Foto: Zoe Spawton | Edel Books

Sophia Hoffmann: „Man muss in der Küche nicht rumbrüllen wie ein cholerisches Arschloch“

Mit ihrem neuen Buch „Vegan Queens“ bringt Sophia Hoffmann die vegane Küche auf ein neues Level: Gemeinsam mit zwölf inspirierenden Köchinnen stellt sie zehn kreative Menüs vor. Wir haben sie zum Interview getroffen…

 

Bunte Rezepte treffen auf starke Frauen.

Vegane Kochbücher gibt es inzwischen unheimlich viele. Das weiß auch Sophia Hoffmann. Trotzdem hat sie es ein zweites Mal gewagt und uns mit einem neuen Buch überrascht, überzeugt und inspiriert!

Wir kennen die Küchenakrobatin schon länger, sie hat bei Edition F schon über starke und inspirierende Frauen geschrieben und ihr vormaliges Hobby zum Beruf gemacht: das Kochen, worüber sie leidenschaftlich bloggt. Nachdem vor zwei Jahren ihr erstes Kochbuch „Sophias vegane Welt“ erschienen ist, hat sie jetzt dem traditionellen Kochbuch einen neuen Dreh verliehen. „Vegan Queens: Neue Rezepte und fantastische Küchengeschichten aus Sophias veganer Welt“, im Edel-Verlag erschienen, ist ein Buch, das nicht nur mit außergewöhnlichen Menüs, wie zum Beispiel dem „David Bowie Menü“ oder einem „Game of Thrones Menü“ lockt. Sophia stellt hier außerdem zwölf starke, inspirierende Frauen vor, die genau wie sie in der noch männlich dominierten Gastronomie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Köchinnen, Bäckerinnen und Unternehmerinnen, die gemeinsam mit Sophia zahlreiche kunterbunte, unkonventionelle Rezepte kreiert haben und Küchengeschichten erzählen. Wir haben Sophia getroffen, um mit ihr über ihre Inspiration, ihre Projekte und Leidenschaften zu sprechen.

Vegan Queens ist kein gewöhnliches veganes Kochbuch. Was hat dich dazu inspiriert, dein Buch den „Vegan Queens“ zu widmen?

„Ich wollte nicht einfach ein weiteres Kochbuch machen. Das war mir zu langweilig. Es gibt schon so viele vegane Kochbücher. Frauen sind in der Gastronomie immer noch stark unterrepräsentiert, ganz besonders was die mediale Präsenz angeht. Ich war in den Jahren viel auf Messe- und Veranstaltungsbühnen unterwegs und oft war ich dort die einzige Frau. Gleichzeitig konnte ich beobachten, dass in meinem persönlichen Networking-Umfeld auffällig viele Frauen im Gastro-Bereich gegründet haben. Diese Frauen möchte ich zeigen! Einerseits, weil ihre Erfolgsgeschichten spannend und inspirierend sind, andererseits um Role-Models zu schaffen und mehr Frauen dazu zu ermutigen, Köchin zu werden und irgendwann ihre eigenen Restaurants zu eröffnen.“

Die Frauen in deinem Buch sind sehr unterschiedlich und kannten sich auch teilweise vorher nicht. Was macht sie alle zu Vegan Queens?

„In den Interviews habe ich die Frauen zu ihrem Führungsstil und ihren Gründungsgeschichten befragt – von der Idee bis zur Umsetzung. Außerdem natürlich auch zu Themen wie Zweifel und Ängste. In vielen dieser Punkte gleichen sich die Aussagen sehr. Sie alle sind sehr furchtlos und risikofreudig. Das Motto ‚Wenn man es nicht probiert, dann findet man es nie raus!‘ zieht sich durch all diese Geschichten. Kein Wunder, sonst hätten sie es ja auch alle nicht gemacht! Außerdem sind sie alle sehr reflektiert, was ihren Führungsstil, Hierarchien in ihren Unternehmen und den Umgang mit ihren Mitarbeitern angeht. Die soziale Komponente, eine gute Chefin zu sein, ist ein sehr starkes Thema. Und sie sind oft viel zu bescheiden, obwohl sie Unglaubliches leisten.
Deshalb habe ich sie zu Königinnen gekrönt!“

Im Buch forderst du „Frauen an den Herd” – und zwar außerhalb der privaten Küche. Was glaubst du, warum die Gastronomie bis heute eine Männerdomäne ist?

„Zum einen liegt das sicherlich am ‚harten männlichen‘ Image, das sich über lange Zeit in diesem Bereich manifestiert hat und erst langsam aufgebrochen wird. Wobei ich betonen möchte, dass es auch viele männliche Köche gibt, die hier neue Wege gehen indem sie etwa auf flachere Strukturen setzen. Sexismus ist auch ein riesiges Thema in der Gastronomie. Das hat zur Folge, dass viele Frauen von vornherein abgeschreckt werden eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen. Ich kenne keine gelernte Köchin, die nicht irgendwann Opfer sexueller Belästigung im Job wurde.“

Wie willst du das ändern?

