Foto: Christiane Pschierer

Frauen vor dem Leben als Mutter warnen? Das ist der falsche Weg!

Wieso sollte man rechtzeitig darüber aufgeklärt werden, welche Erwartungen man an ein Leben mit Kindern besser gar nicht haben sollte? Muttersein hat wenig mit Glitzer und Glamour zu tun.

 

Liebe werdende Mütter: Vertraut auf euer Bauchgefühl

In letzter Zeit häufen sich die Artikel, Blogposts und Kommentare zu den Themen Elternsein und Leben mit Kind(ern), die sich der ungeschönten Wahrheit verschrieben haben. Auch wenn ich bei einigen Artikeln in vielen Punkten zustimmen konnte und mich auch daran erinnere, wie sehr ich mich in meiner Elternzeit nach anderer Auslastung sehnte, hat sich bei mir auch Traurigkeit breitgemacht.

Es ist zwar wirklich schön, dass Mütter – genau wie Väter, die in vielen Artikeln übrigens oft leider weniger als Väter denn als in die Arbeit flüchtendes Elternteil beschrieben werden – sich auch offen über alle schwierigen Momente und Zweifel austauschen können; aber ich habe das Gefühl, dass hier etwas losgebrochen ist, das in eine falsche Richtung geht.

Wenn aus Trost Sorge wird

Ursprünglich sollte der Vorstoß, offen zu sagen, dass Elternsein verflixt schwer ist, Trost spenden. Er sollte Unterstützung sein für alle, die vielleicht an ihren Fähigkeiten oder gar an ihrer Berufung, Mutter oder Vater zu sein, zweifeln, weil es Tage und Wochen gibt, an denen jeder Schritt in die falsche Richtung zu führen scheint oder es schmerzt, dass vieles auf der Strecke bleibt, was einem auch wichtig wäre.

Ja, allen Eltern geht es so. Alle Eltern kennen diese Gedanken. Der Vorstoß war auch notwendig, um all den Müttern und Vätern, die das erste Lebensjahr zu Hause mit Kind verbringen, zu sagen, es ist in Ordnung, wenn du feststellst, dass du doch nicht rund um die Uhr Mama oder Papa sein kannst, sondern dich nach einem Ausgleich in Form von Arbeit fernab des Zuhauses, nach Sport oder anderen Dingen sehnst. Bedürfnisse sind unterschiedlich, bei Kindern wie auch bei Erwachsenen. Der Vorstoß bekommt leider aber auch immer mehr den Beigeschmack, dass die Entscheidung für ein oder mehrere Kinder gleichbedeutend ist mit Verlust, grenzenloser Einschränkung, Enttäuschung und Frust.

Über das Mamasein reden geht auch anders!

Nicht zuletzt aufgrund des kürzlich erschienenen Artikels „Was Frauen wissen sollten, bevor sie Kinder bekommen“ von Verena Schulemann möchte ich hier einen Gegenversuch starten.

Mir drängen sich immer wieder dieselben Fragen auf, wenn ich etwa lese, dass die im Text erwähnte Freundin Katrin tobte, da ihr niemand vor der Schwangerschaft alle eventuellen Minuspunkte eines Lebens mit Kind(ern) erläutert hat und nach dem „glücklichen Mama-Rausch“ das böse Erwachen kam.

Woher kommt diese extreme Bestürzung? Warum empfindet Katrin das Leben mit Kind als so belastend und einschränkend, dass selbst die im Artikel genannten (immerhin…) „zehn Prozent pures Glück“ nichts daran zu ändern vermögen? Es kann doch nicht sein, dass ein Kind, welches sich sein Geborenwerden nicht ausgesucht hat, der Grund für das Unglück seiner Mutter ist. Ich will hier keinesfalls anklagend klingen. Es tut mir in der Seele leid, dass Katrin – stellvertretend für womöglich viele andere Mütter und Väter – so traurig und wütend ist.

Die Gründe dafür lassen sich aufgrund der individuellen Situation sicher nicht alle erörtern. Ein paar, die alle Eltern betreffen, aber vielleicht schon. Wieso scheint es also notwendig, dass man als werdende Mutter oder Vater rechtzeitig aufgeklärt wird, welche Erwartungen man besser gleich wieder in Abrahams Wurstkessel stopft, um sich nach der „Verwandlung“ nicht zu wundern, warum kein Glitzer und Zuckerstaub aus der Zauberkugel rieselt?

1. Nicht loslassen können

Es ist immer schwer, Altes, Geliebtes loszulassen, sei es auch noch so klein. Mit Kindern ändert sich jedoch alles. Alles deshalb, da jeder einzelne Aspekt des vorherigen Lebens plötzlich neu gewertet, strukturiert und besehen wird. Vieles, was bis dahin wichtig und richtig erschien, wird irrelevant oder will schlicht nicht mehr in das neue Leben passen. Das betrifft gute Veränderungen, aber auch solche, die zu Anfang weniger leicht zu verdauen sind. Wir lassen nicht gern los. Mein Opa sagte immer: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, gefüllt mit roter Tinte“. Ja, so ist das wohl. Gewohnheiten abzuschütteln oder für Neues zu „opfern ist hart, auch wenn der „Ersatz“ noch so schön sein mag.

