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Wahlen 2017: Warum wir jungen Wähler jetzt so wichtig sind

Wir machen vermeintlich ungebildete und wütende Menschen für das Erstarken der Populisten verantwortlich. Aber was, wenn die Gefahr daher rührt, dass junge Menschen keine Verantwortung übernehmen wollen?

 

Wir Jungen müssen Verantwortung übernehmen 

Im allgemeinen Medienkonsens der letzten Monate wurde klar formuliert, wer für das Aufkommen der AfD und Trump verantwortlich ist: die Bevölkerungsgruppen, die sich die letzten Jahre von der Politik vernachlässigt fühlten. Das ist einfach zu erklären und spiegelt sich auch in Umfragen wider. 

Dennoch machen wir es uns mit dieser Erklärung ein bisschen zu einfach. Sieht man sich zum Beispiel die demographischen Wahlskalen des Brexits an, kann man erkennen, welche Altersgruppen für den Verbleib in der EU gestimmt haben. Es waren mehr als 60 Prozent in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren, während die über 65-jährigen zu lediglich 33 Prozent für „Remain“ gestimmt haben. 

Woran lag es also, dass die Briten nun dennoch aus der EU austreten werden? Wesentlich daran, dass der Anteil der 18 bis 24-jährigen Wähler viel zu niedrig war, um das Ergebnis maßgebend zu beeinflussen. Nur 36 Prozent dieser Altersgruppe sind überhaupt zur Abstimmung gegangen. Nicht einmal die Hälfte hat sich also die Mühe gemacht, ein Kreuz zu setzen. 

Unsere Stimmen zählen

Hier stellt sich die Frage, warum die restlichen 64 Prozent nicht zur Wahl gegangen sind? Viele von ihnen beschwerten sich anschließend über das Ergebnis. Sie hätten nicht gedacht, dass die Europagegner wirklich gewinnen würden (siehe die Twitterkampagne #NotInMyName anschließend). Hatten wir nicht das Gefühl, dass unsere neue Generation längst die Wichtigkeit des Stimmrechts erkannt hat? Leider wurden wir hier eines Besseren belehrt. 

Gehen wir einen Schritt weiter: Der Brexit ist mittlerweile längst beschlossen und Trump tobt sich in seiner neuen Machtposition aus. Spätestens jetzt, dachte ich, werden meine Altersgenossen realisieren, was passieren kann, wenn man nicht wählen geht. Das war meine einzige Hoffnung für die Bundestagswahl 2017 in Deutschland – bis ich mich mit meiner holländischen Kollegin unterhielt. 

Sie ist eine Frau mit vielen Interessen und einer sehr aufgeschlossenen Art. Wenn sie sich in einem Thema mal nicht auskennt, recherchiert sie sofort die wichtigsten Fakten und kennt sich somit in vielen, verschiedenen Interessensgebieten aus. Bei politischen Diskussionen im Büro hält sie sich jedoch immer zurück. Wenn sie zum politischen Weltgeschehen keine Meinung hat ist ja auch kein Verbrechen. Dass sie demokratisch ist habe ich aufgrund ihrer offenen Art aber nie hinterfragt. Doch als wir neulich auf die niederländischen Wahlen nächste Woche zu sprechen kamen, musste ich etwas erschreckendes feststellen. 

Warum ist uns unser Wahlrecht so egal?

Sie erzählte mir, dass ihr Freund sie gebeten habe über die Briefwahl an den Wahlen in Holland im März teilzunehmen. Da sie nun aber seit einigen Jahren in Deutschland lebe, kümmere sie nicht so sehr darum, wie die Parlamentswahlen in ihrem Heimatland ausgehen würden, so ihre Worte. Bei diesem Satz klappte mir die Kinnlade herunter. War es ihr wirklich egal, dass die Populisten, angeführt von Geert Wilders, laut Umfragen wieder erstarken könnten? Meien Antwort darauf war, dass sie ihr Wahlrecht wenigstens dafür in Anspruch nehmen könnte, um für Europa zu wählen. Es wäre so einfach, wenn sie doch nur für eine liberal-demokratische Partei in Holland wählen würde. Über mehr politische Fragen müsste sie nicht einmal nachdenken. Hauptsache sie würde ihre Stimme gegen Populisten einsetzen. Doch es kam noch drastischer. Sie habe nicht das Gefühl, etwas mit ihrer Stimme bewirken zu können und außerdem würde das Zeitgeschehen so oder so seinen Lauf nehmen und die Ungerechtigkeit würde weiterhin herrschen. Ihrer Meinung nach also: Warum wählen? 

Diese Politikverdrossenheit ist nichts neues, muss ich feststellen. Doch sind die Geschehnisse in Großbritannien und den USA nicht der Beweis dafür, dass das Volk in der Demokratie großen Einfluss auf das politische Geschehen hat? Wie sonst hätten diese populistischen Kräfte so stark werden können? Sie wurden ja demokratisch gewählt. Wieso diese Vorfälle also nicht als Motivation verstehen und endlich erkennen, dass das Stimmrecht ein einflussreiches Werkzeug in der Demokratie ist?

Also fragte ich sie, ob sie zufrieden sei mit der Umgebung, in der sie zur Zeit lebe? Und sie bejahte. Damit sei die Frage, warum wählen gehen, schon beantwortet, sagte ich. Sie müsse mindestens dafür wählen gehen, dass alles so bleibe wie es ist. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass sie darüber noch nicht nachgedacht hatte. 

Hinterher können wir niemand anderen verantwortlich machen

Und da fiel mir auf, was das Problem meiner Generation hier im westlichen Europa ist. Wir glauben, die Welt, in der wir leben, ist aus Selbstverständlichkeit friedlich und wohlhabend. Wir haben das große Glück bisher keinen Krieg selbst miterlebt zu haben und einen Studienplatz oder ein schönes Zuhause wurden uns ja schon fast in die Wiege gelegt. Deshalb hat die Mehrheit das Gefühl, sie hätten einen Anspruch auf ihr momentanes Glück. Dieser Luxus ist für uns selbstverständlich.

Nach dem Gespräch mit meiner Freundin habe ich beschlossen, wofür ich bis zur Bundestagswahl in diesem Jahr kämpfen werde. Ich werde dafür kämpfen, jedem in meinem Umfeld klar zu machen, wodurch unser Luxus begründet ist und dass eine Zeit gekommen ist, in der wir dafür kämpfen müssen. Sonst ist bald nichts mehr so selbstverständlich, wie es sich bisher angefühlt hat. Und dann ist es zu spät, sich zu beschweren. 

Nachträgliche Anmerkung 

Meine Freundin hat glücklicherweise an den niederländischen Wählen teilgenommen und wie wir wissen, hat Geert Wilders verloren! Jetzt ist es an uns ihrem Beispiel zu folgen und unser Wahlrecht für unsere Zukunft in Anspruch zu nehmen! Geht wählen! 

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