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Warum Yoga auch schaden kann

Yoga ist sowohl körperlich als auch mental von unschätzbarem Wert. Weil es ein komplexes System ist, kann es aber auch schaden. Die Yoga-Lehrerin Andrea Zach erklärt, wie es dazu kommt.

 

Wie gefährlich kann Yoga sein?

Unter dem Titel: „How Yoga can wreck your body“ veröffentlichte die New York Times 2012 einen Artikel, der auf das Verletzungsrisiko von Yoga aufmerksam machte – der Artikel schlug hohe Wellen, denn die Beobachtung des dort vorgestellten Promi-Yogalehrers: Nicht nur Yoga Studenten, sondern auch Lehrer verletzten sich in Scharen. Sein Fazit: Eigentlich sei Yoga für die meisten Menschen nicht das Richtige, sie bräuchten eher eine therapeutische Methode.

Der Artikel löste eine breite Debatte zum Yoga-Hype aus, die aus meiner Sicht längst überfällig war. Allerdings teile ich das Fazit des dort zitierten Lehrers nicht!

Statt zu sagen, Yoga sei für die meisten Menschen gar nicht geeignet, bin ich davon überzeugt, dass die Qualität von Yoga-Unterricht und damit das Risiko, sich zu verletzen, mit der Ausbildung und Qualifikation des Lehrer oder der Lehrerin steht und fällt.

Nicht Yoga ist das Problem, sondern die Art, wie es von manchen Kollegen und Kolleginnen unterrichtet wird. Mit gutem Unterricht hilft Yoga in jeder Hinsicht: Körper und Geist!

Hoch, höher, Handstand 

Seitdem ich Yogalehrerin bin beobachte ich zunehmend, dass Menschen zu mir kommen, die Yoga-Haltungen auf riskante Art eingeübt haben. Viele davon berichten mir, sie praktizierten seit vielen Jahren Yoga. Manche haben (noch) keine Beschwerden, andere haben bereits Schmerzen.

Das Beunruhigende für mich ist jedoch: Die allermeisten wissen nicht, wann und dass sie eine Art Fehlhaltung einnehmen. Sie können es auch gar nicht wissen, denn jemand anderes hat offenbar seine Aufgabe nicht erledigt: Die meisten berichten mir, sie wurden bislang nie oder nur selten korrigiert.

Vielen wurde noch nie erklärt, wie eine bestimmte Haltung genau eingenommen wird. Oft sind sie über meine Korrekturen sogar irritiert, auch weil diese häufig einen Schritt in der Schwierigkeitsstufe zurück gehen.

Wie Schmerzen entstehen

Die eindrücklichste Erfahrung in diesem Bereich hatte ich im Privatleben. Sie gab mir auch den Anstoß, diesen Text zu schreiben. Von einem Bekannten, der seit Jahren Yoga praktiziert, wurde ich während einer Party gebeten, ihm zu zeigen, was er machen könne, um seinen Handstand zu optimieren. Dabei erfuhr ich, dass seine Handgelenke stark schmerzen. Zunächst zeigte er mir, wie er im Laufe einer Yoga-Abfolge in den Handstand springt. Mir blieb der Atem kurz weg: seine Hände hatten (aus Yoga-Sicht) eine deutlich unpassende Haltung eingenommen. Hinzu kam nun die Last und Wucht des Sprungs – diese mussten die Hände und Handgelenke tragen. Das Verletzungsrisiko war so bei regelmäßiger Ausführung, selbst wenn keine Vorschädigung bestünde, auf Dauer sehr hoch.

Hierzu müsst ihr wissen, dass es zu den Yoga-Grundlagen gehört, genau zu lernen, wie unsere Hände (und Füße) ausgerichtet werden. Meine Schülerinnen und Schüler lernen wo Kraft und wo eher Entspannung erforderlich ist. Vor allem erklären wir Lehrer/innen, welche Stellen der Hände Last tragen und wie man Handgelenke entlastet. Das alles wird zunächst mit wenig Belastung geübt. Es steigert sich dann, zum Beispiel über den nach unten schauenden Hund (adho mukha svanasana) und, wenn alles gut gelingt, bis zum Handstand. Falls ich bei einem Schüler sehe, dass Hände und Arme in einer bestimmten Haltung noch nicht genau arbeiten, kann ich nicht loslegen, und mit ihm einen Handstand üben.

Warum Unterricht so wichtig ist

Zurück zu meinem Bekannten. Ich wollte ihm nun erklären, wie er seine Hände richtig halten könnte, um in Zukunft seine Handgelenke zu schonen. Dabei hatte ich den Eindruck, das hatte er so detailliert noch nie gehört. Er ist ehemaliger Turner und macht seit Jahren ein sehr sportliches Yoga.

Die korrekte Hand- und Armhaltung schlug ich ihm vor, solle er zunächst im nach unten schauenden Hund einüben. Diese Haltung ist sehr populär. Sie ist zwar anspruchsvoller, als sie oft vermittelt wird, aber gut geeignet, um Hand- und Armausrichtung sowie Kraft zu üben. Das schien ihm schwer zu fallen, er wirkte irritiert. Ich hatte den Eindruck, er fühlte sich unwohl dabei, einen Schritt zurück zu gehen. Er brach dann diese kleine Einheit ab.

