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Warum wir Menschen nicht in Schubladen stecken sollten

Wir neigen dazu, Menschen anhand ihrer Berufe in Schubladen zu stecken. Hinterfragen wir diesen Automatismus, können wir Menschen auf eine ganz neue Art und Weise begegnen.

Berufe definieren unsere Identität – ohne Rechtfertigung

Ich denke derzeit viel über Schubladen nach. Zunächst einmal über die gewöhnlichen Schubladen, die zum Aufmachen, Vollstopfen, Zuschieben und Vergessen. Ich bin erst frisch nach Berlin gezogen, nach Prenzlauer Berg in eine Wohnung voller überfüllter Schubladen – typisch Untermiete. In meiner ersten Woche besuchte ich eine Lesung von Ai Weiwei. Auch er denke viel über Schubladen nach, erklärte er auf der Bühne. Jedoch über die metaphorischen. Manche Menschen seien verwirrt, wenn er ihnen erzählt, er sei Künstler, aber auch politisch aktiv. Das passe ihrer Meinung nach einfach nicht zusammen, es seien zwei verschiedene Schubladen.

Auch auf dem Nachhauseweg stolpere ich über Schubladen – im übertragenen Sinne. Ich bin jetzt also eine Journalistin, die für ein feministisches Magazin schreibt, im Prenzlauer Berg wohnt und Lesungen von politisch aktiven Konzeptkünstler*innen besucht. Könnte man das kürzer fassen, gäbe es sicherlich eine passende Schublade, in die man mich stecken könnte. Während ich also durch das verregnete Berlin spaziere, höre ich einen Podcast mit Sara Nuru. Dort spricht sie darüber, dass sie sich, bevor sie Gründerin und Autorin wurde, bei neuen Begegnungen manchmal nur zögerlich als Model vorgestellt hat, da sie nicht auf diesen Beruf und die damit einhergehenden Vorurteile reduziert werden wollte. Unser Beruf scheint oft das Aushängeschild unserer Selbst zu sein. Das ist jedoch problematisch, denn in erster Linie ist der Beruf für viele Menschen nur ein Mittel, um ihr Leben bestreiten zu können. Gehen wir davon aus, dass unsere Profession unsere Persönlichkeit dominiert, sprechen wir uns und anderen jegliche Individualität ab und messen unseren Wert an den Leistungen, die wir in unserem Beruf erbringen. Zudem schränkt ein solcher Fokus auf das, was jemand beruflich macht, ein – beim Kennenlernen von Menschen etwa.

Schubladendenken ist privilegiert

Leider dient der Beruf oft als einer der ersten Bezugspunkte in einem Gespräch. Wir kategorisieren unser Gegenüber, kleben ihm*ihr ein Label auf die Stirn und ordnen ihn*sie fein säuberlich in unsere Weltbildschublade ein. Das merkt man bereits während den ersten Minuten auf einer Party. Mit „Und was machst du so?” oder „Womit verdienst du dein Geld?” beginnt so gut wie jeder Small-Talk. Wenn wir ehrlich sind: Assoziiert nicht jede*r von uns manche Berufe mit gewissen abwertenden Meinungen? Und wenn wir dann jemanden treffen, der*die genau diesen Beruf ausübt, fällt es uns dann nicht schwer, dieser Person unvoreingenommen zu begegnen? Diese vorschnelle Einordnung eines Menschen hat womöglich auch etwas damit zu tun, dass Zeit in unserer rasenden westlichen Gesellschaft immer kostbarer wird und wir dazu neigen, die Menschen in unserem Leben mit einer gewissen Berechnung zu betrachten. Wir fragen uns: Lohnt es sich, in diese Person Zeit zu investieren, wenn wir bereits auf den ersten Blick sehen, dass sie etwas vertritt, mit dem wir nicht konform sind oder das wir bereits als langweilig abgestempelt haben? Die Antwort heißt: Ja. Denn, so trivial das jetzt klingen mag, Menschen können uns überraschen, wer hätte das gedacht?

