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Wie viel Gehalt ist drin?

Als Gründerin ist Gehalt plötzlich ganz unwichtig, aber ich erinnere mich noch genau an die Frage nach dem Gehalt, als ich angestellt war. Wie viel geht?

 

Gehaltsverhandlung: Die Sorge vor dem Nein

Bei meinem ersten Studentenjob war von Anfang an klar, was es pro Stunde gibt. Zehn Euro. Keinen Spielraum. Zumindest dachte ich das damals. Als ich beim zweiten Werkstudentenjob in das Gespräch ging, war ich selbstbewusster. Ich stellte eine Forderung in den Raum und bekam was ich wollte. So einfach ist es natürlich nicht immer. Als ich dann nach dem Studium ein Volontariat machte, gab es unverrückbare Standardsätze. So weit so gut. Doch dann tauchte zum ersten Mal in meinem Leben die Frage auf: Wie viel darf ich fordern?

Als ich mich bei Gründerszene als Redaktionsleiterin bewarb, war ich komplett unschlüssig, ob ich das, was das Startup suchte, überhaupt liefern könnte. Ich hatte die Ausschreibung schon über diverse Kanäle gesehen und darüber nachgedacht, mich zu bewerben. Aber ich hatte weder langjährige Redaktionserfahrung für einOnlinemedium noch Führungserfahrung gesammelt. Erst als mich meine spätere Arbeitskollegin Corinna, die ich noch aus meiner Unizeit kannte, direkt darauf ansprach, ob ich mich nicht bewerben wolle, schrieb ich die Bewerbung. Mich trieb die klassische Angst um, nicht qualifiziert genug zu sein.

Wie viel Geld brauche ich?

Ich sprach nach der schriftlichen Bewerbung drei Mal mit dem Geschäftsführer Mark und dem Chefredakteur Joel. Ich lernte bei einem Mittagessen sogar das gesamte, damals noch recht kleine Team kennen. Und ich verliebte mich immer mehr in die Idee Gründerszene mit aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Vor den Gesprächen stellte ich mir drei konkrete Fragen:

– Wie viel Geld brauche ich um zu leben und auch glücklich zu sein?

– Was ist üblich in der Startup-Szene und für meine Erfahrung und die Position?

– Was bietet mir die Position darüber hinaus und was ist mir wichtiger? Ein fester Junior-Job in einem großen Unternehmen oder ein Startup-Job in dem ich Führungskompetenzen lerne?

Alle diese Fragen stellte ich mir vorab. Ich sprach mit Bekannten aus der Branche, recherchierte und hörte in mich hinein. In meinem Kopf zog ich eine imaginäre Grenze nach unten und ich bereitete mich darauf vor, dass ich höher einsteigen müsste, wenn ich am Ende vielleicht über meinem Minimum landen wollte. Das was ich dann verhandelte, war definitiv ein Kompromiss. Ich stieg mit dem Minimum ein, aber hatte feste Gehaltsschritte vertraglich fixiert, einen Handyvertrag und eine Monatskarte obendrauf und zudem ein mehrmonatiges Führungskräftecoaching verhandelt. Ein gutes Paket. Und für mich eine zentrale Entscheidung für alles, was danach in meinem Leben folgte.

Frauen verhandeln seltener

Fortan saß ich meistens auf der anderen Seite bei Vorstellungsgesprächen. Und mir begegneten nur zu oft die klassischen Stereotype, die man sich so erzählt. Männer und Frauen unterschieden sich in ihren Verhandlungsansätzen enorm, in etwa 90 Prozent der Fälle. Zumindest in meinen ganz subjektiven Erfahrungen. Diese Erfahrung zieht sich nicht nur durch die Selbsteinschätzung von Qualifikationen, die Reflexion des bisher Erreichten und die eigene Vision, sondern wurde besonders exemplarisch in der Frage nach dem Gehalt.

Bei Gründerszene hatten wir natürlich nur einen gewissen finanziellen Spielraum für Gehälter, aber es gab keine Standardgehälter. So ist es auch bei EDITION F. Und so wird es in den meisten Startups der Fall sein. Geht man als Arbeitgeber in das Gespräch, wird man sich ein gewisses Budget gesetzt haben. Drei Standardantworten auf die Frage nach dem Gehaltswunsch folgten von Frauen in Bewerbungsgesprächen:

Die Nennung einer Gehaltsspanne: „Ich würde gern zwischen 30.000 und 40.000 Euro verdienen.”

