Foto: Michael Laurence Katz

Start-Up im Heiligen Land

Zwei Kinder und eine Organisation großziehen – und das in Israel? Jenny Havemann weiß wie’s geht.

 

„Mama!“ schallt es zweistimmig aus dem Kinderzimmer bis in die Küche, in der wir gerade zu Abend essen. Jenny Havemann schaut erschöpft zu ihrem Mann hinüber. „Kannst du kurz nach den Kleinen sehen, ich wollte doch jetzt das Interview geben“, fragt sie. Als er herüber geht beruhigen sich die beiden Jungen.

Ein israelischer Juli ist nur nachts oder für Klimaanlagenbesitzer zu ertragen und trotz später Stunde ist es noch schwül, als wir schließlich die Wohnung in der Kleinstadt Ra’anana verlassen. Jennys Woche war anstrengend, doch über den Grund dafür redet sie sogar nachts noch gerne. Die 31-Jährige ist nicht nur Mutter zweier Söhne, sondern auch stolze Gründerin eines Bildungsvereins. Die Idee zu ihrem eigenen „Social-Political-Start-Up“, wie sie es betitelt, kam ihr vor zwei Jahren. Damals störte sie die schwindende Attraktivität politischer Veranstaltungen für junge Leute und die geringe Präsenz junger, weiblicher Speaker bei Konferenzen und Podiumsdiskussionen. 

Anstatt sich nach der Geburt ihres zweiten Sohnes auf die Jobsuche zu fokussieren, traf sie die Entscheidung, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. „Ich dachte mir: Warum warten bis ich etwas Perfektes für mich gefunden habe“, erzählt sie. 

„Ich hatte die Idee, ich hatte die Kontakte und ich wollte es durchziehen“.

„Irgendetwas mit deutsch-israelischen Beziehungen“ sollte es sein. Den Traum hat sie sich nun erfüllt. Der Name des Vereins, „IDACH“, setzt sich aus den Buchstaben der Länder Israel, Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, deren Zusammenarbeit durch das Projekt gestärkt werden soll. Durch Diskussionsabende und politische Veranstaltungen mit Politikerinnen und Politikern aus Deutschland und Israel will der 2016 gegründete Verein den Austausch anregen und besonders junge Menschen für die Politik begeistern.

 Seit über einem Jahr gestalten Jenny und ihr fünfköpfiges Team in Tel-Aviv ein Bildungsangebot für Kinder aus deutschsprachigen Familien. Dort lernen sie in Kleingruppen mehr über die deutsche Kultur, Geschichte und vor allem die Sprache. So will das Team ein deutschsprachiges Netzwerk in Israel fördern, in dem auch Neuankömmlinge aus den entsprechenden Ländern schnell Hilfe und Orientierung in Israel finden können.

Der besondere Fokus von IDACH liegt jedoch auf der Zusammenarbeit deutscher und israelischer Start-Ups. IDACH hilft Unternehmen, Partner in der Gründerszene beider Länder zu finden und fördert den Austausch zwischen deutschen und israelischen Jungunternehmen. Mit 6.500 Start-Ups auf 8.5 Millionen Einwohner im Jahre 2017 hält Israel den Weltrekord in Sachen Unternehmungsgründung. Doch auch dort ist der Anteil weiblicher Gründerinnen mit 20 Prozent im Jahre 2016 nur etwas ausgeglichener als etwa in Deutschland (13 Prozent). Warum das so ist weiß Jenny aus eigener Erfahrung.

„Viele Frauen sind beim Networking auf Veranstaltungen schüchterner als Männer. Da Männer manchmal so eine Kumpanei haben ist es oft schwerer für Frauen, sich in ein gemischtes, oder rein männliches Netzwerk reinzudrängen“,

erzählt sie. Jenny versuche ihr junges Projekt möglichst unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers zu präsentieren, sagt sie.

Mit abwertenden Sprüchen wurde sie trotzdem schon mehr als einmal konfrontiert. „Einmal war ich in einer politischen Organisation tätig und der Leiter sagte zu mir, ich solle mich mal um die kleinen, organisatorischen Dinge kümmern – das könnten wir Frauen schließlich gut. Ein anderes Mal sollte ich beim Networking einem Mann vorgestellt werden, der daraufhin nur in herablassendem Ton sagte, die Karte von dieser „Frauenorganisation“ habe er schon erhalten,“ erzählt sie. 

Doch Nachteile daran, als Mutter in Israel berufstätig zu sein, sieht sie kaum. Viele Frauen in Israel, unabhängig von ihrer Position, haben mindestens zwei Kinder. Eine große Familie zu haben ist dort selbstverständlich, weshalb Müttern weniger Steine in den Weg gelegt werden, als in vielen europäischen Ländern. Als freiberufliche Gründerin kann Jenny selbst entscheiden, wann sie ihre Kinder von der Betreuung abholt. Doch wenn Arbeit liegen bleibt wird es schwierig, denn die kann sie erst erledigen, wenn die Kinder im Bett sind. „Als Mutter habe ich am Ende des Tages allerdings nicht immer Kraft dafür“, sagt sie.

„Meine Mutterschaft hat mich jobtechnisch aber auch sehr diszipliniert.“

Jenny steckt nicht zum ersten Mal Kraft in einen Neuanfang. Nachdem sie im Alter von zehn Jahren aus ihrem Geburtsland, der Ukraine, nach Hamburg zog musste sie schnell eine neue Sprache lernen und sich ein neues Leben aufbauen. Ihr Umzug nach Israel, 2010, brachte diese Herausforderungen ein zweites Mal mit sich. IDACH zum Erfolg zu führen bedeutet nun ein drittes Mal Neuland für Jenny, doch von Widrigkeiten will sie sich nicht aufhalten lassen. Im Gegenteil. 

„Kämpfe machen mir Spaß“,

sagt sie. Kurz vor Mitternacht endet auch für Jenny der letzte Arbeitstermin. Am nächsten Morgen startet wieder ein neuer Arbeitstag. Doch heute gibt sie nur noch ihren Kindern einen Gutenachtkuss. 

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