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Mein kläglicher Versuch, in einer Männerdomäne Fuß zu fassen

Mädchen und Frauen sollten sich mehr für technische Berufe begeistern, ist ein weit verbreitetes Credo. Unsere Autorin wollte Industriemechanikerin werden. An ihren Interessen und Fähigkeiten scheiterte das nicht.

 

Was Frauen in MINT-Berufen erleben

Als Frau in einen männerdominierten Beruf einzusteigen – das wird Mädchen heute mehr denn je ans Herz gelegt. Große Unternehmen aus der Industrie veranstalten schon seit 2001 wiederkehrend den „Girls‘ Day“: eine Art Tag der offenen Tür, an dem sich Mädchen für seither eher männlich dominierte Berufe in Technik und Handwerk begeistern sollen.

Doch so offen, wie sich die Unternehmen nach außen hin geben, sind die Mitarbeiter_innen noch lange nicht. Als 16-Jährige habe ich eine Ausbildung als Industriemechanikerin begonnen. Auf welche massiven Widerstände ich gestoßen bin und warum ich mir heute nicht mehr vorstellen kann, in meinem erlernten Beruf zu arbeiten.

Berufsorientierung in Gendergrenzen

Während meines Praktikums in einer Autowerkstatt keimte in mir der Wunsch auf, eine handwerkliche Ausbildung zu machen. Nach meinem Realschulabschluss hatte ich erstmal keine Lust, weiter Schule zu machen und wollte mich auf dem Arbeitsmarkt ausprobieren. Schon an meinem ersten Arbeitstag im Praktikum versuchte ein Kollege mir die Idee der technischen Ausbildung auszureden, „da das nun mal einfach nichts für Mädchen ist“. Ich ließ mich dennoch nicht beirren und setzte mich gegen den Widerstand meiner Kollegen durch. Mein Chef war am Ende des Praktikums zufrieden mit meinen Leistungen. Von meinen Kollegen wurde ich sogar mit einem Kasten Bier verabschiedet, worauf ich damals sehr stolz war. Zu meiner Enttäuschung sprach mein ehemaliger Chef sich offenbar dennoch hinter meinem Rücken dafür aus, keine weitere Frau bei sich in der Werkstatt einzustellen, wie ich später erfuhr. Frauen würden die Männer schließlich nur vom Arbeiten ablenken, wie es hieß.

„Das ist nun mal einfach nichts für Mädchen.“

Die anschließende Suche nach einem Ausbildungsplatz im Handwerksbereich gestaltete sich nicht ganz einfach. Viele Werkstätten waren einfach nicht auf weibliches Personal eingestellt. Sehr oft habe ich als Absagegrund die fadenscheinige Ausrede gehört, dass die entsprechenden sanitären Einrichtungen fehlten. Doch auch wenn es mir kaum jemand ins Gesicht sagte: Viele Personalchef_innen, insbesondere von kleineren Firmen, konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mädchen tatsächlich einen handwerklichen Beruf erlernen wollte. Das lag zum Teil völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft, wie ich an vielen irritierten Blicken ablesen konnte, als ich übereifrig meine Bewerbungsunterlagen in den Betrieben persönlich abgab.  

„Tittenkalender“ überlebten sogar das Verbot der Frauenbeauftragten

Schließlich gelang es mir doch, einen Ausbildungsplatz finden, sodass ich 2007 meine Lehrstelle zur Industriemechanikerin bei einem großen Energieversorgungsunternehmen im öffentlichen Dienst antrat. Die ausschließlich männlichen Ausbildungskollegen meines Jahrgangs konnten sich mit der „ungewöhnlichen Situation“, dass ein Mädchen eine Ausbildung als Industriemechanikerin begann, schneller anfreunden, als von mir anfangs erwartet. Als das größte Problem stellten sich später eher die alteingesessenen Mitarbeiter heraus, die es sich in ihrem Sexismus gemütlich gemacht hatten. Dass nun plötzlich eine Frau in ihrer Mitte alles durcheinanderbringen wollte, passte ihnen natürlich so gar nicht.

Das fing schon mit den allgegenwärtigen Nacktkalendern an, die in so gut wie jeder Werkstatt zu finden waren. Als typisches Abziehbild eines jeden Klischees gehört so ein „Tittenkalender“ wohl in jede nur von Männern besetzte Werkstatt. Allerdings waren bei diesen Kalendern aus den Sexshops nicht nur die Brüste zu sehen, sondern gleich die „die offene Wunde“, wie man das bei uns in der Werkstatt verschmitzt zu nennen pflegte. Überhaupt schien das das unausgesprochene Motto zu sein: Bis zur Schmerzgrenze immer noch einen drauf zu setzen. Ob es nun um die Nacktkalender, oder um einen sexistischen oder gewaltverherrlichenden Witz ging.

„Die Sehnsucht dazuzugehören, war bei mir immer sehr viel größer, als mich gegen diese männliche Machtdemonstration aufzulehnen.“

Mich haben diese Kalender damals gar nicht großartig gestört. Zu wenig Gedanken habe ich mir als 16- oder 17-Jährige darüber gemacht. Und natürlich war auch klar, dass ich kaum etwas dagegen unternehmen konnte, wenn ich nicht als „Spielverderberin“ gelten wollte. Schließlich wäre ich dann aus der sozialen Gruppe verstoßen worden. Dabei wäre es mir ein Leichtes gewesen, diese Kalender entfernen zu lassen, waren sie doch von unserer Frauenbeauftragten offiziell verboten worden. Doch die Sehnsucht dazuzugehören, war bei mir immer sehr viel größer, als mich gegen diese männliche Machtdemonstration aufzulehnen.

