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Wie mich die Suche nach meiner Berufung in den Wahnsinn trieb

Wer seine Berufung nicht findet, der hat in diesem Land nichts verloren. So fühlte ich mich. Nische, Einzigartigkeit und Fokus entwickelten sich 2015 zu meinen Hasswörtern und alles was ich wollte, war glücklich sein. Glücklich mit meinem Beruf, glücklich in meinem Leben und glücklich mit mir selbst.

 

Ich hatte keine andere Wahl, als es einfach auszuprobieren

Ich tat es, weil ich musste. Ende 2012 sagte mein Herz mir zum ersten Mal, dass der ganz normale Karriereweg keine Option für mich ist. Mit zu wenigen Entfaltungsmöglichkeiten, eingesperrt in einer Bürogemeinschaft, hatte diese Option nicht zu meinen persönlichen Zielen gehört. Ich wollte mehr und gleichzeitig ganz entspannt den Tag verbringen. Kein Stress. Keine blöden Arbeiten. Einfach nur ich und meine Ideen. Alles, was ich wusste, war, dass es nur diesen einen Moment geben wird, es einfach auszuprobieren. 

Damals hatte ich nichts zu verlieren. Ich hatte zwar gut, aber unglücklich mein BWL-Studium beendet und einen Traumjob als Marketingmanagerin bei einem Fernsehkoch ergattert und diesen gerade begonnen, als ich mich für einen anderen Weg entschloss. Aber ich wusste: Wenn nicht jetzt, wann dann? Also kündigte ich und stürzte mich im Dezember 2012 ohne Plan, ohne Kapital und ohne Erfahrung in eine Idee, die ich schon gedanklich nach kürzester Zeit wieder über Bord warf. Dann machte ich zwei Jahre lang einfach das, von dem ich dachte, es würde mich weiterbringen.

Seit mehr als drei Jahren bin ich nun selbständig. In diesen Jahren habe ich zwei Unternehmen gegründet, zahlreiche Projekte bearbeitet und immer mehr getan, als ich eigentlich wollte. Am Ende war ich irgendwo, nur nicht da, wo ich eigentlich sein wollte. Mein Weg in die Selbständigkeit fing zwar draufgängerisch an, endete dann aber in einem persönlichen Dilemma. 

Ich dachte nur an Selbstverwirklichung

Wie funktioniert die Selbstverwirklichung, wenn man weder sich selbst kennt noch ein Ziel vor Augen hat? Ich tat Dinge, die mir in den Sinn kamen. Grenzenlos war ich trotzdem in meinen eigenen Grenzen gefangen. Ein Dilemma, das ich täglich zu durchbrechen versuchte – vergebens. Doch das Jahr 2015 sollte einiges ändern. Neue Möglichkeiten, neue Wege, neue Menschen. Als ich kurz entschlossen mit einer Geschäftspartnerin eine Businessplattform für Unternehmerinnen gründete, hatte ich das erste Mal das Gefühl, etwas Gutes zu leisten. Ich war stolz auf mich. Bis dieses eine Wort meinen beruflichen Alltag gänzlich im Griff hatte: Selbstverwirklichung. Wonach ich suchte, hatte ich scheinbar noch nicht gefunden.

Und meine Berufung?

Jeder Coach und alle, die meinen, etwas Atemberaubendes zu leisten, sprachen von ihrer Berufung:  „Folge deiner Berufung.“ Das klang wie das Allheilmittel für alle, die erfolglos nach den Sternen griffen. Wurde mir schon bei meiner Geburt etwas Bestimmtes zugerufen, das ich irgendwann in meinem Leben beruflich ausführen sollte? Ich wusste es nicht und obwohl ich finanziell nie richtig erfolgreich war, begann erst dann ein Spießrutenlauf. 

Die Suche nach meiner Berufung und der Drang nach Selbstverwirklichung hatten mich hin- und hergeschubst. So konnte ich weder mit dem einen noch mit dem anderen glückserfüllend meine Tage planen. Jeden Morgen betrachteten mich außerdem Nische, Einzigartigkeit und Fokus aus den vier Ecken meines MacBooks. 2015 hatte sich mir bereits am ersten Tag wie ein Arschloch präsentiert. 

Am liebsten wollte ich im Minutentakt heulen. Ich tat es auch. Still und heimlich. Keiner sollte meine Schwäche auch nur auf 100 Meter Entfernung bemerken können. Stark wollte ich sein. Die Frau, die perfekt ist. Diejenige, die ganz tolle Projekte und Unternehmen am Laufen hatte. Was auch so war. Nur ich war fehl am Platz. Es fühlte sich nicht nach dem an, was ich noch vor meiner Selbstständigkeit 2012 vor Augen gehabt hatte. Ich hatte auf dem Weg, eingekesselt von unternehmerischen und gesellschaftlichen Disziplinen, meine Ideen vergessen. Ich konnte nicht mehr träumen. Ich war leer.

Am Ende wird immer alles gut

Alles Mögliche hatte ich ausprobiert. Nochmal 30 Bewerbungen verschickt und nicht mal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten. Wie auch, wenn ich mit gesenktem Blick und betrübter Miene meine vermeintlich tiefsten Wünsche ausspreche. Das kann ja kein Mensch glauben. Auf mein neues Unternehmen war ich stolz, aber es erforderte so viel Kraft, die ich nicht mehr hatte. Mit Selbstzweifeln hatte ich jeden Tag verbracht und diese blöde Berufung …

Doch am Ende wird alles gut. Das haben schon ganz andere Menschen erfahren. Im Sommer 2015 wurde ich krank, nur ein grippaler Infekt, aber ich lag flach. Ich hatte keine Kraft mehr und das war auch gut so. Danach dauerte es etwa zweieinhalb Monate und ich hatte alle noch offenen Projekte beendet. Verabschiedete mich aus meinem neu gegründeten Unternehmen und versuchte es noch einmal mit Altbewährtem. Bis ich merkte, was ich brauche. 

Ich hatte es immer in mir

Völlig pleite beendete ich das Jahr 2015. Bei mitleidigen Blicken sagte ich dennoch nur und das aus tiefster Überzeugung: „Es ist alles gut.“ Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich Wärme um mein Herz, wenn ich an ein Ziel dachte. Ich hatte es die ganze Zeit in mir, doch die Angst hielt mich zurück. Diese blöde Suche nach der Berufung hat mich so sehr in den Wahnsinn getrieben, um am Ende festzustellen, dass es schon immer nur dieses eine Ding war. Ich möchte schreiben. Und das mache ich nun. Jeden Tag, mehrere Stunden und auch auf meinem Blog. Ein Neuanfang. 

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