„Ich glaube, man muss die Strukturen aufbrechen und umdenken wie in vielen anderen Bereichen auch, in denen über Feminismus und Gleichberechtigung diskutiert wird. Business-Verhalten nicht einfach von den Männern abschauen, sondern zwei Schritte zurücktreten und gucken, was man anders machen kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass man auch in stressigen Küchensituationen nicht rumbrüllen muss wie ein cholerisches Arschloch und der Laden trotzdem läuft! Besser gesagt, ich weiß es. Vor zwei Jahren kochte ich in Wien mein 7-gängiges Game-Of-Thrones-Dinner für 45 Gäste. Einer meiner zwei Helfer war ein gelernter Koch. Am Ende eines schweißtreibenden Abends mit komplizierter Menüfolge machte er mir das schönste Kompliment: ‚Ich habe noch nie so entspannt für so viele Gäste gekocht!‘“

Also ist das neue Buch dein Beitrag, um zu zeigen, dass es keine Männerdomäne bleiben muss?

„Genau, es gibt genug tolle Frauen da draußen! Und kleine Mädchen sollen von sich selbst sagen:  ‚Ich will mal Köchin werden und ein eigenes Restaurant haben‘. Genauso wie sie vielleicht inzwischen sagen:  ‚Ich will Bundeskanzlerin werden! Oder Papst.‘ Wenn man ‚Gastronomin‘ googelt, zeigt die Suchmaschine an: ‚Meinten sie Gastronom?‘ – Das muss sich ändern.“

Es scheint, als ob das, was diese Frauen machen – Veganismus und gesunde Küche – vor allem im kleinen, persönlichen Stil funktioniert. Funktioniert es denn auch großformatig?

„Klar. Ich glaube viele Leute haben da einen falschen Eindruck, denken – die backt da halt so ein paar Kuchen und stellt einen Topf Suppe auf den Herd.
Eine meiner Queens, Cathy Bernhardt, betreibt in Hamburg das vegane Restaurant HappenPappen. Die Atmosphäre ist gemütlich und wohnzimmer-artig. Aber Cathy ist Chefin von 30 Angestellten und hat jeden Tag von früh bis spät Abends geöffnet. By the way: Sie ist 26. Nina Kränsel, Betreiberin des Let It Be in Berlin, hat gerade ihren zweiten Laden eröffnet. Und Laura Villanueva ist nicht nur Bäckerin bei The Store im Soho House, sondern auch noch Mama von vier Kindern. Diese Mädels leisten unglaubliche Arbeit.

Was man sicherlich sagen kann ist, dass das Thema Veganismus sehr weiblich besetzt ist. Empathie für die Umwelt und die Tiere, Gesundheitsbewusstsein – genau das wird dann gerne belächelt, nach dem Motto: „Wie süß was die Mädchen da machen.‘ Den Spieß habe ich umgedreht. Vielleicht sind diese Frauen einfach ein bisschen klüger…

Auch die Komponente, sofort ein großes Unternehmen aufziehen zu wollen, ist vielen meiner Queens gar nicht so wichtig. Expansion ist gut, aber es geht auch um eine gewisse Nachhaltigkeit, die sie in ihrem eigenen Unternehmen schaffen wollen. Das heißt nicht, dass sie nicht wirtschaftlich arbeiten. Im Gegenteil. Aber auch mir ist es wichtiger etwas zu machen, mit dem ich am Ende des Tages mit gutem Gefühl einschlafen kann als soviel Geld wie möglich zu scheffeln.“

Vielleicht ist das ja auch irgendwie eine weibliche Eigenschaft…

„Und vielleicht ist das der einzige Weg wie wir diese Welt noch retten können. Ganz ehrlich, das glaube ich sehr oft! Denn es kann nicht immer nur um noch mehr Machthunger und Bereicherung gehen.“

Sophia und ihre Vegan Queens | Quelle: Zoe Spawton, Edel Books

Schon jetzt tust du mit dem, was du machst, etwas Gutes. Bei deinen Vegan Queens Dinnern gehen fünf Euro pro Person an die Flüchtlingshilfsorganisation Jugend Rettet. Warum liegt dir dieses Projekt besonders am Herzen?

„Schon seit anderthalb Jahren sammle ich bei jedem Dinner Spenden für Flüchtlingsprojekte. Das tut keinem weh und man hat einen kleinen Beitrag zur Gesamtsituation geleistet.  Zusätzlich habe ich letztes Jahr gemeinsam mit meinen Blogger-Kollegen von der Blogfabrik die Weihnachts-Spendenaktion #helpdonthate ins Leben gerufen, mit der wir uns gegen Fremdenhass und für Geflüchtete engagieren. 2015 kamen so über 20.000 Euro für Hilfsprojekte zusammen! Deshalb machen wir das dieses Jahr wieder. Auf unserer Betterplace Seite könnt ihr spenden, jeder Euro hilft. Ich finde das sollte, wenn man irgendwie unternehmerisch tätig ist, immer eine Grundkomponente sein, dass man versucht, so etwas mit zu generieren und zu spenden.“

Wenn du nicht gerade kochst oder versuchst die Welt zu retten, was machst du dann?