Sexuelle Bemerkungen gehörten zum Arbeitsalltag

Sozusagen als „Vertrauensbeweis“ ließen mich meine Kollegen an ihren unflätigen Ausdrücken teilhaben. Da ich nun dazu gehörte, konnte ich mir alle ihre Sexgeschichten und Meinungen über Frauen anhören. Oft fiel hier auch die Bezeichnung der Frauen im Allgemeinen als „Schlitzpisser“. Dabei versicherte man mir immer wieder, dass ich damit natürlich nichts zu tun habe und nicht gemeint sei. Ich war in ihren Augen mehr Mann als Frau. Und konnte auch gar keine richtige Frau sein, da ich mich nun mal für diesen Beruf entschieden hatte. Ich war eben eine Ausnahme, die von allen unflätigen Witzen und Sexismen ausgenommen war.

Immer wieder kam es vor, dass mir von Arbeitskollegen, die mir nicht mal besonders nah standen, Pornos auf dem Handy unter die Nase gehalten wurden. Ziel war es wohl, eine Reaktion provozieren, an der man sich dann anschließend aufgeilen konnte. Doch egal was man mir zeigte, oder wie schockierend es auch war: Ich verzog keine Miene.

Ich versuchte gar nicht erst, meine Arbeitskollegen auf ihr problematisches Verhalten anzusprechen. Stattdessen übte ich mich darin, eine noch größere Klappe als sie zu haben. Und tat wohl nichts weiter, als denselben Sexismus wie sie zu betreiben. Nach einigen Monaten betitelten meine Arbeitskollegen mich gönnerhaft mit meinem Nachnamen und bescheinigten mir „ein echter Mann“ zu sein. In ihren Augen ein großes Kompliment. Im Nachhinein betrachtet wohl eher eine Überlebensstrategie durch Anpassung meinerseits.

Wie oft stand ich bei sexistischen Bemerkungen lachend daneben? Freute mich vielleicht sogar insgeheim über das „Kompliment“, anders zu sein als andere Frauen? Meine Arbeitskollegen zu kritisieren, kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Das hätte ich mich auch nicht getraut. Dazuzugehören, ein Geheimnis mit meinen männlichen Kollegen teilen zu können: Das war es, was zählte.

Die Skeptiker verstummten nie

Doch obwohl mir von vielen die privilegierte Männlichkeit bescheinigt wurde, stieß ich auf mindestens genauso viele Skeptiker_innen. Leute, die meinten, eine Frau sei für so einen handwerklichen Beruf nun einmal nicht geschaffen. Denen ich immer erst beweisen musste, dass auch Frauen Industriemechanikerinnen sein können. Bei jedem meiner handwerklichen Fehler wurde sofort vermutet: „Na klar, kann ja auch nicht anders sein. Sie ist als Frau für sowas nun mal nicht bestimmt.“

Beispielsweise war ich in der Präzisionsarbeit tatsächlich nicht die Beste. Auch in der Schule reichte es im Schnitt nur für ein „Befriedigend“. Ich war zwar unterm Strich keine Einserschülerin, aber eben auch nicht die Schlechteste meines Jahrgangs. Doch durch die bloße Tatsache, dass ich als Frau diesen Beruf ausübte, hätte ich nach der Meinung vieler Leute besser sein müssen (als ein Mann). Schließlich nahm ich einem Mann, der später vielleicht eine Familie ernähren musste, den Ausbildungsplatz weg, wie mir einer meiner Kollegen mal unter die Nase rieb. Ich musste mir immer wieder anhören, dass ich nur aufgrund einer Frauenquote überhaupt für den Ausbildungsplatz in Betracht gezogen worden sei.

Warum ich heute nicht mehr in meinem erlernten Beruf arbeiten würde

„Jeder Mann, der schlechter in seinem Job war als ich, hatte es dennoch leichter, Anerkennung unter seinen Arbeitskollegen zu finden.“

Wenn ich auch heute, im beruflichen Umfeld der Medien und Verlage, immer mal wieder auf latenten Sexismus stoße: So bösartiger Sexismus, wie ich ihn während meiner Zeit als Industriemechanikerin erlebt habe, ist mir danach nie wieder begegnet. Oft schien es mir, als müsste ich mich für meine bloße Existenz rechtfertigen. Mein damaliges Credo: „Wenn man sich nur Mühe gibt und sich durchbeißt, kann man auf jedem noch so unbekannten Terrain bestehen“, überstand diese Ausbildungszeit auf jeden Fall nicht. Jeder Mann, der schlechter in seinem Job war als ich, hatte es dennoch leichter, Anerkennung unter seinen Arbeitskollegen zu finden.

Gleichzeitig bin ich froh, dass ich mir über die Gegenwehr, die mir entgegenschlug, vor rund zehn Jahren noch nicht so viele Gedanken gemacht habe. Hätte ich damals schon einen ähnlichen geistigen Horizont wie heute gehabt, hätte ich die Ausbildung wohl nach kurzer Zeit abgebrochen.

2012, nach meiner Lehrzeit und einjähriger Anstellung als Facharbeiterin, verließ ich meinen Ausbildungsbetrieb. Ich wollte mich doch noch einmal der Schule und dem Studium zuwenden. Doch viel mehr als das war ich den ständigen Kampf um Anerkennung und die sexistischen Bemerkungen leid. Sodass ich den Beruf der Industriemechanikerin für mich aufgab.

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