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Und täglich grüßt das Rollenspiel

Wenn meine Tochter der Bestimmer wäre, dann müsste ich alle paar Minuten in eine andere Rolle schlüpfen und der ganze Tag wäre ein Schauspielkurs. Gott sei Dank bestimme ich hier und da noch ein bisschen mit und kann mich so das ein oder andere Mal geschickt oder auch weniger aus der Affäre ziehen. Aber eben nur manchmal. Man will ja schließlich auch eine gute Mama sein… und zugegeben, gelegentlich ist es auch ein bisschen sehr lustig.

 

Ich weiß, dass Rollenspiele bei Kindern wichtig für die Entwicklung sind. Dadurch lernen sie Sozialverhalten, Empathie sowie Sprach- und Ausdrucksfähigkeit. Das ist wichtig, leuchtet ein! Trotzdem ist es eben nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Ich spiele lieber zehn Runden Memorie oder Maumau, gehe mit ihr auf den Spielplatz oder in den Park, bastel oder male, als in die Rolle eines Pferdes, Babys oder der einer Hexe zu schlüpfen.

Zumal meine Tochter ziemlich strenge Regeln beim Rollenspielen aufstellt. Ich darf nicht etwa agieren, wie ich es möchte – oh nein! Ich darf mir meine Rolle nicht mal selber aussuchen. Es gibt ein strenges Drehbuch mit genauen Vorgaben. Und wehe ich halte mich nicht daran. Dann wird so oft wiederholt, bis der Take im Kasten ist. Ein Beispiel: Meine Tochter schlüpft in die Rolle einer grazilen Ballerina. Mir wird die Nebenrolle eines Fans oder Zuschauers zugewiesen und ich soll ihr bei ihrer Tanzperformance begeistert zusehen. So weit, so niedlich.

Prima Ballerina

Mila schlüpft dabei in ihr etwas enges Tutu, bei dem ihr kleines Bäuchlein das stolze Zentrum bildet und die kernigen Beinchen rhythmisch zur Musik stapfen (dabei sieht sie aus wie eine bezaubernde Pummelfee – zum Anbeißen). Grazie und Anmut sind lediglich in ihrem Gesichtsausdruck festzustellen.

Bevor die große Ballettänzerin „Elsa“ jedoch die Bühne betritt, gibt es Instuktionen an das Publikum, also mich. „Wenn ich raus komm‘ musst du sagen: oh, da kommt eine Elsa-Ballerina mit Glitzer und langen rosa Haaren und Glitzerhandschuhen und einer Krone auf dem Kopf.“ Wehe ich vergesse etwas, bringe die Reihenfolge durcheinander oder wage es gar zu improvisieren. Dann heißt es „cut“ und alles geht wieder auf Anfang. Und selbst wenn ich meinen Text richtig aufsage, wiederholt sich die Szene im Anschluss doch mindestens zehn mal. Das macht gar nicht mal so viel Spaß.

Noch weniger als meine Rolle des Ballet-Fans, mag ich aber die des Babys. Die ist mir zum einen nicht wirklich auf den Leib geschneidert, zum anderen darf ich nur gutturale Gluckslaute von mir geben und muss mir ansonsten alles gefallen lassen – sonst gibt es Ärger vom Regisseur. Viel erschreckender ist jedoch Milas Rolle als Mutter. Tja, was soll ich sagen, die hat mich in vielen Dingen ganz schön gut beobachtet. Es wird in strengem Ton mit mir geschimpft, ausdrucksvoll vorgelesen, alle zwei Minuten gewickelt und ich muss meistens sehr viel Medizin schlucken – dabei redet mir meine „Mutter“ liebevoll zu: „Das musst du nehmen, weil sonst sterbst du.“ Drama geht immer (und nein, das hat sie natürlich nicht von mir)!

Abendritual mit Hexe

Dann wäre da noch die Rolle der Hexe, in die ich jeden Abend schlüpfen muss-darf. Es ist quasi unser Abendritual. Klingt erstmal verstörend, ich weiß. Ist es vielleicht auch ein bisschen. Ich erinnere mich wirklich nicht mehr daran, wie es dazu kam. Es ist jedenfalls so, dass mich Mila JEDEN Abend, nachdem sie noch in ihrem Bettchen „gelesen“ hat, ruft: „Mama kohomm, aber als liebe Hexe.“ Das reicht mir schon als Regieanweisung. Ich weiß, was zu tun ist. Mila hat sich in der Zwischenzeit unter ihrer Decke versteckt und dann folgt das große Schauspiel:

Auftritt liebe Hexe: ich schleiche mich an und kitzel zuerst Milas Füße, die ich vorher unter der Bettdecke gefunden habe. Dann frage ich, wo wohl die Mila ist.

Auftritt Mila: sie schlägt die Decke zurück und sagt: „Die böse Hexe kommt!“
Schnell vergräbt sie sich wieder unter der Decke und für mich heißt es „Rollenwechsel“ bzw. „Doppelrolle“.

Abwechselnd rede ich nun in lieber und böser Hexenstimme, wobei die liebe Hexe versucht die böse Hexe davon zu überzeugen, dass da kein lecker schmeckendes Kind unter der Decke liegt, was nur darauf wartet gegessen zu werden. Keine Angst, die Geschichte geht erfahrungsgemäß gut aus.

Um eine Wiederholung dieses Schauspiels komme ich auch hier nicht herum. Belohnt werde ich am Ende jedoch mit einer großartigen Gage: einem dicken Gutenachtkuss und dem darauffolgenden seeligen Schlaf meiner Kleinen.

Dieser Artikel erschien bereits auf meinem Mama-Blog killepupmitlala.

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