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Die große Chance von #metoo – was passiert, wenn wir einander wirklich verstehen wollen

Die #metoo-Debatte stärkt das Selbstbewusstsein von Frauen. Viele Männer hingegen fühlen sich durch die Debatte bedroht. Deutlich wird das am Beispiel des Falls Aziz Ansari. Eine echte Auseinandersetzung mit dem Fall Ansari ist jedoch keine Bedrohung für Männer, sondern ein Schritt dahin, die Kommunikation zwischen Männern und Frauen wirklich zu verbessern.

 

Von Grenzen und Grenzüberschreitungen

Wer hätte #metoo für so langlebig gehalten? Dank der Debatte wächst das Selbstwertgefühl von Frauen. Das Selbstbewusstsein der Männer schrumpft jedoch erheblich. Mann ist – vor allem durch die Bitte nach Selbstreflexion des eigenen Sexualverhaltens – verunsichert. O-Ton vieler Männer ist, dass unsere Gesellschaft in Gefahr ist, wenn Mann in der Öffentlichkeit ‚nur’ für schlechten Sex bloßgestellt wird. Diese Hypothese ist falsch und das Problem vieler Männer. Tatsächlich geht es hier um Grenzen, die Frauen nicht wagen zu ziehen und Männer, die Grenzen überschreiten. Die Debatte über diese Grenzen öffentlich zu führen bietet die Chance, Unklarheiten zu beseitigen und Grenzen der Kommunikation sowie des Handelns gemeinsam neu zu definieren. Die kommunikative Wertschätzung als Methode, um erfolgreicher zu kommunizieren, ist für die Debatte relevant. Denn die Komplexität des Themas erfordert von Männern und Frauen Mut und Vulnerabilität.

Zuvor müssen drei Fragen geklärt werden: Worum ging es nochmal im Fall Aziz Ansari? Warum artikulieren viele Frauen ihre Grenzen schlecht und schweigen stattdessen? Welcher Fragen helfen uns bei der Selbstreflexion? 

Nur schlechter Sex?

Im Januar veröffentlicht babe.net den Artikel einer Fotografin über ihr Date mit dem amerikanischen Comedian Aziz Ansari. In dem Artikel beschreibt sie den Verlauf des Dates, das für sie traumatisch endet. Während des Dates ignoriert Ansari wiederholt ihr Unwohlsein und Desinteresse an sexuellen Aktivitäten. Obwohl er sich verständnisvoll zeigt, setzt er sich kurz danach über ihr Unwohlsein hinweg und versucht weiter, sie zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Sie erstarrt irgendwann und lässt Ansaris Handlungen über sich ergehen. Der Abend endet für Ansari mit sexueller Befriedung, für sein Date mit dem Gefühl sexueller Belästigung und belastenden Erfahrungen. Die Veröffentlichung des Falles hat eine kontroverse Debatte ausgelöst, denn Ansaris Verhalten wird ganz unterschiedlich gedeutet und es wird darüber gestritten, ob es in diesem Fall etwas wie eine Schuld gibt. Die Frage, warum die Frau das Date nicht beendet oder Ansari eindeutig mitgeteilt hat, dass sie seine sexuellen Avancen ablehnt, steht unbeantwortet im Raum. Insbesondere viele Männer äußerten in der Debatte, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimme, wenn Männer in der Öffentlichkeit für nichts weiter als schlechten Sex an den Pranger gestellt werden könnten. Dabei gibt es zum Schweigen dieser Frau viel zu sagen, denn Nein zu sagen und Grenzen setzen ist für viele Frauen weiterhin ungewohnt.

Das Schweigen

Um die Situation besser zu verstehen, hilft es, auf die Sexualstrafrechtsreformen der letzten Jahre zu schauen. Während sich Deutschland im Sexualstrafrecht ein mühsames „Nein heißt Nein“ herausgezwungen hat, gilt in Schweden mittlerweile „nur Ja heißt Ja“. Wenn eine Person also nicht durch ein gesprochenes „Ja” bestätigt, dass sie Sex möchte, oder auf andere Weise klar deutlich gemacht hat, dass sie einverstanden ist, greift das neue Gesetz. Schweden hat sich mit dem „Schweigen der Frauen“ auseinandergesetzt. Das ist wichtig, denn das Schweigen haftet über Generationen am Frau-sein. Die Feministin Rebecca Solnit, die durch ihren Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ den Begriff Mansplaining in der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, erklärt in ihrem Text „A Short History of Silence“ (enthalten im Buch „Die Mutter aller Fragen“), warum Stille und Schweigen universell für den Zustand der Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft stehen. Über Jahrhunderte hinweg hatten Frauen kein Recht, öffentlich – und nur begrenzt privat – zu sprechen. Auch das Privileg der Glaubwürdigkeit war ihnen abgesprochen. Glaubwürdigkeit war ein Privileg, das ausschließlich Männern gebührte. Die Ablehnung weiblicher Glaubwürdigkeit war damit begründet, dass Frauen unfähig seien zu denken. Wenn sie es wagten selbst zu denken und zu sprechen, wurde Frauen dieses Recht oftmals mit der Begründung unterbunden, dass sie hysterisch und irrational seien. Somit wurde über Jahrhunderte begründet, warum Frauen in allen Institutionen der Macht, von der Kirche, über Universitäten, bis zur politischen Partizipation, die Teilhabe verwehrt wurde.

