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„Tage mit Leuchtkäfern“: Ein Roman über eine kotzende Kämpferin, die nicht aufgibt

Die Poetry-Slammerin Zoe Hagen hat einen bewegenden, teilweise autobiografischen Roman über ein Mädchen mit Bulimie geschrieben, in dessen Leben dank neuer Freunde ein Leuchten einkehrt.

 

Fressen: Sehnsucht nach Liebe?

Zoe Hagen ist Jahrgang 1994 und steht mit ihren Texten regelmäßig auf der Bühne – 2014 wurde sie deutsche Vize-Meisterin der U20-Poetry-Slammer. Ihren Debütroman, der jetzt veröffentlicht wurde, schrieb sie mit 17 Jahren innerhalb weniger Wochen: Ihre Protagonistin ist 15 und hat verlernt, normal zu essen. Sie ist eine kotzende Kämpferin, die zweifelt, aber trotzdem nicht aufgibt. Eine Gruppe junger Menschen gibt ihr schließlich Halt und weist ihr wie Leuchtkäfer den Weg aus der Dunkelheit.

Wir veröffentlichen einen Auszug:

Lieber Gott,

ein normaler Mensch mit
normal funktionierendem Gehirn und normalen Bedürfnissen und Trieben benötigt
circa 2000 Kalorien pro Tag. Natürlich kann das variieren, ist abhängig von
Geschlecht, Größe und Alter und all diesem Kram, aber so im Großen und Ganzen
ist 2000 ein recht guter Mittelwert.

Ich will dir sagen, was ich heute gegessen
habe. Zuerst ein Stück Schokotorte. Überbleibsel von dem Geburtstagskuchen
meiner Mutter. Das Stück mit der Geburtstagskerze drauf. Der Kuchen war zu süß
für meinen Geschmack, gegessen habe ich ihn trotzdem. Langsam die Gabel durch
die einzelnen Schichten geführt, als müsste ich sie ihr alle zeigen, jede
einzelne, als wäre ich ein verdammter Tourguide. Dann hob ich die Gabel zu
meinem Mund, hielt kurz noch einmal inne, überdachte das ganze Vorhaben,
öffnete schließlich den Mund und führte sie hinein. Bumm! Geschmacksexplosion. 
Crash! Gehirnausschaltung. Für den Rest des Stückes benötigte ich die Gabel
nicht mehr. Meine Hände stopften den Kuchen gierig in den Mund, er war wirklich
zu süß, viel zu süß – aber egal. Einfach weitermachen. Weitermachen und nicht
nachdenken. Nachdenken tut weh, und warum Schmerzen haben, wenn man genauso gut
essen kann?

Angst, dass das Herz vor Schmerz zerbricht

Meine Therapeutin sagt, wenn ich
fresse, dann ist das die Liebe meiner Mutter, nach der ich mich sehne und die
ich in Form von Essen zu mir führe. Kann denn Liebe so süß sein? Und so
verdammt reichhaltig? Ich aß, aß, aß. Ich werde dir nicht sagen, was alles,
denn obgleich ich mir ja geschworen hatte, dir nichts als die Wahrheit zu
schreiben, und eingangs geschrieben habe, dass ich dir erzählen will, was ich
heute alles zu mir genommen hab, so schäme ich mich jetzt schon allein bei dem
Gedanken. Meine Augen beginnen zu tränen, und ich fühle mich als Versagerin,
auch jetzt gerade, während ich dir schreibe. Ich hoffe, du hast Verständnis
dafür.

In der Schule hatten wir einmal eine Infoveranstaltung zum Thema
Essstörungen. Die Leiterin stellte am Anfang die Frage, was denn Magersucht und
Bulimie überhaupt seien. Dieses eine Mädchen aus der Oberstufe, das ich nur vom
Sehen her kenne, meldete sich und sagte: „Magersucht, das ist, wenn man nicht
mehr isst. Und Bulimie, das ist, wenn man nicht mehr aufhören kann zu essen und
deswegen die ganze Zeit kotzt.“ Und diese dumme Infotante hat genickt und
gesagt, ja, im Großen und Ganzen sei das schon ganz richtig so. Lieber Gott,
ich will dir sagen, was Magersucht ist. Das ist, wenn du abends nicht schlafen
kannst, weil dein Herz so weh tut, so verdammt weh tut, dass du Angst hast,
dass es zerbricht. Das ist, wenn du weinst, aber nur innerlich, weil deine
Tränen für niemand Bestimmtes sind, weil es niemanden gibt, niemanden auf
dieser verdammten großen weiten Welt, den es auch nur im Ansatz interessiert,
warum du dummes kleines Ding schon wieder Tränen vergießt.