„Dann gehe ich essen oder lasse mich bekochen. Ich bin kulturell interessiert, gehe gerne in Ausstellungen, hab ja auch lange als Musikjournalistin gearbeitet, gehe gerne auf Konzerte. Außerdem gehe ich in die Natur und mache viel Sport – und dann ist eh keine Zeit mehr! Aber wenn man einmal so eine Leidenschaft gefunden hat, wie ich die Kulinarik, dann kann man das nie ganz trennen. Dann gehst du auf Reisen und gehst auf irgendwelche Märkte, hast immer die Augen und die Nase offen.“

Dir wird also so schnell nicht langweilig! Trotz deiner ganzen Projekte wirkst du immer entspannt. Wie machst du das?

„Yoga! Liebe, Sex und Zärtlichkeit.“ (lacht)

Also gibt es wirklich einen Trick?

„Ich bin ja gar nicht immer entspannt, ich versuch’s aber zumindest. Seitdem ich mir zum Beispiel vorgenommen habe, mich nicht mehr über schlechtes Wetter aufzuregen, bin ich viel entspannter. Ist ein ganz einfacher Trick! Es gibt viele Sachen, die mich unglaublich wütend machen und ärgern, aber ich versuche halt immer eine positive Grundstimmung zu haben. Und auch mit einer positiven Grundannahme auf andere Menschen zuzugehen. Natürlich gibt’s trotzdem Arschlöcher, aber die gibt’s immer!“

Entspannt bleiben ist auch in der Küche wichtig. Gerade, wenn man nach Rezept kocht, wird es hier schnell stressig – der heiße Ofen, mehrere Töpfe, schnippeln und dann die Angst, dass etwas anbrennt. Hast du auch einen Tipp, um in der Küche entspannt zu bleiben?

„Ja, nicht so viel nach Rezept kochen! Obwohl ich ja selber Kochbücher schreibe (lacht). Rezepte sind gut, aber man sollte sich nicht daran festklammern. Sie dienen mehr so als Gerüst, um Kochen zu lernen und sich inspirieren zu lassen. Je mehr Erfahrung du hast, desto entspannter wirst du auch beim Kochen. Die Angst muss weg! Ich habe manchmal erwachsene Menschen in meinen Kochkursen, die sich nicht trauen, Gerichte mit Salz abzuschmecken!“

Viele Leute haben ja auch nur ein sehr beschränktes Repertoire an Rezepten. Was ist dein Trick für mehr Abwechslung?

„Das ist das Schöne am Vegan-werden: Man probiert auf einmal tausend neue Sachen aus! Ich glaube, man kommt dann wirklich mit viel mehr Produkten in Kontakt, die man sonst vielleicht nie benutzt hätte. Und das Internet gibt ja schon sehr viel Inspiration! Wenn ich selber gezielt Entwicklung betreiben, dann ist zum Beispiel ein Ansatz, ganz simple Produkte zu nehmen und zu überlegen, was ich damit noch nicht gemacht habe. Kann ich das mal in einer anderen Konsistenz essen oder mit anderen Gewürzen? Ich versuche nicht das Exotischste vom Exotischen zu nehmen, sondern einfach mit dem Vorhandenen zu spielen wie etwa Rotkohl, Blumenkohl oder Erbsen.“

Veganer werden noch immer häufig schräg angeguckt. Wie ist das für dich?

„Es nervt und langweilt mich total, die ganze Zeit darüber reden zu müssen! Eigentlich will ich doch nur geil kochen. Man ist halt so das personifizierte schlechte Gewissen bei vielen Leuten, weil die schon eigentlich wissen, dass die industrielle Tierhaltung ein Riesenproblem für Gesundheits- und Klimaschäden ist. Ich habe auch lange Fleisch gegessen und hatte diese Augen-zu-Mentalität ‚Es schmeckt halt so gut, das lass ich mir doch nicht verbieten‘. Ob man aus Empathie tierische Produkte konsumiert, das muss jeder für sich entscheiden. Aber Klimaschutz geht uns alle an. Wir werden in Zukunft nicht drumrum kommen, ein paar Schnitzel weniger zu essen, wenn wir unseren Kindern eine Zukunft auf diesem Planeten sichern wollen. Und wenn es dann noch so lecker schmeckt wie meine Rezepte, come on …“

2014 Kochbuch, 2015 YouTube, 2016 Kochbuch – Wie geht es für dich 2017 weiter?

„Ich habe großes Interesse, das was ich tue noch stärker medial zu betreiben. Ich denke schon, dass Kochen das Hauptthema bleiben wird auch wenn ich merke, dass ich aufgrund der allgemeinen Weltlage immer politischer werde. Ich finde es enorm wichtig, eine Meinung zu haben und meine Stimme zu erheben. In welchem Rahmen das genau stattfinden wird, weiß ich noch nicht, aber es wird passieren. Und irgendwann mache ich auch mal ein eigenes Lokal auf – aber noch nicht 2017!“

Sophia Hoffmann: „Vegan Queens: Neue Rezepte und fantastische Küchengeschichten aus Sophias veganer Welt“, Edel Verlag, Oktober 2016, 224 Seiten

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