Machen wir uns nichts vor. Klar reden Mitarbeiter trotz jeglichen Verbots untereinander über ihre Gehälter, aber am Ende denkt man als junger Unternehmer neben dem Wohl des Mitarbeiters, auch immer an das eigene Geschäft und die Liquidität und in großen Unternehmen ist das nicht anders. So wird die Entscheidung kaum auf die oberere Grenze fallen.

Die Rückfrage: „Was könnt ihr denn zahlen?”

Immer wieder tauchte in Gesprächen die Rückfrage auf, was man als junges Unternehmen denn zahlen könne. Eine gute Grundüberlegung, allerdings eher eine die im zweiten Schritt relevant werden könnte. Ein Unternehmen kann oft kaum einschätzen was der Mitarbeiter wirklich braucht. Mitarbeitersituationen sind sehr individuell, und an sehr unterschiedliche Bedürfnisse geknüpft. So kann dem einen ein Optionenpaket, dem nächsten ein festes Fixgehalt, dem wieder nächsten eine große Variable am wichtigsten sein. Darüber offen zu sprechen ist gut. Gar keine Idee zu haben, was einem wichtig ist allerdings nicht.

Die komplette Verzweiflung: „Da muss ich mich erst informieren, was branchenüblich ist. Und mit einigen Personen sprechen.“

Die denkbar schlechteste Antwort – finde ich zumindest. Denn tatsächlich sollte dies eine Leistung sein, die der potentielle Mitarbeiter schon vor dem Gespräch erbringt. Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit dem Unternehmen und der Position, gehört auch die Gehaltsüberlgung zu der Vorbereitung.

Was hält Frauen zurück?

Ich wünschte ich könnte etwas anderes aufschreiben. Aber all diese Antworten haben mir in über 50 Vorstellungsgesprächen ausschließlich Frauen gegeben. Teilweise Frauen, die mich inhaltlich komplett überzeugt hatten. Männliche Bewerber, auch extrem enttäuschende, wussten hingegen immer sehr genau, was sie wollten. Und überschätzten sich teilweise extrem.

Was hält Frauen zurück? Diese Frage stellte ich mir in den vergangenen Jahren immer wieder und die Antwort gaben mir nicht nur viele meiner Freundinnen, sondern auch ich selbst mit Blick auf meine eigenen Gehaltsverhandlungen. Nicht nur ist es häufig die Angst mit den Vorstellungen so weit über der Idee zu liegen, dass man zu hoch pockert und raus ist, sondern viele Frauen haben zusätzlich ein extremes Bedürfnis nach Harmonie und Konsens. Beide Sorgen sind unbegründet.

Was will ich wirklich?

Sollte der Gesprächspartner, also der Personaler, künftige Chef oder Geschäftsführer des Wunscharbeitgebers den Kandidaten genial finden, wird er diesem ein Gegenangebot machen, zumindest dann, wenn die Idee des Bewerbers nicht komplett anders ist als das Budget. Jeder Personaler weiß, dass es beinahe normal ist, Bewerber um 20 Prozent nach unten zu verhandeln.

Zu dem Wunsch nach Harmonie bleibt nur zu sagen: Wir verhandeln selten mit unserem eigenen Unternehmen, aber immer wieder werden wir mit Dienstleistern, Kunden oder Externen sprechen, wenn wir für ein Unternehmen arbeiten. In all diesen Situationen werden wir Unternehmensinteressen vertreten müssen. Dies ist nur ein Grund, dass wir einmal ganz explizit in Verhandlung mit unserem künftigen Arbeitgeber treten sollten. Er wird merken, das der Bewerber verhandeln kann und eine Idee hat davon, wieviel er wert ist.

Zum Ende bleibt sich eine genaue Antwort auf die Frage zu geben, was man verdienen will. Heute verdiene ich selbst zum Beispiel weniger als zum Ende meines Studiums und in allen Jobs danach. Aber ich arbeite an meiner Vision und habe natürlich auch das Potential, irgendwann sehr viel mehr zurück zu bekommen.

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