Die Künstlerin Sophie Utikal sitzt in einem Garten auf einer Steinmauer. Im Hintergrund wehen Stoffbahnen, die sie gestaltet hat.
Foto: Bruno José Silva

„Diesmal wird mir nichts einfallen – das denke ich am Anfang immer”

Sind meine Ideen wirklich gut genug? Wer kreativ arbeitet, wird oft von einem Gefühl begleitet und gehemmt: Zweifel. Die Künstlerin Sophie Utikal erzählt von Blockaden und wie man sie lösen kann.

Wer das Schreiben oder Malen zum Beruf gemacht hat oder auf eine andere Art kreativ werden muss, um Geld zu verdienen, kennt vermutlich das zermürbende Weiß, das einer*m an jedem Anfang entgegenstarrt, und weiß: Es gibt sie, die Angst vorm leeren Blatt. Die Angst davor, etwas schaffen zu müssen und keine originelle Idee zu haben – oder überhaupt jemals wieder eine zu finden, nicht mal eine mittelmäßige. Sophie Utikals Arbeit beginnt nicht mit einem leeren DIN-A4-Blatt oder einer leeren Seite bei Word und auch mit keiner leeren Leinwand. Die Leere am Beginn von Sophies Arbeit ist drei mal fünf Meter groß. Sie stickt ihre Bilder auf riesige Stoffbahnen.

„Coexisting (Join, Relate, Multiply, Connect)“ | Foto: Lineematiche

Sophie Utikal ist eine Künstlerin mit internationalen Einzelausstellungen, über ihre Kunst wird in Zeitungen und Kunstzeitschriften berichtet, auf der Biennale Mediterrane wurde sie dieses Jahr als eine von wenigen aufstrebenden jungen Künstler*innen vorgestellt. Man könnte ohne Zweifel sagen: Sophie hat Erfolg mit ihrer Kunst. Trotzdem oder gerade deswegen kennt sie die Angst vor der Leere am Beginn jedes neuen Projekts.

Der Zweifel

Es ist Ende November und Sophie hat gerade die ersten Skizzen für eine Einzelausstellung in Wien Anfang 2022 abgegeben. Sie sitzt an ihrem Küchentisch, während sie von ihrer Arbeit und ihren Ideen erzählt. Hinter ihr aufgereiht stehen Töpfe und Schalen, ein Trockentuch hängt gefaltet am Griff des Backofens. Es ist der letzte Monat Homeoffice für Sophie. Lange Zeit hat die Wiener Künstlerin in ihrem Wohnzimmer gearbeitet, die Stoffbahn, die als Leinwand für ihr Kunstwerk dient, an ihre Zimmerwand gehangen und im Stehen die einzelnen Stoffteile, die am Ende ein ganzes Bild ergeben, auf den Stoff gestickt.

Sophie lebte monatelang in ihrer Kunst – ihrer Arbeit. Sie wachte morgens mit ihr auf und schlief abends mit ihr ein: „Wenn ich morgens als Erstes diese riesige Fläche sehe, habe ich keinen Abstand mehr zu meiner Arbeit. Und manchmal, weil sie so riesig ist, kriege ich Angst vor dieser Fläche. Ich denke dann: Ich schaff das nicht.“ Die Kunst darf nicht alles sein, nicht Zimmerwand und Arbeit zugleich und nicht identitätsstiftend und existenzsichernd. Sophie braucht für Kreativität Abstand zu ihrer Kunst, vor allem räumlich: Seit Dezember arbeitet sie in einem Studio und nicht mehr in ihrem Wohnzimmer.

Der Mythos

Spricht man mit Sophie Utikal, wird das Bild der Künstlerin, des Genies, die aus sich heraus Herausragendes schafft, schnell zum Mythos. Ihre Kreativität entsteht auch durch Austausch, Zweifeln und Ausprobieren. Wie kommt die Idee zur Künstlerin? Und wie bekämpft man diese Angst vorm Versagen am Anfang von jedem neuen Projekt?

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„Ich fange jedes Mal an und habe keine Ahnung, was kommt und ob was kommt – und ich denke jedes Mal: Diesmal wird mir nichts einfallen“, sagt Sophie. Wenn Sophie von ihren letzten Arbeitswochen erzählt, klingt es fast wie die Chronik eines Gefühls: dem Zweifel. Und Sophie hat eine Art gefunden, mit ihm umzugehen: „Das Wichtigste ist, dass ich dranbleibe, dass ich weiß: ,Ok, der Zweifel ist Teil von diesem Prozess.‘“ Dafür schafft sie die richtigen Bedingungen: kein Handy, kein Instagram, nichts, das sie ablenken kann. Und vor allem ihr Tagesrhythmus – früh aufstehen, viel Bewegung und regelmäßige Pausen. „Und irgendwann habe ich eine kleine Idee und dann bin ich drinnen, es kommt ins Rollen und macht riesig Spaß.“

„Ich glaube, da ist einfach eine Tür geschlossen und man muss da durchkommen.“

Der Sinn

Im Zentrum von Sophies Kunst steht der Körper – genau genommen ihr Körper, den sie in Posen inszeniert, mit Selbstauslöser fotografiert, abzeichnet und am Ende als Stoffteile ausschneidet. In pastelligen Farben ergeben diese Stoffteile das große Ganze: Bilder, die von Erfahrungen erzählen, die in Körpern über mehrere Generationen weiterleben. Es geht um Trauma, um Migration und Schönheitsnormen, um Liebe, auch die zum eigenen Körper. All diese Themen inszeniert Sophie auf ihren Bildern in Szenen, die metaphorisch gemeint sind.

„What was, is gone“ | Foto: Abiona Esther Ojo

Ihre Kunst ist für all jene, so erklärt sie es, deren Biografien in den Medien und in gesellschaftlichen Strukturen oft nicht gezeigt und bedacht werden: Erste, zweite, dritte Generationen von Migrantinnen in Deutschland: „Ich glaube, dass es notwendig ist, in der eigenen Komplexität gesehen zu werden, um zu sein“, sagt Sophie.

Die Lösung

Es sind also die großen Themen von Gleichheitsfragen und Identität, denen sich Sophie in ihrer Kunst widmet – auch daher, so scheint es, könnten der Druck und die riesigen Ansprüche an sie und ihre Kunst kommen: „Mein Problem ist, ich denke oft: Was ich heute mache, muss das beste Bild aller Zeiten werden. Aber das hilft gar nicht.“ In einem Workshop mit der Künstlerin Angelica
Liv hat Sophie sich zeigen lassen, wie sie mit ihren Zweifeln und der Angst umgehen kann: Jeder Atemzug ein neuer Strich, hat ihr die Lehrerin empfohlen. Man malt also einfach von der Ein- zur Ausatmung immer weiter und schaut, was passiert. Und dann soll sich die Blockade lösen. „Was mir hilft, ist, dass ich irgendwas mache. Einfach irgendwas zeichne oder irgendwas schreibe. Und wenn ich auch nur schreibe: ,Mir fällt nichts ein.‘ Ich glaube, da ist einfach eine Tür geschlossen und man muss da durchkommen.“

Kreativität – Das Glück der perfekten Idee und wie wir immer wieder neu um Ecken denken können.

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