2. Das ewige Ziehen 


Was ist richtig? Bauchgefühl oder auch die eigenen Bedürfnisse scheinen in puncto Kindererziehung nicht mehr der rechte Maßstab zu sein. Begibt man sich guten Gewissens in das eine Lager, schreit das andere entsetzt auf. Geht Frau oder Mann kurz nach der Geburt des Kindes oder nach dem ersten Lebensjahr wieder arbeiten, kommt schnell der Begriff Rabeneltern auf. Bleibt man dagegen die ersten drei Jahre zu Hause, verweigert man seinem Kind die Möglichkeit, seine sozialen Fähigkeiten oder sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Stillt man sein Kind – vielleicht sogar mehr als ein oder zwei Jahre – gilt man als egoistisch und zieht unweigerlich ein Rockzipfelkind groß. Entscheidet man sich, kürzer oder gar nicht zu stillen, kann das Kind in keinem Fall gedeihen. Das ewige Ziehen, das uns daran hindert, individuell auf Bedürfnisse des Kindes und der Eltern einzugehen und Bauch und Herz entscheiden zu lassen, baut Druck auf. Druck wiederum erschöpft und verursacht Unzufriedenheit. 


3. Ungerechtigkeit


Wie Juramama so treffend formuliert hat, stehen werdende Eltern vor dem „finanziellen Problem der unwirtschaftlichen Berufstätigkeit und der Kinderaufzucht“. Es ist frustrierend, am eigenen Leib zu realisieren, dass diejenigen, die den Generationenvertrag nähren, selbst nicht ausreichend Nahrung erhalten und entlastet werden, um ohne Akrobatik oder Einbußen zu leben. Die Realität zeigt einen steten Balanceakt, wo die Theorie keine Ausweichschritte zulässt. Es ist in der Tat ein Zustand, der vor allem auch individuell Frust aufbaut, da es zu viele Tage gibt, an denen die Kraft eigentlich nicht ausreicht, um gegen Windmühlen zu kämpfen. 

Diese Liste könnte natürlich weiter fortgesetzt werden, genau wie das Aufzählen der Schattenseiten des Mutterdaseins in oben genanntem Artikel. Doch statt nur aufzuzählen, was alles wegfallen, schwierig oder anders wird, sollte da nicht auch gesagt werden, was im Gegenzug alles hinzukommt, sogar leichter wird oder welche Erkenntnisse das Leben mit Kind(ern) als neue feste Pfeiler etabliert?

Ja, auch ich habe in den letzten drei Jahren schweren Herzens Dinge losgelassen, die mir als Person, als Frau wichtig waren, mittlerweile jedoch auch glücklich festgestellt, welchen Raum das aufgeschlossen hat. Und dass das Loslassen mich in eine Denkrichtung gestoßen hat, die ganz andere Wege zulässt, als ich sie noch vor drei Jahren gegangen wäre. Das ewige Ziehen ist auch an mir und meinem Mann nicht spurlos vorbeigegangen. Auch der andauernde Elternspagat zwischen Arbeit und Kind, finanzieller Sicherheit und Unsicherheit fühlt sich oft genug unmenschlich an.

Und ja, natürlich würde ich mir wünschen, dass sich nach drei Jahren Müdigkeit das Schlafpensum doch einmal erhöhen ließe und unsere Nächte nicht mehr drei bis vier Mal unterbrochen würden.

Aber: Der persönliche Gewinn überwiegt doch bei weitem die alltäglichen Opfer!

Was man also wirklich wissen sollte, bevor man Kinder bekommt?

1. Dass sich natürlich ALLES verändert. Wer annimmt, dass sich das Kind problemlos und rücksichtsvoll in den bisherigen Alltag integriert, bekommt natürlich den Zauberstab recht schnell abgenommen.

2. Dass kein Zuckerstaub sachte in Pastelltönen auf ein Supermama- oder Superpapakostüm herabrieselt, sondern das Alltagskleid mit Milch bekleckert ist und man sich oft vor Kichern ob des neu gewonnenen und angewandten Galgenhumors kaum noch halten kann. Vielleicht auch aus purer Müdigkeit, aber sei es drum!

3. Dass es wichtig ist, Veränderungen zuzulassen, um glücklich zu werden. Veränderungen sind der Schlüssel zur Verbesserung.

4.  Dass ALLE an den Herausforderungen wachsen.


5. Dass es immer eine Lösung gibt, auch wenn diese nicht gleich parat ist.

6. Dass Kinder genauso oft Zweifel, Ängste und Frust wie ihre Eltern verspüren und es schön ist, den Weg hinaus gemeinsam zu gehen.

Dass … Kinder der eigenen Seele gut tun!

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