Meine Kollegin lieferte mir ein gutes Beispiel. Hätte sie ihren Partner beim ersten Kennenlernen nach seiner Berufswahl beurteilt, hätte sie wohl ein ganz anderes Bild von ihm gehabt. Vielleicht hätte sie dieses Bild sogar davon abgehalten, ihn besser kennenzulernen. Sie lernte ihn als leidenschaftlichen Musiker und Festivalgänger in einem Club kennen. Erst beim zweiten Date erzählte er, dass er hauptberuflich mit Immobilien arbeite. Trotz der Chance, von der Musik zu leben, arbeitet er in der Immobilienbranche, da ihm der Umgang mit Zahlen leicht fällt und er seine Leidenschaft für Musik nicht durch den Druck, damit Geld verdienen zu müssen, zerstören wollte.

Was hat es mit diesem Schubladendenken auf sich? Rein evolutionsbiologisch betrachtet kategorisiert unser Gehirn, um Erinnerungen leichter abzurufen. Wir tun es oftmals also gar nicht absichtlich, sondern unterbewusst. Das ist jedoch problematisch, denn stecken wir unser Gegenüber etwa aufgrund des Berufes in eine Schublade, ist das nicht nur faul, sondern auch privilegiert. Denn nicht jede Person hat die Möglichkeit, den Beruf auszuwählen, für den sie eine Leidenschaft hegt. Das kann verschiedene Gründe haben, wie zum Beispiel ein verwehrter Zugang zur notwendigen schulischen oder beruflichen Ausbildung, körperliche Einschränkungen, Hautfarbe oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsgruppe. Und selbst wenn jemand einen gesellschaftlich als „langweilig“ oder „einfach” konnotierten Beruf ausübt, muss das noch lange nicht bedeuten, dass diese Person kein*e interessante*r Gesprächspartner*in sein kann. Vielleicht ist dieser Person eine konventionelle Karriere einfach nicht so wichtig wie private Selbstverwirklichung und die Zeit und Energie für eigene Projekte. So wie bei dem Freund meiner Kollegin etwa.

Komfortzone Schublade verlassen

Begegnen wir unserem Gegenüber mit einem positiven und offenen Blick, kann er*sie uns dann vielleicht sogar verständlich vermitteln, warum dieser Beruf gar nicht so eintönig ist, wie wir uns das gedacht haben. Lassen wir uns auf unser Gegenüber ein und verlassen wir unsere Komfortzone. Natürlich sollten wir nicht immer erwarten, dass unser Gegenüber sich uns erklären möchte. Vielleicht sind wir nicht die ersten, für die er*sie das bereits getan hat. Sind beide zum Dialog bereit, können wir dann jedoch Menschen auf eine ganz neue Art und Weise kennenlernen: Menschen, die anders sind als wir. Dabei schulen wir unsere Offenheit und lassen jemanden in unser Leben, der*die uns neue Denkanstöße gibt und inspiriert. In unserer Schublade ist es zwar muckelig warm und gemütlich, es kann jedoch nicht schaden, sie ab und zu mal aufzuziehen, auszuleeren und neu zu sortieren.

  1. Schöner Artikel, allerdings verstehe ich es schon, woher das kommt mit dem „was machst du so?“, schließlich verbringt man mit der Arbeit einen großen Teil seiner Lebenszeit (Schlaf mal ausgenommen 😉 Aber ich selbst merke auch, wie sehr unsere Gesellschaft in Schubladen denkt und dass das vermutlich der Grund dafür ist, dass ich mich selbst oft schwer tue, direkt auf die Berufsfrage zu antworten (ich bin Lehrerin). Erstens, weil ich nicht finde, dass ich der Standardvorstellung von „Lehrerin“ entspreche und zweitens, weil ich in meinen 12 Jahren Berufsleben bereits 5 Jahre auch etwas komplett anderes gearbeitet habe und ich auch sicher in Zukunft noch an andere Stellen landen werde… Leider bin ich selbst oft genauso einfallslos und weiß außer, „was machst du in deiner Freizeit denn so?“ auch kaum andere Eisbrecher 🙁

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