Der signifikante Mangel an Glaubwürdigkeit, der Selbstzweifel und Unsicherheiten über das eigene Empfinden befeuert, haftet noch heute dem Frau-sein an. Die #metoo-Debatte, die versucht, Frauen aus der Unglaubwürdigkeit zu befreien, hat gezeigt, wie sehr Unglaubwürdigkeit weiterhin an Frauen haftet, wenn sie sexuelle Belästigungen oder Angriffe anprangern.

Leider reagierten viele Männer sehr selbstbezogen auf den Fall Aziz Ansari und fokussierten sich auf die Konsequenzen, die eine Öffentlichmachung männlichen Fehlverhaltens mit sich bringt (obgleich die Frage hier ist, wie sehr sich Aziz Ansari tatsächlich geschadet hat?) Für Frauen und #metoo ist diese Reaktion nutzlos. Die Annahme, dass Frauen Männer öffentlich diffamieren, um ihren Ruf zu schädigen, ist falsch und beinhaltet ein weiteres, uraltes Vorurteil: Wenn Frauen handeln, handeln sie nicht für sich selbst, sondern um die Position eines Mannes öffentlich zunichte zu machen. Das ist traurig, denn tatsächlich geht es darum, eine Debatte anzustoßen, um die herrschende Meinung vieler Männer – Frauen müssten zum Sex überredet werden – zurückzuweisen. Zudem muss die Debatte öffentlich geführt werden, damit Frauen gehört werden und dieses öffentliche Gehörtwerden kein Privileg bleibt, das nur Männern vorbehalten ist. Die #metoo-Debatte verteilt somit den Reichtum an Glaubwürdigkeit und des „Gehörtwerdens“ um und schafft Raum für die Frage: Welche Stimme hat in der Öffentlichkeit Wert?

Glaubwürdigkeit: Kennt der Mann den Zweifel nicht?

Von Männern erfordert die Debatte darum, Frauen Raum zu geben und zuzuhören. Das klingt simpel, ist aber ungewohnt. Denn die eigene Platzierung, die eigene Meinung, die eigenen Wünsche bewusst hinten anzustellen ist nichts, was man gerne tut. Wenn es funktioniert, ist es ein erster Schritt, damit auch die Probleme, die Männer beschäftigen, ihren rechtmäßigen Platz in der Debatte erhalten. Zum Beispiel bezüglich des Bildes, das Männer von sich als Sexualpartner haben. Sex und Einvernehmlichkeit in einem Gespräch zu erörtern, wäre für Männer und Frauen ein großer Schritt, benötigt aber von beiden Mut und Feingefühl, die eigenen Schwierigkeiten zu benennen. Denn die Frage nach Konsens beinhaltet auch das Thema „male sexual entitlement“, also die Debatte darum, inwiefern die sexuellen Bedürfnisse von Männern noch immer über denen von Frauen liegen. Das ist auch verbunden mit der Annahme, dass Männer sich Sex nehmen, während Frauen die sind, die ihnen Sex geben. Auch haben Männer und Frauen beim Thema Sex spezifische Ängste. Frauen haben Angst vor Ausnutzung, Männer haben Angst vor Erniedrigung. Beides braucht einen angemessenen Platz in der Debatte. Doch den Platz für Männer müssen sich Männer selbst schaffen, anstatt ausschließlich die Gefahren von #metoo für Männer anzuprangern. 

Ein paar Einstiegsfragen an das Selbst sind zum Beispiele diese: Warum habe ich Angst davor, einem Mann nein zu sagen, wenn ich weiß, dass ich nicht mit Sicherheit ja sagen kann? Frage ich meinen Partner, wie es ihm/ihr geht, wenn ich Zweifel bemerke und wenn nicht, warum? Warum hält sich das Vorurteil, Frauen müssten zum Sex überredet werden und wie stehe ich dazu?

