Foto: Bastien Jaillot (Unsplash)

Wie eine Amputation, die man nicht sieht

Ich habe mich im April mit dem Thema Sterneneltern beschäftigt und bin überwältigt von der Resonanz, die ich bekommen habe. Viele Sterneneltern haben mir ihre Geschichten erzählt und ich war teilweise sehr schockiert. Mir war nicht bewusst, mit welchen Vorurteilen und Tabus Sterneneltern immer noch zu kämpfen haben.

 

Eltern ohne Kind sind keine Eltern

Sterneneltern fühlen sich wie Eltern, werden aber nicht wie Eltern wahrgenommen.
Kein Kind an der Hand zu haben, bedeutet, dass man auch nicht Mutter oder Vater ist. Doch Sterneneltern haben das Bedürfnis über ihre Kinder zu sprechen, ihre Geburtstage -die sich oft mit ihrem Todestag decken- zu feiern und sich an die meist kurze Zeit mit ihrem Kind zu erinnern. 

Die Diskussion, ab wann man Mutter oder Vater ist, ist eine schwierige. Alle Sterneneltern sind sich einig: Mit der Verbindung, die entsteht wenn ein Kind im Mutterleib heranwächst, wird man zu Eltern. Und man verliert den „Elternstatus“ nicht mit dem Tod des Kindes.

Wir hatten T-Shirts gekauft auf denen Mama und Papa steht. Seit der stillen Geburt liegen sie in der Kiste mit allen anderen Schwangerschaftssachen. Wir trauen uns nicht die Shirts anzuziehen ohne Kind an der Hand.

Tote Kinder werden totgeschwiegen

Das Schweigen über das was passiert ist, oft in den eigenen Familien und Freundeskreisen macht es für Sterneneltern besonders schwer. Sie wollen offen über ihren Verlust trauern können, ihr Baby beim Namen nennen dürfen, offen darüber reden wollen, was passiert ist.
Viele Sterneneltern haben traumatische Erlebnisse in Kliniken und mit Ärzten hinter sich. 

Die Hebamme hielt mein totes Kind so weit von sich entfernt, als fände sie es ekelig.

In manchen Kliniken hat bereits ein Umdenken stattgefunden: So bekommen Sterneneltern ruhige Einzelzimmer um Abschied nehmen zu können, erhalten Hinweise auf psychologische Unterstützung, können eine Nacht mit ihrem Kind verbringen um Abschied zu nehmen im Kreis der Familie.
Aber viele Kliniken sind immer noch nicht entsprechend vorbereitet. Ärzte, die selbst in Tränen ausbrechen und panisch werden. Personal, das unempathisch reagiert, Entscheidungen für die Sterneneltern trifft oder viel zu schnell die Kinder „entsorgen“ möchte.

Ein totes Kind ist wie eine Amputation, die man nicht sieht

Die Unsichtbarkeit eines toten Kindes macht es für Sterneneltern besonders schwer als Eltern anerkannt zu werden. Wenn dann noch der Verlust des Kindes totgeschwiegen wird, fühlen sich Sterneneltern ungesehen und ungehört.

Mutterschutz und Trauer

Viele Sterneneltern beklagen die Bemessungsgrenze für Schutzfristen. Je nach dem wie schwer das Baby ist, errechnet sich daraus die Länge des möglichen Mutterschutzes. Die Grenze liegt bei 500g.
Verliert eine Mutter ihr Baby mit 500-2500g hat sie die Möglichkeit auf 12 Wochen Mutterschutz. Verliert eine Mutter ihr Baby mit über 2500g, erhält sie nur acht Wochen Schutzfrist.
Bei Fehlgeburten unter 500g besteht sogar keine Schutzfrist.

Ist diese Grenze jedoch haltbar? Die Bindung zu einem Kind bemisst sich nicht an dessen Größe oder Gewicht. Und wer gar ein Kind mit 2500g entbindet könnte argumentieren, dass die Bindung umso stärker ist, umso länger das Kind im Mutterleib gewachsen ist. 

Wer mit der Trauer nicht innerhalb dieses Rahmens klarkommt hat die Chance sich aufgrund einer „depressiven Phase“ krank schreiben zu lassen.
Gleiches gilt für Sternenväter. Auch, wenn sie nicht körperlich beeinträchtigt sind, so verlieren auch sie ihr Kind. Hier gibt es gar keine Schutzfristen.

Es braucht noch viel mehr

Wir brauchen weiterhin viel mehr Umdenken: Die Anerkennung von Sterneneltern als Eltern. Das Überdenken der Schutzfristen nach Fehl-, Tot- oder stillen Geburten. Geschultes Fachpersonal in allen Kliniken, das Sterneneltern empathisch begleiten kann, ggf. auch Hebammen, die Zusatzausbildungen in der Betreuung von Sterneneltern haben. 

Eine Sternenmutter aus dem Stuttgarter Raum berichtete, dass sie sich letztendlich selbst organisiert hat mit anderen Sternenmüttern. Sie hat eine WhatsApp Gruppe und regelmässige Treffen ins Leben gerufen.
Auf Instagram verlinkt @wir_sternenmamas Sternenmütter nach Bundesland. 

Alexandra Kossowski ist Trauerbegleiterin aus Berlin und online. Im Rahmen des Thememonats „Sterneneltern“ gründete sie den Podcast „Todcast – wir reden über den Tod, Tabus, das Sterben und das Leben“ und interviewte viele Sterneneltern über ihre Kinder.

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