All die Scheiße, die niemand hören will

Und Bulimie ist nicht einfach zu
viel essen. Essen, das klingt so fein und harmlos. Bulimie ist nicht fein und
schon gar nicht harmlos. Bulimie heißt fressen. Und zwar fressen, bis du so wie
ich jetzt auf dem Rücken im verdammten Badezimmer liegst. Du liegst auf dem
Rücken, weil du dich nicht umdrehen kannst, weil dein Bauch so sehr spannt,
dass es weh tut auszuatmen. Es tut weh zu atmen. Hoffentlich reißt er nicht,
denkst du und strampelst wie ein gottverdammter Käfer, aber es ist niemand,
niemand da, der dir seine Hand reicht und dir hochhilft. Schließlich schaffst
du es aus eigener Kraft und kriechst die letzten Meter zur Toilette. Wenn du
endlich da bist, denn vergiss nicht, Zeit ist relativ, und der Weg kommt dir so
unendlich lang vor, wenn du dann aber endlich mal da bist, schwappt diese Welle
der Erleichterung über dich. Für diesen einen kurzen Moment bist du erlöst,
alles bricht aus dir heraus, und du betest zum Porzellangott.

All die Scheiße,
die niemand hören will, die niemanden interessiert. Wie oft hast du geschrien
und geweint und gehofft, dass jemand kommt, der dich in den Arm nimmt und sagt,
ich helfe dir, ich bin für dich da, aber es ist nie passiert. So ist dein
einziger Freund weiß und kalt und aus Porzellan. Aber ich will mich nicht
beschweren, denn das Klo ist ein guter Zuhörer. Es nimmt auf und sagt nichts
weiter, es stört sich nicht daran, wenn ich mich zu oft wiederhole oder davor
zusammenbreche und es vollrotze.

Ich will nicht mehr kämpfen

Aber natürlich, Magersucht ist nichts essen
und Bulimie zu viel. Das Schlimmste ist, fast jeder, den ich kenne, denkt so.
Und die Kinder in der Schule sehen mich an, und sie flüstern sich zu: „Sieh
mal, da ist sie. Mein Gott, die sieht ja schrecklich aus. Hast du mal ihre Arme
gesehen. Ja, ich weiß, fürchterlich.“ Sie können mich mal, lieber Gott. Sie
können mich wirklich mal. Ich will nicht mehr. Ich will nicht aufgeben, aber
ich will auch nicht mehr kämpfen. Bedeutet nicht vielleicht aufgeben siegen?
Ist das nicht vielleicht die einzige Möglichkeit, jemals aus dieser Sache
herauszukommen? Es gibt keine Alternative, oder übersehe ich sie einfach nur?
Ich versuche es schon so lange und komme nicht vorwärts. Ich bin eine Schaukel,
es gibt oben und unten, aber diese konstante Mittelphase, die gibt es nicht.
Und ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr.

Lieber Gott, ich will nicht undankbar sein. Ich danke dir, dass du mir dieses Leben
geschenkt hast, weil es sicherlich nur nett gemeint war, aber ich glaube, du
hast es verschwendet. Denn ich mache nichts daraus. Ich bin kein Nutzen für
diese Welt. Weder bin ich besonders begabt noch besonders beliebt, noch
besonders schön, noch besonders irgendwas. Meine Mutter hat mich angeschrien,
dass ich doch bitte ausziehen solle, denn auch sie könne nicht mehr. Weiß nicht
mehr weiter mit mir. Ich mache die Familie kaputt. Das ist merkwürdig, weil mir
nie bewusst war, dass ich überhaupt eine hatte, aber ich zerstöre sie. Es
reicht doch, wenn ich mich selbst kaputtmache. Meine Arme sind zerfetzt, mein
Herz ist gebrochen und mein Gehirn zerfressen. Ob mich überhaupt jemand
vermissen würde, wenn ich jetzt ginge? (…)


Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern. Ullstein Taschenbuch, März 2016, 192 Seiten, 13 Euro.


Falls du selbst an einer Essstörung leidest oder allgemein mehr Informationen zum Thema möchtest: Erste Anlaufstellen, die auch Onlineberatung anbieten, sind Anad oder auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.


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