Reflexion vor Reaktion

Die #metoo-Debatte ermöglicht uns, unsere Kommunikation weiterzuentwickeln. Dafür müssen die Geschlechter aufeinander zugehen, ohne verletzt und entwürdigt zu werden. Geht das? Ja, in einer Gesellschaft, in der Mindfulness und Meditation im Büro wie zu Hause auf dem Teppich praktiziert werden, ist dies möglicher denn je, wenn wir denken, bevor wir sprechen und damit Reflexion vor Reaktion stellen. Um Unsicherheiten ablegen zu können, gilt es, die Unsicherheiten als Ist-Zustand erst einmal anzunehmen. Das befreit und schafft Verständnis für die eigene Situation und die des/der anderen. Konkret heißt das: Ich nehme an, dass es für mich ungewohnt ist, nein zu sagen. Somit können wir Wertschätzung füreinander auch bei einem schwierigen Thema als Priorität festlegen und Unsicherheiten und Ängste gemeinsam abbauen. Für das Gelingen einer wertschätzenden Kommunikation möchte ich drei Empfehlungen mitgeben. Denn, wenn Kommunikation auf Wertschätzung basiert, bedeutet das meist, dass der Kommunikationsfluss langsamer wird. Zuhören, Aufnehmen und Verstehen bedarf meist mehr Zeit, als wir der Situation zugestehen.

Wertschätzung als Basis der Kommunikation

1) Pausen machen

Darum ist die erste Empfehlung eine Ermutigung für Pausen, denn Pausen ermöglichen Zeit zur Reflexion. Allerdings tragen Pausen das Vorurteil mit sich, sie würden ein Gespräch erschweren. Aber warum? Nur wenn wir uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um unser Gegenüber zu verstehen, können wir über das Gesagte reflektieren. Das ermöglicht uns, bei Unklarheiten nachzufragen. Oft reagieren wir auf das Gesagte unseres Gegenübers, ohne sicher zu sein, wie eine Aussage gemeint war. Unsere Reaktion ist so auf Vermutungen aufgebaut, die wir dem Gegenüber zurückgeben. Wenn wir aber über das Gesagte reflektieren, können wir leichter Unklarheiten bemerken und diese benennen. Es hilft zudem, das Gesagte in eigenen Worten wiederzugeben und unser Gegenüber zu fragen, ob wir mit unserer Annahme richtig liegen, bevor wir auf die Aussage eingehen. Auch das schafft Zeit, um eine Antwort zu bilden.

2) Nachfragen und verstehen wollen

Darum gilt zweitens: Nachfragen und sich rückversichern. Das mag einigen umständlich vorkommen. Es wird jedoch viele Gespräche verkürzen und verbessern, weil schneller klar ist, worum es dem Gegenüber geht. Klarheit über die Aussagen des anderen ist hilfreich, damit wir selbst deutlich sagen können, ob wir mit den Aussagen übereinstimmen oder nicht.

3) Die eigene Haltung klarmachen und nicht allgemeingültig formulieren

Das führt zum dritten Punkt. Wie formuliere ich eigene Aussagen? Die meisten Menschen verfolgen zwei Kommunikationsarten, um ihren Standpunkt zu vertreten. Die eine Gruppe (oftmals Männer) stellen den Standpunkt als allgemeingültige Wahrheit dar, à la „Der Film war schlecht. Der Politiker ist schwach.“ Die andere Gruppe (oftmals Frauen) bezieht sich in solchen Aussagen mehr auf sich, zum Beispiel „Mir hat der Film nicht gefallen. Ich finde den Politiker nicht überzeugend.“ Wenn wir unsere persönlichen Einschätzungen als allgemeingültige Aussagen darlegen, wirken sie auf uns und andere unangreifbar. Das macht es für den Gesprächspartner aber gleichzeitig schwer zu widersprechen. Darum macht es Sinn, vor allem in Gesprächen, die schwierig sind, die Allgemeingültigkeit der eigenen Aussagen zu überdenken und sich klarer auf die eigene Wahrnehmung zu beziehen.

Lasst uns neue Regeln machen

Veränderungen sind schwierig, weil sie ungewohnt sind. Wir fühlen uns dabei verletzlich und können schwer einschätzen, welche Gefahren die Veränderung mit sich bringt. Allerdings lohnt es sich, aufrichtig zu bleiben und etwas zu wagen. Wir definieren hiermit, in welcher Welt wir leben wollen. Ist das nicht eine Chance und auch ein Zeichen des Vertrauens, das wir einander aussenden? #metoo zeigt auch, dass es nun an uns ist, die unbeendete Arbeit der sexuellen Revolution zu Ende zu bringen. Da viele alte Regeln heute nicht mehr tragbar sind, lasst uns gemeinsam darüber sprechen, welche neuen Regeln und Wünsche wir für einen Umgang miteinander haben wollen.

Titelbild: Depositphotos

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