Foto: patrizia isabella widritzki

unzerstörbar und unsterblich

„der burren erinnert uns daran, dass physische materie gleichzeitig unzerstörbar und vollständig wandelbar ist: dass sie ihren zustand in drastischer weise ändern kann, von pflanzlich zu mineralisch oder von flüssig zu fest. diese beiden konträren vorstellungen von beständigkeit und transformation gleichzeitig zu denken, bereitet dem gehirn sinnvollerweise schwierigkeiten, da man sich als einzelner gleichsam wertvoll und überflüssig fühlt. wir werden uns gewahr, dass wir aus nichts anderem als endlos wandelbarer materie bestehen – aber auch immer in irgendeiner form weiter existieren. dieses wissen beschert uns eine art minimalistischer unsterblichkeit: wir begreifen, dass unsere körper einem endlosen kreislauf von auflösung und neugestaltung angehören…“
(aus: karte der wildnis, robert macfarlane)

 

ist das womöglich der sinn des lebens: das gehirn mit einer unlösbaren aufgabe zu beschäftigen, zu trainieren, dass es diese situation gibt, glitschig und wendig wie ein nasser aal, der uns immer wieder zwischen den händen entwischt? nachfassen, versuchen zu fassen, und es am ende nicht fassen zu können?

vielleicht. weil es ein gedankenspiel ist, welches versucht uns unser leben als zwischenzustand zu verkaufen, das sich jedoch natürlich momentan für uns alles andere als „dazwischen“ anfühlt. wir stehen jeden tag auf, tun was getan werden muss, und machen uns viel zu viel gedanken darüber was wir tun sollten oder könnten. das „zwischen“ ist nicht vorgesehen, weil uns das leben so real und unersetzbar vorkommt. das leben ist unser plan, unsere vorsehung, in dem wir sind und sinn machen. wie soll ich mir das denn vorstellen, dass dies womöglich nur ein zwischenspiel ist? oder gar nur ein bruchteil dessen, was ich in einem grösseren kontext für eine rolle spiele?

es ist vorallem schwer, weil ich es mir nicht vorstellen kann. weil es nicht faktisch nachvollziehbar ist. keiner es jemals erfassen konnte, was „danach“ kommt. wir bekommen unser leben vermittelt als linearen ablauf mit anfangs- und endpunkt. darauf ist unser lebens-denken ausgerichtet, alles denken drum rum darauf ausgerichtet.

dass es kulturen gibt, die diese linearität aufgebrochen haben und auch ihre lebensweise im hier und jetzt nicht nur auf das hier und jetzt ausrichten, ist nichts neues. interessant ist jedoch die idee, was mit unserer eigenen einstellung und vorstellung passiert, wenn wir uns darauf einlassen zumindest gedanklich diese linearität zu verlassen. wenn wir also zulassen könnten, das leben das wir im moment führen, als teil eines kreislaufs oder vieler ineinandergreifender kreisläufe zu sehen. kein hamsterrad, in welches wir hineingeworfen werden und welches wir zu gegebenem zeitpunkt dann verlassen dürfen.

mir ist klar, dass diese vorstellung schwer oder kaum möglich ist. aber wenn es gelänge sich zu vergegenwärtigen, dass man schon vor dem jetzt gewesen ist und auch nach dem jetzigen leben sein wird, was macht das mit der situation in der wir stecken? das leben wird gelöst vom bild eines vorfalls, der sich von der geburt bis zum tod ereignet. es wird ausgedehnt auf unzählbare geburten und tode vorher. mannigfaltiges wachstum und massenhaft vergänglichkeit. egal welche art von lebewesen. egal welche art von materie.

und der geist? die seele?
welche rolle spielt sie innerhalb dieses endlosen reigens von entstehung und auflösung? verbraucht sie sich? verwandelt sie sich? wenn sie wirklich selbst immateriell ist, dürfte sie nicht dem selben schicksal unterworfen sein – aber wie verhält sie sich zu all dem?

manche meinen, sie ist träger der beständigen identität eines menschens. sie ist unsterblich und im moment des sterbens, trennt sie sich vom körper, von der materie. aber, was macht sie dann?

mit dieser frage haben sich freilich viele, schlaue menschen beschäftigt und ebenso viele, schlaue antworten gefunden oder zumindest niedergeschrieben. sie hier aufzuführen wäre nicht nur absurd, weil zu umfangreich, sondern auch übertrieben, denn es ist hier nicht das ziel konkrete anworten abzubilden.

viel wichtiger erscheint mir, aus gegebenem, zu tiefst erschütterndem anlass, mir gedanken darüber zu machen, in welchem system ich stecke und wo mich meine allgemeine, gesellschaftliche erziehung hingebracht hat. ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass man in der auseinandersetzung damit, was leben überhaupt bedeuten kann, wege für ein zufriedenes, in sich ruhendes ich finden kann. dass die neuinterpretation dessen wo leben beginnt und wo es endet, entscheidend dafür sein kann, ob man diesen abschnitt in dem man sich befindet erfüllend erlebt oder nicht.

wenn ich mir mich in einem „zwischen“ vorstelle, und nicht mitten auf der hälfte und auf dem weg zum ende, macht das zwangsläufig etwas mit mir. und wenn ich nicht nur dieses eine leben habe, welches ich auf teufel komm raus unbedingt super-gut nutzen muss, dann kann ich mich vielleicht auch mal entspannen und mich von all dem druck lösen, der mich bis zum ende schiebt. und wenn ich daran glaube, dass dieses zwischen geburt und tod festgelegte zeitfenster, nur ein teil von vielen ist, zu denen jeder gehört, vielleicht kann ich dann auch ein bisschen besser loslassen und sie gehen lassen, in dem wissen darum, dass sie einfach nur schon mal weiter-geht…

für angela.

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