Mich beschäftigte das Thema weiter, denn mein Bekannter betonte, er höre ganz mit Yoga auf, das sei einfach nichts für seinen Körper. Mich wunderte diese Erkenntnis – aus seiner Perspektive – nicht. Hätte ich seine Schmerzen und mir fehlte die Erfahrung, wie hilfreich Yoga sein kann, ich hätte vermutlich auch dieses Fazit gezogen. 

Was sollte ich davon halten, dass ihm wohl niemand gezeigt hatte, wie passende Handhaltungen im Yoga funktionieren? Hätte er den Handstand erst nach(!) der richtigen Hand- und Armhaltung gelernt, hätte er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine Schmerzen und Probleme entwickelt. Oder er hätte den Handstand vielleicht weiter in die Zukunft verlegt, weil sein Ehrgeiz auf hilfreiche Art zur passenden Handhaltung, anstatt zum hohen Schwierigkeitsgrad, gewechselt wäre?

Tja, was sagt uns dieses Beispiel?

Natürlich könnten wir resümieren, das läge doch alles am falschen Ehrgeiz meines Bekannten. Mir reicht das nicht. Selbst mit extremem Ehrgeiz hätte er wohl seine Hände hilfreich eingesetzt, wenn er es jemals so gelernt hätte. Hier haben wir Yogalehrer/innen eine (Mit-)Verantwortung.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, die Yoga-Haltung „der Held“ (oder Krieger, Virabhadrasana 2). Das ist eine Yogastellung, die auch viele Nicht-Yogis kennen dürften. Sie benötigt, wie übrigens alle Yoga-Asanas, eine gute, kräftige Fuß Haltung und eine genaue Fuß Ausrichtung. Ist diese nicht vorhanden, kann wiederum die passende Unterschenkelhaltung nur schwer gelingen. Schon dadurch könnten Risiken für Knieprobleme geschaffen oder verstärkt werden. Gelingen jedoch Fuß-, Bein- und Hüftgelenksausrichtung gut, so können mit dieser Übung sogar chronische Kniebeschwerden, je nach Ursache, dauerhaft gelindert werden.

Selbstbeobachtung braucht Unterstützung

Die Krux dabei ist: Wir Menschen sind in der Regel nicht geübt darin, uns selbst so genau zu beobachten, wie Yoga es anstrebt. Möglicherweise bemerken wir noch selbst, wenn eine Bewegung nicht funktioniert oder wenn Schmerzen entstehen, wir wissen jedoch meist nicht, was, wie und wo das Problem genau entstanden ist und wie wir es verändern können.  Die dafür nötige hohe Genauigkeit ist überaus anspruchsvoll und mit ein Grund, warum auch Yoga Lehrer/innen selbst Lehrende haben, die sie korrigieren.

Riskant wird es, wenn wir glauben, das Ziel einer Übung sei die Bewegung an einer Stelle, die eigentlich nicht der korrekte Bewegungsort der Übung ist. Die Übung sieht dann auf den ersten Blick für Laien und für unser Gehirn völlig korrekt aus. Nur eine Lehrperson sieht unter Umständen, dass die falsche Stelle, zum Beispiel das Knie, belastet ist.

Weil eine bestimmte Körperregion gewohnt ist, aktiv zu werden, hingegen eine neues Bewegungsmuster viel schwieriger einzuüben ist, will unser Gehirn unseren Körper nämlich lieber auf bekannte Pfade locken. Auch das bemerken wir meist nicht selbst. Aus Yoga-Sicht ist das übrigens erstmal völlig okay, weil normal. Es hilft jedoch zu wissen, dass wir diesem Phänomen beim Üben begegnen.

Die Aufgaben eines Yoga-Lehrers

Jetzt ist eine gute Lehrperson gefragt: Er oder sie kann nicht nur erkennen was los ist, er kann auch die hilfreiche neue Bewegungsrichtung aufzeigen. Meistens muss er/sie das vor allem manuell tun. Nur dann können wir bemerken, wie deutlich anders (und meistens noch unbekannt) sich die passend ausgeführte Position anfühlt. 

Erhalten wir keinerlei Korrektur und kombinieren das Ganze mit ordentlich Intensität und Ehrgeiz, ist es nur eine Frage der Zeit, wann Probleme oder Schmerzen eintreten. Bei jungen Menschen kann das unter Umständen übrigens Jahre dauern.

Macht selbst den Test!

Schaut Euch einfach mal ein beliebiges Yoga-Video an, lest ein Yoga-Buch oder geht auf eine Yoga-Massenveranstaltung. Wird euch dort erklärt, wie genau ihr Eure Füße ausrichten und wo ihr Kraft ausüben sollt? Wird erklärt wie der Oberschenkel zum Unterschenkel stehen soll? 

Wird weiter beispielsweise einfach von: „Beine strecken“ gesprochen oder wird erklärt, was Ferse, Fuß, Unterschenkel und Oberschenkel dabei genau tun?

Wenn ja, Gratulation!

Wenn nein, habt Ihr einen häufigen Grund gefunden, warum es im Yoga zu Verletzungen kommen kann: Es wird schlicht und einfach nicht genau und fachgerecht erklärt, beobachtet und korrigiert. Eine Aufgabe des Lehrers/ der Lehrerin. Hat diese/r eine gute Ausbildung und entsprechende Erfahrung, so ist er/ sie auch in der Lage dazu. Ihr könnt Euch vermutlich vorstellen, dass schon das dafür notwendige anatomische Wissen weder in einer Drei-Wochen, noch mit einer Drei-Monats-Ausbildung und auch nicht in einem „längeren Indienaufenthalt“ erworben werden kann.

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