man auch entspannen kann, wenn nicht alles andere erstmal erledigt ist (und man danach eigentlich schon wieder fast ins Bett muss). Andersrum sollte die Person mit niedrigen Erwartungen aber auch der anderen entgegenkommen, und ihr zu Liebe auch mal etwas mehr machen, als man es vielleicht nur für sich selbst machen würde. 

Konsequent sein – und davon selbst profitieren

Gerade Frauen werden häufig zu „fleißigen Helferlein“ erzogen, die es für die ganze Familie schön machen, damit sich alle wohlfühlen – erst dann können sie sich auch wohlfühlen. Ihnen werden Perfektionismus, Reinlichkeit und Fürsorgearbeit näher gebracht als den Männern, wodurch sie einen ganz anderen Blick auf die anfallenden Arbeiten bekommen, und automatisch vermeintlich „höhere Sauberkeitsstandards“ als Männer haben. Vermeintlich , deshalb, weil Männer ja oft die gleichen Sauberkeitsstandards (oder Standards bezüglich aller anderen anfallenden Aufgaben ) als Ergebnis erlebt haben. Sie wollen ja selbst auch einen vollen Kühlschrank, gewaschene Wäsche und eine warme Mahlzeit. Sie wurden eben nur so erzogen, dass sie sich selbst nicht darum kümmern müssen, das zu bekommen. 
Frauen sehen, erkennen und erledigen solche anfallenden Arbeiten eher, weil ihnen genau das als ihre Aufgabe beigebracht wurde. Sie haben gelernt, dass „ein Handgriff hier und da mal“ ja auch gar nicht so schwer ist. Männern wurde hingegen großflächig beigebracht: „dafür gibt’s ja die Frau“.

Übernimmt man in einer Paarbeziehung für seinen Partner all diese Aufgaben also auch wieder, „wie es zu Hause war“, hält sich das gleiche Ungleichgewicht von ganz allein aufrecht. Übernähme man die ganzen Aufgaben einfach mal eine Weile nicht – würde nach ein paar Tagen auch dem Mann auffallen, dass alles gar nicht so „von alleine läuft“, wie sonst. Dass er den Geburtstag der Schwester vergessen hat! Dass die Feier ja schon morgen ist und er noch ein Geschenk organisieren muss! Dass er nicht mal ein gebügeltes Hemd dafür hat, und wenn er nachher von der Arbeit kommt nicht mal was anständiges im Kühlschrank ist. 

Nun könnte der Mann darauf sauer reagieren, warum alles nicht gemacht ist. Versuchen, einen vorwurfsvoll (Hallo, schlechtes Gewissen!) dazu aufzufordern es doch bitte zu tun. Pro Tipp: Niemand hat ein Recht sauer zu sein, wenn jemand etwas nicht für jemanden macht! Man sollte eher dankbar sein, dass jemand es sonst immer tut anstatt es für selbstverständlich bzw. sogar verpflichtend hinzunehmen! Ein gelassenes „Fick dich“ und „Tschüss, schlechtes Gewissen!“ zu denken wäre angebracht. 
(Wobei in einer ansonsten gut funktionierenden Beziehung, die Verwunderung oder der Unmut des Partners irgendwo verständlich ist, wenn es „doch immer so lief“ und es als wortlose Trotzreaktion erfolgt, anstatt rechtzeitig darüber zu reden.)
Nach und nach, wenn Mann merkt, dass ihm diese Aufgaben offensichtlich niemand abnimmt, fängt  er womöglich an, selbst seine Shirts zusammenzusuchen, zu waschen und zu bügeln. Dabei merkt er womöglich, dass es gar nicht so einfach und ganz schön nervig ist, sich um so viel (und das auch noch nach 8h Arbeit!) zu kümmern! Vielleicht bestellt er sich am Ende des Tages dann einfach nur noch eine Pizza und kauft seiner Schwester morgen schnell noch einen Blumenstrauß an der Tankstelle. 
Was Frau dabei daraus lernen kann? – Aufgaben auch mal abgeben, und Manns Lösungswege akzeptieren. Wie weiter oben erwähnt: Der eigene, perfektionistischere Weg ist nicht zwangsläufig der Richtigere! (Im Gegenteil, wenn er einen offensichtlich belastet ist er wohl eher der Falsche)

Durch’s Selbermachen-Müssen erlernen auch Männer den Blick für anstehende Aufgaben, sie erledigen sie aber möglicherweise anders als man es selbst würde. Außerdem gilt es nicht nur, Männer diesen Blick „anzutrainieren“, sondern ihn als Frau auch  abzulegen zu können (Tschüss, Pefektionismus!) ! Warum sich nicht auch einfach mal auf die Couch legen, Pizza bestellen und die Wäsche stehen lassen? – „Sonst macht’s ja keiner!“ – Na, und? 

Sonst macht’s ja keiner! Na und? 

Warum sollte man sich stressen, während der Partner lieber ausschläft, anstatt zu putzen, wenn seine Eltern zum Mittag kommen? Wenn er in geknittertem Hemd auf die Familienfeier kommt, oder seinen Eltern das Geschenk nicht hübsch verpackt hat? 
Man ist schließlich nicht für den anderen verantwortlich. (Um es in den Worten meiner Freundin zu sagen: „Der hat doch selber einen Kopf und zwei Hände“)

Klopft da vielleicht doch wieder das eigene Rollenverständnis von innen an? „Die anderen“ könnten denken, dass ich keine gute Partnerin bin. Eine nachlässige Frau, die sich gar nicht um die Dinge kümmert, um die sich eine Frau doch zu kümmern hat? Auch hier müssen wir lernen, zu sagen „Tschüss, Geschlechterrollen!“
Dann denken andere halt sowas. Na, und?  

(Dieser Beitrag ist außerdem auf meinem Blog https://blkmindmill.blogspot.com/ erschienen)

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